Wanderer zwischen Literatur und Gegenwart

Steffen Kopetzkys Roman „Die Harzreise“ erzählt von einer Wanderung auf den Spuren Heinrich Heines

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im neuen Buch des als versierter Erzähler von Romanen (preisgekrönt etwa Monschau, 2021) bekannten Steffen Kopetzky geht der Autor auf Wanderschaft – genauer noch: wandelt er auf den Spuren des großen Vorgängers Heinrich Heine durch den Harz. Dessen Harzreise von 1826, erster Teil der Reisebilder, erscheint Kopetzky als das „berühmteste Wanderbuch der deutschen Literatur“ und lese sich „auch heute noch so munter, poetisch und interessant“, dass er geradezu neugierig darauf wurde, „zweihundert Jahre danach auf Heines Spuren gleichfalls durch dieses im Herzen Deutschlands liegende, sich über drei Bundesländer erstreckende Mittelgebirge zu wandern und aufzuschreiben“, welchen Menschen er begegnen und was er überhaupt erleben würde. So ist dann dieser launige Text entstanden, der verschiedene Schreibgenres auf wunderbare Weise auszutarieren versteht: ein Reisebericht, zugleich ein Stück autofiktionaler Erzählprosa, eingestreut darin immer wieder Seitenblicke auf Heine (aber auch andere von Kopetzky geschätzte Autoren wie Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane, Ernst Jünger oder Thomas Rosenlöcher) sowie Reflexionen über den gegenwärtigen Zustand dieser Bundesrepublik. Am Ende seines Textes, der eine Wanderroute beschreibt, die in Göttingen ihren Anfang nimmt, um nach acht Etappen durch den Harz und verschiedenen Aufenthalten dabei in Thale zu enden, hält Kopetzky einmal dafür, dass er so etwas wie ein „Wanderer zwischen Literatur und Gegenwart“ sei und – wenig später dann, womit sich der Kreis des Textes dann schließt –, dass er endlich am letzten Abend seiner Wanderung „beim Trashfernsehen auf den Gedanken“ gekommen sei, dass sein nächstes Buch, wenn er wieder zu Hause sei, „Die Harzreise heißen sollte“.

Und er spinnt das Garn der Reiseerzählung ins Sozialpolitische und zu den bundesdeutschen Verhältnissen fort, die Kopetzky immer wieder an- und umtreiben:

Weil es mir so vorkam, dass genau das vor uns lag. Das Bittere. Das Herausfordernde. Eher keine Kreuzfahrt. Harz im alten Sinne einer beschwerlichen, teils auch gefährlichen Wanderung über Stock, Stein und Gebirge. Schwierige Jahre des Wandels in einer harten Landschaft, auf einem Kontinent ohne Freunde. Wir Europäer geben uns stolz und stark, aber in Wahrheit haben wir verlernt, was der Philosoph Ernst Bloch einmal den aufrechten Gang genannt hat.

Auf diesem Weg, dieser Wanderung, ließe sich jetzt sagen, zwischen Literatur und Gegenwart, begegnet der Erzähler zahlreichen Zeitgenossen, die ihn über den Harz einst und jetzt aufklären, ihm die wechselvolle Geschichte seit dem frühen 19. Jahrhundert und den verschiedenen ‚System‘-Zeiten nahebringen, die maßlose und rigide Abholzung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg (sogenannte Reparationszahlungen), die ebenso rigide Absperrung des Brocken zu DDR-Zeiten, schließlich nach der Wende die Entstehung dank der Einrichtung eines Nationalparks Harz (kleine Korrektur: Dieser Nationalpark ist nicht der erste und einzige Bundesländer übergreifende Park, ihm gefolgt ist wenig später der Nationalpark Saar-Hunsrück mit den Bundesländern Rheinland-Pfalz und dem Saarland) eines beeindruckenden und dankbar angenommenen Wandergebietes. Gelungen ist dabei Kopetzkys stete Konfrontation von Heine-Text mit der Erfahrungswelt des 21. Jahrhunderts, wobei oftmals bestechende Gemeinsamkeiten hervortreten: „Als Heine seine Reise absolvierte, lag der Harz in weiten Teilen baumlos und abgerodet, die Landschaft sah dem heutigen, durch Trockenheit und Borkenkäfer gezeichneten Gebiet verblüffend ähnlich!“ Schließlich – sollte das so etwas wie der Fluchtpunkt dieses Textes sein? – „überblendet“, schreibt Kopetzky, „sich die Figur des bunt gekleidet durch den Harz reisenden, dichtenden Studenten mit seiner illustren, schon zu ahnenden literarischen Zukunft mit meiner eigenen. Auch ich war ein Student Ende zwanzig, als mein erstes Buch erschien, eine ironische Reise durch das Europa am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts.“

Ob allerdings, wie Nils Minkmar in seiner kurzen Besprechung in der Süddeutschen Zeitung bemerkt, Kopetzky „ein radikal optimistisches Buch“ verfasst hat, sei dahingestellt; unbedingt zustimmen kann der Rezensent dem anderen Rezensenten freilich darin, dass man sich bald ertappt dabei fühlen kann, während der Lektüre „Wandertouren auszuhecken.“

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Steffen Kopetzky: Die Harzreise. Eine Deutschlanderkundung.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026.
208 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783737102568

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