Hunde, Matrosen und das zweitbeste Bett
Michael Maar stellt in „Das violette Hündchen“ scheinbare Nebensächlichkeiten in Literaturklassikern vor
Von Michael Duszat
Das neue Buch von Michael Maar ist seinem früheren Titel Die Schlange im Wolfspelz (2020) äußerlich ähnlich: gemalte Frauen auf dem Cover, Tiere im Titel, „große Literatur“ im Untertitel. Trotzdem handelt es sich nicht einfach um eine Fortsetzung: Denn während das frühere Buch der Frage „Was ist guter Stil?“ nachging, möchte Das violette Hündchen zeigen, inwiefern es bei literarischen Texten immer auch auf die Details ankommt.
Die Diskussion des Begriffs Detail ist dabei kürzer und oberflächlicher als die des Begriffs Stil im Vorgänger war. Maar reduziert seine Überlegungen dazu auf einen Kerngedanken: Entscheidend sei, dass das Detail immer persönlicher Erfahrung beim Lesen entspringt: „Starke Details erkennt man daran, daß man sie am Seitenrand mit einem Bleistiftkreuzchen markiert hat.“ Auf eine weitere Vertiefung oder Systematisierung verzichtet der Autor bewusst. Der größte Teil des Buches ist einem eher intuitiven „Ideal des genauen Blicks“ verpflichtet. Maar zeigt anhand zahlreicher Lektüren, welche Details er bemerkenswert findet, und welche Rolle diese Details für die betreffenden Werke spielen.
Es geht dabei immer um Prosatexte, meistens um Erzählliteratur, gelegentlich auch Autobiografisches. Die gelesenen Texte sind meist Klassiker der englischsprachigen Literatur, von Mansfield Park über Tom Sawyer bis Charlotte’s Web, gemischt mit einigen deutsch- und anderssprachigen Klassikern und ein paar aktuelleren Geheimtipps. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der (im Vergleich zur Schlange noch einmal umfangreichere) Anmerkungsapparat, der zum Teil ausufernde, aber nie langweilige Endnoten, ein Register und ein ausführliches Literaturverzeichnis zum Weiterlesen und -forschen bietet.
Die diskutierten Texte gruppiert Maar in Kapitel, geht dabei aber nicht immer ganz einleuchtend vor. Das zweite Kapitel zum Beispiel heißt „Dressiert und undressiert“ – was mit dem Motiv des Hündchens zu tun hat, aber nicht weiter differenziert wird – und beschäftigt sich zunächst allgemein mit der Kunst des Plots, dann mit einem für den Plot wichtigen Detail in Nabokovs Lolita, dann, über einen kurzen Umweg über Robinson Crusoe, mit Aufzählungen als Stilmittel, und schließlich, weil wir gerade bei literarischen Formen ohne Plot sind, mit seriösen sowie parodistischen Lexika. Ähnlich assoziativ leitet uns der Autor im gesamten Buch von einem zum anderen. Das violette Hündchen wirkt dadurch oft wie eine Sammlung gemischter Essays über Literatur, die gar nicht unbedingt in Kapitel geordnet hätten werden müssen.
Schwierig zu lesen wird Das violette Hündchen nur selten – allerdings ausgerechnet dann, wenn es um die winzigen, aber entscheidenden Details geht, die ja das Kernthema des Buches sind. Das liegt jedoch nicht am Stil, sondern am Thema selbst (und hängt sicher auch von der Aufmerksamkeitsspanne der Lesenden ab). Denn damit die nur scheinbar nebensächlichen Details richtig eingeschätzt werden und zum Sprechen kommen können, müssen natürlich zunächst der Plot, die Biografie einer Autorin oder der historische Kontext nacherzählt werden – und das kann einige Seiten dauern. Welche Bedeutung zum Beispiel unser violettes Hündchen hat, verstehen wir erst, wenn wir wissen, in welcher Umgebung es erscheint und wie es dort funktioniert. Und manchmal tendiert so eine Nacherzählung bei Maar zur Abschweifung: Sicher ist ein dreißigseitiger biografischer Essay über Colette lesenswert; auch mit der Frage, wer Shakespeare wirklich war, beschäftigt man sich gern; und es ist auch interessant, aus Briefwechseln mit Thomas Mann etwas über die Eitelkeiten Adornos zu lesen – doch zwischendurch kann man leicht vergessen, um welche Frage beziehungsweise welche Details es eigentlich geht, und was das für die Frage nach der „großen Literatur“ bedeutet.
Insgesamt ist der biografistische Ansatz – das heißt, die Biografie von Autoren als Erklärung für ihre Texte heranzuziehen – stärker ausgeprägt als in Die Schlange im Wolfspelz. Auch das funktioniert meistens, wie zum Beispiel in dem nacherzählten Zusammenhang zwischen Nabokovs Berlin-Zeit und der Entstehung von Lolita. Dieser Schwerpunkt verwässert aber zusätzlich ein wenig das ohnehin schon lose definierte Thema des Buches. Denn wenn auch einleuchten mag, dass zum Beispiel das Thema Sexualität in Thomas Manns Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und Briefen tausendfach verschlüsselt vorkommt, ist nicht immer klar, was das nun für die übergeordnete Frage nach der „großen Literatur im Detail“ bedeutet. Hier wäre etwas mehr thematische Einengung also hilfreich gewesen, denn es kann ja nicht das gleiche sein, ob wir mit „Detail“ Motive, Bilder oder Wörter in Texten meinen oder besondere Ereignisse im Leben einer Autorin.
Wenn die nötigen Erläuterungen und Zusammenfassungen fokussiert sind und näher beim Thema bleiben, sind sie aber oft exzellent und lassen diese Abschweifungen leicht verschmerzen. Maar lässt dann nicht nur nebensächliche Details wie Kostbarkeiten erscheinen, sondern schafft es wie nebenbei auch noch, einen vorgestellten Text (oder eben auch ein Autorenleben) insgesamt als etwas ganz Besonderes darzustellen. Nur selten einmal zünden die Pointen am Kapitelende nicht; vielleicht sind auch ein paar zu viele leicht ironische Wendungen („man beachte“, „die geschätzte Leserin“ oder „Wir gestatten uns ein Intermezzo“) enthalten. Und vereinzelt schleicht sich sogar etwas unnötiger und daher leicht verpuffender Enthusiasmus ein (zu einer Aussage Chestertons: „Wie klug gesehen, und wie wahr!“; zu Jane Austen: „Alles in allem war sie schon verdammt gut.“). Trotzdem: Wer die Schreib- und Herangehensweise Maars mag, wird sich auch in diesem Buch zuhause fühlen und nicht nur gut informiert, sondern auch gut unterhalten werden.
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