Paradoxale Schreib-Formen

Vom Nutzen und Nachteil dekonstruktiver Kleist-Lektüren

Von Axel SchmittRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Schmitt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Allgemein gilt es als gesichert, dass sich die Dekonstruktion als eigenständiger Ansatz erschöpft und zunehmend mit anderen, eher inhaltlich orientierten Ansätzen der Literatur- und Kulturtheorie verbunden hat. Immer wieder wird in diesem Zusammenhang auf die Ambivalenz des Ansatzes verwiesen, je nach Präferenz des Interpreten kann dabei entweder die Bedeutungspluralisierung an einem Text betont werden, die den Verlust des Zentrums affirmiert und sich als Möglichkeit produktiven Spiels herausstellt oder die letztliche Bedeutungsleere, die durch den selbstdekonstruktiven Charakter des Textes am Ende notwendigerweise herauskommt.

Merkwürdig quer zu diesem Befund steht auf den ersten Blick der Umstand, dass sich die Kleist-Forschung nach Ansicht Jochen Schmidts seit Beginn der 1980er Jahre in einer "dekonstruktiven Wende" befinde, in deren Folge Kleists Texte "zum bevorzugten Gegenstand antihermeneutischer Text-Lektüren" wurden. Seine Philippika auf die "enthistorisierende Dekonstruktion" findet sich in einem Teilkapitel seiner vor kurzem vorgelegten Werkmonografie zu Kleist, in der er vor allem den Aspekt der Zugehörigkeit und gleichzeitigen Eigenständigkeit Kleists und seiner Texte "in der Verwerfungszone von Aufklärung und Romantik" herausarbeitet. Nach Schmidt hat kein anderer deutscher Dichter den "dekonstruktivistischen Impetus" derart befeuert wie Kleist. Ansatzpunkte hierfür böten "seine ironischen und oft auch subversiven Problematisierungen geltender Normen, seine markante Thematisierung von Kontingenz sowie die in den Erzählungen von einer tief reichenden Skepsis geprägte narrative Strategie, die vom 'unzuverlässigen Erzählen' bis zur Inszenierung von perspektivisch gebrochenen und insofern immer schon relativierten Wertungs- und Deutungsmustern bei den Akteuren des dargestellten Geschehens reicht". Schmidt unterstreicht auf recht anschauliche Weise, wie sehr die Textverfahren Kleists und auch seine entsprechenden thematischen Interessen in den von ihm intensiv rezipierten Denkformen der Aufklärung wurzeln, wie sehr sie aus dem krisenhaften Ordnungs- und Orientierungsverlust der Jahre um 1800 und nicht zuletzt aus der entgrenzenden Faszination der Romantik ihren Reiz gewinnen. Die in diesem Zusammenhang vielleicht interessanteste Frage ist die nach dem bei Kleist zu konstatierenden Umschlag eines genuin aufklärerischen, kritischen und experimentellen Denkens in ein suspensives Arrangement der Texte. Nach Schmidt scheint die Schwelle zwischen Aufklärung und Romantik dort transgrediert, "wo Kleists Werk durch Inszenierung von widersprüchlichen Konstellationen, perspektivischen Brechungen, provozierend fragwürdigen Wertungen und sogar durch Implementierung von Leerstellen den Leser in Suchbewegungen treibt, die ihr Ziel nicht mehr innerhalb des Werks finden".

