Die vielen Gesichter des Liberalismus

Albrecht Koschorke stellt in „Souveränität der Vernunft” facettenreich Formen und Varianten des liberalen Denkens vor

Von Thorsten PaprotnyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Paprotny

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor einigen Jahren bereits machte der Germanist Albrecht Koschorke mit seinem pointierten philosophischen Buch Hegel und wir auf die Vieldimensionalität seiner grenzüberschreitenden geisteswissenschaftlichen Arbeit aufmerksam. Der Sphäre der kritischen Vernunft bleibt er treu, wenn er in seinem neuen Traktat die Anfangsgründe des Liberalismus, eine Philosophie der Aufklärungszeit, neu erkundet, reflektiert und einordnet.

Wer heute von der liberalen Demokratie spricht und vielleicht auch die wachsende Notwendigkeit ihrer Wehrhaftigkeit gegen Feinde der Freiheit, ob von innen oder außen operierend, spürt – möglicherweise an den durchaus liberal gesinnten Philosophen Karl R. Popper und seine Studie über Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945) denkend –, kann mit Koschorke den Blick auf die Anfangszeit des Liberalismus richten: Eine politische Philosophie, die auf die Freiheit des Individuums ausgerichtet ist. Ein allgemeiner Gedanke also steht im Mittelpunkt, der sich heute auch in der Auseinandersetzung mit „populistischen Politikmodellen“ bewähren muss. Koschorke benennt die zeitgenössischen Aspekte des Liberalismus:

In der politischen Welt der Gegenwart zeigen Liberalisierungsprogramme ein eigentümliches Doppelgesicht. Sie tendieren ökonomisch nach rechts, kulturell dagegen nach links und können sowohl einen neoliberalen Abbau staatlicher Fürsorge als auch einen Zuwachs an staatlichen Aufgaben bedeuten, wenn es um die Beseitigung von Benachteiligungen, die Ahndung von Diskriminierung, den Schutz von Minderheitenrechten und allgemein um die Stärkung von gesellschaftlicher Inklusion geht.

Was Koschorke hier summarisch formuliert, ließe sich indessen auch als Signatur eines Relativismus kennzeichnen, bei dem eine philosophische Unbestimmtheit heute als genuin liberal angesehen wird, während die Wurzeln des liberalen Denkens weitgehend in Vergessenheit geraten zu sein scheinen. Auch ein konservativ denkender oder sich als konservativ begreifender Zeitgenosse würde etwa den Schutz von Minderheitenrechten als sinnvoll und wichtig anerkennen und dafür einstehen können, ohne sich deswegen als liberal zu verstehen, vielmehr als verfassungstreu. Koschorke begreift den Begriff Liberalismus heute als „Dachbegriff“ für eine Vielfalt von politischen Strömungen und nennt diesen als „ideogenetischen Code der Moderne“, der sodann in den Institutionen der freiheitlichen Demokratien formal realisiert worden sei. Die „transformative Kraft des Liberalismus“, also gestalt- und gesellschaftsverändernd, liege nicht in seiner „ideologischen Glätte“, sondern in seinen „Widersprüchen und Unaufgelöstheiten“. Nun ließe sich aber, womöglich berechtigterweise, fragen oder auch dagegen einwenden, dass ein Liberalismus, verstanden als politische Philosophie, die den Freiheitsgedanken priorisiert, sich gar nicht als ein hermetisches System erweisen kann, darum also unvermeidlich auch Widersprüche aufweisen muss und darf. Die „Fürsprecher der liberalen Gesellschaftsreform“ sahen sich stets, so Koschorke, „mit der Zukunft im Bunde“:

Ihre Vorstellung davon, wie die künftige Gesellschaft sein sollte, diente ihnen als legitimatorische Ressource und Maßstab für die Gegenwart. Auf diese Weise bildeten Imaginarien der Zukunft nicht nur den mehr oder minder fernen Horizont gegenwärtigen politischen Handelns, sondern schlugen sich schon in der Gegenwart eingeführter Rechtsnormen und ihrer institutionellen Implementierungen nieder.

