Abziehbild der Wirtschaftsordnung oder Utopie der Selbstentfaltung?

Ein kleiner Streifzug durch Bücher rund um den Fußball

Von Dieter KaltwasserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dieter Kaltwasser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Der Sport verhält sich zum Alltag wie das Heilige zum Profanen“, äußerte der Philosoph Peter Sloterdijk einst in einem Spiegel-Gespräch, er schafft „eine Modellwelt, in der sich alles, was man aus der Durchschnittswelt kennt, in einer höheren 
Verdichtung darstellt. Hier gelten dieselben Werte wie anderswo, aber eben in Reindarstellung.“ In der Grauzone des Normalen sei der Betrug normal, in der Modellwelt müsse er verpönt sein. Doch wie steht es um das Verhältnis des Heiligen und Profanen in einer Welt, die auch die spielerische Kreativität des Ballspiels, insbesondere des Fußballs, rein ökonomischen und politischen Zwecken und Bedingungen unterwirft? Wie ist der Einzug von Digitalisierung, Mathematik und Statistik zur Steigerung der Effizienz in den Mannschaftssport zu bewerten?

Jürgen Kaube, Mitherausgeber der FAZ und zuständig für das Wissenschaftsfeuilleton, Autor einer ausgezeichneten Max Weber-Biografie und treuer Werder Bremen-Fan, hat unter dem Titel Lob des Fussballs eine kleine Kulturgeschichte des Spiels verfasst, die mühelos einen unterhaltenden Ton mit der Tiefe des Gedanken zu verbinden weiß. Doch wozu überhaupt noch den Fußball loben, da er doch ubiquitär Beifall und Zuspruch erfährt? Fast jeder kann ihn spielen, er verlangt nach keinem Normkörper, zu variantenreich ist die Beziehung zwischen Physis und Leistung, Schwebe und Schwere, Sprung und Sturz. Kritisch wird von Kaube beschrieben, wie sehr der Fußball ein Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist, die mediale Vermarktung, der Einfluss des Geldes, die politische Instrumentalisierung, die Korruption. Dann aber gerät auf die Frage, was denn eigentlich gewonnen wird, eine Antwort in den Hintergrund: Ein Spiel.

Bereits in seinem Großessay Philosophie des Fußballs beschrieb Martin Gessmann, dass Philosophen vor einem halben Jahrhundert den Ballsport noch als Ersatzphänomen eines erfüllten Lebens interpretierten. In seiner Essaysammlung Mit Nietzsche im Stadion greift Gessmann die Diskussion um die Fußball-Politik-Analogie auf, in einem Vergleich zwischen der Funktionenverteilung in einem Verein und den politischen Organen eines Staates: Der Trainer als Verfassungsgeber, der Manager als Parlamentspräsident und der Vereinspräsident in der Rolle des Staatsoberhauptes. Inspirierender allerdings sind die Analysen über aktuelle Spielsysteme, die der Autor drei philosophischen Theorien zuzuordnen versucht: Der Liberalismus (Thomas Hobbes), Republikanismus (Jean-Jacques Rousseau) und  Ästhetizismus (Friedrich Nietzsche). Repräsentanten der Spielsysteme sind José Mourinho, Pep Guardiola und Jürgen Klopp. Obwohl die Analogien und Ableitungen des Autors zum Teil recht konstruiert wirken, imponieren sie durch ihre intellektuelle Finesse und ihren feinen Humor.

