In neuem Gewand

Über 200 Jahre nach der Ausgabe letzter Hand erscheint eine bibliophile Ausgabe der „Kriminalgeschichten“ August Gottlieb Meißners

Von Hannah Varinia SüßelbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hannah Varinia Süßelbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Programm der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Geno begründeten Buchreihe Die Andere Bibliothek ist einem größeren Publikum bekannt. Es folgt inhaltlich nur einem Maßstab: „Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung.“ Im Geiste dieses „Kanons der Kanonlosigkeit“ steht die neue Editionsreihe des Wehrhahn Verlags Die Anderen Klassiker, die im Frühjahr 2019 startete. Um das intellektuelle Schaffen, die Originalität und Qualität zu ihrer Zeit bekannter Autor*innen vom 16. bis ins 20. Jahrhundert zu bewahren, werden hier sowohl Essays, Romane und Erzählungen als auch Berichte und vieles mehr präsentiert.

Da August Gottlieb Meißner, wie der Eintrag von Friedrich Schulz im Almanach der Bellettristen und Belletristinnen für’s Jahr 1782 konstatiert, als „Lieblingsschriftsteller unsrer Nation“ galt, verwundert es nicht, dass seine Publikation Kriminalgeschichten. Skizzen. Dreyzehnte und vierzehnte Sammlung von 1796 Einzug in diese Reihe gefunden haben. Die Meinung eines Einzelnen würde jedoch wohl kaum ausreichen, um Meißner über 200 Jahre später in den Kanon der Anderen Klassiker aufzunehmen. Er wird jedoch literarisch durch seinen prominentesten Bewunderer geadelt. Dabei handelt es sich um niemand Geringeren als Friedrich Schiller, der Meißners Darstellungen kriminalistischen Wissens auf der Grundlage juristischer Akten in Form von literarischen Fallgeschichten schätzte.

Meißner gilt häufig als Begründer der deutschen Kriminalfallgeschichte, die in der Spätaufklärung in Nachfolge der mit dem Namen Pitaval verbundenen Sammlung berühmter Rechts- und Kriminalfälle boomten. Die neu herausgegebene Ausgabe von Meißners Kriminalgeschichten ist ein „diplomatisch getreuer Abdruck, der durch die vorangestellten Titelblätter dokumentierten Bände 13 und 14 von Meißners Skizzen“. Alle orthografischen Eigenheiten wurden übernommen, die Originalpaginierung in eckigen Klammern hinzugefügt und die Fraktur des Originals in lateinische Buchstaben überführt. Das Überlieferungsverzeichnis gibt den jeweiligen Ort der ersten Publikation der einzelnen Fallgeschichten an.

Die Aufnahme in die Reihe Die Anderen Klassiker behebt – so die Herausgeber*innen – einen editorischen Notstand, da sich die Forschung bei der Beschäftigung mit den Anfängen der deutschen Kriminalliteratur, die in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen hat, häufig auf Raubdrucke, Nachdrucke oder posthum veröffentliche Anthologien stützen musste. Obwohl das Gesamtwerk Meißners insgesamt 36 Bände (siehe Sämtliche Werke 1813/14) umfasst, erlangte er wirkliche Bekanntheit durch seine Sammlungen von Erzählungen und Dialogen (1781–1789) sowie die Skizzen (1778–1796). Letztgenannte erlebten mehrere, einander teilweise überlagernde Auflagen, die in Zusammenstellung und Textbearbeitung zum Teil stark divergierten. Sie wurden ins Dänische, Französische, Holländische, Schwedische sowie ins Russische übersetzt. Der nun bei Wehrhahn erschienene Band enthält all die von Meißner gesammelten und literarisch aufgearbeiteten Kriminalfallgeschichten in der Fassung letzter Hand, wie sie 1796 herausgegeben wurden, versehen mit editorischen Markern. Dadurch ist das Buch nicht nur für Wissenschaftler*innen ein Gewinn, sondern, durch die hochwertige und geschmackvolle Aufmachung, auch für historisch interessierte, bibliophile Menschen eine Freude.

