Epische Gesänge im Heute

Übersetzungen koreanischer Pansoris

Von Kai KöhlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Kai Köhler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei Personen auf der Bühne, deren eine rezitiert und singt, während die andere dazu in scheinbar völlig irregulärem Rhythmus die Trommel schlägt, und das bis zu acht Stunden lang: eine scheinbar sichere Methode, das Publikum zu vergraulen. Nicht so in Korea: Das Pansori erfreute sich über Jahrhunderte als Volkskunst größter Beliebtheit und wurde um 1900 sogar am Hof zugelassen, während Schriftsteller die Handlungen in Romanform festzuhalten suchten. Durch die japanische Kolonialherrschaft wurde es ebenso an den Rand gedrängt wie durch spätere Diktaturen in Südkorea, die in ihrer Entschlossenheit zur Modernisierung mit traditioneller Kunst wenig anzufangen vermochten. Seit den neunziger Jahren jedoch gewinnen Pansoris, nun wie vormoderne Kultur überhaupt von der Regierung gefördert, wieder ein größeres Publikum.

Von Europa aus gesehen steht das Genre zwischen den Künsten. Im Untertitel bezeichnen die Übersetzer Pansoris als die "gesungenen Romane Koreas", was wenig hilfreich ist - denn historisch wurden aus den Gesängen erst spät Romane. Handelt es sich um Theater? Zwar gibt es eine Bühne und Zuschauer, doch nur einen Sprecher oder Sänger, der sich kaum bewegt und allein durch seine Stimme den verschiedenen Figuren ihre Kontur verleiht. Man mag die Differenz von Stimme und körperlicher Präsenz als Verfremdungseffekt bezeichnen - doch kaum im Sinne Brechts, der sich vielfach vom fernöstlichen Theater anregen ließ. Es geht kaum um Kritik, auch wenig um Virtuosität als Selbstzweck, sondern um die Kunst einer musikalisch-epischen Charakterisierung.

Das Repertoire ist eng. Um 1800 scheint es noch zwölf Stücke gegeben zu haben, überliefert sind nur sechs, in freilich einer Vielzahl von Fassungen. Das Spannungsverhältnis von Wiederbegegnung und Variation scheint für die Rezeption wichtiger gewesen zu sein als die neue, spannende Story. Das führt zu einem Kanon, der kulturell verbindlich ist; und zumindest zwei der Stücke, die Geschichten von Chunhyang und von Simcheong, können in Korea heute als allgemein bekannt vorausgesetzt werden, freilich auch, weil sie durch moderne Medien weiterverbreitet wurden. Beide sind, neben dem Sugung-ga, in vorliegendem Buch enthalten, das als "Band 1" bezeichnet ist; zu erwarten ist also eine Übersetzung auch der anderen drei Pansoris.

Die drei Werke unterscheiden sich voneinander deutlich. Am beliebtesten ist Chunhyang-ga, eine Geschichte weiblicher Treue. Chunhyang ist dem Sohn des Präfekten ihrer Provinzstadt fest verbunden. Aus Standesgründen kann er sie nicht mitnehmen, als seine Familie in die Hauptstadt berufen wird. Der neue Präfekt versucht, Chunhyang zu sexuellen Diensten zu zwingen. Als sie sich ihm verweigert, wird sie geschlagen und eingesperrt. Gerade noch rechtzeitig vor ihrer Hinrichtung erscheint ihr Geliebter, inzwischen königlicher Sonderbotschafter, straft den korrupten Beamten und belohnt die Treuen.

Das Pansori nimmt eine prekäre Stellung zwischen Kritik und Affirmation ein, mit einem auch aus Europa bekannten Muster. Böse ist der untergeordnete Beamte vor Ort, als gut vorgestellt dagegen der ferne König, der vom Treiben seiner Untertanen nichts weiß. So wird Systemkritik zur Moralkritik abgeschwächt (und moralische Erzählungen sind alle Pansoris). Andererseits bietet die Konstellation eine Gelegenheit, scharfe Kritik zumindest an Erscheinungen zu üben; und im mündlichen Vortrag dürfte diese zuweilen noch schärfer ausgefallen sein als im kontrollierbaren Druck, zumal auch das Publikum einer Pansori-Aufführung sich durchaus mit Einwürfen beteiligte.

