Vom Hören, Sagen und Schreiben

Analytisches, Biografisches und Kritisches zu Leben und Werk Friederike Mayröckers

Von Peter ReichenbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Reichenbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Dossier 14" versucht einen möglichst reichen Zugang, indem es in fünf Teilen (Gespräch, Aufsätze/Essays/Analysen, Kritiken, Vita und Bibliographie) Analytisches, Biographisches und Kritisches zu Leben und Werk Mayröckers zusammenführt.

Die zwei Schwerpunkte des Bandes werden zum einen durch Rezensionen zu den wichtigsten Büchern, in chronologischer Abfolge von "Tod durch Musen", bis hin zur Neuerscheinung "brütt oder Die seufzenden Gärten", und zum anderen durch Analysen zum Gesamtwerk von Friederike Mayröcker gebildet:

Klaus Kastberger wählt eine werkgeschichtliche Herangehensweise und versucht den Weg von der rein experimentellen Literatur Mayröckers zu den "großen Formen, dabei aber auch zur Zersetzung narrativer Begründungs- und Legitimationsverfahren" nachzuvollziehen. Dies gelingt Kastberger durch das schrittweise Herausarbeiten der typischen Stilmittel, zum Beispiel der phonetischen Ähnlichkeit bei Reihungen und Wiederholungen.

Helga Kasper unternimmt eine ähnliche Aufschlüsselung des Werkes, indem sie in ihrem klar strukturierten Essay den wichtigsten stilistischen Elementen Mayröckers einen kurzen aber aufschlussreichen Abschnitt widmet. Besonders deutlich wird gezeigt, wie das "verwegene Action Writing" der Autorin die gewöhnlichen Erzählstrukturen verlässt und durch das Mayröcker eigene Schaffen einer Collage eine "polyphone Gleichzeitigkeit" erreicht.

Für den wichtigsten Teil des "Dossier 14" halte ich jedoch den Aufsatz von Monika Paula über die Hörspielarbeit Mayröckers. Denn obwohl die Österreicherin in den letzten drei Jahrzehnten über dreißig Hörspiele geschrieben hat, als eine der wichtigsten Vertreterin des Neuen Hörspiels gilt (auch wenn sie in dieser Gattung eine Sonderstellung einnimmt, da ihren Hörspielen der sozialkritische Aspekt fehlt), und in der fachlichen Diskussion eine große Rolle spielt (mit der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1968 an Ernst Jandl und Friederike Mayröcker für ihr Hörspiel "Fünf Mann Menschen" kündigte sich endgültig die Tendenzwende im Nachkreigs-Hörspiel an) und man des weiteren bedenkt, dass Hörspiele oft eine größere Hörerzahl erreichen als sich Käufer für ein Buch finden, werden die Hörspiele Mayröckers in Monographien zu und über ihre Arbeit immer nur am Rande erwähnt. So vermisst der Hörspielinteressierte in einer chronologisch aufgebauten Kritik zu den wichtigsten Prosa- und Lyrikwerken der Autorin wenigstens eine Kritik zu einem Hörspiel auch in diesem Dossier, etwa zu "Fünf Mann Menschen". Immerhin liefert Monika Paula eine exemplarische Analyse zu Mayröckers jüngstem Hörspiel "Dein Wort ist meines Fuszes Leuchte", in der sie Text- und Hörspielanalyse exemplarisch voneinander trennt und aufzeigt, dass die Form des Hörspiels sich in perfekter Weise eignet, die Texte Mayröckers zu transportieren: Der Eindruck des Stückhaften, Zerrissenen, der beim bloßen Lesen der collageartigen Texte entstehen kann, erfährt im Hörspiel eine Wendung zum aufgeschlüsselten Verständnis. Die verschiedenen Collagesequenzen können simultan dargestellt oder durch die Verwendung von verschiedenen Stimmen in innere und äußere Dialoge aufgeschlüsselt werden. Das Hörspiel fungiert also als Interpretationshilfe der Texte, ohne an sinnlicher Erfahrung einzubüßen.

Zu den wichtigsten Büchern Friederike Mayröckers sind die Kritiken in "Dossier 14" chronologisch aufgeführt. Oft findet sich zu den Büchern mehr als eine Rezension, wodurch zum einen gezeigt wird, wie sich die Kritiken im zeitlichen Verlauf zu dem Gesamtwerk geändert haben und zum anderen, wie unterschiedlich einzelne Bücher von verschiedenen Rezensenten bewertet wurden. Nicht, dass sich die Bewertungen widersprächen, es ist viel mehr so, dass es den Herausgebern bewusst war, dass es zu den komplexen Büchern von Friederike Mayröcker eine Bandbreite richtiger Interpretationen gibt. Eine nahezu vollständige Analyse wird somit im Gesamtkontext gewährleistet.

"Dossier 14" schließt mit einer von Marcel Beyer und Stefan Schwar zusammengestellten Bibliographie zu Mayröckers Werk, die stichhaltig und übersichtlich gegliedert ist, und mit einer Vita von Bernhard Fetz, die es versteht, die einzelnen Werke der Autorin mit ihren wichtigen Lebensstationen zu verbinden.

In "Dossier 14" gelingt der angestrebte Rundumschlag mit Detailtreue und Meinungsvielfalt, so dass dieses Buch in der überwältigenden Menge von Sekundärliteratur zweifellos einen zentralen Platz einnehmen wird und man auf die Fortsetzung der Reihe gespannt sein darf.

Kein Bild

Gerhard Melzer (Hg.): Dossier Bd.14.
Verlag?, Graz 1999.
400 Seiten, 29,70 EUR.
ISBN-10: 3854205279

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch