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Maria Lazars Menetekel „Leben verboten!“ (1932) oder Kolportage als neue Normalität

Von Günter HelmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Helmes

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Soll man nicht die Toten in Frieden ruhen lassen? Ergibt es angesichts abertausender Neuerscheinungen jedes Jahr – dem „Lebendigen“ – wirklich Sinn, in weit zurückliegenden Jahrzehnten – der „Historie“ – herumzuforschen wie ein auf längst durchwühltem Gelände emsig schürfender, aber selten und meist bescheiden entlohnter Goldgräber?

Um es vorwegzunehmen: Maria Lazar hat vor annähernd 90 Jahren mit Leben verboten! einen variantenreich und passagenweise glänzend erzählten, thematisch vielfältigen Zeitroman geschrieben. Ein Zeitroman ist der Text auch insofern, als er sich scheinbar mühelos jüngere erzählerische Errungenschaften zwischen Sekundenstil, Erlebter Rede, Polyphonie, expressionistischer Zuspitzung und neusachlichem Verismus zu Nutze macht und dazu populäre Genres wie Krimi, Großstadt- Wirtschafts-, Medien- und Familienroman einflicht.

Zwar kann der Roman nur bis zu einem gewissen Grade Nietzsches Vorstellung erfüllen, nach der der „Werth“ einer wahren, mit der Kunst nämlich verschwisterten und auf die Gestaltung der Zukunft zielenden Geschichtsschreibung darin liegt, „ein bekanntes, vielleicht gewöhnliches Thema, eine Alltagsmelodie geistreich zu umschreiben, zu erheben, zum umfassenden Symbol zu steigern und so in dem Original-Thema eine ganze Welt von Tiefsinn, Macht und Schönheit ahnen zu lassen“ (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben) – dazu fehlt es ihm trotz des einen oder anderen Blicks ‚hinter die Kulissen‘ an Theorie, Analyse und Tiefgang. Doch lohnt es sich dennoch, den Roman um des erreichten Grades, um der wiedergegebenen und teils aufgebrochenen gesellschaftlichen Oberflächen willen zu lesen. An diesen nämlich scheint viel aktuelle krisengeschüttelte Gegenwart auf, könnte noch mehr Gegenwart aufscheinen – „Schicksal ist, was andere über einen verfügen“ / „Und schuld ist, ein solches Schicksal über sich verhängen zu lassen“ (Leben verboten!) –, falls das jetzige Zeitgeschehen eine ungünstige Entwicklung nehmen sollte.

Wie vielen deutsch- und österreichisch-jüdischen SchriftstellerInnen – genannt seien stellvertretend Jenny Aloni, Richard Beer-Hofmann, Veza Canetti, Else Feldmann, Anna Gmeyner, Mela Hartwig, Else Jerusalem, Lili Körber, Gerson Stern und Soma Morgenstern – wurde auch Maria Lazar mit Austrofaschismus und Nationalsozialismus, mit Zensur, Bücherverbrennung, Verfolgung, Ermordung und Exil die in den 1920er Jahren mühsam gegen den zusehends reaktionären Zeitgeist erarbeitete Existenzgrundlage und der Resonanzboden für ihr Werk entzogen. Die Jahrzehnte währende kollektive Amnesie in beiden Ländern nach 1945 dann trug das Ihrige dazu bei, diese AutorInnen (wie viele andere KünstlerInnen auch) in Vergessenheit geraten zu lassen. Von diesem Schicksal waren zu einem nicht geringen Teil aber auch Linke und Liberale, jüdische wie nichtjüdische, sowie Mitglieder bestimmter Bevölkerungsgruppen wie Roma betroffen – und unter diesen Frauen noch einmal in ganz besonderer Weise. Das galt besonders dann, wenn man sie – im Unterschied zu „gottbegnadeten“ (Goebbels, Hitler) völkischen Autorinnen wie Helene Voigt-Diederichs, Ina Seidel oder Lulu von Strauß und Torney – mit Stichworten, mit Brandzeichen wie Emanzipation, Flapper, Zeitkritik, Internationalismus oder Pazifismus in Verbindung bringen konnte.

Wer wusste schon, sieht man von gerne als ‚Feigenblatt‘ geduldeten, doch sogleich ins Unterhaltliche abgewerteten Ausnahmen wie Vicki Baum, Mascha Kaléko oder Dinah Nelken einmal ab, in den ersten Nachkriegsjahrzehnten und z. T. sogar bis in unsere Gegenwart hinein überhaupt um Namen der Vorkriegszeit wie Emmy Ball-Hennings, Marieluise Fleißer, Elisabeth Freundlich, Claire Goll, Marta Karlweis, Irmgard Keun, Else Lasker-Schüler, Maria Leitner, Paula Ludwig, Alice Rühle-Gerstel, Annemarie Schwarzenbach, Gabriele Tergit oder Hermynia Zur Mühlen, um nur die heute wohl Bekanntesten zu nennen? Wie sollte man als (jüngeres) Publikum auch um sie wissen, wenn sie – ähnliche Feststellungen lassen sich auch für Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts treffen – seitens der in erdrückendem Maße von Männern vertretenen Literaturgeschichtsschreibung wider besseres Wissen einfach unterschlagen wurden?