Jedenfalls widerspricht Chunhyang-ga der konfuzianistischen Familienordnung, indem eine wenn auch leidende Frau Heldin sein darf. Eine Heldin und die Eigenheit, dass die Handlungsführung eine Vielzahl stark emotionalisierender Szenen erlaubt, hat die Geschichte von Chunhyang mit der von Simcheong gemeinsam. Als Beispiel der Elternverehrung opfert sich Simcheong für ihren blinden Vater auf, der, um wieder sehen zu können, einem Tempel eine große Spende versprochen hat. Sie verkauft sich an Seeleute, die ein Opfer brauchen, um für ihr Schiff eine glückliche Fahrt zu gewährleisten. Die Götter sind davon derart berührt, dass sie Simcheong ihr Leben schenken, sie in die Welt zurückschicken, wo sie Gattin des Kaisers von China wird. An ihrem Hof veranstaltet sie ein Fest für alle Blinden des Landes, damit sie ihren Vater wiedertrifft, der prompt auch wieder sehen kann.

Hier sind herrschende Normen nirgends infrage gestellt. Simcheong triumphiert, weil sie sich dem patriarchalen Tugendkatalog fraglos unterwirft. Das Ineinander von Menschenwelt und Märchenwelt führt zu keinerlei Brechung, sondern zur Bestätigung eines Kosmos, der auf diese Weise als so unwandelbar wie ideal erscheint. Dazu passt, dass böse Menschen in diesem Pansori nur ganz am Rande auftauchen, fast alle Handelnden geradezu penetrant gut sind.

Simcheong kam, als sie ins Wasser sprang, in den Palast des Drachenkönigs am Meeresgrund. Im nun ganz fabelartigen Sugung-ga erkrankt jener Drachenkönig schwer. Angeblich kann nur eine Hasenleber ihn heilen. Doch woher sie im Wasser nehmen? Die Sumpfschildkröte als treuer Untertan lockt tatsächlich einen Hasen herbei, der sich jedoch geschickt wieder in die Freiheit und ans Land schwindelt, wo er weiteren Gefahren entkommt. Die Handlung ist hier wenig geschickt aus offenkundig mehreren Quellen kombiniert; die Krankheit des Drachenkönigs gerät fast in Vergessenheit angesichts der Tricks, mit denen der Hase, der doch zunächst nur als Medizin dienen sollte, sein Überleben sichert. Manche fabelartige Episoden haben sogar mit diesen beiden Handlungen wenig zu tun, zuweilen drängen sich Vulgarismen in den Vordergrund. Doch scheint das Nebeneinander genreadäquat, erlaubt gerade die Vielheit, abwechslungsreich Episoden aneinander zu reihen und satirisches Potential gegenüber individuellen Schwächen, aber auch gegenüber herrschaftlichem Machtgebaren von Königen im mythischen Meer wie im Tierreich an Land auszuspielen.

Geglättet ist hier nichts. Das kennzeichnet überhaupt die Übersetzung durch Chung Kyo-chul und Matthias R. Entreß, die auf eilfertige Anpassung an deutsche Lesegewohnheiten und Metaphorik zum Glück verzichtet haben. Das Ergebnis wirkt zuweilen leicht befremdlich, was bei geographisch und zeitlich fremder Literatur aber auch so sein muss. Manchmal ist das Fremde aber auch erhellend. "Endlose Trauer quillt aus ihrer Leber hervor" heißt es, bevor Simcheong von ihrem Vater Abschied nimmt. Man hätte "Herz" einsetzen können und mit der idiomatisierten Wendung eine Wahrnehmungsmöglichkeit abgeschnitten, wo im Leib denn tatsächlich die Trauer sitzen mag.

