Ganz Wien in die Luft sprengen!

Ein Sammelband zu Hans und Otto Gross

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hans Gross, Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka - zweifellos sind die beiden letzten Namen die zugkräftigsten dieses etwas ungewöhnlichen Quartetts. Andernfalls würden sie auch kaum neben denjenigen von Vater und Sohn Gross auf dem Titelblatt des von Gerhart M. Dienes und Ralf Rother unter dem Titel "Die Gesetze des Vaters" herausgegebenen Begleitbandes zu der gleichnamigen Grazer Ausstellung prangen, stellt der Kulturreferent der Landeshauptstadt Graz Christian Bucher doch ganz zu Recht in der Einleitung fest, dass "das Grazer Vater-Sohn-Paar" Hans und Otto Gross im Mittelpunkt von Ausstellung und Buch stehen. Und auch Dienes bemerkt in dem zentralen einführenden Text zutreffend, das Buch mache die beiden "Stars" und "Ikonen des 20. Jahrhunderts" Freud und Kafka zu "Assistenzfiguren" von Hans und Otto Gross, welche die "Hauptrollen" spielten. Immerhin aber sind die Bezugnahmen auf den Prager Jahrhundert-Autor und den Begründer der Psychoanalyse insofern gerechtfertigt, als Kafka über einige Jahre hinweg Juravorlesungen bei dem "Pionier der wissenschaftlichen Verbrechensaufklärung" und seinerzeit maßgeblichen Kriminologen Hans Gross belegt hatte und sehr viel später mit dessen 'missratenem' anarchistischem Sohn vage und womöglich nur für die Dauer einer Zugfahrt ein gemeinsames Zeitungsprojekt ins Auge fasste. Otto Gross wiederum wurde von Freud eine zeitlang als einer seiner begabtesten Schüler angesehen.

Der Band gliedert sich in die vier Teile "Einführung", "Recht und Strafe", "Revolte und Widerstand" sowie "Gesetz und Konflikt". Im ersten, dem einführenden Teil, werden die beiden Protagonisten und ihre Nebenfiguren in kurzen, zwei bis vier Seiten langen Texten vorgestellt. Für Vater Gross, Kafka und Freud übernimmt Dienes diese Aufgabe und teilt manche Merkwürdigkeit mit; etwa die, dass Kafka "auf eine unmittelbare Vereinnahmung der Leser" abzielte, es aber keine "Aufzeichnung" von ihm gibt, "die als von Vorstellungen freies 'Selbstzeugnis' gelesen werden kann", oder dass die von ihm "an[ge]betete" Milena Jesenská "ein matriacharliches Heidentum ausstrahlte". Über Freud weiß Dienes indes mitzuteilen, dass er "im Guten wie im Schlechten [...] das Denken der westlichen Welt verändert" und die "Bewunderung von jungen hübschen Frauen" genossen hat, "insbesondere jene von Lou Andreas-Salomé". Die allerdings war - und das verschweigt Dienes geflissentlich - bei der ersten Begegnung mit Freud im Jahre 1911 bereits 50 Jahre alt. Auf eine mögliche frühere Begegnung während eines Wien-Aufenthaltes Salomés 1895 gibt es keinerlei Hinweise. Die Korrespondenz zwischen Salomé und Freud setzt jedenfalls 1912 ein. Es ist dies auch das Jahr, in dem Freuds Name im Briefwechsel, den Salomé mit Rilke führte, erstmals fiel.

Auch Dienes längerer Einführungstext "Der Mann Moses und die Folter der Maschine" wartet mit einigen Ungereimtheiten auf. So berichtet er etwa, Fürst Bismarck habe das Deutsche Reich "zu einem Land gemacht [...], in dem die matriarchalischen Werte völlig unterdrückt wurden". Als hätten sie zuvor auch nur die geringste Rolle gespielt. Ähnlich fragwürdig ist auch die Behauptung, "die Frau" hätte "nach dem Ende des Ersten Weltkrieges" das Korsett abgelegt, sich eine Zigarette angezündet und sich eine "Männerfrisur" zugelegt. Bekanntlich wurde das Korsett bereits um 1900 durch das berühmte Reformkleid ersetzt. Allerdings 'nur' von zahlreichen, vielleicht auch von (fast) allen Frauen. Jedenfalls aber sicher nicht von "der Frau". Denn wie stets so ist auch hier das Kollektivsubjekt "Frau" eine Phantasmagorie. Mindestens ebenso schwer wie solche Inakkuratessen wiegt Dienes nachlässiger Umgang mit Quellen und Sekundärliteratur. So behauptet er etwa mithilfe einer verfälschenden Zusammenstellung von Zitaten aus einem Aufsatz Emanuel Hurwitz', die "Achtundsechziger" hätten (ebenso wie "die Jugend der 'Achtzigerunruhen'") Otto Gross "mit großen Interesse" zur Kenntnis genommen. Das ist - mit Verlaub - barer Unsinn. Den 'Achtundsechzigern' war Gross schlichtweg unbekannt. Hurwitz behauptet an der von Dienes als Quelle herangezogenen Stelle denn auch nur die interessierte Kenntnisnahme durch die Jugendbewegung der 80er Jahre. Und auch das ist noch fraglich genug. Bezeichnend für Dienes Umgang mit seinen Quellen ist auch die Behauptung, Otto Gross habe Wien "in die Luft sprengen" wollen. Tatsächlich ist es die Gross nur nachempfundene literarische Figur Gebhart aus Franz Werfels Roman "Barbara oder die Frömmigkeit", die sich von der Vorstellung begeistert zeigt, Wien in die Luft zu sprengen. Das hätte Dienes als Herausgeber auch in Gottfried Heuers Beitrag "Otto Gross und der Anarchismus" nachlesen können. Zumal dessen Aufsatz den mittels Anführungszeichen als Zitat gekennzeichneten Untertitel "Ganz Wien in die Luft sprengen? ... Das wäre ja wunderbar!" trägt. Allerdings schummelt Heuer mit diesen Anführungszeichen, denn so steht das mitnichten bei Werfel. Auch die dem Aufsatz vorangestellte längere - aus vier Stellen zusammengestückelte - Passage aus Werfels Werk ist nicht korrekt wiedergegeben.

Nun sollen Heuers Beiträge - neben dem Aufsatz die einführende biografische Notiz zu Otto Gross - Dienes keineswegs als leuchtende Beispiele entgegengehalten werden, offenbaren sie doch selbst Schwächen genug. So erklärt der Mitbegründer und Vorsitzender der Internationalen Otto Gross Gesellschaft etwa, Gross wäre von den "Ideen" Bachofens "fasziniert" gewesen. Das ist, gelinde gesagt, irrführend. Tatsächlich waren die 'Ideen' beider diametral entgegengesetzt. Bachofen bejubelte die von ihm für die graue Vorzeit postulierte Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat, während Gross umgekehrt die allseitige Befreiung durch die in möglichst naher Zukunft revolutionär herbeizuzwingende Ablösung des Patriarchats durch das Matriarchat propagierte. Und wenn Heuer, der Gross' Arbeit als "ein Begreifen der Beseelung von Fleisch und Materie" auffasst, dessen "tiefe Erkenntnis davon" lobt, "dass alle und alles mit einander in Verbindung steht", um diese zwischen Unsinn und Banalität oszillierende 'Erkenntnis' sodann gegen den "abgekapselten Bereich von Vernunft und Rationalität" auszuspielen, "wo alles von jedem und allem getrennt ist", so weist das zwar auf Heuers im Laufe des Beitrages noch deutlicher hervortretende Affinität zur Spiritualität voraus, ist aber alles andere als überzeugend. Denn Heuer zufolge liegt die "unvermindert [...] anhaltende Aktualität und Faszination" von Otto Gross nicht nur darin, dass er "Probleme aufgerissen" habe, deren Lösung auch heute noch nicht weniger als "lebenswichtig" seien, sondern auch in der "Einbeziehung des Politischen und des Spirituellen" in die Psychoanalyse sowie des Persönlichen in den politischen Protest. "Uns Nachgeboren" appelliert Heuer abschließend, "fällt Gross Erbe als Auftrag zu, dieses Fenster, das er aufgerissen hat, solange geöffnet zu halten, bis auf der Basis seiner Vorarbeit das realisiert wird, was er visionär erfasst hat".