Seit 2012 sind dankenswerterweise wieder Werke von Maria Lazar erschienen, angefangen mit Der Henker: Ein Akt (1921, 2012; seit Dezember 2019 wieder im Wiener Akademietheater aufgeführt) über Die Vergiftung (1920; 2014) und Die Eingeborenen von Maria Blut (1937; 2015) bis jüngst zu Leben verboten!. Dabei sind die insbesondere angesichts der Nachlass-Situation editionstechnisch überzeugenden Neu- bzw. Erstausgaben der drei letztgenannten Werke vom Wiener Germanisten Johann Sonnleitner im couragierten, bislang mit sieben Titeln hervorgetretenen Wiener Verlag das vergessene buch (dbv) besorgt worden; dieser debütierte mit Die Vergiftung, jenem Romanerstling der ‚angry young woman‘ Lazar, an dem Thomas Mann der „penetrante Weibsgeruch“ störte.

Laut Sonnleitners „Kolportage und Wirklichkeit“ betitelten Nachwort zu Leben verboten! soll als nächstes Maria Lazars Antikriegs-Schauspiel Die Nebel von Dybern (1933) im Herbst 2020 im Staatstheater Karlsruhe aufgeführt werden – man kann also, eingedenk auch der bisherigen positiven Aufnahme genannter Lazar-Werke seitens der aktuellen Kritik und der Erfahrungen, die mit ‚Revitalisierungsversuchen‘ anderer AutorInnen gemacht wurden, dahingehend spekulieren, dass eine (Re-)Integration der Autorin ins erweiterte literarhistorische Bewusstsein gelingen könnte.

Leben verboten! lag bislang nur auf Englisch in einer 1934 in London erschienenen, gekürzten und im Detail veränderten Fassung vor. Die jetzige, buchhandwerklich schön gearbeitete Ausgabe hingegen gibt das deutschsprachige Original von 1932 wieder und stellt, so heißt es im Impressum etwas kryptisch, „die zum ersten Mal veröffentlichte deutsche Erstausgabe des Romans dar“. Das gewiss um der Nachhaltigkeit willen auch Wiederholungen nicht scheuende Nachwort des Herausgebers ist mit Blick auf Leben und Werk der Autorin informativ. Mit Bertolt Brecht, Hermann Broch, Elias Canetti, Egon Friedell, Oskar Kokoschka, Karin Michaelis, Robert Musil, Alfred Polgar oder Helene Weigel beispielsweise fallen zudem einige große Namen – mehrheitlich freilich nicht zu deren Ruhm. Darüber hinaus zitiert das Nachwort im Umfeld von Deutungs- und Wertungsfragen ausgiebig und teils redundant – zusammengenommen ergeben das etliche Seiten – diverse, auch eher randständige Quellen. Mehrfach wird zudem hervorgehoben, das nunmehr durch den Einsatz des Herausgebers in Forschung und Lehre und „[s]ein editorisches Engagement“ einem kaum zu entschuldigenden literatur- und kulturhistoriographischen Versäumnis begegnet werden konnte: dem „systematische[n] Verschweigen und Verschwinden Maria Lazars in den Männer-(Auto)Biographien der Wiener Literatur“ nämlich. Das sei bislang im Wesentlichen nur durch die dänische Exilforschung und insbesondere durch „Texte mehrere Schriftstellerinnen“ aufgewogen worden.

Leben verboten! geht von der – selbstimmunisierenden? – Grundthese aus, dass es um die Spätphase von Erster österreichischer und Weimarer Republik mindestens so übel bestellt sei, wie es sich Kolportage nur ausmalen kann. Beide Republiken verkörperten geradezu die „Welt der Kolportage“. Der Roman spielt vor allem im Berlin und mehr noch im Wien der sich verschärfenden Krisenzeit 1931/32. Aber es wird auch länger (ein wenig zu lang) am Semmering und kurz in Prag Halt gemacht, und während ihm endlos erscheinenden Zugfahrten meist 3. Klasse gerät die Hauptfigur, der angesehene, aufgrund der globalen Wirtschaftskrise vom Bankrott bedrohte Berliner Bankier Ernst von Ufermann sogar in die für ihn exotische Welt bäuerlich-handwerklicher, proletaroider Existenzen.

