Aporien des Narrativen

Michael Hofmann und ein Sammelband untersuchen Repräsentationsformen der Shoah in Literatur, Historiographie, Kunst und Politik

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Man kann also immer alles sagen. Das Unsagbare [...] ist nur ein Alibi." Diese Bemerkung Jorge Sempruns aus dem Jahre 1995 ("Der Rauch aus den Öfen hat die Vögel vertrieben", in: F. A. Z., 26.1.1995) markiert einen entscheidenden Wandel in der Auseinandersetzung mit der Shoah. Lange Zeit stand die Frage nach der Sagbarkeit und Darstellbarkeit der Shoah im Mittelpunkt der Debatte. Das Versagen von Sprache, Kunst und Wissenschaft im Zeichen der Shoah war dabei das zentrale Problem. Die Darstellbarkeit der Vernichtung des europäischen Judentums als solche wurde in Frage gestellt. Semprun dagegen formuliert die deutlich gewordene Veränderung dieses Diskurses. Die Infragestellung der Aussagbarkeit und Tradierbarkeit der Shoah wurde abgelöst durch eine Reflexion über die Darstellungsformen und ihre Voraussetzungen und Konsequenzen. An die Stelle der Problematisierung von Darstellbarkeit überhaupt trat eine Analyse der verschiedenen Formen des Ausgesagten und Dargestellten. Die Erinnerungsformen, die in Augenzeugenberichten und Romanen, Kunstwerken und Denkmälern, aber auch in historischen und philosophischen Theorien deutlich werden, wurden zum Gegenstand der Untersuchung.

Auch die verschiedenen Theorien des Gedächtnisses und der Erinnerung, die im letzten Jahrzehnt Konjunktur hatten, legen den Akzent auf die Formen des Ausgesagten, nicht aber auf die Möglichkeiten von Aussagbarkeit. Im Mittelpunkt stehen dort vor allem die kulturellen Funktionen von Gedächtnis und Erinnerung an die Shoah. Gleichzeitig geht es aber auch um das Erinnern der Schwierigkeit, wenn nicht der Unmöglichkeit mancher Anamnesen, die, gerade weil sie sich der Erinnerung entziehen, als Wunden, Risse, Spuren, sich Entziehendes übrig bleiben, als nicht zu verwertende Reste. Es geht um das Vergessen, um den Widerstand gegen das Vergessen, aber auch um die Anamnese dessen, dass wir mit fortschreitender Zeit immer mehr vergessen, und dass wir angesichts des Unmaßes dessen, wofür der Name "Auschwitz" als pars pro toto steht, oft genug die Ohnmacht unseres Vorstellens, Verstehens, Gedenkens, Erinnerns eingestehen müssen. Hiermit ist aber auch die (im Sinne Benjamins zu formulierende) Aufsprengung des erzählerischen Kontinuums geboten, das heißt: die Form eines an sich aporetischen Erzählens wird für die Theorie der Literatur wie der Historiographie im Zeichen der Shoah unabdingbar. Die Behutsamkeit der Sprache gilt es als diejenige zu bewahren, die jene traumatische Zäsur nicht vergessen macht.

Sarah Kofmans bis heute viel zu wenig beachteter Essay "Erstickte Worte" ist vielleicht das eindrücklichste Beispiel für jene von Maurice Blanchot so genannte 'desaströse Schreibweise' (l'écriture du desastre), nämlich eine, die die Fiktion der vollständigen Repräsentation des Traumas unterbricht. Bestand Blanchots schriftstellerische Leistung nach dem Zweiten Weltkrieg in der Formulierung eines literarischen Ethos, das im Zeichen der Shoah das Schreiben auf ein zu dieser Gewalt Anderes verpflichtete, so vollzog Sarah Kofman in ihren Lektüren von Texten der Literatur und Philosophie die aporetische Anamnesis eines zu Fragmenten und Bruchstücken gewordenen Erzählens, das sich gleichsam symptomatisch um den Kern des in aller Erfahrung unheimlich Bleibenden herumwindet und der unendlichen Diskursivierbarkeit der Worte Widerstand entgegensetzt. Es geht daher nicht um die Schwierigkeit, erzählend nach Auschwitz eine repräsentierende Sprache für die historische Wirklichkeit (wieder-) erfinden zu müssen, da jede rhetorische Strategie einer literarischen Rekonstruktion der Tatsachen zwangsläufig von einer immanenten Dekonstruktion ihrer Mittel durchbrochen wird. Sarah Kofman erinnert die mediale Versessenheit auf Darstellung vielmehr daran, dass dieses Abwesende niemals repräsentiert, sondern in jeglicher Re-Präsentation stets nur vergessen werden kann. Andererseits würde die radikale Forderung, das Geschehen der Shoah überhaupt nicht zu benennen, da jede Benennung sich als unangemessen erweise, dem Vergessen Vorschub leisten.

