Unterm Rad der Geschichte

Ein Lobgesang auf den Autor Walter M. Miller jr.

Von Frank MüllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Frank Müller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Walter M. Miller jr. wurde 1913 in New Smyrna Beach in Florida geboren und war im Zweiten Weltkrieg Flieger der U.S. Air Force. Er flog als Bomberpilot zahlreiche Einsätze im Mittelmeergebiet, u. a. gegen das von Deutschen lange gehaltene Kloster in Monte Cassino und schied 1996 freiwillig aus dem Leben. In seinen Prosaarbeiten versucht er den Besuch des zerstörten Klosters nach dem Krieg literarisch zu verarbeiten. Millers erstmals 1959 erschienener Roman "A Canticle for Leibowitz" hat vor allem auf die deutsche apokalyptische Literatur ungemein befruchtend gewirkt und in Carl Amerys "Der Untergang der Stadt Passau" (1975) und im "in demütiger Erwartung St. Leibowitz" gewidmeten "Wortkadavericon" (1977) des Marburger Autors Ulrich Horstmann bleibende Spuren hinterlassen.

Der "Lobgesang auf Leibowitz" - so der eingedeutschte Titel - beschreibt einen etwa 1800 Jahre umspannenden Kulturzyklus, der mit der "Sintglut" des atomaren Vernichtungskrieges beginnt und der nach einem neuen Mittelalter, einer neuen Renaissance und einer neuen Moderne im Jahre 3781 mit perverser Logik in die erneute Apokalypse mündet. In den drei Büchern "Fiat Homo", "Fiat Lux" und "Fiat Volunta Tua" werden die entscheidenden Etappen dieses Prozesses vorgeführt, wobei der extremen zeitlichen Zerdehnung des Erzählens wie schon zuvor in H. G. Wells "Time Machine" durch die rigorose räumliche Fixierung auf die Ereignisse im oder in der nächsten Umgebung des Klosters "Albertinischer Orden vom seligen Leibowitz" entgegengesteuert wird. Topografisch dürfte Miller den Ort des Geschehens in New Mexiko angesiedelt haben, vielleicht sogar auf dem Versuchsgelände in Los Alamos.

Die Besonderheiten des Neuanfangs malt Miller durch eine Art doppelten Verfremdungseffekt aus. Was sich da vor den Augen des Lesers abspielt, ist prä- und postmodern zugleich. Während die Menschheit innnerhalb weniger Generationen ein neues Kulturgut hervorgebracht hat, bleiben die von den neuen "Altertumsforschern" geborgenen Relikte der Vergangenheit in Funktion und Bedeutung unverstanden. Wir finden unsere Welt in das befremdliche Licht einer fernen Zukunft eingetaucht, lernen also mit Millers Hilfe gewissermaßen neu sehen. Aber wir erkennen auch, wo dem neuen Menschengeschlecht die Wirklichkeitsdeutung misslingt, wo Sein und Bewusstsein auseinander klaffen.

So führt etwa der atomare Niederschlag im vermeintlich naiven Denken der Mönche die Existenz eines mythischen Geistwesens. Aber ist das bemitleidenswerte Lächeln, mit dem der moderne Leser die abergläubisch-mittelalterliche Deutung quittieren mag, wirklich berechtigt und ist ein Zeitalter, das sich vor dem Dämon "Fallout" fürchtet, nicht vielleicht besser dran als unsere Epoche, die ihre Waffen so weit zu entdämonisieren weiß, dass ihrem Einsatz schließlich nichts mehr im Wege steht? Unter diesem Blickwinkel wird man die vordergründige Einfalt und Naivität des Novizen Francis' ebenso zu bezweifeln haben wie den angeblich überlegenen Kenntnisstand des wissenschaftlich Aufgeklärten.

Das Kloster behütet in dunkler Zeit die kläglichen Reste des kulturellen Erbes in Form einiger Schriftstücke ("Memorabilia"). Allerdings hat die Bruderschaft Verständnis durch Anbetung, kognitives Erfassen durch ehrfürchtiges Kopieren ersetzt. Ein Rücklick im ersten Buch erzählt die Geschichte des Schutzpatrons Leibowitz. In einem Atomschutzbunker stößt Francis auf die mit Ehrfurcht behandelten Relikte des, wie es mit augenzwinkernder Ironie heißt, "Erleuchteten Zeitalters". Es ist kennzeichnend für Millers ,ironisches' Geschichtskonzept, dass sich unter den im Bunker aufgefundenen Papieren ausgerechnet ein Schaltplan aus der Feder des Waffentechnikers Leibowitz befindet, dessen verhängnisvolles Expertenwissen auf diese Weise der Nachwelt übermittelt wird.

