Die Seele der Vergangenheit

Mit „Alma“ begibt sich der Literaturnobelpreisträger J. M. G. Le Clézio auf eine literarische Reise nach Mauritius, die nicht frei von Klischees und Kitsch bleibt

Von Jeremias GrafRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jeremias Graf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mauritius ist nicht nur ein beliebter Urlaubsort, sondern auch Schauplatz von Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézios Roman Alma, welcher im französischen Original schon 2017 erschien und nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Dort sucht einer der beiden Haupterzähler, der französische Wissenschaftler Jérémie Felsen, nach Hinweisen auf den ausgestorbenen Dodo, einen ein Meter großen, flugunfähigen Vogel, dem eingeschleppte Ratten und Schweine im 17. Jahrhundert sein Ende bereiteten. Daneben existiert ein weiterer Dodo – der zweite Erzähler Dominique Felsen, ein von der Syphilis gebeutelter Obdachloser, den es im weiteren Verlauf der Handlung nach Frankreich verschlägt und dessen Geschichte als Clochard einige Jahrzehnte früher als die von Jérémie spielt.

Die beiden entstammen der geschichtsträchtigen Familie Felsen, die auf Mauritius großen Besitz und Reichtum als Plantagenbesitzer mit dem Anbau von Tabak und Zuckerrohr anhäufen konnte, darunter das zum Zeitpunkt des Romans schon obsolet gewordene namensgebende Landgut „Alma“. Le Clézio selbst hat mauritische Wurzeln und auch seine Familie brachte es dort zu Reichtum und einer Zuckerrohrplantage.

Schnell stellt sich heraus, dass es über den bereits drei Jahrhunderte toten Vogel nicht viel herauszufinden gibt. Passend zu Buchtitel und Namen der Familienresidenz Alma, das ist lateinisch für „nährend“ und zudem das spanische, portugiesische und italienische Wort für „Seele“, geht Jérémie also auf die Suche nach der Seele seiner Familie – eine Geschichte der Macht und des Geldes, erwirtschaftet auf dem Rücken der Sklaverei.

Wir begleiten ihn durch Mauritius, dessen üppige Landschaft in der Gegenwart des modernen Kapitalismus Hotels mit Swimmingpools und Einkaufszentren gewichen ist. Während der kritische Blick des Ich-Erzählers diesen Umstand fortwährend beklagt, gibt er sich romantisch verträumten und zuweilen manierierten Landschaftsbeschreibungen hin. Auch auf inhaltlicher Ebene bedient der Text einige Klischees, wenn z. B. Aditi, die für die Mauritius Wildlife Foundation arbeitet, ihr Kind aus Prinzip im Wald auf die Welt bringt oder Jérémie an einer im Romankontext völlig sinnbefreiten Geisterbeschwörung teilnimmt, allein um das Stereotyp der Naturverbundenheit und des Spiritismus der kreolischen Bevölkerung stattfinden zu lassen.

Jérémies Erzählstimme wartet hin und wieder mit problematischen Bemerkungen auf, die leider nur oberflächlich reflektiert werden. Grundsätzlich verurteilt er den Kolonialismus und die Sklaverei natürlich, allerdings wird dies nicht zu jedem Zeitpunkt deutlich. Glänzt er anfangs noch mit seiner Naivität, dass seine Familie vielleicht, vielleicht aber auch nicht bei der Sklaverei mitgemacht hat („Ich habe es aufgegeben, ihr zu erklären, dass die Felsens niemanden bekämpft haben, denn letztlich bin ich mir dessen nicht absolut sicher, sie haben ja zur Zeit des Sklavenhandels gelebt“), scheint er später unfähig, die Konsequenzen des ausbeuterischen Handelns seiner Vorfahren und die daraus resultierende Verantwortung vollständig zu akzeptieren: 

Wie kann ich mich ganz unbeteiligt fühlen, obwohl ich doch dieser Familie, diesem Erbe, dieser Geschichte angehöre? Nur weil mein Vater eines Tages beschlossen hat, alle Brücken abzubrechen? Macht mich das zu einem Unschuldigen? In diesem Augenblick erinnere ich mich an die Bemerkung eines Kommilitonen […]: ‚Ach, ihr Anhänger der Sklaverei!‘ Als gäbe es uns nicht, als hätten wir kein Anrecht auf Gefühle, auf Erinnerungen, und als seien wir unfähig, uns über uns selbst lustig zu machen!

