Worte, die vor Dingen stehen

Alice Bolterauer reflektiert über die literarische Selbstreflexion der Wiener Moderne

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahre 1898 reflektierte der Wiener Erzähler und Dramatiker Hans Sittenberger in seiner theoretischen Schrift "Das dramatische Schaffen in Österreich" über "[d]ie moderne Wiener Schule". Mehr als hundert Jahre später, 2003, reflektiert die Wiener Literaturwissenschaftlerin Alice Bolterauer nun "[d]ie literarische Selbstreflexion der Wiener Moderne". Ein weites Feld, denn bekanntlich war Sittenberger nicht der Einzige, der sich seinem literarischen Wirken und dessen Entstehungs- und Möglichkeitsbedingungen selbstreflexiv zuwandte. Vielmehr war die Selbstreflexivität, wie Bolterauer zeigt, gerade eines der Merkmale der literarischen Moderne, zumal der Wiener. Die literarische Selbstreflexion, so Bolterauers These, sei ein "voraussetzungsvolle[r], integrative[r] Bestandteil des literarischen Schaffens" der Wiener Moderne gewesen, da die literarische Selbstreflexion deren literarisches Schaffen "nicht nur begleitet und kommentiert, sondern es - in seinen ästhetischen und poetologischen Grundlegungen - erst ermöglicht" habe. Erst im Bewusstsein ihrer Kontingenz und ihrer Notwendigkeit, "sich in permanenter Selbstreflexion immer neu zu entwerfen", erweise sie sich als 'modern'. Die Kunst der Moderne, so betont Bolterauer, sei eine des "Reflektieren-Müssens" gewesen, ein Sachverhalt der in der bisherigen Forschungsliteratur vernachlässigt worden sei. Eine Gemeinsamkeit drei lokaler Ausformungen der literarischen Moderne im deutschsprachigen Raum sei die "Fokusierung auf die Frage nach der Kunst" gewesen. Doch macht sie auch Unterschiede zwischen deren verschiedenen Ausprägungen aus.

Während sich Bolterauer zufolge die Wiener Moderne von der Berliner darin unterschied, dass diejenige der deutschen Metropole für Naturalismus und Sozialkritik stand, diejenige der Österreichischen Hauptstadt hingegen auf Impressionismus und "Nervenkunst" setzte, bleibt ihre Unterscheidung zwischen Wiener und Münchner Moderne eher vage und erfolgt nur implizit über die spezifisch österreichischen Motive, Themen und Problemstellungen der Wiener Moderne.

Anhand "einiger weniger, exemplarisch ausgewählter Essays", insbesondere einer Reihe von frühen Aufsätzen Hofmannsthals und Rilkes, analysiert die Autorin die "explosiv auftretende Selbstreflexion des eigenen Schreibens" von Wiener Autoren, in dem sie das "angestrengte Bemühen" um eine Literatur entdeckt, die sich "mit zeitgenössischen Intellektuellenstandards" messen lassen könne. Ein "Kompensationsversuch", hinter dem sich, etwa bei Musil und Broch, der Wunsch verberge "Literatur als Ergänzung oder als Überbietung der den exakten Wissenschaften möglichen Erkenntnispotentiale zu präsentieren".

Mit der Selbstreflexion, der Wahrnehmungs- und Erkenntniskrise sowie mit dem 'unrettbaren Ich' in engem Zusammenhang stand die Sprachkrise, die in Hofmannsthals "Chandos-Brief" ihren wohl prominentesten Ausdruck fand, und folglich auch einen der Mittelpunkte der vorliegenden Arbeit bildet. Wie bereits so manche vor ihr konstatiert auch Bolterauer, dass die Literatur der Wiener Moderne in der Reflexion auf die Grenzen der Sprache "ihr großes Thema und zugleich ihr großes Ärgernis" gefunden habe. "[V]or die Dinge", klagte Hofmannsthal in einer kleinen Rezension, "haben sich die Worte gestellt".

Ein weiterer Mittelpunkt von Bolterauers Studie bildet die Autonomie der modernen Kunst, welche die Autorin mit deren Selbstreflexion engführt. Beide seien "untrennbar". Zumal für die Literatur der Wiener Moderne sei die Vorstellung autonomer Kunst zentral. Die Autonomie der Literatur bestehe nun "in der Spezifik ihrer Materialität, in der Eigengesetzlichkeit ihrer Verfahren und in der Eigenständigkeit ihrer Wirkung", wobei Autonomie "das sich selbst genügende Wort" meine.

Mit der bemerkenswerten Differenziertheit ihrer ästhetisch-literarischen Selbstreflexion und der Radikalität ihres Wissens um ihre autonome Verfasstheit, so Bolterauers Fazit, scheine die Wiener Moderne "einen Großteil der postmodernen Ästhetik-Diskussion durchaus vorwegzunehmen".

Titelbild

Alice Bolterauer: Selbstvorstellung. Die literarische Selbstreflexion der Wiener Moderne.
Rombach Verlag, Freiburg 2003.
183 Seiten, 34,00 EUR.
ISBN-10: 3793093573

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