Wie haben wir uns mit Miller den Beginn der postapokalyptischen Epoche vorzustellen? Nach Flut, Niederschlag, Seuchen, Raserei und Sprachverwirrung beginnt das Blutbad der "Großen Vereinfachung". Die unbändige Wut des Mobs richtet sich gegen die Gelehrten und Wissenschaftler als die Verursacher des Übels. Doch der mit dem brachialen tabula-rasa-Programm der Vereinfachung, d. h. der Auslöschung der (technischen) Intelligenz intendierte Neuanfang misslingt, da die Überlebenden sich in die Obhut der Klöster flüchten und als "Buchschmuggler" und "Einpräger" das Wiedererwachen einer Kultur vorbereiten, die sich schon in der Vergangenheit durch ihren ausgeprägten Hang zur Selbstzerstörung auszeichnete.

Dennoch ist die Frage nach der Verantwortung bzw. nach der Zurechenbarkeit des Geschehens wohl nicht eindeutig zu beantworten. Da sind, wie gesagt, einmal Leibowitz und seine Gefährten, die die Erlaubnis des Heiligen Stuhls erhalten, einen neuen Orden zu gründen. Sie verfolgen das Ansinnen, das Bildungsgut vor der restlichen Menschheit zu bewahren und es dereinst den Urururenkeln der des Wissens überdrüssigen "Simpel" zu übergeben. Trotzdem arbeiten sie der Vernichtung in die Hände, da ihr bloß archivarisches Erkenntnisinteresse mit der Erfindung von vollumfänglich angewandten Konservierungstechniken einhergeht, d. h. zwischen ,gutem' und ,bösem' Wissen nicht unterschieden wird.

Aber nicht nur der Ordensgründer selbst tritt als Komparse der Zerstörung auf, auch seine Nachfolger setzten alles daran, das Gefahrengut zu erhalten. Das, was Generation um Generation entsagungsvoller Brüder weiterreicht, ist de facto eine Büchse der Pandora, eine szientifische Zeitbombe, deren Zündmechanismus zu dem Zeitpunkt aktiviert wird, als der - vom Mönch Bruder Kornhoer informierte (!) - weltliche Gelehrte Thon Taddeo Pfardentrott die Memorabilia inspizieren darf. Daher könnte es zunächst scheinen, dass im zweiten Buch des "Lobgesangs" die verständnislose Verehrung den Heimsuchungen einer technisch-wissenschaftlichen Rationalität weicht, die das Dekodieren der heiligen Überreste zu ihrem obersten Ziel erklärt.

Weit gefehlt! Im Roman finden sich zahlreiche Hinweise für eine zwar vertrackte, aber nichtsdestoweniger durchgängige Antiteleologie, die allenfalls durch die blinden Flecke innerhalb der ,erzählten Zeit', nämlich den Zeitsprüngen zwischen den einzelnen Büchern verdeckt wird. Schon im ersten Satz des "Lobgesangs" werden wir Zeugen, wie sich das Unheil zusammenbraut: "Bruder Francis von Utah hätte die so segensreichen Urkunden wohl nie entdeckt, wäre nicht der Pilger mit gegürteten Lenden gewesen, der in der Fastenzeit des jungen Novizen in der Wüste auftauchte." Der ,Ewige Jude' Benjamin Eleazar bar Joshua kritzelt die Buchstaben Lamed und Zade auf eben den Stein, den Francis zur Fertigstellung seiner Fastenklause benötigt und dessen Herausbrechen den Weg zum verschütteten Bunker seiner Vorfahren freigibt.

Joshua begegnet dem Leser in allen drei Büchern als eine Art Zeitreisender. Er trägt einige Züge des heiligen Leibowitz und kommentiert das Geschehen stets mit dem ironischen Lächeln des Wissenden. An das Kommen des Erlösers, das er sehnlichst zu erwarten scheint, glaubt er in Wirklichkeit schon lange nicht mehr. An die Stelle des religiösen Missionarismus ist ein Ausharren und Aushalten getreten, eine Art aufgeklärter Fatalismus. Man muss den Pilger als eine Größe verstehen, aus deren Blickwinkel sich unsere Gattung konstant verhält, d. h. selbst dann noch nicht zur Einsicht und Vernunft kommt, wenn sie als gebranntes Kind über einschlägige Erfahrung verfügt.