Was aber hat ein gestandener Bankier überhaupt in der 3. Klasse zu suchen, jemand, der es gewohnt ist, ein (einlässlich erzähltes) nobles Leben inklusive der obligatorischen Geliebten zu führen und – scheinbar – prangend vor Selbstbewusstsein in besten Kreisen zu verkehren? Eine Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass Ufermann für tot gehalten wird. Das gibt ihm – überdrüssig seiner beruflichen wie ehelichen Schein-Welt, gehetzt aber vor allem von Unsicherheiten, Vernachlässigungen, Verletzungen und Ängsten existentieller Art seit Kindesbeinen an – die Möglichkeit, von jetzt auf gleich eine neue Identität anzunehmen. Dieser durch neue Papiere besiegelte Identitätswechsel, der endlich Ruhe, Selbstwertgefühl und Sinn einkehren lassen soll, ist für ihn allerdings mit einem undurchsichtigen Kurierdienst von Berlin nach Wien verbunden. Dabei stellt sich – Ufermann hat in Wien ein für seine Verhältnisse schäbiges Quartier bei einer von Verarmung, Zwietracht und Auflösung befallenen Hofratsfamilie bezogen – nach und nach heraus, dass er in die Hände gewaltbereiter jugendlicher Nationalsozialisten aus unterschiedlichen sozialen, maßgeblich auch aus bürgerlich-akademischen Verhältnissen gefallen ist.

Was Ufermann vor diesem Hintergrund während seiner Monate in Wien begegnet, gibt ein recht breites Spektrum an damaliger gesellschaftlicher Wirklichkeit wieder. „Der Krieg hat noch nicht aufgehört“, heißt es treffend ein ums andere Mal: hohe Arbeitslosigkeit, staatlich beförderter wirtschaftlicher Niedergang, beschleunigter Wertewandel bzw. -verfall, steigende Anzahl an Gewaltverbrechen, gesellschaftliche, auch Familie, die Geschlechter und Generationen betreffende Polarisierungen, Auflösung sozialer und rechtlicher Ordnungen, ökonomisch-soziale Deklassierung des vom Kleinbürgertum über das Beamtentum bis zum Wirtschaftsbürgertum reichenden Mittelstandes, weltanschauliche, mit persönlicher Bedrohung einhergehende Degradierung des liberalen, impotent in einer „Märchenwelt“ lebenden Bildungsbürgertums, Nationalismus, Antisemitismus und Terror – die Liste der Bauteile dieses riesigen Pulverfasses lässt sich verlängern.

Sie wird vom Roman auch selbst verlängert, indem er den desillusionierten doch sich noch der Hoffnung auf einen Rest basaler Menschlichkeit hingebenden Ufermann noch einmal nach Berlin zurückkehren lässt. Dort will er, geläutert und gestärkt, wie er zu sein glaubt, wieder seinen angestammten beruflichen und privaten Platz einnehmen. Ufermann muss freilich erfahren, dass in Berlin so gut wie niemand auf ihn wartet oder an ihm irgendein menschliches Interesse hat – das leitmotivisch den Roman durchziehende und vor allem auf Arme und Arbeitslose gemünzte „Leben verboten!“ bewahrheitet sich auch hier. Sein Kompagnon und seine nunmehr mit diesem verbandelte Ehefrau, die aus Ufermanns Lebensversicherung eine exorbitante Summe erhalten hat, erweisen sich als eigensüchtig, frivol, zynisch und skrupellos; die Presse ist zur gegebenenfalls zu jeder Lüge bereiten Sensationsjournaille verkommen; um Literatur und Film und deren (Massen-)Publikum ist es um keinen Deut besser bestellt; und staatliche Ordnungsmächte haben an Aufklärung, Recht und Gerechtigkeit keinerlei Interesse.

Ufermann kommt schließlich bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Eisenbahnbrücke in Ungarn ums Leben. Ob dabei dieser Anschlag ihm persönlich galt oder er ein weiterer Ausdruck für den fortgesetzten „Krieg“ in sogenannten Friedenszeiten ist, lässt der Roman offen. Nicht im Unklaren hingegen lässt er den Leser darüber, was für die Zukunft zu befürchten ist: Exzesse von Gewalt als der Beginn eines neuen bzw. als Fortführung des über 1918 hinaus währenden Krieges, Vertreibung und Exil, Indolenz all dem demgegenüber seitens des ‚gewöhnlichen Mannes‘. Dass die Wirklichkeit dann noch unvorstellbar schlimmer wurde und Kolportage in Apokalypse umschlug, überstieg allerdings die erstaunliche Prognosekraft des Romans. Einen solchen Kolportageroman zu schreiben – denn das ist Leben verboten! auch – hätte sich wohl selbst die ebenso scharf- wie weitsichtige, sprachmächtige Maria Lazar nicht getraut.

Titelbild

Maria Lazar: Leben verboten!
DVB Verlag, Wien 2020.
380 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783903244030

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