Die Entscheidung der Herausgerber*innen, Alexander Kosenina und Sarah Seidel, ausgerechnet diese Fassung neu zu edieren, ist leicht zu erklären. Zum einen werden damit schlicht diejenigen Schriften Meißners erhalten, mit denen er die größte Berühmtheit erlangt hat. Zum anderen zeichnet sich die die Dreyzehnte und vierzehnte Sammlung der Skizzen, die1796 in der dritten Ausgabe erschien, im Gegensatz zu den ersten beiden Auflagen durch thematische Kohärenz aus. In ihr wurden erstmals alle Kriminalfallgeschichten Meißners gebündelt zusammengefasst. Die einzige Ausnahme stellt dabei Meißners allererste Fallgeschichte mit dem Titel Blutschänder, Mordbrenner und Mörder zugleich, den Gesetzen nach, und doch ein Jüngling von edler Seele dar. Diese als Brief eines Predigers verfasste Fallgeschichte wurde von Meißner nur in der ersten Sammlung veröffentlicht und hat somit eine Sonderrolle. Interessant ist weiterhin, dass in der Fassung letzter Hand erstmals eindeutige Benennungen der Fallgeschichten hinzukamen. Lediglich die letzten fünf Texte sind nummeriert, alle anderen tragen Eindeutigkeit stiftende, belehrende und zum Teil auch den Inhalt vorwegnehmende Titel.

Die größte und editorisch wohl interessanteste Änderung zu den ersten beiden Auflagen stellt jedoch die kompilierte Zusammenstellung der Fallgeschichten dar. Während diese zunächst noch durch Meißners Dialogroman Bianka Capello und Fabeln gerahmt und dadurch historisch sowie moralisch eingebettet wurden, bilden die Fallgeschichten in dieser Auflage ihr eigenes Umfeld. Auf diese Weise beeinflussen sie sich, wie die Herausgeber*innen in ihrem Nachwort herausstellen, gegenseitig. Sie gehen darüber hinaus topologische Verbindungen zueinander ein. Dazu heißt es im Nachwort: „Die den Texten immanente induktive und deduktive Erzählweise wird dabei auf die benachbarten Geschichten übertragen. Durch die neue topische Anordnung kommt es auch zur Akzentverschiebung innerhalb der Fälle“. So wird beispielsweise der Fall Der Mann um Mitternacht auf der Kanzel in der dritten Auflage mit dem Zusatz versehen, es soll „eben daher gleich noch eine Geschichte von ähnlicher Art darauf folgen“. Diese und weitere Umarbeitungen werden von den Herausgerber*innen im Nachwort dargestellt.

Das Herzstück von der Dreyzehnten und vierzehnten Sammlung bilden die teilweise intensiv recherchierten und ohne überflüssige Details und Effekthascherei dargelegten Kriminalgeschichten. Dabei ging es ihm vor allem auch darum, Taten nicht nur juristisch zu dokumentieren, sondern über die psychologischen, moralischen und sozialen Ursachen des Verbrechens aufzuklären. In seiner Vorrede heißt es dazu:

Dagegen hof’ ich, wird man keine Geschichte darunter finden, die nicht in dieser oder jener Rücksicht einen merkwürdigen Zug des menschlichen Herzens darstellte, die nicht Anlaß zu Betrachtungen über die sonderbare Verkettung vom Guten und Bösen, über die dünne March zwischen Tugend, Schwäche und Laster, über die Unsicherheit menschlicher Urtheile, über den Selbstverrath des Lasters, oder über andre verwandte Wahrheiten darböte.

Er schreibt von Unschuldigen oder fast gar nicht Schuldigen, und in nahezu allen Kriminalanekdoten gibt es einen Bösewicht, der die Protagonisten zu etwas treibt. Dabei ist es Meißner wichtig zu betonen, dass er nie wirkliche Verbrechen rechtfertigt.

Die Kriminalgeschichten werden durch das Vorwort Meißners und das Nachwort der beiden Herausgeber*innen gekonnt umrahmt. Meißners literarisches Programm, die Ambivalenz der Fallgeschichte als unwägbare Form zwischen fiktional und faktisch, wird im Nachwort anschaulich zusammengefasst. Ebenso werden die Änderungen zu den ersten beiden Auflagen der Skizzen herausgearbeitet und so dem Interessierten zur Verfügung gestellt, ohne dass eine weitreichende Recherche von Nöten ist. Die beachtliche editorische Leistung erscheint jedoch fast mühelos. Damit hat der Wehrhahn-Verlag eine brillant überarbeitete Fassung eines vergessenen „Nationalschriftstellers“ vorgelegt, die die weitere wissenschaftliche Arbeit mit dem Themenfeld Literatur und Recht, das untrennbar mit der Spätaufklärung verbunden ist, vereinfacht. Doch auch wer sich jedoch nicht wissenschaftlich mit diesem Themenfeld beschäftigen möchte, kommt auf seine Kosten. Das hübsch gestaltete Buch lädt auch nur zum Blättern in historischen Betrachtungen von Recht und Gerechtigkeit oder zum Schmökern ein. Diese Gratwanderung ist gelungen.

Titelbild

August Gottlieb Meißner: Kriminalgeschichten. Skizzen. Dreyzehnte und vierzehnte Sammlung.
Herausgegeben von Alexander Kosenia und Sarah Seidel .
Wehrhahn Verlag, Hannover 2019.
384 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783865256843

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