Michael Hofmann erinnert in seiner jüngst erschienenen "Literaturgeschichte der Shoah" noch einmal mit allem Nachdruck an die paradoxe Aufgabe der Literatur, von dem Unfassbaren Zeugnis abzulegen und die Darstellungsmethoden zu finden, die indirekt, vermittelt und verschlüsselt den "Zivilisationsbruch" (Dan Diner) evozieren und auf diese Weise das Selbstverständnis des Menschen im Zeichen der Shoah in eindrucksvoller Weise prägen. Seine kompakte, ausgesprochen lesenswerte Arbeit skizziert eine Bilanz der Versuche, im Medium der Literatur von der Shoah Zeugnis abzulegen. Sie geht von den philosophischen Bemühungen Adornos und Lyotards, den fundamentalen Stellenwert der Shoah in der Geschichte der abendländischen Zivilisation zu bestimmen, aus und weist die Problematik auf, die darin liegt, das Geschehen in tradierte literarische Formen zu pressen, die auf jeweils verschiedene Weise Sinnstiftung zu betreiben versuchen. Hofmann macht darauf aufmerksam, dass "sich eine Tradition des literarischen Sprechens über die Shoah herausgebildet hat, die sich der verschiedensten künstlerischen Formen und Methoden bedient, um den Versuch zu unternehmen, das, was sich jeder Darstellung zu entziehen scheint, in einer Weise darzustellen, dass ein verantwortetes menschliches Selbstbewusstsein in der Epoche nach dem Zivilisationsbruch möglich erscheint."

Seiner Meinung nach zerstört der Zivilisationsbruch Auschwitz endgültig und definitiv jegliches naive Vertrauen in die Fähigkeit der Literatur, Sinn zu stiften und das Chaos der Welt in einer harmonischen Synthese zu ordnen. "Wenn aber bedacht wird, dass die Artikulation des Leidens und die Erinnerung an den Schrecken notwendig sind und dass die Literatur ein wichtiges Medium der Artikulation und der Erinnerung sein kann, dann ist zu postulieren, dass nur solche Formen des Sprechens über die Shoah legitim sind, die deutlich aussprechen, dass die konventionellen Formen und Normen der Sinnstiftung keine Geltung mehr haben und dass das literarische Sprechen über die Shoah nur durch eine selbstreflexive Negation aller harmonisierenden Konventionen der Gattung und der Form seine Legitimation erlangen kann." Somit könne verantwortungsvoll nur derjenige über die Shoah sprechen, der sich "über die Problematik jeder Darstellung und über die Fallen der Formen des Sprechens bewusst ist, der weiß, dass lyrisches Dichten, theatralische Inszenierung und romanhaftes Erzählen die Tendenz mit sich bringen, eine Aura des Sinnhaften zu erzeugen und damit den Schrecken des Völkermordes gewissermaßen still zu stellen." Die vorliegende Untersuchung zeigt sehr eindrucksvoll, wie die Literatur der Shoah einen Wandel der literarischen Gattungen akzentuiert, der sie allererst in die Lage versetzt, die Erfahrung des "Zivilisationsbruchs" zu beschreiben und damit den Verlust konventioneller Gewissheiten und Sicherheiten zu dokumentieren. In diesem Zusammenhang radikalisiert der Essay (am Beispiel von Jean Améry) im Zeichen der Shoah "die tradierte Skepsis dieser Form gegenüber der Möglichkeit systematischer Erkenntnis"; die am Beispiel Primo Levis und Elie Wiesels untersuchte Autobiographie wird zur "Anti-Autobiographie, indem sie die ihrer Form inhärente Illusion preisgibt, welche die Konstitution einer sinnvollen Lebensgeschichte verspricht"; der Roman, hier dienen Imre Kertész und Edgar Hilsenrath als Beispiele, "gibt die Idee auf, dass es möglich wäre, durch die Erzählung Sinn und Kohärenz zu stiften"; das Drama mit den untersuchten Texten von Peter Weiss und George Tabori "verabschiedet im Dokumentartheater oder in der Farce und Groteske die Idee eines dramatischen Helden"; schließlich meide die Lyrik Paul Celans und Nelly Sachs' die bedeutungsschwere Metapher und die schönen Bilder und ziehe sich in eine Sprache der Negation und der Paradoxien zurück.