Interessanter als die Beiträge von Dienes und Heuer ist Richard Fabers Aufsatz über Franziska zu Reventlow, Otto Gross und "Schwabings matriarchale Revolution", wenn man auch durchaus nicht allen seinen Ausführungen zustimmen mag. Im Mittelpunkt seines Interesses steht Reventlow als Mutter und Hetäre sowie ihr Verhältnis zum Mutter- bzw. Frauenrecht, während Gross eher am Rande vorkommt. Dabei kranken seine Ausführungen allerdings daran, dass er die wichtigsten Forschungsarbeiten der letzten Jahre unberücksichtigt lässt. So fehlt etwa jeglicher Hinweis auf Brigitta Kubitscheks umfassende Reventlow-Monographie "Ein Frauenleben im Umbruch" (1994) und auf die einschlägigen Arbeiten von Christine Kanz, etwa auf ihren Aufsatz "Zwischen sexueller Befreiung und misogyner Mutteridealisierung: Psychoanalyserezeption und Geschlechterkonzeption in der literarischen Moderne (Lou Andreas-Salomé Franziska zu Reventlow, Erich Mühsam, Otto Gross)" (2000). Wenn Faber resümierend meint, Reventlow gehöre "auf die Seite derer, die, wie vor allem Gross, eine matriarchale, sprich hetärische Utopie vertraten: Eigentlich kein Mutter-, sondern - wie Mühsam - ein "Frauenrecht", so hätte er über die diesbezüglichen Unterschiede zwischen den dreien, insbesondere zwischen der "madonnenhaften Gräfin" und Mühsam einerseits und Gross andererseits bei Kanz einige Aufklärung finden können.

Ähnlich empfindliche Lücken wie Fabers Aufsatz weisen hinsichtlich der Berücksichtigung von Sekundärliteratur allerdings auch andere Beiträge auf. So ignoriert etwa Martin Green in seinem Text zur "Rezeption von Hans und Otto Gross im englischen Sprachraum" Jennifer E. Michaels' nicht eben unwichtiges Buch "Anarchy and Eros: Otto Gross' Impact on German Expressionist Writers" (1983).

Nicht Vater oder Sohn Gross, sondern Franz Kafka und der Interpretation seiner Werke wendet sich Janko Ferk, seines Zeichens Richter am Landgericht Klagenfurt, zu. Zwar räumt er ein, dass Kafkas Literatur "aus verschiedenen Aspekten oder Perspektiven" ausgeleuchtet werden kann. Die "erste und nahe liegendste Interpretationsmöglichkeit" sei jedoch die biografische. Auch die werkimmanente Interpretation sei "naturgemäß" naheliegend. Und da die "juristische beziehungsweise rechtsphilosophische und -theoretische Deutung" immanent sei, sei sie es ebenfalls. Umso nachdrücklicher bedauert der Autor, dass eine solche Interpretation "bis heute im Eigentlichen fehlt", und steht nicht an, diese klaffende Lücke zu füllen. Seine Arbeit führt ihn zu der Einsicht, das von Kafka "her[ge]stellt[e]" "Richterbild" sei "[i]m Eigentlichen [...] nicht sehr vorteilhaft", lasse dessen "Richter-Motiv" doch die "Tendenz" erkennen, den Berufsstand des Richters und seine Funktion "zumindest zu kritisieren". Doch tröstet sich Ferk mit der abschließenden Bemerkung, "dass der Jurist Franz Kafka mit Bestimmtheit kein Gegner der zeitgenössischen Justiz war. Seine strikte Gegnerschaft hat sich unzweifelhaft nicht gegen sie gerichtet, sondern einzig und allein gegen die Unmenschlichkeit und Todesstrafe."

In weiteren Beiträgen widmen sich Gernot Kocher und Christian Grafl Hans Gross. Kochers Aufsatz gilt dem Methodenwandel der Beweisführung von Theresania bis Hans Gross, der von Grafl den Methoden der Kriminalistik bei Hans Gross. Helmut Samer untersucht "[d]ie behördliche Bekämpfung der 'Zigeuner' in der Steiermark 1848-1921" und Eva Züchner beleuchtet die Beziehungen zwischen Otto Gross und der Berliner Fraktion der Künstlerbewegung Dada. Gesine Palmer fragt die Psychoanalyse, was ein Vater sein soll, und Ralf Rother behandelt "[d]ie Gewalt des Vaters und seiner Mörder", während Albrecht Götz von Olenhusen über die "Befreiungskampagne" für Otto Gross aus den Jahren 1913/14 berichtet. Die war zwar eine Freilassungskampagne. Doch das würde ja weniger umstürzlerisch klingen.

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Gerhard Dienes / Ralf Rother (Hg.): Die Gesetze des Vaters. Hans und Otto Gross, Sigmund Freud, Franz Kafka. Problematische Identitätsansprüche.
Böhlau Verlag Wien, Wien 2003.
287 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 3205770706

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