Komplementär hierzu konstatiert Schmidt bei den Vertretern der von ihm ausgemachten dekonstruktivistischen Fehl-Lektüren die nicht existente Bereitschaft, Kleists Texte auf eben diese Weise zu kontextualisieren, und wirft ihnen stattdessen vor, den Dichter zur Präfiguration poststrukturalistischer Theoriebildung zu machen. Kritisiert wird auf mitunter harsche, in jedem Fall aber unzutreffende Weise die "vordergründige, epigonale Applikation" literaturtheoretischer Überlegungen auf literarische Texte. "Dem theoretisch vertretenen Prinzip der Selbstreferentialität huldigt diese Gemeinde praktisch in einem abgehobenen 'Diskurs' für Eingeweihte und in einem dekonstruktivistisch markierten Kartell, nicht zuletzt in einem Zitierkartell". Auf diese Weise mache sich ein "autoritative[r] Gestus" breit, zu dem "nicht die Argumentation, sondern die apodiktische Peroration" gehört. Wenn Schmidt als hermeneutisches Remedium gegen die 'dekonstruktiven Aberrationen und Text-Zerstückelungen' die "möglichst genaue Text-Analyse" fordert, wird deutlich, wie sehr seine Wertung in die Irre geht. Gerade das Aufspüren dekonstruktiver Textbewegungen fordert ein close reading des Textes und verzichtet darauf, Inkonsistenzen auf der Textebene als werkbiografisch legitimierbare Komplexitäten zu verstehen, die es erlauben würden, wie in einer alchimistischen Versuchsanordnung, den 'einen' Sinn aus den dicht geknüpften Texturen herauszudestillieren.

Bereits bei Max Kommerell hätte Jochen Schmidt fündig werden können, was die beiden dominierenden (komplementären) Elemente der Texte Kleists betrifft. Nach Kommerell entwickeln sie eine Theorie der Sprache und eine Theorie des Körpers, der immer auch Zeichen-Körper ist: eine Theorie von der Geburt und Lesbarkeit der Zeichen, von dem Wechsel- und Widerspiel ihrer digitalen wie ihrer analogen Qualitäten, zwischen Buchstabe und Bild. Wie sehr Sprache und Körper um 1800 versehrt sind, führt Kleist von den frühen Dramen bis hin zu seinen letzten Erzählungen exemplarisch vor: Das Stocken der Sprache, das Straucheln des Körpers und das Zerbrechen einheitlicher Sinnordnungen im "Zerbrochnen Krug", das tödliche Ineinanderspielen der Sprachexperimente Achilles' mit der traditionellen Liebesrhetorik und der Körperentzifferungskunst Penthesileas, die Frage nach der Identität des zerstückelten Körpers, seine Wahrnehmung und Wiedererkennung im "Amphitryon" ließen sich hier anführen. In Kleists letzter Erzählung, "Der Zweikampf" von 1811, bricht schließlich der Versuch einer Lektüre des versehrten Körpers in sich zusammen, beharrt sie doch auf der Mehrdeutigkeit der dargestellten Wunden. Während der medizinische und ästhetische Diskurs um 1800 auf eine kohärente Integration des verwundeten Körpers abzielt (so akzentuiert noch Lessings "Laokoon" die Lesbarkeit des Schmerz-Körpers als eines schönen, vollendeten Körpers), entwirft der literarische dagegen einen Körper, der zwar von Wunden gezeichnet ist, aber dennoch nichts Eindeutiges mehr bezeichnet. Damit verlieren die Wunden im "Zweikampf" selbst noch den ambivalenten Sinn, als lesbares Wund-Mal einen Sinn zu erschließen. Deshalb aber gewinnen Kleists Texte eine radikale Vielschichtigkeit, durch die sie grundlegend über die zeitgenössischen Nachbardiskurse hinausgehen. Gerade hier wird deutlich, dass dekonstruktive Ansätze keineswegs per se im luftleeren Raum arbeiten und auf die Einbeziehung historischer Kontexte und Diskurse verzichten.

