Vielfalt der Stimmen und Gedächtnisse

Ein Sammelband präsentiert Positionen jüdischen Erinnerns im 20. Jahrhundert

Von Claudia NickelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Claudia Nickel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Niemand / zeugt für den / Zeugen“, so lauten die letzten Verse von Paul Celans Gedicht „Aschenglorie“, die den vorliegenden Band inspiriert haben, wie die Herausgeberinnen Dorothee Gelhard und Irmela von der Lühe in der Einleitung schreiben. Poetisch verdichtet finden sich bei Celan wesentliche Momente von Zeugenschaft: Auf der einen Seite ist es die Unmöglichkeit die Erfahrungen der Ermordeten zu bezeugen, auf der anderen Seite ist der Wille zum Überleben, um Zeugnis ablegen zu können, und dafür bedarf es jemanden, der das Zeugnis annimmt. Der Bedeutung und Funktion von Zeugen und Zeugnissen widmen sich die elf Beiträge aus verschiedenen Disziplinen, welche auf zwei Vorlesungsreihen zurückgehen, die an der Universität Regensburg und an der FU Berlin stattfanden. Diskutiert werden Fragen der Bewahrung der Erinnerung an die Shoah sowie die Möglichkeiten und Funktionen von Literatur, Kunst, Architektur und Film, welche die Medien angesichts des Sterbens der Überlebenden in diesem Zusammenhang haben und übernehmen können. Gefragt wird daher abgewandelt: „Wer zeugt für den Zeugen?“

Die Überlebenden der Shoah und ihre Nachkommen beschäftigt diese Frage seit geraumer Zeit ebenso sehr wie die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen, Gedenkstätten oder Künstler und Künstlerinnen. Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs der Erinnerung an die nachfolgenden Generationen. Die Augenzeugen und Augenzeuginnen berichten als Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik über „leibhafte Erfahrungen“ und haben somit eine herausgehobene Stellung, wie Jeffrey A. Barash in seinen methodologischen Überlegungen zur kollektiven Erinnerung aus philosophischer Sicht detailliert erläutert. Das Ablegen eines Zeugnisses meint das Erzählen über die subjektiven traumatischen Erfahrungen. Dabei handelt es sich aber um einen gemeinschaftlichen Akt von Zeuge und Rezipient, wie Dori Laub und Shoshana Felman bereits zu Beginn der 1990er-Jahre aufgezeigt haben: Der Zeuge braucht einen Zuhörer, einen Adressaten, der ihn im Moment des Erzählens und damit bei der Aktivierung der traumatischen Ereignisse begleitet und verantwortungsvoll damit umgeht. Der Adressat wird somit zum Zeugen der Zeugenschaft, was in den letzten Jahren als sekundäre oder intellektuelle Zeugenschaft beschrieben wurde, um die persönliche Distanz zu den Erfahrungen zu unterstreichen.

Im Erzählen werden die Erfahrungen in Sprache überführt, sie werden geformt, damit diese mitteilbar werden. Immer wieder wurde dabei auf die Unzulänglichkeit und auf die Grenzen der Sprache verwiesen, um von den Erfahrungen der Shoah zu berichten. Vor diesem Hintergrund zeigt sich der von Barash vorgeschlagene Symbolbegriff als sehr dienlich, denn „Symbole gliedern unsere Erfahrung“ und machen diese kommunizierbar, „auch noch lange nachdem die Personen oder Gruppen, die die ursprüngliche Erfahrung gehabt haben, verschwunden sind“. Dieses Weiterbestehen und Weiterwirken ist entscheidend für die kollektive Erinnerung einer Gemeinschaft, die sich aber in Abhängigkeit von den jeweils aktuellen gesellschaftlichen Umständen verändern kann.

Die Schwierigkeiten und die Verantwortung, mit denen sich der Adressat eines Zeugnisses konfrontiert sieht, inszenieren zwei sehr unterschiedlich gestaltete literarische Texte, wie Stephan Braese in seinen Interpretationen herausarbeitet. In dem im Jahr 2001 publizierten Roman „Klaras NEIN“ der französischen Autorin Soazig Aaron erfahren wir aus der Perspektive der Schwägerin von Klaras Rückkehr aus Auschwitz. Thematisiert werden das fragmentarische Erzählen über das Lager, die Bereitschaft des Zuhörens, das gemeinsame Schweigen in einem Prozess der „‚Übergabe’ des Zeugnisses“. Auch die Erzählung von Barbara Honigmann „Soharas Reise“ inszeniert eine Form der sekundären Zeugenschaft. In Straßburg treffen zwei Jüdinnen aufeinander: die aus Algerien stammende Sohara und die aus Mannheim kommende Frau Kahn sind Nachbarinnen. Zunächst kann Sohara aus einigen Indizien wie der Zeitschrift „Le Déporté“ oder der eintätowierten Nummer auf dem Unterarm auf die Verfolgung und Lagererfahrung ihrer Nachbarin schließen. Nachdem die beiden gemeinsam einen Film über die Zeit des Nationalsozialismus gesehen haben, erzählt Frau Kahn ihre Geschichte. Dabei überhört die Sephardin auch nicht Frau Kahns Bemerkung, dass „es in Algerien noch nicht so schlimm war“. Diese lässt sie über ihre eigene Verlusterfahrung und Vertreibung im Anschluss an den Algerienkrieg, als die Juden das Land verlassen mussten, reflektieren. Die beiden Frauen nähern sich aufgrund der Parallelen in ihren Lebensgeschichten – der Erfahrung von Verlust und Exil – einander an. In seiner Untersuchung gelingt es Braese aufzuzeigen, dass es dabei zu einer Annäherung verschiedener Gedächtnisse in Europa kommt und ein Raum geöffnet wird, um über die Gemeinsamkeiten der jüdischen Gemeinschaft und Geschichte nachzudenken.