2010 wurde Christoph Biermann für sein Buch Die Fußball-Matrix der Preis für das beste „Fußballbuch des Jahres“ verliehen. Er hat bereits einige Bücher zum Thema verfasst. Nun legt er mit „Matchplan“ eine fulminante Fortsetzung vor. In ihr beschreibt der Autor, Mitglied der Chefredaktion des Magazins 11 Freunde, dass die „digitale Wende“ dieses Mannschaftssports begonnen hat. Der internationale Sport ist bereits seit Langem in der digitalen Welt angekommen. Auch das Verständnis des Spiels ändert sich durch die Anwendung mathematischer Analysen, ein datenbasiertes Scouting hat Einfluss auf die Zusammenstellung der Mannschaften. Die Klubs ergreifen auf dieser Grundlage neue systematischen Strategien. Inzwischen ist die Digitalisierung Wirklichkeit geworden. Glück und Pech im Spiel werden nun berechnet, die Leistung von Spielern effektiver bewertet und das gemessen, was wirklich zum Sieg führt, so lauten zumindest die Bekundungen.

Der Wettlauf im internationalen Fußballgeschäft, so der Autor, ist auch einer zwischen den Großen mit den vollen Kassen und den Außenseitern, Nerds oder Regelbrechern, die mit ganz eigenen Ideen dem Sport überraschende Impulse geben. Wer in diesem Wettlauf mithalten will, braucht einen Matchplan – und das nicht nur im nächsten Spiel. Biermann hat für sein Buch mit Wissenschaftlern, Trainern, Managern und Psychologen in großen deutschen Vereinen gesprochen, er reiste nach England, Holland, Dänemark und in die USA.

Unbedarfte Spielersprüche zu ihrem Sport gibt es zuhauf und bedienen wohl unfreiwillig auch den Lachreflex des Publikums. Die ästhetische und hintergründige Schönheit des Satzes „Der springende Punkt ist der Ball“ des berühmten Trainers Dettmar Cramer, den man ehrfürchtig den „Fußball-Professor“ nannte, hat Christoph Marx, der als Lektor und Journalist tätig ist und als bekennender Fan auch eine emotionale Beziehung zu seinem Thema hat, als Titel zu seinem gleichnamigen Buch über die „wundersame“ Sprache und die Sprüche des Lieblingssports nicht nur der Deutschen gewählt. Anscheinend ist die Sentenz Cramers so bekannt und beliebt unter Journalisten, dass sie bereits im Jahr 2006 von Michael Pöppl als Titel verwendet wurde. Marx untersucht in seinem unterhaltsamen und informierenden Buch sowohl Unsinn wie auch Tiefsinn im Sprechen und Schreiben von Trainern, Spielern, Journalisten und Politikern. Das Spezielle an der Fußballsprache wird im ersten Teil des Buches auf den Punkt gebracht, dem sich ein weiterer anschließt, in dem berühmte und bezeichende Phrasen in ihrem Zusammenhang und ihrer Semantik in den Blick genommen werden.

Dass Fußball und Politik nichts miteinander zu tun haben, ist ein Gemeinplatz, den eine interessengeleitete Meinung mit apodiktischem Anspruch verkündet. Timm Beichelt, Professor für Europa-Studien an der Viadrina in Frankfurt/Oder, legt in seiner Studie Ersatzspielfelder. Zum Verhältnis von Fußball und Macht anhand von Beispielen aus Russland, Frankreich und Deutschland dar, wie verflochten Kommerz und Sport sind. Das Spiel auf dem grünen Rasen ist ein Abziehbild der Wirtschaftsordnung, ein Ersatzspielfeld, für das „maßgebliche politische Akteure entschieden haben, dem Marktgeschehen die Hoheit zu überlassen.“ Norbert Seitz formulierte diese These bereits vor fast 20 Jahren in seinem damals vieldiskutierten Buch Kohl und Maradona. Politik und Fußball im Doppelpass. Beichelt schreibt in seinem instruktiven und klugen Buch über die Entgrenzung des Kapitalismus auf dem Geschäftsfeld dieses Sports, aber auch von Werten wie Selbstentfaltung, Partizipation und Offenheit, die sportliche und ökonomische Gewinnerwartungen begrenzen und deshalb geopfert werden.

