Wessen Trauer zählt?

Natalja Kljutscharowa präsentiert in „Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten“ russische Scham und ukrainische Stimmen

Von Natalia Blum-BarthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Natalia Blum-Barth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Natalja Kljutscharowa gehört seit vielen Jahren zu den bekannten Stimmen der zeitgenössischen russischen Literatur. Die 1981 in Perm geborene Schriftstellerin und Journalistin veröffentlichte mehrere Romane und Erzählbände und erhielt zahlreiche literarische Auszeichnungen. Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verließ sie Russland und lebt heute in Deutschland. Ihr Band Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten, in deutscher Übersetzung von Ganna-Maria Braungart erschienen, dokumentiert die ersten Monate dieses Exils.

Die erste Frage, die Migranten und Geflüchtete in Deutschland hören, lautet oft: „Woher kommst du?“ Die Frage scheint harmlos zu sein, doch sie verlangt mehr als die bloße Nennung eines Herkunftsortes. Sie fragt nach Zugehörigkeit, Identität und Verantwortung. Für eine russische Schriftstellerin, die ihr Land aus Protest gegen Krieg und Repression verlassen hat, erhält diese Frage eine besondere Schärfe.

Der Band ist aus einem unveröffentlichten russischen Manuskript hervorgegangen und liegt zunächst nur in deutscher Übersetzung vor. Seine sechs Kapitel versammeln kurze Tagebuchnotizen, Beobachtungen, Erinnerungen und Gespräche. Sie handeln von Abschied und Flucht, von der Begegnung mit der deutschen Sprache, von der Scham über den russischen Angriffskrieg, von ukrainischen Geflüchteten und schließlich von den Erfahrungen einer internationalen Migrationsgesellschaft.

Die größte Stärke des Buches liegt in seinen sprachlichen Beobachtungen. Besonders eindrucksvoll ist das Kapitel „Vogel“, in dem Kljutscharowa die deutsche Sprache zunächst als Klang erfährt. Wörter werden gehört, bevor sie verstanden werden. Die Emigrantin nähert sich der neuen Welt wie ein Kind, das die Dinge zum ersten Mal entdeckt. Sprache wird dabei nicht nur zum Kommunikationsmittel, sondern zur eigentlichen Heimat der Schriftstellerin. Gleichzeitig kreist das Buch um eine zweite Frage: Wie kann man Russin bleiben, wenn das eigene Herkunftsland einen verbrecherischen Krieg führt? Die Autorin beschreibt eindringlich die Scham, die Angst und die Rechtfertigungszwänge russischer Kriegsgegner im Exil. Immer wieder versucht sie, die Verbindung zwischen ihrer Muttersprache, ihrer kulturellen Herkunft und ihrer politischen Ablehnung des Regimes neu zu bestimmen.

Gerade hier beginnt jedoch die eigentliche Ambivalenz des Buches. Die Tagebuchform privilegiert zwangsläufig die subjektive Erfahrung. Dadurch richtet sich die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Verletzungen, Ängste und Verluste russischer Exilierter. Die ukrainischen Opfer des Krieges erscheinen zwar präsent, häufig jedoch vermittelt durch die Wahrnehmung der Erzählerin. An dieser Stelle drängt sich eine Frage auf, die Judith Butler in ihrem Buch Frames of War formuliert hat: Welche Leben erscheinen innerhalb eines kulturellen Rahmens als sichtbar, erinnerbar und betrauerbar? Butler spricht von der ungleichen Verteilung von Grievability, von der Frage also, welche Leben als betrauerbar gelten und welche im Hintergrund verschwinden.

Vor diesem Hintergrund fällt eine bemerkenswerte Asymmetrie auf. Russische und deutsche Autorinnen und Autoren treten im Text als konkrete Individuen auf: Ossip Mandelstam, Anton Tschechow, Sergej Dowlatow, Marina Zwetajewa, Joseph Brodsky, Walther von der Vogelweide, Bertolt Brecht oder Elias Canetti werden namentlich genannt und in eine literarische Tradition eingeordnet. Ukrainische Schriftsteller dagegen erscheinen mehrfach nur als Opfergeschichten. Der während der russischen Besetzung Isjums (Region Charkiw) zwischen März und September 2022 ermordete Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko, dessen Tagebuch von der Schriftstellerin Wiktorija Amelina gefunden wurde, die Ende Juni 2023 von der russischen Rakete in Kramatorsk getötet wurde, oder der im Krieg mit 34 Jahren gefallene Dichter Maksym Kryvtsov bleiben im Text namenlos.

Namen bewahren Erinnerung. Sie verleihen Individualität. Sie machen Menschen als Autoren und nicht nur als Opfer sichtbar. Während die russische Literatur als kulturelle und literarische Tradition sichtbar bleibt, erscheinen ukrainische Autoren häufig vor allem im Horizont von Verlust, Verfolgung und Tod. Gerade in einem Buch, das sich so intensiv mit Erinnerung und Verantwortung beschäftigt, ist diese Asymmetrie mehr als eine Nebensächlichkeit. Die Autorin will Solidarität zeigen, doch die symbolische Ordnung ihres Textes bleibt russisch geprägt. Russische Stimmen erscheinen als handelnde Subjekte mit Namen, Biografien und literarischen Werken. Ukrainische Stimmen erscheinen häufiger als Teil einer Leidensgeschichte.

So wird Woher kommst du? letztlich weniger zu einem Buch über Deutschland als zu einem Buch über die Schwierigkeit, nach dem 24. Februar 2022 weiterhin Russin zu sein. Seine Stärke liegt in den präzisen Beobachtungen sprachlicher Entwurzelung, moralischer Verunsicherung und kultureller Neuorientierung. Seine Schwäche liegt dort, wo die Perspektive der russischen Exilierten die Aufmerksamkeit immer wieder auf die eigenen Verletzungen zurücklenkt und dadurch die Stimmen ukrainischer Autoren und Opfer trotz ihrer zentralen Bedeutung im Hintergrund bleiben.

Die wichtigste Frage, die dieses Buch hinterlässt, lautet deshalb nicht nur: Woher kommst du? Sondern: Wessen Geschichten werden erzählt, wessen Namen werden genannt und wessen Leben gelten als erinnerungswürdig?

Titelbild

Natalja Kljutscharjowa: Woher kommst du? Tagebuch einer Geflüchteten.
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
192 Seiten, 16,00 EUR.
ISBN-13: 9783518128398

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