Universalgelehrter und Kulturbeförderer

Christian Meierhofer gibt in „Georg Philipp Harsdörffer“ einen kompakten und dennoch profunden Überblick über Werk und Wirkung des Barockautors

Von Rafael Arto-HaumacherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rafael Arto-Haumacher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Redewendung vom „Nürnberger Trichter“ kennt man gemeinhin. Gemeint ist das mechanische Eintrichtern von möglichst viel Wissen. Denjenigen dagegen, auf den die Wendung zurückgeht, den Barockautor Georg Philipp Harsdörffer (1607–1658), kennen jedoch allenfalls noch Literaturhistoriker. Dabei ging es Harsdörffer in seinem dichtungstheoretischen Werk „Poetischer Trichter“ (3 Teile, 1647–53) keineswegs um das massenhafte, unreflektierte Rezipieren von Wissen, sondern um die in der antiken Rhetorik begründete Lehr- und Lernbarkeit von Regeln zur Produktion von Dichtung.

Die bedeutungsverzerrende Entwicklung der Redewendung hat sicher auch damit zu tun, dass Harsdörffer Polyhistor war, Universalgelehrter und Vielschreiber, und damit Repräsentant einer Zeit, in der die Sozialsysteme Literatur, Kunst und Wissenschaft noch nicht getrennt waren und in den Leitdisziplinen Rhetorik und Topik ihre Klammer fanden.

In seiner 30-jährigen Schaffensphase betätigte sich Harsdörffer nicht nur auf dem Feld der Poetologie. Er brachte ein umfangreiches dichterisches Werk hervor, das von Schäfergedichten bis hin zu Operntexten reichte. Daneben beschäftigte sich der als Jurist tätige Nürnberger ebenso mit Mathematik, Astronomie oder Heraldik und veröffentlichte zu all diesen Themenbereichen Textsammlungen. Als Mitbegründer oder exponiertes Mitglied barocker Sprachgesellschaften wie dem „Pegnesischen Blumenorden“ oder der „Fruchtbringenden Gesellschaft“ machte er sich um die Verbreitung einer deutschen Schriftsprache und um die Beförderung allgemeiner Bildungsbestrebungen im 17. Jahrhundert verdient, dessen Bildungssystem noch vorwiegend in höfischer und klerikaler Hand lag.

Diese Vielseitigkeit arbeitet Christian Meierhofer in seinem Buch zu Harsdörffer heraus, das in der Reihe „Meteore“ des Werhahn Verlags erschienen ist. Die Reihe verfolgt das Ziel, eine überblicksartige, aber wissenschaftlich fundierte Darstellung zu Leben und Werk verschiedener Autoren aus unterschiedlichen Epochen zu bieten.

Aufgrund der wenigen bekannten Lebensstationen weniger umfassende Biographie als vielmehr Werkschau, ordnet der Band in knapper, aber trotzdem präziser und informationsreicher Darstellung die vielschichtigen publizistischen Aktivitäten Harsdörffers in den jeweiligen Zeitkontext ein, macht Einflüsse vor allem der romanischen Kultur- und Wissensdebatten deutlich und zeichnet die Wirkung des Harsdörffer’schen Schaffens auf die Polyhistoren der Frühaufklärung, etwa auf Gottfried Wilhelm Leipniz, aber auch auf spätere Debatten der Aufklärung nach.

Erfreulicherweise dominieren keineswegs die Hauptschriften Harsdörffers wie die „Frauenzimmer Gesprächspiele“ (8 Bände, 1644–57) oder der „Poetische Trichter“ (3 Teile, 1647–53) die Darstellung. Vielmehr präsentiert Meierhofer eine ausgewogene, auf Vollständigkeit bedachte Übersicht über das Werk des Polyhistors. Dabei wird nicht nur dessen Verdienst deutlich gemacht, „einen bedeutenden Kultur- und Wissenstransfer vom romanischen in den deutschen Sprachraum“ geleistet zu haben, beispielsweise durch die Texte zur Sitten- und Verhaltenslehre, sondern Meierhofer zeigt außerdem auf, dass Harsdörffer Kultivierungsbemühungen im Allgemeinen verpflichtet war, indem er durch kanonische Texte und Themensetzung das gemeinschaftsstiftende Fundament einer gelehrten Gesellschaft zu schaffen suchte. Harsdörffers kultur- und sozialgeschichtlicher Rang liegt somit darin, bei der Entwicklung von einer höfisch-klerikalen Gesellschaft hin zu einer bürgerlich-aufgeklärten einen vermittelnden Weg durch die Propagierung einer gelehrten Gesellschaft mitgestaltet zu haben.

Das Buch versammelt alle wesentlichen Informationen zu Harsdörffer, ist nachvollziehbar strukturiert und bietet ein solides Fundament, um sich weitergehend mit Harsdörffer zu beschäftigen. Meierhofer entwirft ein klares Bild von der Bedeutung Harsdörffers, welche um einiges über das hinausgeht, was man dem Universalgelehrten gemeinhin in der Redewendung vom „Nürnberger Trichter“ reduzierend und verzerrend zuschreibt.

Titelbild

Christian Meierhofer: Georg Philipp Harsdörffer.
Wehrhahn Verlag, Hannover 2015.
134 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783865254184

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