Der von Hofmann akzentuierten Maßgabe an die Literaturwissenschaft, die Mechanismen zu beschreiben, mit denen die Texte der Literatur sich der aporetischen Aufgabe stellen, von dem Unvorstellbaren Zeugnis abzulegen, kommt seine eigene Untersuchung sehr nahe. Die theoretische Fundierung und an Beispielen veranschaulichte "Literaturgeschichte der Shoah" darf zu den grundlegenden Arbeiten zu diesem Themenkomplex gezählt werden und sollte jedem Seminar, das sich diesem schwierigen Gegenstand verschreibt, zukünftig als einführende Lektüre zugrunde liegen.

Einen ähnlichen Fokus bietet der von Susanne Düwell und Matthias Schmidt im Rahmen des Bonner Sonderforschungsbereichs "Judentum - Christentum" herausgegebene Sammelband "Narrative der Shoah", der sich mit den Repräsentationen der Vergangenheit in Historiographie, Kunst und Politik beschäftigt. Ausgangspunkt der theoretischen Reflexionen ist auch hier die Annahme, dass die Shoah zwar in ihrer historischen Dimension im Wesentlichen aufgearbeitet sei, nicht aber in ihren Erzähl- und Darstellungsformen, mit denen sie in modernen Medien und Textformen von politischen Diskursen und philosophischen Reflexionen über Belletristik, Spielfilm und Dokumentationen bis hin zu Comics und der Gestaltung von Briefmarken thematisiert wird. Diese unterrepräsentierten Bereiche greifen die einzelnen Beiträger auf und stellen die zentrale Frage nach dem angemessenen Narrativ, seiner Funktion und der zu beobachtenden Effekte. In ihrem Vorwort unterstreichen die Herausgeber, es werde, sobald die differierenden Narrative der Shoah in den Blick geraten, deutlich, dass "jede politische, historische, künstlerische Auseinandersetzung an eine bestimmte Perspektive, eine Interpretation und ein gegenwärtiges Interesse den vergangenen Ereignissen gegenüber gebunden ist". Hervorzuheben sind die Beiträge von Susanne Düwell, die die bereits viel diskutierte Machart und Wirkung der 1995 entstandenen Shoah-Fiktion "Bruchstücke" von Binjamin Wilkomirski untersucht, von Ashraf Noor, der eine detaillierte kritische Analyse der filmischen Inszenierung des Prozesses und der Person Adolf Eichmanns in dem 1999 entstandenen Film "Ein Spezialist" von Eyal Sivan und Rony Braumann in paralleler Lektüre zu Hannah Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem" (1963) vorlegt, das in Israel derart umstritten war, dass es erst 2000 in einer hebräischen Übersetzung erschien, sowie von Christina Pfestroff und Alexandra Pontzen.

