Nebenwerke, Nebenwege

Thomas Manns dramatische und lyrische Werke in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wollte man eine Rangliste der verfehltesten Selbsteinschätzungen der Literaturgeschichte erstellen, Thomas Mann hätte gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Als „lyrisch-dramatischer Dichter“ schätzte sich der Autor ein. Man muss allerdings fairerweise hinzufügen, dass der Brief, in dem er dies äußert, von 1889 stammt, der Autor also gerade erst vierzehn Jahre alt war. Für den frühen Thomas Mann vor seinem zweiten Roman, dem Leichtgewicht Königliche Hoheit (1908), ist die Einschätzung aber nicht ganz falsch. Immerhin bestanden die ersten Schreibversuche des Schülers aus leider nicht mehr erhaltenen Dramen, und bis zur Jahrhundertwende ließ Mann immerhin eine Handvoll Gedichte drucken. Sogar als Autor von Filmszenarien betätigte er sich, was einer breiteren Öffentlichkeit kaum bekannt ist – schon, weil leider keines davon realisiert wurde.

Trotzdem machen Manns lyrische und dramatische Arbeiten nur den kleinsten Teil seines Œuvres aus. Diese Nebenarbeiten, so muss man sie wenigstens im Rückblick nennen, erscheinen jetzt gesammelt in einem neuen Band der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe, die seit 2002 Thomas Manns Gesamtwerk neu ediert und dabei hohen philologischen Ansprüchen genügen will. Mit Ausnahme der Briefe und Tagebücher erscheinen alle Bände getrennt in Text- und Kommentarteil. In diesem Fall ist der Textbestand so gering, dass der Kommentarband auf mehr als die dreifache Länge kommt. Der Löwenanteil entfällt in beiden Bänden auf das Theaterstück Fiorenza. 1905 zum ersten Mal erschienen, bringt Mann hier den historischen Konflikt zwischen dem florentinischen Herrscher Lorenzo di Medici und dem ebenso fanatischen wie asketischen Mönch Girolamo Savonarola auf die Bühne. Indirekt setzt sich das Stück aber auch mit seiner eigenen Zeit auseinander, nämlich mit der „dekadenten“ Kunst des Jugendstils und dem Kunsthandwerk der Zeit, das für gelungene Möbelstücke denselben Status beansprucht wie für ein gelungenes Gemälde oder Gedicht. Denn so finster und unsympathisch Savonarola als Figur daherkommt, Thomas Manns Parteinahme ist keineswegs eindeutig. Fiorenza ist Ausdruck wie Kritik der Renaissancemode im fin de siècle zugleich, und der asketische Dominikanermönch nicht nur auf den ersten Blick ein Verwandter des radikalen Jesuiten Leo Naptha im Zauberberg.

Ohne Gattungsbezeichnung in drei Akte eingeteilt, fand Fiorenza wenig Gnade bei der Kritik und Publikum, ebenso wie später in der Forschung. Dialoglastigkeit hat man dem Text vorgeworfen, der Mangel an Handlung führt zu einem großen Maß an Sperrigkeit. Erst auf den letzten Seiten stehen sich Savonarola und der sterbende Lorenzo gegenüber; diese Szene gehört allerdings zu den besten in Thomas Manns Werk, wenn der Medici-Herrscher die Parallelen zwischen den beiden Figuren aufdeckt, gegen die sich Savonarola wehrt, die er letztlich aber doch anerkennen muss. Trotz aller Unebenheiten war Fiorenza eben nicht der Schnellschuss eines Romanciers, der sich eigentlich nicht für das Theater interessierte. Immerhin sieben Jahre, von 1898 bis 1905, arbeitete Mann an dem Stück, mit dem er aber auch nach dieser langen Zeit nicht glücklich wurde. Allerdings versuchte er sich erst ein halbes Jahrhundert später wieder an einem Drama. Luthers Hochzeit hieß das Projekt, an dem er zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete, das er jedoch nicht mehr fertigstellen konnte. Wer Mann nur als Autor von Romanen und Novellen kennt, sollte Fiorenza jedenfalls eine Chance geben.

Der Kommentar zu diesem Band stammt von Elisabeth Galvan, einer führenden Thomas Mann-Expertin der italienischen Germanistik. Man merkt, dass ihre Stärken vor allem bei Fiorenza liegen, über das sie mehrfach publiziert hat. Sie macht hier nicht nur Manns eigene Notizen zugänglich, sie rekonstruiert auch minuziös die Quellen, auf die er sich gestützt hat und zeigt, dass er mit der Wahl seines Stoffes um 1900 keineswegs allein steht, sondern dass Fiorenza Teil einer umfassenderen Auseinandersetzung mit der Dekadenzthematik im Renaissancegewand ist. Für diesen Teil des Kommentarbandes verdient Galvan uneingeschränktes Lob.

Bei den Gedichten und Filmszenarien hätte man sich dagegen ein wenig mehr Ausführlichkeit gewünscht. Auch wenn sie nicht die Komplexität des Dramas erreichen, wären eingehendere Interpretationen wünschenswert gewesen. Vor allem der Aspekt des Ortes dieser Gedichte in der Lyrik der Jahrhundertwende bleibt merkwürdig unbeleuchtet. Als einzigen Filmentwurf im Textteil druckt Galvan das Szenario zum Stummfilm Tristan und Isolde ab, das Mann Ende 1923 schreibt; er gibt an, sich dabei am mittelhochdeutschen Epos Gottfrieds von Straßburg zu orientieren, naheliegende Bezüge zu Wagner aber vermeiden – eine Behauptung, die Galvan eloquent infrage stellt. Fragwürdig ist dagegen ihre Entscheidung, ein anderes Szenario in den Kommentarband zu verschieben: 1942 skizziert Mann in einem Brief an den Regisseur und Autor Reinhold Schünzel, der ebenfalls nach Los Angeles emigriert war, die Handlung einer Neuerzählung der Heimkehr des Odysseus als griechischer Widerstandskämpfer. Dass er lediglich „Entwurfscharakter“ habe und noch nicht so ausgefeilt ist wie der Tristan-Entwurf, ist noch kein Gegenargument dazu, ihn auch im Textteil zu reproduzieren. Ähnliches gilt für den Plan zu einem dritten Filmprojekt namens The Woman with the Hundred Faces von 1944/45, von dem Mann sich nach Konflikten entnervt abwendet. Das Typoskript hierzu hätte man doch gern gelesen, auch wenn Galvan Manns Anteil als wahrscheinlich gering einschätzt. Überhaupt hätte man gern mehr zu Thomas Mann als einen am Film interessierten und im Filmgeschäft zumindest dilettierenden Autor gelesen. So kann der Kommentarband in seinen beiden kürzeren Teilen leider nicht ganz das halten, was das vorbildliche Begleitmaterial zu Fiorenza verspricht.

Titelbild

Thomas Mann: Fiorenza, Gedichte, Filmszenarien. Text.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013.
160 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783100483164

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Titelbild

Thomas Mann: Fiorenza, Gedichte, Filmszenarien. Kommentar.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013.
506 Seiten, 42,00 EUR.
ISBN-13: 9783100483171

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