Auch die Rechten denken
Maik Tändler hat eine umfängliche Darstellung der rechten Intelligenz in der alten Bundesrepublik vorgelegt.
Von Gerhard Poppenberg
Das Buch von Maik Tändler hat den Titel Armin Mohler und die intellektuelle Rechte in der Bonner Republik. Der titelgebende Mohler (1920-2003) war auch zu Lebzeiten einer größeren Öffentlichkeit nicht sonderlich bekannt; und heute hat er nur für wenige Eingeweihte eine Bedeutung. Da diese allerdings zum inneren Kreis der Neuen Rechten im Land gehören – Mohlers Schriften werden im Antaios Verlag von Götz Kubitschek neu ediert und dienen als intellektuelle Referenz für neurechtes Denken –, kann eine Erforschung seines Lebens und Denkens erkenntnisfördernd sein. Tändlers Studie leistet das in überaus reichem Maß. Sie dürfte bis auf weiteres ein Standardwerk für die Beschäftigung mit dem rechtskonservativen Milieu allgemein und der „intellektuellen Rechten“ besonders in der „Bonner Republik“ sein.
Der Schweizer Mohler hatte als junger Mann Sympathien für den Nationalsozialismus und ging 1942, während seines Wehrdienstes, nach Deutschland, um sich für die Waffen-SS zu bewerben. Da er sich für das strenge soldatische Leben offenbar nicht als geeignet erwies, scheiterte das Unternehmen, und er kehrte wieder in die Schweiz zurück, wo er wegen Desertion eine Haftstrafe verbüßte. Danach ging er seinen Neigungen auf eher geistige Weise nach und verfasste eine Studie über das Feld der intellektuellen Rechten in Deutschland während der Weimarer Zeit. Sie wurde als Dissertation angenommen und 1949 unter dem Titel Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch publiziert.
Die Wortprägung „konservative Revolution“ taucht in den Texten der von Mohler untersuchten Autoren auf und geht bereits auf das 19. Jahrhundert zurück; sie bildete aber keinen einheitsstiftenden Begriff, dem eine intellektuelle Gruppierung oder Schule entsprochen hätte. Gemeinsam war den Autoren eine gegenmoderne, demokratiefeindliche, nationalistische und antiliberale Grundeinstellung. Erst die Studie Mohlers hat aus einer sehr diffusen Menge von Autoren und Schriften ein mehr oder weniger einheitliches Feld gemacht. Sie ist bis heute in einer inzwischen von Karlheinz Weißmann überarbeiteten und erweiterten sechsten Auflage im Handel erhältlich.
Danach versuchte Mohler sich zu habilitieren, um eine akademische Laufbahn einzuschlagen, was aber erst 1967 gelang. Deshalb baute er sich eine Karriere als politischer Journalist auf. Ab 1961 war er zunächst Sekretär, dann von 1964 bis 1985 Geschäftsführer der Carl Friedrich von Siemens Stiftung in München, die er dank seiner weitreichenden Kontakte in allen möglichen intellektuellen Feldern zu einem geistigen Strahlungszentrum mit rechtskonservativem Einschlag ausbaute. Tändlers Studie zeigt dieses komplexe Netzwerk Mohlers auf und gibt so einen ungemein instruktiven Einblick in das Milieu der „intellektuellen Rechten in der Bonner Republik“.