Zunächst klingt der Liberalismus hier durchaus utopisch. Dennoch bleibt es richtig, dass ungeachtet aller Zukunftsorientierung programmatisch eine Gesellschaftsveränderung angestrebt wurde, die einen Zuwachs an Freiheit für die Bürger bedeutete; ein Fortschritt also, der bunt ausgemalt werden konnte und vielleicht auch einen visionären Zuschnitt besaß. Koschorke spricht gar von „visionären Energien“. Vor dem Horizont der Zeit etlicher liberaler Theorien gesehen, zeigte diese Programmatik tatsächlich eine zukunftsträchtige mögliche Entwicklung auf, die aber – und dann muss einschränkend stets bedacht werden – auch an ökonomische Bedingungen gebunden war, die in der Alltagswelt bestanden. Zugleich suchten nämlich liberale Denker und Bewegungen durchaus einen „Ausgleich mit den Mächtigen“ und eine „Verteidigung von Standesvorteilen“ – also ist es richtig, die Ambivalenz des Liberalismus, die Koschorke herausarbeitet, auch zu benennen. Die Frühliberalen verfolgten etwa im 19. Jahrhundert die „Leitidee der Rechtsgleichheit“, versuchten aber doch, die „Ungleichheiten der bestehenden Eigentumsordnung“ beizubehalten. Sie warben für Bürokratieabbau, ohne aber die Staatsmacht zu begrenzen. Ebenso hat der Frühliberale Paul Achatius Pfizer mitnichten Schwierigkeiten, von Sklavenvölkern zu sprechen, und den „Entzug der Menschenwürde“ als Faktum anzusehen. Koschorke legt dar: „Liberale und rassistische Positionen gehen eine enge Allianz ein, ebenso unbeeindruckt von ihrer nominellen Unvereinbarkeit wie bei den aufklärerischen Revolutionären im Jahrhundert davor, die die Gleichheit aller Menschen proklamierten und Sklavenplantagen besaßen.“ Eine „Vormundschaft“ gegenüber „»Barbaren«“ sowie eine „Erziehungsdiktatur mit brachialen Mitteln“ schien also durchaus legitim, ja wünschenswert und notwendig, auch um eine „moralische Kultivierung“ zu erreichen: Eine Orientierung an einem westlichen Lebensstil. Der Liberalismus rechtfertigte die „kapitalistische Expansion“, geleitet von der Überzeugung, dass der „Freihandel allen Beteiligten ökonomische Vorteile“ brächte. Westlich-liberale Regime zeigten zudem eine „hohe Gewaltbereitschaft“ und waren von ihrer Mission überzeugt, auf internationaler Ebene Wohlstand und Frieden zu bewirken – im 19. Jahrhundert und weit darüber hinaus.

Relativiert werden im Liberalismus die „Machtprivilegien“, die den Herrschenden oder Gewählten zwar zu eigen sind, aber auch demokratischen Repräsentanten. Das Wahlvolk, so der liberale Denker Karl Mannheim, sei aber durchaus imstande, die selbst gewählten Eliten wieder abzuwählen. Verliehen werde das politische Mandat nur auf Zeit. Koschorke bringt zudem den Begriff der politischen Mitte ins Spiel, der auch heute wieder zunehmend beschworen wird. Die Verfechter des Liberalismus machen neben den Begriffen wie Vernunft auch von einer anderen „identifikatorischen Ressource“ Gebrauch. Der Liberalismus behauptet, von einer „›gehobenen‹ Mitte“ aus zu argumentieren; eine Attitüde, die Koschorke sowohl als „offensiv ausgreifend“ als auch als „statusbesorgt-defensiv“ bestimmt:

Diese Positionsbestimmung bietet noch den zusätzlichen Vorzug, für die eigene politische Haltung einen Standpunkt innerhalb des gesellschaftlichen Spektrums zu reklamieren, der nicht seinerseits bloß parteiisch ist, sondern glauben lässt, sich in schiedsrichterlicher Neutralität über den Streit der Parteien zu erheben.

Der Gedanke ist insoweit bemerkenswert, als dass diejenigen Politiker, die sich selbst in der Mitte verorten, damit eine Erhabenheit über das politische Spektrum suggerieren und auch jenen nicht primär liberal gesinnten Kolleginnen und Kollegen unterstellen können, dass es ihnen an Neutralität oder an Bewusstsein für die politische Mitte fehle. Wer die Mitte besetzt, kann eine durchaus überhebliche oder anmaßende Haltung einnehmen – zumal auch aus der Selbstzuschreibung, eine Person entstamme der oder gehöre zur politischen Mitte, noch nicht sichtbar ist, ob jene Person tatsächlich liberal handeln wird oder nicht. Es ist nur eine subjektive Standortbestimmung, ja eine Einzelmeinung, die zugleich eine Tatsachenbeschreibung sein könnte. Aber nicht mehr.

Mit Blick auf die politische Gegenwart und künftige Entwicklungen benennt Koschorke eine bleibende Aufgabe des Liberalismus in der Welt von heute, in der die „ungebändigte Ausübung von Macht“ zugenommen zu haben scheint: „Wo sich aber Unrecht und Unterdrückung verfestigen, ist die älteste liberale Tugend gefordert: der Wahrheit all jener, die um ihre Stimme gebracht werden, Gehör zu verschaffen.“ Dieser moralische Appell beschließt den Band gehaltvoller, zum Nachdenken anregender Exkursionen durch die Sphären des liberalen Denkens. Das zwar schmale, aber anspruchsvolle Buch setzt ein Vorverständnis philosophischer Begriffe voraus. Koschorke stellt ein weiteres Spektrum liberaler Denker vor, setzt auch politische Akzente, doch er schreibt mitnichten gefällig, schneidig oder popularisierend, wie etwa der Philosoph Richard David Precht. Die Höhenluft des philosophischen Denkens bleibt durchgängig gegenwärtig. Wer sich dieser Herausforderung stellen möchte, liest den Band mit Gewinn. Albrecht Koschorkes philosophischer Entdeckungsfahrt im weiten Land des Liberalismus sind viele einsichtige Leserinnen und Leser zu wünschen.

Titelbild

Albrecht Koschorke: Souveränität der Vernunft. Die kulturellen Anfänge des Liberalismus.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
168 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783518300978

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