Mit Kommerz und Korruption, die den beliebten Fußballsport ruinieren, muss endlich Schluss gemacht und der ökonomische Kreislauf der steten Selbstbereicherung beendet werden, fordern die beiden Autoren Stefan Gmünder und Klaus Zeyringer in ihrem Buch Das wunde Leder. Die Zustände im Fußballfeudalismus müssten öffentlich diskutiert werden, die Machenschaften und Geschäfte der Verbände ebenso wie das unkontrollierte Monopol einer elitären Gruppe von Funktionären und Wirtschaftsbossen. Es ist ein „Geschäft mit Träumen, das dort betrieben wird, es dient nicht zuletzt der Ablenkung, dem Trost und der Flucht in eine Parallelwelt. Es ist nicht schlimm, dass es diese Träume gibt. Die Realität sollte trotzdem nicht aus dem Blick geraten“, resümieren die beiden Autoren ihre Überlegungen. Am Ende ihres leidenschaftlichen Plädoyers für einen kommerz- und korruptionsfreien Sport, das einem die aktuelle WM in Russland verleiden kann, wird mit Hilfe des Schriftstellers Ilija Trojanow im Manifest wider die Sportdiktatur der Aufruf formuliert: „Boykottieren wir die WM 2018 in Russland!“ Und weiter: „Schauen wir uns kein einziges Match an! Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten – wir sind wahre Fußballfans!“

„Weltoffen und gastfreundlich“, erklärt Amnesty International in einem aktuellen Aufruf für die Freilassung des Menschenrechtlers Oyub Titiev,

will der russische Präsident Wladimir Putin sein Land während der Fußballweltmeisterschaft präsentieren. Doch dieses Bild hat mit der Realität wenig zu tun. Die Regierung schränkt grundlegende Freiheitsrechte massiv ein. Wer sich in Russland für die Menschenrechte einsetzt, wird bedroht oder eingeschüchtert. Trotz allem bringen Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler im Land weiter das Unrecht ans Tageslicht. Sie setzen sich trotz wachsendem Druck für die Wahrung der Menschenrechte, für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit ein. Die Fußball-WM ist ein wichtiger Moment, um ihnen zu zeigen, dass wir an ihrer Seite stehen.

Am Ende dieses kurzen Schweifzugs durch die politisierte, ökonomisierte und digitalisierte Welt des Fußballs, den Zeitgeist des Kapitalismus, der frei nach Hegel im Stadion eine für uns alle fassliche Gestalt annimmt, sei an einen Aporismus von Friedrich Nietzsche aus Menschliches, Allzumenschliches erinnert, seinem „Buch für freie Geister“. In ihm heißt es:

Wer des Spieles überdrüssig geworden ist und durch neue Bedürfnisse keinen Grund zur Arbeit hat, den überfällt mitunter das Verlangen nach einem dritten Zustand, welcher sich zum Spiel verhält, wie Schweben zum Tanzen, wie Tanzen zum Gehen, nach einer seligen, ruhigen Bewegtheit: es ist die Vision der Künstler und Philosophen von dem Glück.

Titelbild

Jürgen Kaube: Lob des Fußballs.
Illustriert von Philip Waechter.
Verlag C. H. Beck, München 2018.
126 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783406700507

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

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Martin Gessmann: Mit Nietzsche im Stadion. Der Fußball der Gesellschaft.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2014.
143 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783770557615

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Christoph Biermann: Matchplan. Die neue Fußball-Matrix.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018.
282 Seiten, 14,99 EUR.
ISBN-13: 9783462051001

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Christoph Marx: „Der springende Punkt ist der Ball“. Die wundersame Sprache des Fußballs.
Duden, Berlin 2018.
208 Seiten, 10,00 EUR.
ISBN-13: 9783411733941

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Timm Beichelt: Ersatzspielfelder. Zum Verhältnis von Fußball und Macht.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
360 Seiten, 18,00 EUR.
ISBN-13: 9783518127230

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Stefan Gmünder / Klaus Zeyringer: Das wunde Leder. Wie Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.
128 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783518073599

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