Jagdbeute

Xiaoqiao Wu untersucht die Literarisierung von Mesalliancen in Werken von Theodor Fontane und Arthur Schnitzler

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Werke Theodor Fontanes und Arthur Schnitzlers vergleichend zu untersuchen, ist aus zahlreichen Gründen so naheliegend, dass es nicht weiter gerechtfertigt werden muss. Einer derjenigen, die sich diese Aufgabe mit Blick auf eine bestimmte Fragestellung zu eigen gemacht haben, ist Xiaoqiao Wu.

Ihn interessieren die Mesalliancen in den Werken der beiden Autoren. In seiner unter dem auch für eine wissenschaftliche Arbeit doch etwas arg trockenen Titel "Mesalliancen bei Theodor Fontane und Arthur Schnitzler" erschienene Studie konzentriert er sich ganz auf Fontanes "Irrungen, Wirrungen" und "Stine" sowie auf Schnitzlers "Liebelei" und "Der Weg ins Freie". Im Fokus stehen die Fragen, wie Fontane als "Repräsentant des deutschen 'poetischen Realismus'" und Schnitzler als "Vertreter des 'Jungen Wien'" mit dem "in der europäischen Literaturtradition beliebten Sujet" umgegangen sind und worin die jeweilige "Modernität" beim Umgang mit diesem "traditionsreichen Sujet" liegt.

Im Falle von "Stine" geht der Autor zudem den "kontinuierlich[en] Anspielungen auf die Ehe zur linken Hand" sowie den "implizite[n] Metapher[n] der Frauen aus der Unterschicht als Jagdbeute der Männer aus der Oberschicht" nach. In dem Text verhandele Fontane "die wegen der Geschlechter- und Ständedifferenz ausgetragenen Konflikte" geradezu wie "militärische Eroberungsaktion[en]".

Wie der Autor betont, weist das Vorkommen des Mesalliancesujets in Fontanes Romanen ein sehr breites Spektrum auf und reicht von der "biologischen Regeneration des Adels" bis hin zur "Verlagerung des Konflikts ins Bürgertum" und von der "Konfessionalisierung und Ethnisierung" der Mesalliance bis zum "Alters- und Generationenunterschied", so dass seine Werke insgesamt mit einem "hoch aufgeladenen sozialkritischen Potenzial" ausgestattet sind. Im nicht ganz geheimen Mittelpunkt stehen in Fontanes Romanen jedoch ebenso wie in den (untersuchten) Werken Schnitzlers "benachteiligte und vernachlässigte Frauen" und damit verbunden eine "scharfe Kritik an der scheinbar überlegenen Männlichkeit". Für die Prosa beider Autoren sei zudem bezeichnend, dass sie die "'Halbheit' der männlichen Partner" zugunsten der "erhabeneren Weiblichkeit" ins Zentrum der Kritik rückten.

"[I]m Zeichen der Frauenemanzipation und des humanistischen Plädoyers für die Unterschicht" ziehe das Mesalliancesujet Wu zufolge verschiedene gesellschaftskritische Potenziale geradezu "wie ein Magnet" an. So sei Fontanes "Parteinahme" insbesondere für die Frauen der Unterschicht eng mit seiner vorurteilslosen und humanistischen Haltung zum Vierten Stand verbunden. In Schnitzlers "Liebelei" erweise sich nicht nur die Bildung des "sozial höher stehenden Mesalliancepartners" als "fragwürdig", er zeige sich seiner Mesalliancepartnerin überhaupt "[i]n vielen Hinsichten" unterlegen. In dem "Doppel-Mesalliance-Roman" "Der Weg ins Freie" wiederum gehe es um "zwei diskriminierte Mesalliancepartner, nämlich um Frauen und um Juden".

Wu hat eine erhellende Arbeit vorgelegt. Zu monieren bleibt nicht viel; vielleicht dass sein Lob der vier untersuchten Texte als "weltliterarische Meisterwerke" bei aller berechtigten Verehrung für die Autoren ein klein wenig zu überschwänglich erscheint.


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Xiaoqiao Wu: Mesalliancen bei Theodor Fontane und Arthur Schnitzler. Eine Untersuchung zu Fontanes "Irrungen, Wirrungen" und "Stine" sowie Schnitzlers "Liebelei" und "Der Weg ins Freie".
WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2006.
313 Seiten, 29,50 EUR.
ISBN-10: 3884767550

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