Dieser Befund wird deutlich untermauert durch eine ganze Reihe seit 1980 erschienener wissenschaftlicher und essayistischer Beiträge, von denen Anton Philipp Knittel und Inka Kording in ihrem Kleist-Band im Rahmen der Reihe "Wege der Forschung" (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) einige versammelt haben. Nach den beiden von Walter Müller-Seidel 1967 und 1981 herausgegebenen Bänden liegt somit immerhin schon der dritte Band zu Kleist vor. Bedenkt man die große Zahl und die unglaubliche Diversität der Beiträge (diskursanalytische, zeichentheoretische, dekonstruktive, kulturwissenschaftliche), die in diesen Zeitraum fallen und der Kleist-Forschung neue Impulse gegeben haben, so war die Arbeit der beiden Herausgeber gewiss keine leichte. Nicht zufällig liegt ein Schwerpunkt der Beiträge in der Etablierung von Kleists 'Modernität', dem Herausarbeiten des Bildes jenes Dichters, der, wie die beiden Herausgeber in ihrer Einleitung unterstreichen, "gerade durch paradoxale Schreib-Formen, durch die immer neue Infragestellung kohärenter, geschlossener Sinnsysteme oder durch eine zu Irritationen und Verzeichnungen führende offene Text-Struktur die permanente und neue Deutungen zeitigende Ré-lécture [sic!] seiner Werke provoziert". Eröffnet wird der Band mit einem Auszug aus Helga Gallas' bahnbrechendem "Kohlhaas"-Buch aus dem Jahre 1981, das den ungewöhnlichen Ansatz Jacques Lacans literaturwissenschaftlich reflektiert und einem weiteren Publikum verständlich gemacht hat. Ihre Untersuchung verweist noch auf den alten hermeneutischen "Hunger nach Sinn", der jedoch - im Spiel der gleitenden Signifikanten - uneinlösbar geworden ist. Jürgen Schröder beispielsweise verdeutlicht in seinem Beitrag zum "Findling" die Unstillbarkeit dieses Hungers, indem er die Zersplitterung der originären Sinnsysteme und -ordnungen im Text selbst vorführt.

Die Kombination von inhaltlicher Deutung und Analyse der "sprachlichen Eigenbewegungen des Textes" steht auch im Zentrum der Auseinandersetzung Roland Reuß' mit den Texten Kleists. Einen Höhepunkt findet die Anthologie in einem Auszug aus László Földényis alphabetischem Wörternetz, das der 'Grazie' nicht als 'Anmut' im Sinne Schillers nachspürt, sondern sie als "unbewusste Vollkommenheit" in so unterschiedlichen Kontexten wie der "Penthesilea", dem "Marionettentheater"-Essay oder in der Erscheinung des Kleist-Freunds Ernst von Pfuel versteht. Földényis Skizzierung des Blicks durch das "Schlüsselloch" metaphorisiert den Leser-Blick auf die Texte Kleists selbst: Auch die scheinbare Faktizität der erspähten Tatsachen verwirrt sich in der Polyphonie der Stimmen und Charaktere, im Konglomerat der Perspektiven und Blickwinkel und öffnet einen Ein-Blick in die "Gebrechlichkeit der Darstellungs- und Sichtweise selbst". Aus den so entstehenden Interferenzen von Blicken, Stimmen und Texten lässt sich die Unausdeutbarkeit der Kleist'schen Texte erklären, die nicht zuletzt auch darin ihren Ausdruck findet, dass kaum noch ein Jahr ohne Kleist-Symposion, Kleist-Sammelband oder Dutzende von Dissertationen zu Kleist vergehen. Zudem hat sich das 1980 begründete Kleist-Jahrbuch, von Jochen Schmidt als geheime Kommandozentrale der dekonstruktiven Kleist-Lektüre geoutet, längst als ein hoch angesehenes Diskussionsforum der Forschung etabliert.

