Überhebliche Einmann-Expedition

Michael Zellers "Bosnisches Mosaik" überzeugt nicht

Von Georg SieberRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Sieber

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die vielleicht 100.000 Zeichen (mit Leerzeichen) sind rasch gelesen. Es kommen 3 Balladenteile vor und eine gebührende Menge von Kriegsruinen und Gräbern. Insofern ist das ein glatter Handel: Neun Euro für eine Reportage, die zehn Jahre nach Kriegsende die Wirkung von Granaten schildert und aus Balladen zitiert. Dazu artiger Dank dem "Kulturwerk deutscher Schriftsteller" für finanzielle Unterstützung einer Reise "nach Bosnien". Man hätte sich gewünscht, der Mann wäre dort auch angekommen. Leider hat er es nicht weit gebracht und versucht stattdessen, "gerecht zu bleiben und beide Seiten wahrzunehmen und zu verstehen" und zeitgleich so oft als möglich "Serbische Heldengesänge aus dem Mittelalter" zu lesen. Prompt ist er gleich am Anfang seiner Reportage verunglückt und zitiert sieben Zeilen aus einer angeblich "alten serbischen Ballade", die aber der sehr populären bosnischen "Hasanaginici" entnommen sind und aus Imot-ski stammen, das nun mal zu keiner Zeit serbisch war. Vielleicht wollte er auch nur einfach eine Stützposition für Peter Handke aufbauen.

Die Reportage wird im Präsenz-Format einer Feuilletonseite der "Welt" oder "F.A.Z." vorgetragen - klug, hurtig, geschichtssicher und stets anschaulich. Professionell leuchtet auch Wortwitz auf. Die 750 zerschossenen Moscheen in Bosnien-Herzegowina seien dank arabischer Gelder wieder " - ja, in Schuß." Ohne den Bindestrich hätte man die Pointe womöglich überlesen. Die Vorliebe einer Einheimischen für "Bayern Minchen" wird aus dem gleichen Grund gleich zweimal so buchstabiert. Lustig. Als ob Bosnier gerade "Bayern" schrifttreu aussprächen und nicht gerade Bayern ihre Landeshauptstadt als "Minga".

Nachdenklicher stimmt allerdings, wie der Reporter allzu demonstrativ vor dem Islam fremdelt. Nach immerhin zehn Auszeichnungen bis 1997 hätte ein wenig Souveränität gewiss nicht geschadet. Oder soll man glauben, dass ein so reiseerfahrener Mann nicht ahnte, dass er in Bosnien dem Islam begegnen würde. Und als geradezu biologische Mutation erscheint ihm der Hass zwischen Muslimen, Orthodoxen und Katholischen - ganz so, als habe er nie davon gehört, wer solche Stereotypien schürt, wer daran verdient hat und weiter verdient. Über die amerikanischen Verdienste am jüngsten Waffenstillstand zeigt er sich dann aber freudig informiert, spendet gar in Sachen Auswanderung klugen Rat. Obschon die Reportage viel Landestypisches präzise und anschaulich, anrührend und engagiert in Erinnerung ruft - es bleibt ein Nachgeschmack. Allzu beliebig ist das Hörensagen der Kontaktpersonen. Allzu exklusiv widmet sich der Report der Kerosin-Zone des Flughafens. Allzu naiv wirkt die Behauptung des Berichterstatters, er habe ausgerechnet an einem moslemischbosnischen Gasthaustisch oder sogar im Basar in seinem Reclambüchlein serbische Heldengesänge gelesen - nein, soweit ist man selbst in Sarajewo noch nicht.

Die Einmann-Expedition musste an der Hybris scheitern, schiedsrichterlich den Opfern eines Stellvertreterkrieges gerecht werden zu wollen, eines Krieges, aus dessen Trümmern sich allenfalls die Potenz moderner Waffentechnik ablesen ließe. Heldengesänge - von wem und für wessen Helden auch immer - sind offenbar irritierende Reisebegleiter. "Früher" seien alle Bürger von Sarajewo Serben gewesen, zumindest die Urgroßväter? Bei heute 384.000 Moslems, 220.000 Orthodoxen und 70.000 Katholiken? Da müsste ja Ungeheuerliches unter den meist orthodoxen Serben passiert sein. Darüber hätte man dann doch gern mehr gehört.


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Michael Zeller: Granaten und Balladen. Bosnisches Mosaik.
Neues Literaturkontor, Münster 2005.
74 Seiten, 9,00 EUR.
ISBN-10: 392059181X

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