Literarische Meisterstücke von Thomas Mann neu entdeckt und heute gelesen
In den Erzählungen „Tonio Kröger – Mario und der Zauberer“ wird über Geist, Kunst und Politik nachgedacht
Von Thorsten Paprotny
In der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe begegnen Leserinnen und Leser den literarischen Werken gewissermaßen aus erster Hand, denn die Orthografie und Interpunktion folgen nicht den Vorgaben der jeweils gültigen Regeln des Duden, sondern gänzlich Thomas Manns Sprache. Wer Tonio Kröger als literarische Impression über das Verhältnis von Geist und Kunst begreift und in Mario und der Zauberer vornehmlich als Parabel über den italienischen Faschismus unter Benito Mussolini versteht, folgt klassischen Interpretationslinien, die summarisch zutreffend sein mögen, die Erzählkunst und die bezeichneten Werke indessen doch nur verkürzt charakterisieren. Die Neuausgabe der beiden Erzählungen lädt zu einer Re-lecture ein, vielleicht auch, um neue Eindrücke über höchst bekannte literarische Werke aus der Feder Thomas Manns zu gewinnen.
In Tonio Kröger wird die hanseatische Heimat Manns mit ihren „giebeligen Gassen“ sichtbar, zugleich die stets auch von ihm selbst als Einengung empfundene Schulwelt. Tonio, der künstlerisch begabte Bürgersohn, gehört nach dem letzten Gong stets zu den „Scharen der Befreiten“, also den Schülern, die dem täglichen Regiment der zynischen Zuchtmeister entronnen und in die Freiheit, zumindest vorübergehend, entlassen sind. Der von Tonio diskret bewunderte, verehrte Mitschüler Hans, literarisch ausnehmend unmusikalisch, bewegt sich behend, geistig limitiert, aber körperlich tüchtig hinaus, der verträumte Mitschüler indessen spricht und schwärmt von Friedrich Schiller, von Musik, schreibt Verse und ist im Trott des Alltags ausnehmend unglücklich. Hans Hansen bekümmert derlei wenig, er lebt dahin, und dies wird er auch weiter tun. Tonio Kröger spürt ob seiner hohen Sensibilität und früh sichtbar werdenden Lebensuntüchtigkeit – denn ein Kaufmann wird aus ihm nicht werden – den „Zorn des Vaters“, den er aber nachvollziehen kann. Die „heitere Gleichgültigkeit der Mutter“ steht der Denk- und Lebensart des strengen Kaufmanns entgegen: „Tonio liebte seine dunkle und feurige Mutter, die so wunderbar den Flügel und die Mandoline spielte, und war froh, daß sie sich ob seiner zweifelhaften Stellung unter den Menschen nicht grämte.“
Tonio wächst auf, reift heran und ist bereits früh dem Zauber der Kunst erlegen, anders als der „vortreffliche Schüler“, dem er juvenile „Liebe“ entgegenbrachte, Hans Hansen nämlich, der den Anforderungen auf beste Weise genügte, ordentlich lernte und optisch kraftvoll wirkte, während Tonio als Schwächling galt, mit besonderen Leidenschaften, die außer ihm niemand in seinem Alter teilte, auch nicht die blonde Inge Holm, ein ihn betörendes Mädchen, dem er im Tanzkurs begegnete. Sie folgt lächelnd dem Tanzlehrer, den Tonio als affektiert ansieht, als „Affen“, töricht und geschmeidig zugleich: „Er verstand es so gut, daß Inge, die blonde, süße Inge auf Herrn Knaak blickte, wie sie es that. Aber würde denn niemals ein Mädchen so auf ihn selbst blicken?“ Wiederum, ähnlich und doch anders als im Blick auf Hans Hansen, wirbeln empfindsame Gefühle auf, Zuneigungsbekundungen, verstohlene Liebeserklärungen, die gedankenvoll in ihm gegenwärtig sind, aber nicht ausgesprochen werden, und Tonio quält sich auch in der Tanzstunde, bleibt er selbst, leidend, versuchsweise liebend, aber doch nur in der Möglichkeit. Er spielt manches durch, tritt aber nicht aus sich heraus – und bleibt dem Liebenden damit wirklich nichts anderes als der Weg in die Kunst – und der Glaube an die „erlösende Macht der Sprache“? Statt Liebhaber zu sein und geliebt zu werden, gibt sich Tonio Kröger also den Musen, den Künsten hin, begibt sich in eine Sphäre des Schöpferischen und tauscht sich später geistvoll mit der russischen Seelenverwandten Lisaweta Iwanowna aus. Sie können lange reden, kunstvoll fabulieren, Kluges über Geist und Kunst einander mitteilen, ohne einander wirklich zu lieben.
