Tore der Wahrnehmung

Über eine erstmals veröffentlichte Auswahl des Briefwechsels zwischen Albert Hofmann und Ernst Jünger

Von Volker StrebelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Volker Strebel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schweizer Pharmakologe Albert Hofmann (1906-2008) hatte als junger Chemiker 1943 das LSD entdeckt und sich zunächst unfreiwillig von der ungeheuren Kraft dieser Substanz überzeugt. Bereits ein Staubkörnchen von 50 Mikrogramm ermöglicht es, eindrucksvolle Wirkungen im menschlichen Bewusstsein zu erzeugen. Es schien sich mit dem LSD ein vielversprechendes Therapeutikum anzukündigen, doch in den 1960er-Jahren degenerierte es zu einer Modedroge. Hofmann begleitete diesen Weg, den das LSD in der Gesellschaft genommen hatte, von der anfänglichen Euphorie bis hin zu Verbot und Niedergang, mit kritischer Anteilnahme. In seinen Erinnerungen „LSD – Mein Sorgenkind“(1979) hat er darüber berichtet.

Der begeisterte Wissenschaftler Albert Hofmann war zugleich ein Freund der schönen Künste und vor allem der Natur. Zwischen analytischem Denken und einem „religiös-mystischen Weltbild“ erblickte er keinen Gegensatz, sondern vielmehr „zwei komplementäre Aspekte der einen transzendentalen Wirklichkeit“, wie er am 11. Juni 1984 an Ernst Jünger schrieb. Und dankbar merkte er an: „Zu dieser Weltsicht verhalf mir ganz wesentlich Dein Opus, in dem durch die Schilderung der Oberfläche und Tiefe der Erscheinungen, die Wirklichkeit stereoskopisch in größerer Wahrheit sichtbar wird“.

Hofmann hatte den Weg zu Jünger über dessen Bücher gefunden. Jüngers Methode, den Dingen aus dem Abstand ihre tiefere Bedeutung abzugewinnen, war wie geschaffen für Hofmanns eigenes Denken. Sie waren sich bald in übereinstimmenden Einschätzungen einig und unternahmen im Laufe der Jahrzehnte sogar gemeinsame Reisen.

Als sie ihren Briefwechsel 1947 aufgenommen hatten, waren die schwierigen Nachkriegsjahre noch bestimmend und so sandte Hofmann der Familie Jünger auch Lebensmittel zu. Sehr bald aber rückte die gemeinsam empfundene Leidenschaft einer Wahrnehmung über die unmittelbaren Dinge hinaus in den Mittelpunkt und bildete den Kern ihrer Korrespondenz, die bis zu Jüngers Tod im Jahr 1998 anhalten sollte.

Drei Mal, in den Jahren 1951, 1962 und 1970 hatten sie sich nach intensiver Vorbeschäftigung einem LSD-Selbstversuch unterzogen. Jünger berichtete darüber in seinem spektakulären Buch „Annäherungen. Drogen und Rausch“(1970). In subtiler Prosa beschreibt Jünger hier die einsetzende Bilder- und Gefühlswelten, die sich zu den aufsteigenden Fäden einer Räucherkerze und den Klängen Mozarts aus dem Plattenspieler einstellten.

Noch als 100-Jähriger war Hofmann nicht müde geworden, als Kennzeichen der menschlichen Existenz, das Öffnen der „Tore der Wahrnehmung“ zu formulieren. Und an genau dieser Stelle setzten seine kultur- und zivilisationskritischen Einschätzungen ein, die er Ernst Jünger in einem Brief vom 23. März 1953 anvertraute: „Der Mensch wird mit allen Mitteln der Technik zerstreut und sich selbst und seinen Vorlieben entzogen. Eine solche systematische Zerstreuung war in der Weltgeschichte noch nie da, und mir scheint, daß von dieser Seite ein Angriff auf den göttlichen Kern im Menschen erfolgt, der tödlich wirken kann“.

Bei aller Gewandtheit Jüngers, sich hinter einer inszenierten Selbstdarstellung zu schützen, scheint in der Freundschaft zu Albert Hofmann eine dankbar angenommene Wesensverwandtschaft zu liegen. Diese Aufrichtigkeit im unmittelbaren Schauen und Staunen bestimmt Ton und Inhalt dieser Korrespondenz und vermag auch heute noch den unvoreingenommenen Leser in ihren Bann zu ziehen. Im Abenteuer der wachen Wahrnehmung liegt eine suggestive Kraft verborgen, die sich über materialistische und rationalistische Weltbilder hinwegsetzt. Kein geringer Austrag für eine Zeit, die alles einer ökonomischen Verwertbarkeit zu unterwerfen scheint.

Ein hinführendes Gespräch zwischen Helmut Lethen und Cord Riechelmann über „Ernst Jüngers Drogenexperimente und sein Buch ‚Annäherungen. Drogen und Rausch‘„ endet mit der Feststellung, dass es immer um „Weitungen“ geht: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Die vorliegenden Briefe belegen die lebenslange Faszination, mit der sich die Korrespondenten der Herausforderung des Lebens insgesamt und den Erscheinungen ihrer Zeit im engeren Sinne gestellt haben.

Von der umfangreichen Korrespondenz zwischen Albert Hofmann und Ernst Jünger sind 398 Briefe und 153 Postkarten, von denen einige auf farbigen Bildtafeln abgedruckt wurden, erhalten. Ausdrücklich hervorzuheben ist der sorgfältige und ungewöhnlich kundige Anmerkungsapparat. Die Auswahl dieses erstmals veröffentlichten Briefwechsels ist im Zuge einer Ausstellung im Museum des Deutschen Literaturarchivs in Marbach entstanden.

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Ernst Jünger / Cord Riechelmann / Helmut Lethen: LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997.
Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2013.
200 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783937384993

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