Viktor Jerofejews leere Provokationen

Neue Erzählungen (und ein älterer Roman)

Von Daniel HenselerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Henseler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kann sich bisweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass Schriftsteller wie Vladimir Sorokin, Viktor Pelewin oder Viktor Jerofejew (geboren 1947) annähernd auf ein Monopol der Aufmerksamkeit vertrauen können, was die Repräsentation der zeitgenössischen russischen Literatur im deutschsprachigen Raum anbelangt. Einige Kritiker argumentieren, ein russischer Autor wie Jerofejew schreibe mittlerweile gezielt für eine westliche Leserschaft. Dies führe sogar soweit, dass Jerofejew seine Texte vorsorglich auf die zu erwartende Übersetzung hin ausrichte, indem er die russische Syntax nach deutschen Mustern forme.

In Jerofejews neuestem Erzählband "de profundis" offenbart sich jedoch zunächst ein ganz anderes, grundsätzlicheres Problem, das unmittelbar mit dem postmodernen Gestus der Provokation in seinen Texten zusammenhängt. Mit aller Deutlichkeit zeigt sich hier nämlich, dass Provokation und Tabubruch ihren Sinn verlieren, wenn sie ihre gesellschaftliche oder literarische Funktion eingebüßt haben. In Jerofejews im Original verstreut erschienenen Erzählungen geht es fast immer um Moskau, das der Schriftsteller als eine "große dralle pralle schmuddelige Schlampe" beschreibt, wie der Klappentext berichtet. Damit ist der Tarif vorgegeben. Manche Provokation kommt einem dann aber eher geschmacklos vor - etwa die Typologie des Jungfernhäutchens in der Erzählung "Kugelblitz". Gegen wen oder was schreibt Jerofejew bloß an? Die Frage drängt sich nicht nur einmal auf.

Zu überzeugen vermag immerhin die Titelerzählung "de profundis". Hier streift der Ich-Erzähler an einem herbstlichen Tag durch entlegene Moskauer Quartiere und begegnet im Schaufenster eines Bestattungsunternehmens sowie in der Gestalt einer Frau mit einem Mädchen in den Armen gleich zweimal dem Tod. Wie der Erzähler langsam in dieses existenziell zugespitzte Rendezvous mit der eigenen Vergänglichkeit hineinschlittert, wird eindrücklich nachgezeichnet. Sein Aufschrei "aus der Tiefe", in dem die Erzählung gipfelt, entspringt gleichermaßen dem Schock, den dieses Erlebnis auslöst, wie auch den Niederungen des chaotischen Molochs Moskau.

Umso pikanter muss einen dann diese Information anmuten: In einem Interview gestand Jerofejew, er habe diese Erzählung "vom Anfang bis zum Ende geträumt" und sie danach nur noch niedergeschrieben. Künstlerisches Schaffen sei eine Art Traum. - Ausgerechnet bei der besten Erzählung des Bands kann Jerofejew also gewissermaßen gar nichts für ihre Qualität? Das ist umso interessanter, als eben gerade auch die anderen Erzählungen des Buchs stellenweise so etwas wie eine "écriture automatique" zu suggerieren scheinen. Falls damit beim Leser der Eindruck von Echtheit und Unverfälschtheit des Erzählens geschaffen werden sollte, so ist Jerofejew damit gescheitert: Es drängt sich im Gegenteil der Verdacht auf, dass durch das Vorschützen von traumhaft sicherem Schreiben die Erzählungen an und für sich legitimiert und letztlich auch in ästhetischer Hinsicht gerettet werden sollten.

In postmodernen Texten wie denjenigen Jerofejews dürfte es dabei kaum überraschen, wenn der Autor zuweilen nicht sonderlich bestrebt ist, sich hinter der Erzählerfigur ernsthaft zu verstecken. Im Gegenteil scheint Jerofejew es in seinen auf intime Bekenntnisse hin konstruierten Erzählungen darauf anzulegen, dass die Leserschaft unmittelbar auf den Autor schließen wird. Vielleicht ist ja auch dies als Provokation intendiert. Doch muss Jerofejew in diesem Fall auch akzeptieren, dass der Leser dies alles vielleicht dann gar nicht wirklich wissen mag.

Vor dem Hintergrund des Bands "de profundis" lässt sich auch Jerofejews früherer Großerfolg "Moskauer Schönheit" mit etwas anderen Augen lesen. Mit diesem Roman, der nun auf Deutsch neu aufgelegt wurde, hatte sich der Autor 1989 mitten in die erste Reihe der russischen Literaten katapultiert. Im damaligen Kontext der Perestrojka war das Buch eine Provokation im besten Sinne, schockierend und verstörend zwar, aber gleichzeitig auch erfrischend und ungewöhnlich.

Damit stand die "Moskauer Schönheit" stellvertretend für das Werk einer Generation von Autoren, welche im Begriff waren, die erstarrte, sowohl inhaltlich wie auch formal schematisierte Sowjetliteratur zu überwinden.

Seitdem haben allerdings die Bekenntnisse einer russischen Femme fatale und Prostituierten selbst ein wenig Staub angesetzt. Ja, mehr noch: Anstelle der damals in der Rezeption des Romans dominierenden (sexuellen und ähnlichen) Tabubrüche scheinen nun, bei einer erneuten Lektüre, andere Elemente in den Vordergrund zu rücken, mit denen man sich als Leser allerdings kaum anzufreunden vermag. Stereotypen wie etwa die viel beschworene russische Seele oder der Opfermythos, die bei näherem Hinschauen durch den Roman möglicherweise gar nicht so deutlich dekonstruiert werden, wie dies zunächst den Anschein machen mag, wären hier zu nennen. Klischees also, die mit 'postmoderner Literatur' gar nicht zu vereinbaren sind.


Titelbild

Viktor Jerofejew: de profundis. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Russischen von Beate Rausch.
Berlin Verlag, Berlin 2006.
144 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-10: 3827006376

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Viktor Jerofejew: Die Moskauer Schönheit. Roman.
Übersetzt aus dem Russischen von Beate Rausch.
Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2006.
352 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-10: 3833303921

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