Beschränkungen

In seinem neuen Roman "Armor" verstolpert sich Marcus Braun in selbstgestellten Stilfallen

Von Bernhard WalcherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Bernhard Walcher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn sich, wie Goethe meinte, in der Beschränkung der Meister zeige, dann müssten wir es bei dem vierten Roman des 1971 in Bullay an der Mosel geborenen und heute in Berlin lebenden Autors Marcus Braun mit einem Meisterwerk zu tun haben. Denn der Text ist vor allem durch seine Auslassungen, elliptische Erzählweise und die auf ein 'kommunikatives' Minimum reduzierte, stakkatohafte Sprache gekennzeichnet, die der Autor als unverkennbare Stilmittel seit seinem Romandebüt "Dehli" aus dem Jahr vor der letzten Jahrtausendwende pflegt, womit er aber in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seiner Generation nicht alleine dasteht.

Auch die Handlung ist denkbar einfach: Kate und Fabien - "sie waren seit einem halben Jahr zusammen, liebten sich, hielten es aber für keine gute Idee, sich Geständnisse zu machen, später vielleicht, später, wenn die Liebe nachlassen würde" - sind an der Nordwestküste Frankreichs unterwegs zum Meer und lernen bei einer Autopanne das schon vom Alter her ungleiche Paar Isabelle und Jacques kennen. Wer sich an dieser Stelle auf eine komplizierte oder, wie der Klappentext suggeriert, "lakonisch-spöttische und raffiniert konstruierte" Vierecksgeschichte mit tiefgründigen Einblicken in die Abgründe unausgesprochener Sehnsüchte und Wünsche von scheinbar glücklichen Paaren einstellt, hat sich nicht nur vom aufreizenden Umschlagbild mit einer vor die ankommende Gischt an einen Strand drapierten nackten Frau aufs Glatteis führen lassen, sondern hat wohl auch irrtümlich einen Buchstaben des Titels unterschlagen, der den Roman mitnichten mit dem Namen des römischen Liebesgottes (Amor) überschreibt, sondern mit "ar mor" auf die keltische Bezeichnung für das Land am Meer, genauer gesagt: für die Bretagne, rekurriert.

Diese hätte denn auch den stimmungsvollen Hintergrund der Geschichte bilden können, wenn der Autor sich nicht allzu intensiv darum bemüht hätte, Stimmung um jeden Preis erzeugen zu wollen. Denn dass die Erzählweise gar nicht darauf angelegt ist, die Handlung mit ihren vielen Leerstellen zu kommentieren, sondern dem - viel zu angestrengten - Schaffen einer bestimmten Atmosphäre, die man vielleicht als Lebensgefühl dieser Generation verstehen könnte, verpflichtet ist, zeigt sich vor allem im Umgang des Autors mit seinen Charakteren, die er bewusst in ihrer Unschärfe lässt und die rätselhaft und verschwommen bleibenden Vorgeschichten nur andeutet.

Für die thrillerhaften Momente, in denen sich gegen Ende aufgestaute Gefühle ganz nebenbei mit Hilfe einer kleinen Spitzhacke, die in Jacques Brust landet, entladen, standen offensichtlich Filme wie etwa Claude Chabrols "Biester" oder "Süßes Gift" Pate, ein Eindruck, der durch die szenische Erzählweise noch verstärkt wird. Wenn es gerade auch Chabrol um die Irrationalität krimineller, ja nicht selten auch tödlicher Handlungen geht, für die er genauso wenig pseudopsychologische Erklärungsmuster den Zuschauern gleich mit liefert wie Braun seinen Lesern, so versteht es der Altmeister des französischen Films doch entschieden besser, Spannungsmomente durch atmosphärische Dichte - und nicht zuletzt geschliffene Dialoge - nicht nur aufzubauen, sondern auch über eine weite Strecke als große Bögen zu halten. Auch die Ästhetik der Auslassung muss man beherrschen, weil sie sich eben nicht in der bloßen Reduktion erzählerischer Mittel und der Sprache erschöpft. Brauns Roman taugt in dieser Hinsicht nicht einmal für eine Theorie der Langeweile oder Gleichgültigkeit seltsam apathischer - man könnte es auch positiv formulieren: in sich ruhender - Menschen. So meisterhaft, wie es Braun in seinem Erstling "Dehli" verstanden hat, für die Bilder einer fremden Welt und einer Geschichte um Sein und Schein seinen ganz eigenen und bisweilen sarkastisch-humorvollen Ton zu finden, von dem gerade durch die Einfachheit der Sätze eine bedrückende Wirkung ausging, so zielsicher gleitet der neue Roman immer wieder in Banalitäten ab. Sätzen wie "die Sonne ging unter, im Westen, wo sonst" oder "sie sagten noch manches über verschiedene Gegenstände, warum auch nicht" steht man als Leser völlig ratlos gegenüber. Und zwar nicht nur, weil sie, wie hier, aus dem Zusammenhang gerissen sind. Im Gegenteil. Auch im Gefühlsbereich sind manche Passagen schon fast grotesk, so dass man an der Ernsthaftigkeit des Erzählers - oder auch Autors - gerne zweifeln möchte. Doch kann man die Plattheit von Sätzen wie "er liebte sie mehr als sein Leben; wenn man so jung ist, hängt man am Leben, man weiß vielleicht gar nicht, daß man sterben muß" - oder: "daß dieser alte Mann mit ihr die Ehe vollzog, das gefiel Fabien überhaupt nicht" - nicht einmal mehr mit einer naiven Erzählperspektive oder, wie an anderen Stellen, mit Figurenrede erklären. Dafür müssten die Protagonisten des Romans ein Profil haben und dürften nicht völlig blutleere und konturlose Kopfgeburten sein, die mit der Wirklichkeit einer Generation vielleicht etwas zu tun haben mögen, deren Übersetzung in Literatur indessen völlig misslungen scheint.

Dass gerade der einst für eindrucksvolle literarische Neuentdeckungen so renommierte Suhrkamp Verlag Braun ausgerechnet mit diesem Roman ins Verlagsprogramm aufgenommen hat, ist um so erstaunlicher. Denn "Armor" gehört zu jenen Büchern, die, wenn man sie nicht gleich nach der Lektüre rezensiert, sofort in Vergessenheit geraten, ja, von denen nicht einmal der Ärger darüber zurückbleibt, einen überambitionierten und letztlich missglückten Roman gelesen zu haben.


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Marcus Braun: Armor. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007.
184 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783518419151

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