Auf zentrale Momente der jüdischen Geschichte konzentriert sich Rainer Kampling in seinem Beitrag zu „institutionalisierten Formen der Erinnerung“. Diskutiert wird die Frage nach der Einordnung der Erinnerungskultur an die Shoah in die jüdische Tradition der Memoria, da unterschiedliche Elemente der Erinnerung zum Beispiel an die Tempelzerstörung in das Gedächtnis der Shoah Eingang fanden. Die Singularität der Shoah wird dabei nicht bestritten, aber für möglich hält der Autor die „Deutung der Shoah als ein in die Geschichte der Katastrophen eingeschriebenes Geschehen“. Die Überlegungen zur Betrachtung der Shoah in der Gesamtheit der jüdischen Geschichte und Erinnerung, die sich in verschiedenen Beiträgen finden, ist eine hervorzuhebende Leistung des Bandes.

Darüber hinaus vermag der Band die Vielfalt der Erinnerungen und Diskurse herauszustellen, indem auch in den Diskussionen zur Zeugenschaft wenig berücksichtige Aspekte in den Blick genommen werden. So untersucht Kerstin Schoor in ihrem Beitrag die deutsch-jüdische Literatur nach 1933 in Deutschland, die bisher innerhalb der deutschen Literaturgeschichte kaum Aufmerksamkeit findet. Eine beachtliche Zahl an literarischen Texten und Zeitungsberichten zeugt von dem Bemühen, auch nach 1933 eine jüdische Kultur aufrechtzuerhalten. Für die Zeit bis 1943 sind allein mehr als 1200 Buchtitel bekannt. Aufgrund der historischen Ereignisse entsteht eine Gemeinschaft, die einer „Sinngebung der jüdischen Existenz“ bedarf. Wie Schoor durch subtile Beispielanalysen zeigt, kann die Literatur dabei nur verdeckt auf den zunehmenden Ausschluss aus dem öffentlichen Leben reagieren und rückt eher innere Gefühlswelten und die Suche nach einer Identität innerhalb der wachsenden Begrenzungen in den Mittelpunkt. Aus einer Innenperspektive beschreiben Autoren wie Herbert Friedenthal oder Gertrud Kolmar den Verlust der Heimat, wobei die gewohnten Orte und Räume Umdeutungen und Neukonstruktionen erfahren. Berlin als einstiges Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Kultur wird in mehrfacher Hinsicht zum Un-Ort: es ist sowohl der „Ort realer Bedrohung“ als auch das „Symbol einer verlorenen Utopie“.

Den Band beschließt der Beitrag von Stefanie Schüler-Springorum, in dem die Autorin den angeblichen Gegensatz einer typisch deutschen Geschichtsschreibung zur Shoah, der vorgeworfen wird, vor allem die Täterdokumente zu nutzen und die Opferperspektive zu vernachlässigen, und einer typisch israelischen Geschichtsschreibung, die sich zu sehr auf die Stimmen der Opfer stütze, differenziert analysiert. Sie kann aufzeigen, dass die jeweiligen Ansätze sich nicht leicht zuordnen lassen, sondern vielmehr vom jeweiligen gesellschaftlichen Kontext und der Generation der Historiker geprägt sind. Nicht erst in aktuellen Arbeiten, sondern bereits nach dem Krieg existierte die Auffassung, dass nur durch eine Zusammenschau von Täterdokumenten und Zeugnissen der Opfer die historischen Ereignisse erfasst werden könnten. Nach der Beweissicherung zur juristischen Verfolgung der Täter sowie den großen Gerichtsverfahren rückten das persönliche Zeugnis und die individuelle Lebensgeschichte zunehmend in den Mittelpunkt, was sich im Sammeln mehrerer Tausend Videointerviews mit Überlebenden der Shoah seit dem Ende der 1970er-Jahre zeigt. Die Fülle des Materials führt sicherlich zu methodologischen Problemen, ermöglicht aber auch nach dem Sterben der letzten Zeugen einen persönlichen, lebensgeschichtlichen Zugang zur Shoah; sie zeigt die Vielfalt der Erfahrungen und Erinnerungen auf und lässt uns Nachfahren als Betrachter der Videos zu Zeugen der Zeugen werden.

Die Beiträge des Bandes betonen in ihrer Gesamtheit die Mehrdimensionalität und Komplexität der Erinnerungen an die Shoah. Die Auseinandersetzung und der Umgang mit den Ereignissen und den Erinnerungen verändern sich im Zuge gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, wie die äußert verschiedenen untersuchten Beispiele zeigen. Die Weitergabe des Wissens der Zeugen und Zeuginnen der Shoah bleibt aber zweifelsohne eine aktuelle Herausforderung für Geschichtsschreibung, Literatur, Künste und Medien.

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Irmela von der Lühe / Dorothee Gelhard (Hg.): Wer zeugt für den Zeugen? Positionen jüdischen Erinnerns im 20. Jahrhundert.
Peter Lang Verlag, Frankfurt a. M. 2012.
192 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-13: 9783631621073

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