Leider hat es genau den Anschein, als sei der Erzähler unfähig, das ganze Ausmaß seiner Familiengeschichte, inklusive ihrer menschenfeindlichen Seiten, anzuerkennen. Und der restliche Roman lässt eine ironische oder satirische Lesart derartiger Passagen fehlschlagen, da er die hierfür nötige Distanz zu den Bemerkungen des Erzählers in keiner Weise herstellt.

Dann ist da noch Krystal, ein minderjähriges Mädchen, das sich zu Anfang als Liebhaberin eines niederländischen Piloten etwas dazuverdient und welches Jérémie gerne beim Sonnenbaden im Bikini durch die Jalousien seines Badezimmerfensters beobachtet. Der voyeuristische Blick verfällt in seiner Vernarrtheit auch gerne mal exotisierenden Kommentaren wie „Ich konnte mir meine kleine Wilde, meine Amazone, nicht inmitten dieser lärmenden Bande, dieser braven Töchter aus begütertem Haus vorstellen“, die sich zur nicht seltenen sprachlichen Hervorhebung und Fetischisierung von weiblicher nicht-weißer Haut gesellen. Immerhin fragt sich auch der Ich-Erzähler, ob er sich in seinem Auftreten denn überhaupt vom niederländischen Piloten unterscheidet, ob er „anders als ihr Daddy [ist], dieser alte Beau, der sich seine Opfer in fremden Ländern sucht, in denen er nichts riskiert“ – ein Gedanke, der unmittelbar nach seiner Äußerung allerdings wieder vollkommen ignoriert wird. 

Die von Dodo (Dominique) erzählten Kapitel wissen glücklicherweise mehr zu bieten und gehören zu den Stärken des Buchs. Dodo, dessen Krankheit ihm Teile seines Gesichtes genommen hat, darunter auch seine Augenlider, erzählt seine Erlebnisse in einer höchst assoziativen und mit kreolischen Farbtupfern besprenkelten Sprache, die in ihrer absoluten Gegenwärtigkeit – der Ich-Erzähler Dodo greift buchstäblich überwiegend auf das Präsens zurück, unabhängig von der tatsächlichen zeitlichen Situierung seiner wirren Erinnerungen – auch seiner Lebenswahrnehmung gleicht: „Ich lebe an ein und demselben Tag. […] Mein Tag geht nie zu Ende, es ist wie eine endlose Straße, ich sehe nicht, wie es Nacht wird, ich schlafe nicht und es ist gleich Morgen.“ 

Dodo zieht immerfort die Inschrift auf den Gräbern seiner Eltern mit weißer Kreide nach und führt somit einen Kampf gegen das Vergessen, der sich durch den gesamten Roman mit seiner Namensbesessenheit zieht – im ersten Kapitel werden über zwei Seiten nur die Namen ehemaliger Bewohner von Mauritius aufgezählt. Und er findet sich auch im Anliegen Jérémies, die Geschichte des Vogels Dodo, die Geschichte seiner Familie samt ihrer Verflechtungen in der Sklaverei und das Verschwinden des kranken und von der Gesellschaft verstoßenen Dominique zu ergründen. Leider gelingt es Alma dabei jedoch nicht, eine klischeefreie und wirklich reflektierte Erinnerungskultur der kolonialen Vergangenheit seiner Protagonisten zu pflegen. 

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2021 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2021 erscheinen.

Titelbild

Jean-Marie Gustave Le Clézio: Alma. Roman.
Aus dem Französischen von Uli Wittmann.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020.
368 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783462052268

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch