Nippel – Das letzte Tabu

Warum weibliche Brüste auf Social Media immer noch zensiert werden

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler und Stefanie von WietersheimRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie von Wietersheim

Rätsel des Lebens. Warum, um Himmels willen, sind in unserer pornofizierten Gesellschaft wenige Quadratzentimeter um die weibliche Brust ein solcher Aufreger, dass man schnell aus dem digitalen Leben geworfen werden kann, wenn man sie postet? Denn auf Instagram und Facebook – den Social-Media-Kanälen des Zuckerberg-Konzerns Meta, der insgesamt 4 Milliarden Nutzer hat – bekommt man großen Ärger, wenn man diesen runden, stärker pigmentierten Hautbereich in der Mitte der Brustdrüse veröffentlicht.

Brustwarzen-Abbildungen werden durch künstliche Intelligenz, Filter oder das manuelle Melde-System entfernt. Bilder von Nacktheit sind nach den aktuellen Gemeinschaftsrichtlinien von Meta grundsätzlich nicht zulässig. Dass dazu neben Fotos von Genitalien oder Geschlechtsverkehr auch weibliche Brüste mit ihren Spitzen gehören, die Männerbrust aber unzensiert abgebildet werden darf, ist verwunderlich. Ausnahmen sind Fotos beim Stillen oder nach einer Entbindung, auf denen eine weibliche Brustwarze zu sehen ist. Bilder von Brüsten nach einer Brustamputation, einer geschlechtsangleichenden Operation oder bei einer Protestaktion werden geduldet. Kunstwerke, auf denen weibliche Nippel zu sehen sind, lässt Meta ebenfalls zu.

Das funktioniert tatsächlich: Wir haben es ausprobiert mit dem Posten des Bildes von Agnès Sorel, der offiziellen Mätresse des französischen Königs Karl VII. Auch wenn sie die thronende Madonna mit dem Christuskind darstellt, diese „Dame de Beauté“ war dafür bekannt, dass sie in den 1440er Jahren ihre Gewänder so schneidern ließ, dass ihre Lieblingsbrust freilag. Wir schickten ihr Bild auf unsere Insta-Kanäle – die barbusige Schönheit blieb. Auch das kunstvolle Bildnis der Gabrielle d’Estrées aus dem 16. Jahrhundert nebst einer Schwester, das nicht nur eine einzige nackte Brust, sondern gleich vier blanke Brüste zeigt, an denen die eine herumspielt, ließ Instagram auf unserem Kanal. Und selbst unser Post des „Barberinischen“ Faun aus der Münchner Glyptothek, der lasziv seinen Penis und Hodensack zeigt, wurde nicht entfernt.

Grund für die Zensur echter weiblicher Brüste ist das Argument der Betreiber, dass die Kanäle keine erotischen oder gar pornografischen Inhalte zulassen wollen.

Damit misst Meta mit zweierlei Maß: Männliche Brustwarzen können in voller Realität gezeigt werden. Warum gibt es diesen Breast Gap auf Social Media? Sind Männerkörper nicht ebenso sexualisiert wie Frauenbodys? Die weibliche Brust zählt zu den sekundären Geschlechtsmerkmalen, so wie bei den Männern vermehrte Körperbehaarung auf Brust, Bauch, Achseln, Schambereich sowie der Bartwuchs. Vom „Adamsapfel“ ganz zu schweigen.

Also: Warum sind Fotos von behaarten Schwimmern und Boxern nicht verboten? Macht erst die fleischige Rundung der Brust plus Nippel die latent pornografische Szene aus? Wir halten die Meta-Richtlinie für frauenfeindlich, weil sie den Frauenkörper als Sexobjekt weiterhin festschreibt. Brustwarzen gehören bei Frauen wie bei Männern zu erogenen Zonen. Bei Männern hingegen müssen sie nicht abgedeckt werden und erregen keinen Anstoß. Die Vorwölbung der weiblichen Brust ohne sichtbare Nippel darf, ja soll sogar in der Werbung bis zum Anschlag gezeigt werden. Ohne sie könnte man milliardenschwere Advertising-Budgets, Datingbilder und Popstars vergessen.

Rein biologisch dient die Brustdrüse an sich – Papilla mammae auf Lateinisch – als Kanal für den Durchfluss der Milch beim Stillen eines Säuglings, – wie bei allen Säugetieren. Bilder von Brustdrüsen bei Kühen, Katzen oder Affen müssen in den Social Media Kanälen nicht verborgen werden. Warum also bei Frauen?

Für Feministinnen ist das Regelwerk von Meta Anlass für Protest. Prominente machen in ihren Accounts auf diese Ungleichbehandlung aufmerksam, manche Aktivistinnen sehen die Befreiung der Brustwarze als Teil des Female Empowerment. Auf dem Account @freethenipple werden Werke von Künstlerinnen und Künstlern gesammelt, politische Gleichberechtigungs-Aktionen in Geschichte und Gegenwart geteilt. Schon seit über zehn Jahren gibt es das „Free The Nipple“-Movement, dem sich Prominente wie Miley Cyrus, Lena Dunham, Jennifer Aniston, Rihanna, Cara Delevingne, Emily Ratajkowski, Naomi Campbell und Willow Smith angeschlossen haben. Die Filmemacherin Lina Esco startete 2012 diese Kampagne in New York City, als sie einen Dokumentarfilm über sich selbst drehte, in dem sie mit nackter Brust durch die Straßen von New York lief. Miley Cyrus sagte dazu: „The nipple, what you can‘t show, is what everyone has. But the jug part that everybody doesn‘t, you‘re allowed to show underboob. I‘ve never understood the way it works“.

Im Januar 2023 veröffentlichte das sogenannte „Oversight Board“, eine Gruppe von Experten, die Meta bei ihren Richtlinien beraten, eine neue Stellungnahme: Die Männer und Frauen aus Medien, Wirtschaft, Forschung und Politik rieten, den Gemeinschaftsstandard für Nacktheit und sexuelle Handlungen von Erwachsenen so zu ändern, dass er klaren Kriterien unterliege, die internationale Menschenrechtsstandards respektierten. Das Beratungsgremien sah in der Nippelzensur die Gefahr, dass die Vorgaben rund um Nacktheit für Erwachsene „zu größeren Hindernissen für die Meinungsäußerung von Frauen, Trans- und nichtbinären Personen auf seinen Plattformen führen.“ Dies habe schwerwiegende Auswirkungen in Kontexten, in denen Frauen traditionell oberkörperfrei auftreten. Außerdem könnten Mitglieder von LGBTQI+ unverhältnismäßig stark betroffen sein.

Weibliche Oberkörper scheinen auch für das Fernsehen eines der letztes Tabus zu sein. Für den US-amerikanischen Fernsehsender Fox News waren selbst die von Pablo Picasso gemalten Brüste einer Frau in dessen Gemälde „Les Femmes d‘Alger“ zu viel. Als im Frühjahr 2024 über eine Auktion berichtet wurde, in der die Arbeit als teuerstes jemals bei einer Versteigerung verkauftes Bildes erschien, wurde die nackte Brustpartie vom Fernsehsender unkenntlich gemacht. Daraufhin schrieb der Kritiker des The New York Magazine, Jerry Saltz: „How Sexually Sick Are Conservatives & Fox News?“ Bei der Brustwarzen-Nummer scheint es eine seltsame Attraktion, Abstoßung und Faszination zu geben.

Noch bleibt es dabei. Ob man sie Busen, Boobs, Titten oder Brüste nennt: Ihre Nippel oder Warzen – beides keine sehr schönen Worte für die Spitzen der weiblichen Brust – müssen auf Social-Media-Kanälen bis zum heutigen Tag immer noch mit Kleidung oder per Bildbearbeitungsprogramm nachträglich mit eingefügten Balken abgedeckt werden.

Es ist eine Ungerechtigkeit. Was soll an aufgerichteten Brustspitzen so skandalös sein? Dass ihrer Eignerin kalt ist? Oder dass sie sexuell erregt ist? Ist es das, was „Wet T-Shirt contests“ immer noch so interessant zu machen scheint, auch wenn es nackte Nippel milliardenfach in frei zugänglichen Pornoschnipseln zu sehen gibt? Denken alle Männer und Frauen daran, wie sie eine Frau noch mehr stimulieren können, wenn sie diese kleinen, spitzen Erhebungen unter dem Stoff sehen? Geht es manchen Frauen und Männern nicht ebenso, wenn sie die Brustbehaarung von Männern sehen?

Im Jahr 2017 zeigte das Jüdische Museum Berlin eine grandiose Ausstellung unter dem Titel „Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht“. Es ging um die Bedeckung des weiblichen Körpers in den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum, Islam. In dieser Ausstellung gab es eine Karikatur, in der man zwei Frauen sah: Die eine trug einen maximal knappen Bikini, die andere war vollverdeckt durch eine Burka. Die Unterschrift lautete: „See, what men make women do.“

Wir sind gespannt auf den bevorstehenden Sommer in deutschen Freibädern, bei denen einige die Regelung getroffen haben, dass Frauen „oben ohne“ erscheinen dürfen. Wird es zu einem Clash of Civilizations kommen, wenn Barbusige auf Geschlechtsgenossinnen im Burkini auf der Liegewiese treffen? Und Männer mit diesen Anblicken zurechtkommen müssen?

Glaubt man dem Meta-Konzern, geht es im 21. Jahrhundert immer noch darum, dass der schwache Mann in ständiger Gefahr schwebt, seine sexuellen Bedürfnisse nicht kontrollieren zu können. So muss Adam immer noch vor der Falle seiner grundsätzlichen Verführbarkeit geschützt werden und ihm darum ein ethisches Regelwerk verpasst werden, der das Subjekt der Verführung seiner äußeren, weiblichen Attribute beraubt. Müssen darum Frauen unter eine Burka, einen Niquab, einen Tschador, einen Chimar, einen Hidschab oder einen Burkini gezwungen werden? Ist der Prozess der Zivilisation immer noch nicht so weit fortgeschritten, dass Männer vor ihren Trieben geschützt werden müssen?

Wir meinen, dass das Regelwerk von Meta in unseren westlichen Gesellschaften nicht dazu beiträgt, Frauen vor Männern zu schützen. Wer gegen die Diskriminierung von Frauen ist, muss es ihnen überlassen, was sie ihren Mitmenschen zeigen wollen oder nicht. Free the nipple!

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zur monatlich erscheinenden Kolumne „Rätsel des Lebens“ von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim.