Frauenmord im Namen der Ehre

Die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes veröffentlicht einen Sammelband zum Tatmotiv Ehre

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor etwas mehr als zwanzig Jahren entschlossen sich einige Frauen, eine deutsche Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte für Frauen zu gründen: Terre des Femmes. Anlass war der Bericht einer Illustrierten über so genannte "Ehrenmorde". Im Laufe der Jahre wuchs die Anzahl der MitstreiterInnen (inzwischen nahezu 3.000) ebenso wie die der Bereiche, in denen Terre des Femmes tätig ist. So kämpfen sie inzwischen mit ständigen Referaten, Eilaktionen, Kinospots, Veranstaltungen und Publikationen gegen Frauenhandel, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung an Frauen, Sextourismus, religiöspatriarchalische Tyrannein, die Diskriminierung von Lesben, die Ausbeutung von Textilarbeiterinnen in Billiglohnländern - und immer noch gegen Verbrechen im Namen der 'Ehre'.

Denn das Gründungsthema ist nach wie vor von dringlicher Aktualität. Auch heute noch gibt es für die ,Ehrenmänner' viele 'Gründe', eine Frau umzubringen, sei es, dass sie ein uneheliches Kind geboren hat, sie vergewaltigt wurde oder auch nur das Gerücht, sie habe ein Verhältnis. Es kann sogar schon genügen, dass sie einen westlichen Lebensstil pflegen will oder einfach nur einem Fremden zugelächelt hat. Dies sind einige der 'Gründe' aus denen Frauen von ihren männlichen Verwandten ermordet werden. In Indien sind außerdem noch Mitgiftmorde und mancherorts Säureattentate von abgewiesenen 'Verehrern' an der Tagesordnung. Darüber hinaus werden zahlreiche 'Ehrenmorde' begangen, um andere Verbrechen wie Inzest oder Vergewaltigung zu vertuschen. Laut einem Bericht der UNO fallen jährlich etwa 5.000 Frauen einem "Ehrenmord" zum Opfer. In Jordanien sind beispielsweise 30 Prozent aller Tötungsdelikte "Ehrenmorde". So jedenfalls die offizielle Statistik des Landes. Die Dunkelziffer dürfte ungleich höher liegen.

Daher gilt die jährlich am 25. November beginnende und heuer erstmals über zwei Jahre laufende Jahreskampagne von Terre des Femmes dem "Tatmotiv Ehre". Unter diesem Titel ist auch das Begleitbuch erschienen. Es gliedert sich in vier größere Abschnitte. Im ersten, "Analysen und Fakten", führt Myria Böhmecke in das Thema ein, Peter Antes legt in einem besonders aufschlussreichen Beitrag das Verhältnis von Religion und Verbrechen im Namen der Ehre dar, und Antonia Kirkland zeigt an den Beispielen Jordaniens, der Türkei und Pakistans, wie "Ehrenmorde" in verschiedenen Länder gesetzlich legitimiert werden.

Im zweiten Abschnitt informieren sieben Autorinnen in ausgewählten Länderbeispielen über Verbrechen im Namen der Ehre, so etwa über Ehrverbrechen in Jordanien, in Afghanistan, im Vor- und Nachkriegsirak sowie in der Türkei, aber auch in der Schweiz. Außerdem wird über Steinigungen im Iran und Giftmorde in Indien berichtet.

Das dritte Kapitel wendet sich ganz den in Deutschland begangenen Verbrechen im Namen der Ehre und deren Bekämpfung zu. Marina Walz-Hildenbrandt informiert über juristische Aspekte und mögliche Schutzmaßnahmen, eine Ärztin berichtet von den zahlreichen Frauen, die in ihre Praxis kommen, um sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen zu lassen und erklärt, warum sie darin nicht wirklich eine Lösung sieht. Lale Akün hält ein flammendes Plädoyer für "Integration und null Toleranz gegenüber Intoleranz". "Unterdrücker und Gutmenschen" klagt sie an, gemeinsam einen "anti-emanzipatorischen Schutzwall" zu errichten, der von ihnen "gehegt und gepflegt" werde und hinter dem sie sich gemeinsam "verschanzen". "Schluss mit der Multikulti-Folklore auf Kosten von Mädchen und Frauen", lautet ihre berechtigte Forderung.

Im letzten Kapitel berichten Frauenrechtsaktivistinnen über verschiedene internationale Kampagnen und Projekte. Rahel Volz informiert über "EU-Projekte gegen Ehrverbrechen", und Sanchita Hosali stellt "Initiativen und Strategien internationaler Nichtregierungsorganisationen" vor. Myria Böhmecke schließlich zieht ein Resümee und legt die Forderungen von Terre des Femmes dar.

Im Anhang dieses wichtigen Buches werden zunächst Romane und Sachbücher "zum Weiterlesen" empfohlen. Sodann wird eine Auswahl von Dokumentarfilmen zum Thema vorgestellt. Allerdings wurde versäumt mitzuteilen, wie sich interessierte Personen oder Organisationen diese Filme besorgen können. Weitere Listen bieten Adressen deutscher Hilfseinrichtungen sowie Internet-Adressen internationaler Frauenrechtsorganisationen.

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Terres des Femmes / Myria Böhmecke (Hg.): Tatmotiv Ehre. Schriftenreihe NEIN zu Gewalt an Frauen.
Terre des Femmes Verlag, Tübingen 2004.
104 Seiten, 9,90 EUR.
ISBN-10: 3936823057

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