Gescheiterter Austausch

Alexandre Kostkas Sammelband über den Kulturtransfer zwischen Paris und Weimar

Von Marcel KringsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Krings

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Den Kulturtransfer zwischen Paris und Weimar zu untersuchen, mag auf den ersten Blick erstaunlich wirken. Die beiden Städte unterscheiden sich schließlich nicht nur durch schiere Größe, sondern auch durch Geschichte und politische Bedeutung. Doch gerade dieser "asymmetrischen Beziehung" nachzugehen, hat sich das von Alexandre Kostka herausgegebene Buch "Weimar - Paris, Paris - Weimar" vorgenommen.

Es versammelt die zumeist französischen Beiträge eines Kolloquiums, das die Universität Cergy-Pontoise 1998 zum Thema veranstaltete. Für den untersuchten Zeitraum zwischen 1832, dem Todesjahr Goethes, und dem Ersten Weltkrieg wird das Bild eines vielfältigen Kulturaustausches nachgezeichnet. Dagegen wird der Transfer zur Zeit der Klassik einigermaßen willkürlich ausgespart, dessen Zeichen die in französischer Literatur gutsortierten Bibliotheken der großen Weimarer Dichter ebenso waren wie die Ernennung Schillers zum Ehrenbürger der république.

Zwei Phasen lassen sich nun immerhin unterscheiden. Während der ersten, die bis zur Reichsgründung 1871 angesetzt wird, habe sich in erster Linie Paris für Weimar interessiert. Das kulturelle 'Goldene Zeitalter' der Stadt - Goethe, Schiller, Herder und Wieland - hatte reiches Erbe angehäuft und entwickelte starke Anziehungskraft. Seit Madame de Staels Buch "De l'Allemagne" galt Weimar in Frankreich als Verkörperung des "guten" Deutschlands. Was die Pariserin von philosophisch-tiefsinniger Redlichkeit berichtete, faszinierte so sehr, dass man Heines prophetische Warnungen vor dem Unheil des preußischen Militarismus in den Wind schlug. Die Generation der französischen Romantiker suchte und fand jenseits des Rheins literarische Inspiration. Nerval übersetzte Goethes "Faust", und noch im 'Silbernen Zeitalter' der Regierungszeit Maria Paulownas, der frankophilen Großherzogin, konnte Hector Berlioz zur Übersiedlung nach Weimar überredet werden.

Allzu bald aber veränderten sich die kulturellen Gewichte. Die zweite Phase zeige, so das Buch, dass nunmehr eher Weimar gen Paris blickte. Als Gründe solcher Interessensverschiebung wird vielerlei angeführt. Paris sei zur 'Hauptstadt des 19. Jahrhunderts' gereift und habe äußere Inspiration nicht mehr im gleichen Maße nötig gehabt. Auch habe die Generation der Symbolisten eher in Wagner ihr Vorbild gesehen und ihr Augenmerk mehr und mehr auf Bayreuth und die Festspiele gelenkt. Dazu kamen Weimars hausgemachte Probleme. Die Stadt stritt über den richtigen Weg, den es zwischen kulturell-musealem Erbe und den 'temps modernes' einzuschlagen gelte.

Die Fraktion der Modernisierer um Harry Graf Kessler, den Leiter des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe, schaute für ihren Traum eines Neuen Weimar auf Frankreich. Nur dann könne Weimar sich gegen aufstrebende deutsche Städte - etwa Bayreuth oder Darmstadt - behaupten, wenn man sich an französischen Kulturleistungen inspiriere. Ganz so "überraschend", wie das Buch den Leser glauben machen möchte, ist die Öffnung aufs Französische also nicht gewesen. Denn nun wurde um die Jahrhundertwende die französische Malerei der 'Ecole de Barbizon' rezipiert, und Kessler belebte die Theaterszene ebenso, wie er 1906 durch eine Rodin-Ausstellung die bildende Kunst in die Stadt brachte.

Was aber Rilke in Paris schon längst wertschätzte, stieß in Weimar auf Ablehnung. Wilhelminisch-konservative Kreise wandten sich gegen weiteren deutsch-französischen Transfer, dem auch die Einrichtung eines nationalen Goethe-Kults zu widersprechen schien. Die in dieselbe Zeit fallenden Gründungen des Goethe-, Schiller- und Nietzschearchivs atmeten denselben Geist, der auch von der Goethe-Gesellschaft befördert wurde. Weimar habe sich damit fürs Deutschsein und gegen die französische und europäische Moderne entschieden - nur folgerichtig war die wenig spätere Torpedierung des Bauhauses. Insgesamt, so die Folgerung des Buchs, sei der deutsch-französische Transfer zwischen Weimar und Paris damit als gescheitert anzusehen.

Es ist erfreulich, dass der Band nun an die Geschichte einer an Höhepunkten reichen Tradition erinnert. Verdienstvoll und informativ stellt er die weithin bekannten Beziehungen im Zusammenhang dar. Dabei herrscht - wie Weiland bei Madame de Stael - das Interesse am Weimar des 'guten' goethanischen Deutschlands vor, dem das 'schlechte' Weimar des deutschnationalen Konservatismus entgegengestellt wird. Nun will aber scheinen, dass gut und schlecht die adäquaten Begriffe nicht sind und dass es als Historiker gälte, dergleichen Schematismus zu vermeiden. Zur Abrundung des Bandes hätte man dem Buch, dass ein wenig abrupt endet, vielleicht noch einen Ausblick auf den Transfer im 20. Jahrhundert gewünscht. Denn wie heißt es doch in der Einleitung: Die gescheiterten Dialoge sind ebenso interessant wie die geglückten.


Titelbild

Alexandre Kostka (Hg.): Paris - Weimar. Weimar - Paris. Kunst- und Kulturtransfer um 1900. Transfers artistiques et culturels autour de 1900.
Stauffenburg Verlag, Tübingen 2004.
200 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-10: 3860576917

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