Leibowitz, Pfardentrott, der gleich anfangs ,regulierend' in das Geschehen eingreifende Pilger - sie alle wirken verlässlich daran mit, dass das Unvermeidliche auch diesmal eintritt. Auch Francis wird zum Handlanger der Vernichtung. Nicht nur durch seinen Fund, der die Kanonisierung des Leibowitz zuletzt entscheidend vorantreibt, sondern da er die Blaupause des Schaltplans in 15-jähriger hingebungsvoller Arbeit illuminiert. Beides, das schäbige Original wie die prachtvolle Kopie auf seinem Weg nach "New Rome" mit sich führend, wird ihm lediglich die Abschrift vom Räuber abgenommen, während der Original-Schaltplan unaufhaltsam seiner weiteren Bestimmung zugeführt wird. In Millers ,mediatisiertem' Geschichtsbild bleibt der Mensch vor den direkten Folgen seines Handelns ,verschont'.

Nachvollziehbar wird diese Kontinuität des Misslingens ferner am Motiv der Büchse der Pandora. Denn nicht nur die Klosterbibliothek beherbergt das gefährliche Wissen in Gestalt der Leibowitz-Aufzeichnungen, schon der nach Art eines "Flaschenhals(es)" hermetisch abgeriegelte Zugang zum Bunkerinneren erfüllt diese Funktion. Hierher gehört natürlich auch das Bild des Raumschiffs, mit dessen Hilfe eine kleine Pilgerschar die Schriften und sich selbst vor der Vernichtung retten wollen.

Bei all dem hat Miller nicht versäumt, die Widerstände einzubauen, die es braucht, damit die Geschichte spannend bleibt. Die herrschende Unvernunft zeigt sich erst dort, wo sie sich gegenläufige Tendenzen einverleibt. So mag zwar aus Francis im zweiten Buch der "Heilige Francis" und aus dem Dichter im dritten Buch der "heilige Dichter vom Wundersamen Augapfel" geworden sein. Wie unverdient und zufällig solche Transformationen vom Banalen und Profanen in ehrwürdige Gegenstände der Anbetung sind, erfährt der Leser gleich mehrfach. So am Beispiel des von Blackneth mit einer gewissen Schwäche für die Nachahmung der biblischen Sprache idealisierten Leibowitz-Berichts ("aus zweiter Hand") oder angesichts des in Abt Paulo aufkeimenden Verdachts, dass sich die "Denkwürdigkeiten" im Laufe ihrer oralen Tradierung und Ausschmückung in "Unergründlichkeiten", in "Kauderwelsch" verwandelt haben könnten.

Doch dieser Funke der Erkenntnis glimmt keinesfalls beständig, die Gefahren der "Neuen Gelehrsamkeit" und ihrer Folgen kommen den Protagonisten nur in Phasen der Anfechtung und schwerer Krankheit zu Bewusstsein. Ihre ,kritischen' Anwandlungen bleiben so folgenlos wie die als Reinstallation des christlichen Glaubens inszenierte Wiederaufrichtung des Kreuzes nach der Abschaltung des nach alten Vorlagen rekonstruierten elektrischen Dynamos. Prototypisch verdichtet sich die Vergeblichkeit moralischer Empörung und engagierter Einmischung in der autobiografischen Figur des Poeten, der von Pfardentrott die "Verantwortlichkeit" für sein Handeln einfordert, dessen als "Gewissen" bezeichnetes Glasauge sich der Thon jedoch nonchalant in die Tasche steckt. Das Ergebnis ist das nämliche, als der Dichter am barbarischen Verhalten des Offiziers blindwütig Vergeltung übt und ihn niedersticht: "Er konnte nicht begreifen, was er getan hatte. Nichts war erreicht worden."

Nichts war erreicht worden - unter diesem Motto steht auch das letzte Buch des Romans. Abt Zerchi, Klostervorstand der dritten Epoche, kann sich der Einsicht in die Sinnlosigkeit menschlicher Bestrebungen nicht länger verschließen. "Nur eine Rasse von Wahnsinnigen könnte es wieder tun" - dieser Satz hat sich schon bewahrheitet, als der uralte Lobgesang der Brüder vom Orden des Leibowitz ("Luzifer ist gefallen") zum sarkastischen Kommentar der gegenwärtigen Ereignisse geworden ist, trotz aller Dementi. Der Streit zwischen der Atlantischen Konföderation und der Asiatischen Koalition um einen unterirdischen Atomtest schaukelt sich auf, bis nach einem Schlag gegen asiatische Weltraumraketen Texarkana in einem Vergeltungsschlag ausgelöscht wird.

