"Nataschas Tanz"

Orlando Figes interpretiert die russische Kultur

Von Daniel HenselerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Henseler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Touristen bringen aus Russland gerne die hölzernen Spielzeugpuppen mit nach Hause, die sich ineinander verschachteln lassen. Sie glauben gemeinhin, die Puppen hießen "Babuschkas" und seien ein typisch russisches Souvenir. Doch nennt man sie eigentlich "Matrjoschki" (eine Ableitung des damals auf dem Land geläufigen Vornamens "Matrjona"), und vor allem: Sie haben ursprünglich keinen eigentlichen Bezug zur russischen Volkskultur. Der Künstler Sergej Maljutin stellte die erste "Matrjoschka" 1891 her; die Familie des Großindustriellen Mamontow hatte ihm den Auftrag gegeben, eine russische Version einer japanischen Schachtelpuppe anzufertigen.

Nebenbei klärt Orlando Figes in seiner Kulturgeschichte Russlands "Nataschas Tanz" auch solche Missverständisse auf. Seine Darstellung versteht Figes nicht als umfassende historische Abhandlung, sondern als eine Interpretation der russischen Kultur. Er geht davon aus, dass es keine einzig wahre Nationalkultur gibt, sondern allenfalls mythische Bilder von ihr. Daher rückt für Figes ins Zentrum des Blickfeldes die Suche nach dem, was man als das eigentlich Russische bezeichnen könnte. Die Russen selbst setzten sich in ihrer Kultur immer wieder damit auseinander. Für Figes, der am Birkbeck College in London Geschichte lehrt und schon 1998 mit einem viel beachteten Werk zur russischen Revolution hervorgetreten ist ("Tragödie eines Volkes"), wird die Suche nach den Wurzeln und dem Wesen des Russischen zu einem eigentlichen Merkmal der russischen Identität. Wie Russland dabei immer wieder in ein Spannungsfeld unterschiedlicher Kräfte und Einflüsse gerät, zeigt Figes auf über 700 Seiten eindrücklich auf.

Der Titel von Figes' materialreicher Untersuchung spielt auf eine Schlüsselszene in Lew Tolstojs Roman "Krieg und Frieden" (1868/69) an: Die Komtesse Natascha Rostowa, ganz im europäischen Geist erzogen, wird nach der Jagd in eine einfache Holzhütte eingeladen. Nach dem Essen wird gemeinsam musiziert, und die Komtesse, die fern von dieser bäuerlichen Welt aufgewachsen ist, beginnt ganz instinktiv richtig und mit natürlicher Anmut zu tanzen, als eine ihr bis anhin unbekannte russische Volksweise intoniert wird. Hier wird einer der Mythen über Russland angesprochen, wonach nämlich die wahre russische Identität auf dem Land, in den Traditionen des Bauerntums zu finden sei. In acht Themenkapiteln geht Figes in der Folge verschiedenen Aspekten der russischen kulturellen Identität nach. Literatur, Malerei und Musik werden dabei bevorzugt behandelt, aber auch die bildende Kunst, der Film, Memoirenwerke und Tagebücher kommen nicht zu kurz.

Die Darstellung setzt mit dem Versuch einer Europäisierung Russlands durch Peter den Großen ein und erstreckt sich bis in die sowjetische Zeit mit ihrer zweigeteilten Kultur: einer offiziellen, im Land verbliebenen, und einer Kultur der Emigration. Auf das alte, vorpetrinische Russland wird bei diesem Überblick hingegen nur gelegentlich eingegangen. Im Kapitel "Die Nachfahren des Dschingis Khan" steht beispielsweise die Frage nach Russlands östlichen Wurzeln im Zentrum, ein Thema, das bis heute für die Diskussionen um die Identität Russlands von herausragender Bedeutung ist. Im Grunde genommen geht es hier stets darum, ob und wie stark ein asiatisches Erbe auf die russische kulturelle Identität eingewirkt hat, und vor allem, wie dieses zu bewerten ist. Hat die tatarisch-mongolische Herrschaft (ca. 1240 bis 1380) ihre Spuren in der russischen Kultur hinterlassen (und wie!, würde Figes antworten)? Ist - um nur ein Beispiel zu nennen - der Despotismus mancher russischer Herrscher ein asiatischer Import? Alexander Herzen, der kritische Denker des 19. Jahrhunderts, meinte einmal, Zar Nikolaus I. sei ein "Dschingis Khan mit Telegraf". Figes lässt hier auch Lenins kalmückische Vorfahren nicht unerwähnt; er überlässt es allerdings dann dem Leser, diese Information zu interpretieren. Freilich stellt Figes den östlichen Elementen der russischen Kultur auch Kapitel gegenüber, die umgekehrt die Bemühungen thematisieren, Russland gezielt zu europäisieren. Die Frage nach Russlands Wurzeln und Bestimmung zwischen Ost und West ist bis heute virulent geblieben, wie Figes sehr gut weiß.

Seine Geschichte der russischen Kultur hat der Autor durchkomponiert. Als besonders gelungen darf auch sein Einfall gewertet werden, zwei der bedeutendsten Adelsgeschlechter immer wieder auftreten zu lassen: die Scheremetjews und die Wolkonskis. Die Scheremetjews waren seit Peter dem Großen rasch an die Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie aufgestiegen. Mit einer geschätzten Million Leibeigener und 800.000 Hektaren Land waren sie die reichste Familie Russlands. Die Scheremetjews haben viel für die Kunst getan, einige Leibeigene haben sie eigens zu Malern oder Schauspielern ausgebildet. In Kuskowo, einem ihrer Landsitze bei Moskau, haben sie ein Theater eingerichtet: Hier wurden das russische Ballett und die russische Oper geboren.

Orlando Figes' beeindruckende und spannend zu lesende Darstellung gehört nicht nur in die Bibliothek von Osteuropawissenschaftlern; man wünscht sie sich besonders auch in das Gepäck von Journalisten.

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Orlando Figes: Nataschas Tanz. Eine Kulturgeschichte Russlands.
Übersetzt aus dem Englischen von Sabine Baumann und Bernd Rollkötter.
Berlin Verlag, Berlin 2003.
736 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-10: 382700487X

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