Christina Pfestroff untersucht den historiographischen Topos der Undarstellbarkeit der Shoah und die am Begriff des Traumas orientierte Konzeption des Widerstreits von Jean-François Lyotard, der das grundsätzliche Dilemma diskutiert, keinen materialen Beweis der Massentötung in Gaskammern erbringen zu können, da keiner der möglichen Augenzeugen die Gaskammern überlebt hat. Nach Meinung der Verfasserin analysiere Lyotard diskurstheoretisch, welche Ausschlussstrategien der Leugnung der Shoah zugrunde liegen, insofern als er von der Prämisse der Nicht-Repräsentierbarkeit der Shoah ausgeht und jeder Versuch der Repräsentation als ein Modus des Vergessens bezeichnet wird. Demgegenüber plädiere Lyotard für negative Formen der Darstellung als der einzig möglichen Form des Zeugnisses. Diese kämen vor allem im Schweigen als Substitut von Sätzen oder in Körpersymptomen zum Ausdruck. Alexandra Pontzen widmet sich der Bedeutung des Zionismus für deutsch-jüdische SchriftstellerInnen vor 1933 und analysiert die Funktion, die die narrative, diskursive und metaphorische Korrelierung von Shoah und Zionismus erfüllt, dessen Ideologie sich vor dem Hintergrund der Shoah eine teleologische Rechtfertigung zuschreibe. Dadurch werde deutlich, dass der Zionismus erst rückblickend vor dem Hintergrund der Shoah seine besondere Signifikanz erreiche, während die zionistische Bewegung vor 1933 für sehr viele deutsch-jüdische Denker ein relativ marginales Phänomen dargestellt habe. In Anlehnung an Moshe Zuckermanns brillante Analyse der Shoah in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands ("Zweierlei Holocaust", Göttingen 1998) kommt Alexandra Pontzen zu einem für die weitere Diskussion über die Interdependenzen von Zionismus und Shoah wegweisenden Ergebnis: "Diese 'Zionisierung' der Shoah, die narrative Integration der Shoah in den nationaljüdischen Legitimationsdiskurs des heutigen Staates Israel, entspricht auf nationaljüdischer Seite jener Amerikanisierung der Shoah, die Peter Novick für die USA dokumentiert. Zu fragen bleibt deshalb, welche Erklärungs-, und Entlastungs- und Exkulpationsfunktion die Assoziation von Zionismus und Shoah für die Geschichte des deutsch-jüdischen Verhältnisses übernimmt und wichtiger noch: für dessen Gegenwart." Die Antworten auf diese Fragen stehen zwar noch aus, aber ihre grundlegende Fundierung ist durch die Forschungen von Pontzen und Zuckermann bereits gelegt.

Die beiden hier vorliegenden Arbeiten berühren sich in einer Feststellung, die als conditio sine qua non jeder Beschäftigung mit der Shoah aus literatur-, kultur-, politik- oder geschichtswissenschaftlicher Perspektive gelten darf: Die Shoah scheint sich - als der von Dan Diner formulierte "Zivilisationsbruch" - zunächst einmal jeder Darstellung zu entziehen, da diese das Unfassbare in einen Sinnzusammenhang einordnet und damit repräsentativ fixiert. Wer dem Schweigen über den Völkermord entgehen will, muss entweder das Schweigen als Substitut von Sätzen bzw. als negativen Satz im Sinne Lyotards etablieren oder muss sprechen - und so entwickelt sich über die Aporie des Narrativen eine "Literaturgeschichte der Shoah", in der die überlieferten Gattungen, Formen und Normen nur fortbestehen können, indem sie einen radikalen Bruch mit der Tradition vollziehen.

Titelbild

Susanne Düwell / Matthias Schmidt (Hg.): Narrative der Shoah. Repräsentationen der Vergangenheit in Historiographie, Kunst und Politik.
Schöningh Verlag, Paderborn 2002.
306 Seiten, 45,00 EUR.
ISBN-10: 3506723642

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Michael Hofmann: Literaturgeschichte der Shoah.
Aschendorff Verlag, Münster 2003.
160 Seiten, 9,95 EUR.
ISBN-10: 3402041766

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