Miller immunisiert sich gegen die erdrückende Sinnlosigkeit des Erzählten durch einen Akt literarischer Notwehr und taucht den Roman in das Licht einer abgründigen Heiterkeit. Im dritten Buch übernimmt diese Rolle eine jokose Technikkritik, wie wir sie in den Berichten über den "Abscheulichen Autoscribe" und die bis zum Übermaß modernisierten Klosteranlage finden. Technische Entwicklungen werden über ihre Parallelen zu ,vorgeschichtlichen' Konstellationen denunziert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Aus dem Kloster ist inzwischen nicht etwa, wie das zweite Buch noch nahe legen mochte, eine Zitadelle, eine Garnison Texarkanas geworden, sondern ein Camp der (noch) überlebenden Strahlenopfer. Wie angesichts der Paarung Pfardentrott-Dichter ist wiederum nicht entscheidbar, ob Abt Zerchi im Recht ist, der die Euthanasie der "Erlösungs-Kader" des "Grünsterns" als zutiefst unmenschlich geißelt oder der bis zur physischen Erschöpfung behandelnde Dr. Cors.

Ist der Rigorismus des vehement protestierenden Abtes, der angesichts des Leidens einer verstrahlten Frau und ihres Kleinkindes nur eine leere Trostformel zur Hand hat, wirklich humaner als das vom Grünstern verwaltete sanfte Entschlafen der "hoffnungslosen Fälle"? Miller verzichtet konsequent darauf, Lösungen oder Schuldzuweisungen anzubieten, weil das die Aufrichtung eines neuen und übergeordneten Wert- und Sinnsystems erfordern würde. Die Dilemmata, die er schildert, sind nicht aus der Welt zu schaffen. Wer in der geschichtlichen Tretmühle gefangen ist, kann sich nur noch mitdrehen.

Obgleich der "Lobgesang" mit einem open end schließt, lassen sich aus den Vorzeichen des Kommenden kaum die Funken der Hoffnung schlagen. Die Memorabilien auf Mikrofilm gebannt und von "ehemaligen Astronauten" aus ihren eigenen Reihen unterstützt, steht eine kleine Schar von Mönchen und Pilgern bereit, einen Planeten zu verlassen, an dessen Firmament sich das Angesicht ,Luzifers' in "pilzförmiger Häßlichkeit" abzuzeichnen beginnt. Es besteht kein Zweifel daran, dass das Erreichen der Zentaurus-Kolonie, sollte es nach dem "jahrelangen" Flug überhaupt gelingen, nur den Auftakt zu einer erneuten Freisetzung menschlichen Zerstörungsdranges darstellt. Der Abt träumt schon von Missionen zu anderen Kolonistenwelten.

Und auf der Erde? Hier erwacht Rachel, der zweite Kopf der Mutantin Mrs. Grales, erstmals zu neuem Leben. Doch der Abt, dem dieses Engelsgesicht als neue Eva erscheinen mag, projiziert seine Heilserwartungen lediglich auf ein Geschöpf, das sich nicht zu artikulieren, sondern lediglich nachzuplappern versteht. Das angebliche Heil, es entspringt den Halluzinationen eines Sterbenden.

Vierzig Jahre nach dem "Lobgesang" ist unter dem Titel "Saint Leibowitz and the Wilde Horse Woman" (übersetzt als "Ein Hohelied für Leibowitz") entstanden, das aufgrund des vorzeitigen Hinscheidens des Verfassers von Terry Bisson vollendet wurde. Der Roman berichtet über einen knappen Zeitraum, der etwa drei Generationen nach der im ersten Buch des "Lobgesangs" anhebenden neuen Renaissance einzuordnen ist. Methodisch von seinem literarischen Vorgänger abrückend, lässt das "Hohelied" einen auch ideologisch sehr veränderten Autor erkennen, der sich mit dem Götterdämmerungsmarsch des letzten Papstes Braunpony, seiner Allianz mit den halbheidnischen Nomaden gegen den kalten Imperialismus von Texarkana in Grabenkämpfe mit der nachkonziliaren Entwicklung des Katholizismus verstrickt.

Titelbild

Walter M. Miller: Ein Hohelied für Leibowitz. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Isabella Bruckmaier.
Heyne Verlag, München 2000.
672 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3453161920

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Walter M. Miller: Lobgesang auf Leibowitz. Roman.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Jürgen Saupe und Walter Erev.
Heyne Verlag, München 2000.
432 Seiten, 8,20 EUR.
ISBN-10: 3453164199

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