Letzte Ausfahrt Ruhrgebiet

Die Anthologie „Ruhrgebietsbuch“ versucht, einen kritischen Blick auf die Landschaft der Region zu werfen

Von Jörg AubergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörg Auberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In die Landschaft des Ruhrgebiets haben sich die Zeichen der Vergangenheit eingegraben. Nach der „Verwandlung der Welt in Industrie“ (wie Max Horkheimer und Theodor W. Adorno den Prozess in der „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben) bleiben heute vor allem die Ruinen im verwüsteten Territorium zurück. Auch wenn die Industrieanlagen des Kohlebergbaus längst stillgelegt sind, bleiben die Narben, welche die Produktionsform der Landschaft einschrieb, und das „Ruhrgebiet“ ist noch immer mit dem „Kohlenpott“ konnotiert.

Der Mythos lebt in einer zum Klischee erstarrten Sprache und in einer von den Medien zelebrierten überkommenen Kultur fort. „Jau wat is dat schön im Kohlenpott – und wat wird für die Malocher all getan“, sang Frank Baier (der in Don Paulins „Folk-Music-Lexikon“ aus dem Jahre 1980 als „Ruhrpott-Liedermacher“ klassifiziert wurde) in Adaption von Ralph McTells „Streets of London“ Ende der 1970er-Jahre und beschwor gegen die mediale Heimatseligkeit den alten Kämpfergeist („denn der Blaumann ist kein Smoking – hier ist kein Fernsehparadies“). Doch inzwischen ist die Militanz des Ruhrpottbarden (der sich auf seiner Homepage selbst als „Mr. Ruhrgebiet“ bezeichnet) auf YouTube musealisiert worden, während die Agenten des Widerstands in die Altersteilzeit verabschiedet wurden.

Nach dem Hype der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 („Hier wird neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur.“) legt der Verbrecher Verlag in seiner Reihe „Stadtbücher“ (in der zuvor Texte über Berlin, Hamburg, München, Bremen und Marburg veröffentlicht wurden) sein „Ruhrgebietsbuch“ vor, das sich bewusst von den Ruhrgebietsanthologien des letzten Jahres abzusetzen versucht, indem es einen kritischen Blick auf die Region wirft. In einem der interessantesten Beiträge des Buches gibt Oliver M. Piecha einen historischen Überblick zur Vision der „Rhein-Ruhrstadt“, die in den frühen 1930er-Jahren entwickelt wurde. Bereits damals wurde das Ruhrgebiet als „Superstadt“ projektiert, was sich heute im plakativen Begriff der „Metropole Ruhr“ fortsetzt. Obwohl das Ruhrgebiet historisch eine wirr zersiedelte Landschaft ist, in der eher ein „City Clustering“ denn die Herausbildung einer Urbanität stattfand, nehmen seine PR-Agenten nun großsprecherisch den Begriff der Metropole für die Region in Anspruch („Wir sind Metropole“), ohne ihn begründen zu können oder zu wollen. Realiter erinnert das Ruhrgebiet mit seiner Aneinanderreihung von Städteklumpen an eine von Italo Calvinos unsichtbaren Städten: „Die Stadt ist redundant: Sie wiederholt sich, damit etwas im Gedächtnis haften bleibt.“

Schwingen im Begriff der Urbanität stets Momente der Weltläufigkeit und Offenheit mit, impliziert der Terminus „Ruhrgebiet“ stets schon Grobschlächtigkeit und Parochialismus, eine betont und oft aufgesetzt wirkende, antiintellektuelle Ungeschliffenheit, die sich in der „Brutalität des Rustikalen“ (Adorno) artikuliert. In der allenthalben zur Schau gestellten Kumpelhaftigkeit, die sich vor allem aus dem Eingeschlossensein im manichäischen System des Industrialismus nährte, kommt auch immer eine Xenophobie zum Vorschein, die sich die „Alteingesessenen“ (auch wenn es selbst „Zugewanderte“ sind) gegen die „Migranten“ zunutze machen, um ihre Territorien und Privilegien zu verteidigen und den Konformismus als Verkehrsform zu etablieren. Diese Geschichte beschreibt Sarah Schmidt prägnant in ihrem Text „Zwanzig Jahre sind nicht genug“, der auf die Erfahrung ihrer Eltern rekurriert, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Arbeitsmigranten aus Frankreich ins Ruhrgebiet kamen und dort „misstrauisch beäugt und von den Alten beschimpft“ wurden, ehe sie schließlich nach Berlin weiterzogen.

Ohnehin hat die Anthologie ihre Stärken in jenen Beiträgen, welche die Geschichte der Konfrontation der „Fremdlinge“ mit den „Heimatlingen“ im Ruhrgebiet thematisiert. Vor allem in den Texten älterer Autoren wie Rudolf Lorenzen oder Egon Neuhaus kommt der andere Blick des Parias und Außenseiters zum Ausdruck und entwickelt ein kritisches Verhältnis gegenüber der Landschaft, die nicht allein vom Mythos „Rote Erde“ geprägt ist. Auch die kurze Erzählung „Harpener Feld“ von Jörg Schröder und Barbara Kalender wirft einen „fremden“ Blick auf die von der Herrschaft der Industrie gemodelte Landschaft, in der sich „Industriekapitäne“ ihre Prunkvillen auf das Werkgelände stellen ließen, „um ihren kleinen Sklavenstaat ständig überwachen zu können“.

Dagegen bleiben die Texte, welche die Gegenwart des Ruhrgebiets beschreiben, zumeist in der Beliebigkeit und Mediokrität stecken und variieren lediglich das Klischee der Region, ohne neue Erkenntnisse zutage fördern zu können. Einzig Marc Degens’ Erzählung „Nicht jeder Film“ (ein Auszug aus seinem jüngst erschienenen Roman „Das kaputte Knie Gottes“) vermag mit seiner Geschichte aus dem Ruhrpottmilieu provinzieller Studenten und Künstler die bizarre Alltagswelt zwischen betonierter Pop-Art und künstlerisch verbrämter Pornothek zu reflektieren und Einblicke in die vergeblichen kleinen Fluchten in der verkarsteten Landschaft zu geben. Dem Anspruch, aus der Vergangenheit heraus die Zukunft sichtbar zu machen (den die Herausgeber Markus Weckesser und Jörg Sundermeier in ihrem Vorwort formulieren), wird das Buch letztlich nicht gerecht, da es Entwicklungen der letzten Jahre (wie die – häufig gescheiterten – Versuche, die Region zu einer neuen Hochburg der Informationstechnologie mit dem entsprechenden Personal zu machen) nicht aufgreift und zum größten Teil dem Mythos Ruhrgebiet verhaftet bleibt, den es kritisch zu hinterfragen vorgibt.

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Jörg Sundermeier / Markus Weckesser (Hg.): Ruhrgebietsbuch.
Verbrecher Verlag, Berlin 2011.
223 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783940426505

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