Insgesamt sind die Pansoris trotz der Treue zum Original überraschend leicht lesbar. Überliefert sind Spätfassungen, die für den an chinesischer Bildung interessierten Adel schon zahlreiche Anspielungen auf chinesische Kunst und Geschichte integrieren. Das alles ist in Fußnoten erschöpfend erläutert. Man kann das zur Kenntnis nehmen und sich bilden; doch sind die Texte auch aus sich verständlich, ist eine Rezeption auf verschiedenen Ebenen möglich.

Das Vorwort fällt weitaus umfangreicher aus als sonst leider bei den Korea-Büchern der Edition Peperkorn üblich. Hier war nun eine Erklärung besonders nötig. Über die Geschichte und Überlieferung der Pansoris werden die Leser gründlich informiert, wie auch zu Übersetzungsproblemen, die durchgehend überzeugend gelöst sind. Etwas sparsam sind dagegen die Informationen zur musikalischen Seite. Zwar ist die Singtechnik umrissen, doch erscheinen die schwierigen Rhythmen der Trommel eben nur als schwierig gekennzeichnet, und diese verschiedenen Rhythmen - die gleichzeitig Tempovorgaben sind - werden lediglich mit ihrem Namen aufgezählt. Hier zeigt sich ein Desiderat für ein Vorwort in einem Nachfolgeband.

Auch wäre zu erklären, worin die Attraktivität des Pansori heute besteht. Werden aktuelle Probleme behandelt? Der gute König hat abgewirtschaftet, und die untergeordneten Bösewichte heute kalkulieren viel zu kühl, um sich ihre Karriere durch irgendeine Frau zu versauen. Sogar die Mädchen, die sich heute in Korea für traditionelle Kunst interessieren, würden lange zögern, ihrem kranken Vater auch nur eine Niere zu spenden. Woher also in einem Land, das nicht zu den Verlierern der Globalisierung gehört, die Hinwendung zu Überkommenen? Weshalb können, zweitens, die Übersetzer von einem großen Interesse berichten, das eine Aufführung von Simcheong-ga in Deutschland hervorgerufen hat? Nicht zu reden von der Oper mit dem gleichen Stoff, die der als links geltende Komponist Yun Isang bereits 1972 in Deutschland komponierte, relativ sicher vor der antikommunistischen Militärdiktatur, die zu Hause so autoritär wie möglich auftrat und dem Land die autoritäre Tradition auszutreiben suchte.

So interessant wie die Pansoris selbst sind die Widersprüche, in denen sich ihre aktuelle Rezeption vollzieht. Man kann das auf der Ebene der Örtlichkeit diskutieren: Als traditionelle Kunst sollen die Pansoris Heimat verkörpern. Orte, die in ihnen genannt werden, bedeuten aber kaum je individuelles Erleben; wenn der königliche Sonderbotschafter sich umblickt und die Landschaft, die für ihn Jugend und Liebe zu Chunhyang bedeutet, unverändert sieht, ist das eine große Ausnahme. Meistens ist die Landschaft durch - chinesische - Geschichte kulturell determiniert und erhält so einen Zug von Exempel, der sie zur Starre verurteilt. Auf der Ebene der Personen tauchen im Text kaum Individuen auf; und inwieweit sie im Gesang individualisiert werden, ist zumindest fraglich. Chunhyang ist ein Emblem der Treue wie Simcheong eines der Vaterliebe. Mehr an Entwicklung gibt es nicht, und wo Ambivalenzen aufscheinen, sind sie durch Missverständnisse begründet, die bald beseitigt werden. Im fabelartigen Sugung-ga stehen die Tiere ohnehin für festgelegte Eigenschaften. Warum und wie neuzeitliche Individuen sich an und mit diesen Typen stabilisieren, ist eine Frage, mit der zu beschäftigen sich diese nützliche und informativ kommentierte Übersetzung ermöglicht.


Titelbild

Pansori. Die gesungenen Romane Koreas Band 1: Gesänge von Liebe, Treue und listigen Tieren.
Übersetzt aus dem Koreanischen von Chung Kyo-chul und Matthias R. Entreß.
Edition Peperkorn, Thunum 2005.
398 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-10: 3929181703
ISBN-13: 9783929181708

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