Leise Stimmen vom Rand der Zeitgeschichte

Ch'oe Yun: "Lautlos fällt eine Blüte"

Von Jihi KimRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jihi Kim

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Schreiende Gesichter, blutende und nackte, wie Flundern auf dem Trockenen zappelnde Gesichter, mit einem letzten Hilfeschrei verlöschende Gesichter, verhärtete Gesichter, niedergedrückte Gesichter, gesichtslose Gesichter ..." In der Erzählung, die den lyrisch wirkenden Titel "Lautlos fällt eine Blüte" (1988) trägt, begegnet man statt der Sanftheit, die man damit assoziiert, einer blutigen, chaotischen Szene, die an Picassos "Guernica" erinnert. Was ist passiert? Worauf verweisen diese Gesichter?

Im Mai 1980 unterdrückte und ermordete das Militär in der südkoreanischen Stadt Kwangju grausam viele unschuldige Bürger, die sich gegen die Militärdiktatur und für die Demokratie engagierten. Dieses tragische Ereignis, noch immer ein Trauma in der neueren koreanischen Geschichte, übernimmt "Lautlos fällt eine Blüte" als Stoff, und das vorliegende Zitat ist ein Ausschnitt, der sich im Gedächtnis eines Mädchens eingeprägt hat. Auch zwei andere Erzählungen in diesem Band spielen vor zeitgeschichtlichem Hintergrund: "Der graue Schneemann" (1992) vor dem der Militärdiktatur in den 70er Jahren, "Den Vater im Blick" (1990) vor dem der Teilung Koreas und dem Verfall der Sowjetunion.

Unter den während der Demokratisierungsbewegungen in den 80er Jahren erschienenen Werken standen programmatische, politisch radikal orientierte Werke im Vordergrund, die meistens die Arbeiterbewegung oder die Studentenbewegung behandelten. In den 90er Jahren herrschte dann eine neue Tendenz in der Literatur vor: Eine neue Generation von Autoren fing an, sich vom Übermaß von Politik zu befreien und den Blick den individuellen Geschichten, zur inneren Seite des Menschen zuzuwenden. Indem die Autorin Ch'oe in diesem Übergangsprozess ihre literarische Laufbahn begann, nahm sie die folgende Veränderung vorweg, ohne eindeutig zu einer der beiden Richtungen zu gehören. In der Übernahme politischer, zeitgeschichtlicher Stoffe haben Ch'oes Erzählungen zwar eine Gemeinsamkeit mit den politisch angelegten Werken der 80er Jahre. Die mehrschichtige Struktur, die ihren Erzählungen zugrunde liegt, könnte indessen einen Hinweis auf den Unterschied zur offen politischen Literatur des vorangehenden Jahrzehnts geben.

Grundlage der Handlung von "Lautlos fällt eine Blüte" ist die Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen Mutter im Mai 1980 ums Leben kam. Auf der Suche nach ihrem Bruder, von dessen Tod sie noch nichts weiß, wird sie von vielen Menschen misshandelt. Aber bis der Umriss dieser Handlung erkennbar wird, müssen die Leser einen Umweg machen, so wie man ein Rätsel löst, denn das Ereignis an sich wird nur skizziert. Diese schleierhafte Skizze fertigen drei Stimmen an: die des Mädchens, die eines Arbeiters, der sie vergewaltigte und danach mit ihr eine Weile zusammenwohnte, und die Stimme von Freunden ihres gestorbenen Bruders, die auf der Suche nach dem Mädchen sind. Bis zum Ende des Werkes wiederholen sich diese drei Stimmen durch insgesamt elf Abschnitte, wobei sich Stil und Perspektive jeweils verändern. Diese Verschränkung der heterogenen Stimmen und die polyphone Struktur zeigen, dass das chaotische Geschehen nicht einheitlich durch eine einzige Stimme rekonstruiert werden kann.