Ausgesprochen verdienstvoll sind die drei Forschungsberichte, die den Band beschließen. Sie sind jeweils einem Text Kleists ("Amphitryon", "Penthesilea" und "Michael Kohlhaas") gewidmet und versuchen im Dickicht der sekundären Stimmen Orientierung zu vermitteln. Das erscheint besonders für die "Penthesilea", dem schwierigsten und sperrigsten Text Kleists überhaupt, dringend geboten. Birgit Hansen, Verfasserin dieses Überblicks, kategorisiert rhetorisch-linguistische Entwürfe, psychopathologisch orientierte, motivgeschichtliche sowie gesellschafts- und vernunftkritische Ansätze, zwischen denen es Überschneidungen gibt. Völlig zu Recht weist sie darauf hin, dass Kleists Entscheidung, im Januar 1808 einige Szenen der "Penthesilea" unter dem Titel "Organisches Fragment" in der ersten Ausgabe des Dresdener Kunstjournals "Phöbus" zu veröffentlichen, eine quasi programmatische Lektüre vorgegeben hat, nämlich die "der Fragmentierung des organischen Körpers und des Sprachkörpers". So stehen nicht zufällig Themen wie das "Körper-Bild" und seine sprachliche "Zerfällung" (Bettine Menke), die "Fragmente einer Sprache der Liebe" unter der Ägide des "physiognomischen Blicks" (Gerhard Neumann), das organische Opfer und die brüchige Transzendenz des "Opfergedanken[s]" (Anthony Stephens) oder das "Geklüfft" der Sprache (Roland Reuß) im Zentrum der referierten Beiträge. Auch wenn das Paradoxon, inwiefern ein Fragment, das per se unvollständig ist, mit dem Attribut 'organisch', enggeführt werden kann, unauflösbar ist, so ist es Birgit Hansen doch immerhin gelungen, diese Irritation in seiner epistemologischen und psychologischen Wirksamkeit nachzuzeichnen. "Erkennen", so ließe sich resümieren, orientiert sich für Kleist, und damit legitimerweise auch für die Leser seiner Texte, immer auf zwei Zeichenfeldern der Lebenswelt: dem Ausdrucksfeld der Sprache und dem Ausdrucksfeld des Körpers. Die Auswirkungen des von Kleist erarbeiteten anthropologischen Konzepts reichen weit über die Schwelle um 1800 hinaus. Eine Weiter-Schrift finden seine poetologischen Implikationen vor allem in den Texten Franz Kafkas, der die von Kleist gesetzten Spielordnungen aufgreift und weiterführt, in seinen parabelhaften Texten wie in seinen Romananfängen, den Zauber der Sprache mit deren Zersetzung, mit dem Kollaps der Ordnung der Körper-Zeichen und Zeichen-Körper ineinander schmelzend. An diesem Punkt hat sich die dekonstruktive Lektüre der Texte Kleists nicht - wie Jochen Schmidt zu beobachten glaubt - selbst ad absurdum geführt, sondern steht recht eigentlich erst an ihrem Anfang, besonders dann, wenn es ihr zukünftig gelingt, die von den Texten vorgeführten Verstörungen und Zersplitterungen einheitlicher Sinnsysteme noch stärker im Kontext zeitgenössischer 'Aufschreibesysteme' zu verorten.

Titelbild

Inka Kording / Anton Philipp Knittel (Hg.): Heinrich von Kleist. Neue Wege der Forschung.
wbg – Wissen. Bildung. Gemeinschaft, Darmstadt 2003.
299 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-10: 353415813X
ISBN-13: 9783534158133

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Jochen Schmidt: Heinrich von Kleist. Die Dramen und Erzählungen in ihrer Epoche.
wbg – Wissen. Bildung. Gemeinschaft, Darmstadt 2003.
312 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-10: 3534157125

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Kleist-Jahrbuch 2003.
Herausgegeben von Günter Blamberger, Sabine Doering und Klaus Müller Salget.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2003.
338 Seiten, 49,95 EUR.
ISBN-10: 3476019780

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Kleist-Jahrbuch 2004.
Herausgegeben von Günter Blamberger, Sabine Doering, Klaus Müller-Salget und Ingo Breuer.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2004.
182 Seiten, 39,95 EUR.
ISBN-10: 3476020487

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