Tonio wertschätzt die Freundschaft, die Gesprächspartnerin, und die Erzählung nimmt in diesen Kapiteln mitunter essayistische Züge an, wenn Tonio und Lisaweta sich über russische Literatur und die Macht der Künste unterhalten. Über den „Thränenschleier des Gefühls“ spricht er, zeigt seine Distanz gegenüber der „Blasiertheit“, die er bemerkt, und denkt über die „ironische Müdigkeit aller Wahrheit gegenüber“ nach. Die „Litteratur“ mache müde – und es scheint, als ob die Sphäre des Geistes eine Art Schauspiel sein könnte, das den Lebensverdruss vermehrt. Lisaweta hört zu, nimmt wahr, aber sie stimmt nicht uneingeschränkt zu, bleibt eine rationale Gesprächspartnerin, die sich fragen mag, ob der beredte Tonio sich wirklich nach den „Wonnen der Gewöhnlichkeit“ sehnt. Tonio Krögers Bekenntnis lautet: „Das Reich der Kunst nimmt zu, und das der Gesundheit und Unschuld nimmt ab auf Erden.“ Er folgert daraus sogleich: „Man sollte, was davon übrig ist, aufs Sorgfältigste konservieren und man sollte nicht Leute, die viel lieber in Pferdebüchern mit Momentaufnahmen lesen, zur Poesie verführen wollen!“ Leserinnen und Leser wissen längst, dass in Tonio ein Verführter und Sprach-Verführer das große Wort führt, der aus der Ferne zu begehren und vielleicht auch zu lieben weiß, aber die Distanz aufrechterhält, zu den „Glücklichen, Liebenswürdigen und Gewöhnlichen“ hinüberschaut, von Sehnsucht erfüllt, mit „schwermütigem Neid“, sowie mit „ein klein wenig Verachtung“ und mit „einer ganzen keuschen Seligkeit“.
1903 erschien diese Novelle zum ersten Mal, und sie fand große Resonanz, vielleicht auch, weil der künstlerische Typus, den Thomas Mann erzählerisch herausarbeitet, sorgfältig konturiert vorgestellt wird, sodass die Könnerschaft des Autors nie in Abrede gestellt werden kann, wenngleich es ihr an der lebensvollen Dynamik, die etwa den „Buddenbrooks“ eigen ist, doch mangelt. Ähnlich verhält es sich mit „Mario und der Zauberer“, heute gelesen – handelt es sich um eine effektvolle, stilistisch makellos komponierte Erzählung, die mit der Gestalt des Zauberers Cipolla eine Figur erscheinen lässt, die als „fatal“ angesehen wird, faszinierend und zugleich eine Gefahr, ein „Hypnotiseur“, ein Verführer nicht allein der Massen, sondern vieler Einzelner, die der Aura einer Autorität, damit auch eines Redners, Volkstribuns oder Politikers, erliegen können. Mann führt Cipolla anschaulich ein und schildert ihn als „Typus des Scharlatans“, des „marktschreierischen Possenreißers“, der trotzdem sein Publikum für sich gewinnt, auch wenn er den „Eindruck reklamehafter und phantastischer Narretei“ erwecke. Als historische Figur steht ihm Benito Mussolini vor Augen, graduell gewiss gilt dasselbe für das Auftreten Adolf Hitlers.
Der zuinnerst vom Erzähler als unangenehm erlebte „Cavaliere Cipolla“ wirke zugleich abstoßend und faszinierend – und diese Ambivalenz wird literarisch vorgestellt, denn das Publikum folgte dem rhetorisch versierten Tausendkünstler in einem Spektakel, das in einen „Tumult“ mündet, vielleicht münden musste oder auch nur münden konnte. Sehr ähnlich verhält es sich mit den Volkstribunen in der großen Politik, damals, vielleicht auch heute – und die Parallelen zu Potentaten, Diktatoren, Präsidenten und Exponenten der zeitgenössischen Machtpolitik mögen manche Leserinnen und Leser erkunden. Weitaus mehr noch als die historisch bedeutsame Erzählung „Tonio Kröger“ lässt sich „Mario und der Zauberer“ als Parabel für eine Zeit undurchsichtiger Herrscher lesen, vor denen man sich durchaus fürchten darf, vielleicht fürchten muss.
Thomas Manns Erzählungen, so auch diese beiden, sind für sich genommen bereits lesenswert, und das werden sie auch bleiben, heute und zu allen Zeiten. Seine literarische Kunst wird ihr Publikum finden – und hatte gestern, hat heute und morgen ihr Publikum verdient, in aller Welt.
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