Unter diesen verschiedenen Stimmen tritt besonders der Gegensatz zwischen derjenigen des Mädchens und der eines "wir" in mehreren Aspekten hervor. In den Abschnitten, in denen das Wir spricht, wird die Suche relativ objektiv und chronologisch geschildert. Im Monolog des wahnsinnigen Mädchens hingegen mischen sich ihre Fantasien und ihre grotesken Träume mit der Wirklichkeit, wodurch die Grenze von Vergangenheit und Gegenwart unklar wird. Daher ergeben sich in ihrer Sprache viele Übertreibungen und Ambiguitäten. Paradoxerweise wird der tragische Charakter dieses Ereignisses genau durch diese unlogische, sprunghafte Sprache des Mädchens mitgeteilt. Mittels dieser Sprache gelingt es diesem Werk, starke Erschütterung und große Resonanz hervorzurufen, obwohl es weder reportagenhafte Präzision noch vernünftige Überlegungen aufweist.

Was in der raffinierten Struktur, die die heterogenen Stimmen ausmachen, die Spannung hervorbringt, ist das Nebeneinander der sowohl übereinstimmenden als auch der gegensätzlichen Komponenten: des Schönen und des Hässlichen, des lyrischen Bildes und der grausamen Gewalt. Die "Blüte" im lyrischen Titel ist in der Tat nichts anderes als das hässlich gewordene Mädchen im blutbefleckten Rock. Nachdem sie den Massenmord überlebt hat, wird sie wiederholt misshandelt, gestaltlos zerstört, wie eine gefallene Blüte von den Füssen niedergetreten. Einerseits wird sie von einer großen Gewalt verwüstet, der ungeheuren politischen Macht, andererseits gibt es noch die sekundäre Gewalt der Männer, die als eine Metapher jener Gewalt zu interpretieren ist. Unter dieser Doppelgewalt, der sie hilflos ausgesetzt ist, wird deutlich, wie dieses zärtliche Wesen zerrissen wird und wie groß ihre innere Wunde ist.

In diesem Zusammenhang steht auch die Erzählung "Der graue Schneemann". Auch hier wird ein bestimmter politischer Zeitraum nicht aus der Perspektive irgendeiner leitenden Figur, sondern aus der einer unter der Zeitgeschichte leidenden Randfigur betrachtet. Die Erzählung beginnt damit, dass die Ich-Erzählerin Kang in einer Zeitung einen Artikel über den Hungertod einer koreanischen Frau in New York liest, deren Pass ebenfalls auf den Namen Kang lautet. Aus diesem Anlass blickt sie 20 Jahre zurück - und wendet sich dann wieder der Gegenwart zu. In der Binnenerzählung wird eine dunkle innere Landschaft einer Nebenfigur dargestellt: In den 70er Jahren kam Kang als armselige Studentin zufällig mit einer regierungsfeindlichen sozialistischen Untergrundorganisation, einem "Verein zur Kulturrevolution", in Kontakt. Aber bald zerstörte Verfolgung die Organisation, und alle Beteiligten versteckten sich oder wurden verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt gab Kang auf Bitte des früheren Leiters der Organisation, An, ihren Pass an ein unbekanntes Mitglied namens Kim weiter, damit diese ins Ausland fliehen konnte.

Im Vergleich mit "Lautlos fällt eine Blüte", in der mehrere Perspektiven sich verschränken, ist die Struktur dieser Erzählung viel einfacher. Dennoch weist auch sie mehrere Schichten auf: Vergangenheit und Gegenwart, politischer Kontext und persönlicher innerer Kontext. Unter politischem, ideologischem Gesichtspunkt ergibt sich eine Art Fortschritt: An, der in der Vergangenheit verfolgt wurde und ins Gefängnis gehen musste, kann jetzt als bekannter Künstler und Aktivist in der Öffentlichkeit frei tätig sein. Und auch Kang erwacht durch die Erfahrung der früheren Beteiligung teilweise politisch.

Aber auf der inneren Achse spielt sich eine andere Geschichte ab. Auf Kangs Seite wird das Entfremdungsgefühl deutlicher. Obwohl sie "fast nichts über sie [die Mitglieder der Organisation] wusste" und in der Tat vom Kern der Organisation ausgeschlossen blieb, möchte sie immer das Wort "wir" benutzen und Mitglied sein. Aber sie erkennt auch, dass "selbstverständlich wir nicht von Anfang an wir waren" und "andere meinen Gebrauch dieses Wortes ablehnen mögen". Vor allem ergibt sich die traurige Seite dieser Geschichte deutlich in ihrer heimlichen Neigung zu An. Nach der Zerrüttung der Organisation konnte sie ihrerseits keinen Kontakt zu ihm wagen, und so wurden die beiden zu völlig Fremden. Und auch über den noch tragischeren Lebenslauf von Kim, die später nach langem illegalen Aufenthalt allein im Ausland stirbt, lassen sich in diesem Zusammenhang Vermutungen anstellen. In den Leben der beiden Frauen veranschaulicht sich die innere Wunde des dunklen politischen Zeitalters.

Wie in "Lautlos fällt eine Blüte" die gegensätzlichen Momente miteinander verbunden sind, wirken auch in dieser Erzählung Gegensätze zusammen: das Licht und das Dunkle, die Hoffnung und die Verzweiflung. Solch ambivalente Koexistenz gegensätzlicher Aspekte veranschaulicht die subtile Diskrepanz zwischen der politischen Seite und der inneren Seite. Das zeigt sich schon in der ersten Darstellung des Gedächtnisses: zuerst taucht in ihrem Gedächtnis eine "flaschengrüne" dunkle Bühne auf, dann erinnert sie sich an "ein warmes Licht" in diesen Bildern. Auf diese Weise wird jene Zeit in ihrer Beschreibung zwiespältig dargestellt. Kang wiederholt z. B. im Rückblick mehrmals "das Wort Hoffnung", und sie schreibt, dass sie "unbewusst mit einer undefinierbaren Hoffnung infiziert" gewesen sei. Trotzdem ist sie andererseits immer verzweifelt. In der letzten Szene, in der "der graue Schneemann" dargestellt wird, kulminiert diese Ambivalenz: sie möchte einen Ast als Antenne darauf stecken, um mit dem Stern der toten Kim Kontakt aufzunehmen, aber gleich anschließend folgt wieder die Desillusion: "die Kinder wissen, dass Menschen nach ihrem Tod nicht zu Sternen werden." Auf dem Feld der Geschichte und der Ideologie wird gleichzeitig Rücksicht auf Licht und Schatten, auf Hoffnung und Verzweiflung genommen.

In den beiden Erzählungen ist die Geschichte der Demokratisierungsbewegung, die sonst einseitig heldenhaft dargestellt oder verklärt werden könnte, vielschichtig gestaltet. Dies hat auch mit dem Blick des Außenseiters zu tun: so spiegelt sich die Position der Autorin Ch'oe wider, die selber die dunkelste Zeit entfernt im Ausland erfuhr. Ihr Versuch, die mehrseitigen Reflexionen über die Zeitgeschichte zu stellen, steht mit den ästhetischen Formexperimenten in Einklang und ermöglicht es ihr, subtil in die Innenseite des Menschen hineinzuschauen. Nicht von ungefähr erhielt Ch'oe zweimal einen renommierten Literaturpreis in Korea. Und es könnte eine besondere Erfahrung auch für die deutschen Leser sein, auf diese leisen Stimmen vom Rand der Zeitgeschichte, die trotzdem eine große Resonanz haben, zu horchen.

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Yun Choe: Lautlos fällt eine Blüte. Erzählungen.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Heekyung Jeong und Christian Walsdorff.
Pendragon Verlag, Bielefeld 2003.
166 Seiten, 15,40 EUR.
ISBN-10: 3934872476

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