Die Feier der Literatur

Hoffentlich ist Michael Krügers „Meteorologie des Herzens“ nicht als Ersatz einer Autobiographie gedacht

Von Pascal MathéusRSS-Newsfeed neuer Artikel von Pascal Mathéus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der kürzlich verstorbene polnische Dichter Adam Zagajewski nannte seinen Freund und Verleger Michael Krüger einen „der aktivsten und […] einflussreichsten Homme de Lettres in Europa, vielleicht auf dem ganzen Planeten“. In seiner Doppelrolle als langjähriger, erfolgreicher Geschäftsführer des Hanser Verlags auf der einen und als vielbeachteter und geschätzter Lyriker auf der anderen Seite schillert Krügers Rolle im Literaturbetrieb zweifelsohne auf besonders aufregende Weise. Angesichts der Bedeutung seines Lebens für die Literatur würde wohl jeder Literaturinteressierte allzu gerne eines Tages die Autobiographie Michal Krügers in den Händen halten. Nun haben der Berliner Berenberg Verlag und der mittlerweile 77-jährige Dichter einen schmalen Band mit einem langen Titel vorgelegt, der zwar nicht die Summe dieses Lebens für die Literatur enthält, aber immerhin Einblicke in das Selbstverständnis und die Herkunft Michael Krügers liefert. Der Glutkern für seine lebenslange Liebesbeziehung zur literarischen Kunst scheint in den hier versammelten Texten auf. Man kann sich einiges zusammenreimen und wüsste doch gerne mehr.

Den Auftakt macht das fünfstrophige Prosagedicht Wo ich geboren wurde. In schlichten, anschaulichen Worten schildert Krüger darin die Atmosphäre auf dem Hof seiner Großeltern. Die Nähe zur Natur und die von Kartoffeln, Pfeifen und Joppen ausgehende Gemütlichkeit wird durch „messerscharfe Stimmen“ aus dem Radio gestört. Es hält eine nervöse Künstlichkeit Einzug, die die Idylle in Frage stellt: „Das Lid über seinem [des Großvaters] Glasauge war nie ganz geschlossen“.

Wie Zagajewski schreibt, finden sich in Krügers Gedichten „weder Angriff noch Verteidigung“. Sie halten Sinneseindrücke fest und Widersprüche aus. Die gesamteuropäische Perspektive scheint schon in der Erinnerung an die Kindheit auf, wenn von Wolken die Rede ist, die von Russland und Polen über Deutschland hinweg nach Frankreich ziehen. Dieses durch die Kultur vereinte Europa hat Krüger immer und überall im Blick.

Das anschließende Gespräch mit Matthias Bormuth behandelt Krügers Weg von seiner Kindheit bis zum Eintritt in den Literaturbetrieb. Der Verlegerdichter erläutert darin, wie „Autoren und Bücher zu meinen Lehrern wurden“.

Ein bereits etablierter Michael Krüger tritt in den darauffolgenden beiden Erinnerungstexten auf. Sie sind dem Petrarca-Preis und dem polnischen Schriftsteller Zbigniew Herbert gewidmet. Während der Text über Herbert von Freundschaft unter Literaten und von einem großen Könner mit einer persönlichen Leidensgeschichte erzählt, handelt der Rückblick auf die „Frühgeschichte des Petrarca-Preises“ von herrlichen Feierstunden der Literatur. Krüger berichtet, wie man zu langen Gedicht- und Essaylesungen zusammenkam, wie die Dichter und Literaturenthusiasten aus allen Winkeln Europas herbeiströmten, um das schöne Wort und den klugen Gedanken zu ehren und zu feiern.

Tobias Lehmkuhl gibt in seiner Kritik zu bedenken, dass die Versammlungen des Petrarca-Kreises „aus heutiger Sicht auch etwas Männerbündisches“ aufweisen würden. Aber ist das eine gerechtfertigte Kritik? Zwar beschreibt Krüger selbst, wie er und seine Mitstreiter darum bemüht waren, den Kreis der Teilnehmer an den Preisverleihungen klein zu halten, doch gibt er dafür überzeugende Gründe an: Pressetrubel und zu großer Teilnehmerzahl drohten den intimen, konzentrierten Geist der Veranstaltung zu zerstören. Kein Männerbund traf sich da im Namen der Literatur, sondern Brüder und Schwestern im Geiste, die sich freilich ihren Eskapismus nur leisten konnten, weil ein Mäzen (Hubert Burda) dafür aufkam.

Obwohl die Texte kein bisschen larmoyant sind, scheint zuweilen eine leise Zeitkritik auf, etwa wenn sich Krüger an einen Ausspruch Herberts erinnert: „Diese wunderbare Höflichkeit! Ich erinnere mich, dass ich ihn einmal fragte, was er gerne ins 21. hinüberretten würde. Nach kurzem Zögern antwortete er: Die Höflichkeit!“ Denselben Charakter haben auch seine Beschreibungen der feierlichen Dichterfeste im Geiste Petrarcas. Es wird nicht ihr Verlust beklagt. Und dennoch: Durch die schlichte Beschreibung ihrer vollendeten Schönheit drängt sich der Vergleich mit den Debatten und Events des gegenwärtigen Betriebs auf. Der Verdacht stellt sich ein, es ist da etwas unwiederbringlich verloren gegangen.

Trotz seiner vielen Vorzüge – eine wirklich runde Sache kann man das Buch nicht nennen. Die disparaten Formen und Themen der Texte geben dem Band den Charakter eines Sammelsuriums. Es verwundert, dass in einem so schmalem Büchlein Wiederholungen vorkommen, wenn etwa in den beiden Erinnerungstexten dasselbe längere Zitat aus Zbigniew Herberts Dankesrede für den Erhalt des Petrarca-Preises wiedergegeben wird.

Nein, eine Autobiographie von Michael Krüger vermag die Meteorologie des Herzens weiß Gott nicht zu ersetzen. Eine erfahrungsgesättigte Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Literatur und ihres Betriebes aus der Feder eines ihrer letzten Riesen wird weiterhin sehnlichst erwartet.

Titelbild

Michael Krüger: Meteorologie des Herzens. Über meinen Großvater, Zbigniew Herbert, Petrarca und mich.
Berenberg Verlag, Berlin 2021.
144 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783946334903

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