Die einzelnen Kapitel behandeln verschiedene Dimensionen des konservativen Denkens der Nachkriegszeit. Tändler rekonstruiert exemplarisch den Streit um Kurt Sontheimers Buch Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik (1962) – einer kritischen Gegenschrift zu Mohlers apologetischer Darstellung –, der im Münchner Institut für Zeitgeschichte und bei der Habilitation Sontheimers ausgefochten wurde. Er zeigt, wie unter der Maske von Wissenschaft und Methodenstreit die Zeitgeschichtsschreibung von den „Zeitzeugen“, die wieder in Amt und Würden waren, zu lenken versucht wurde. Die Darstellung der konservativen Zeitschriften und ihrer personellen Besetzung sowie ihrer entsprechenden redaktionellen Politik gibt der intellektuellen Rechten ein besonderes Profil. Ausführlicher dargestellt werden die Zeitschriften, die in den Sechzigerjahren als Reaktion auf die beginnenden Protestbewegungen und die Rebellion von 1968 gegründet wurden und das kulturelle Feld intellektuell und medial von rechts zu besetzen und auszugestalten versuchten. Dabei diente beispielsweise auch der linke Theoretiker Antonio Gramsci mit seiner Konzeption der kulturellen Hegemonie als Stichwortgeber – nicht zuletzt auch, um der Linken zu zeigen, dass die Rechte ebenfalls Ambitionen in Sachen Kulturrevolution hatte. Das bedeutendste Organ in diesem Feld war die Zeitschrift Criticón, für die Mohler über hundert Beiträge geschrieben hat. Diese Texte werden heute von der neuen Rechten als intellektuelle Orientierung geschätzt und teilweise neu ediert.
Ein aufschlussreiches Kapitel handelt von der Tageszeitung Die Welt aus dem Springer Verlag, die von einer zunächst gemäßigten Position zu einem Organ „rechtsintellektueller Sammlung“ wurde. In dem Zusammenhang charakterisiert Tändler die allgemeine sozialpolitische und intellektuelle Situation der alten Bundesrepublik pointiert. Es wäre in der Presselandschaft damals sehr schwierig gewesen, „eine große Zeitung oder Zeitschrift zu finden, die kein Personal mit mehr oder weniger fragwürdiger Vergangenheit beschäftigte“. Deshalb mussten sich die aus dem Exil remigrierten ehemaligen Verfolgten „pragmatisch in die ‚kollegiale Zwangsgemeinschaft‘ mit jener Mehrheit“ einfügen, die „schon im ‚Dritten Reich‘ ihre journalistische Arbeit verrichtet hatte“.
Ausdrücklich weist Tändler darauf hin, dass die Grenzen zwischen „Rechts- und Liberalkonservativen“ nicht leicht zu ziehen sind. Zwischen Hermann Lübbe, Odo Marquardt und Richard Spaemann sowie Armin Mohler, Caspar von Schrenck-Notzing und Gerd-Klaus Kaltenbrunner gab es Berührungspunkte. Überein kamen sie im Antikommunismus und der Frontstellung gegen die linke Kulturrevolution der Achtundsechziger; aber letztlich überwogen die inhaltlichen Differenzen. Auch Antifeminismus gehörte und gehört zur Grundeinstellung der konservativen Rechten. Alles, was die „Werte“ einer patriarchal-hierarchischen Gesellschaft in Frage stellt, gilt als Bedrohung von gesellschaftlicher Ordnung überhaupt.
Das methodische Vorgehen Tändlers ist bemerkenswert und macht den besonderen Erkenntniswert des Buchs aus. Er entfaltet die beiden Momente des Titels der Studie und zeigt, wie Mohler im rechtskonservativen Milieu der deutschen Nachkriegsrepublik verortet war und wirksam sein konnte. Seine Rolle als graue Eminenz in diesem Milieu wird minutiös rekonstruiert, indem die Personen und Organisationen, mit denen er Kontakt hatte und die ein weitreichendes und einflussreiches Netzwerk verband, in zahllosen Einzelporträts vorgestellt werden. Der basso continuo dieser Porträts ist, dass eine Person mit ihrem Geburtsjahr vorgestellt, ihr Werdegang in der Weimarer Zeit und im NS (Eintritt in die Partei, Karriere, Positionen) nachgezeichnet und dann ihre Rolle im Nachkriegsdeutschland dargestellt wird. Es geht Tändler nicht um die „großen“ Autoren wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger, sondern um den „politisch-publizistischen Alltagsbetrieb“, dessen ideengeschichtliche Bedeutung eher nachrangig ist, der aber mit seinen „gesellschaftsdiagnostischen und tagespolitischen Interventionen“ eine „größere öffentliche Wirksamkeit entfalten konnte“.
Ein gemeinsames Moment dieser Herrenrunden ist ein antimoderner Affekt, der gegen jede Form von liberalem und demokratischem Pluralismus gerichtet ist, und eine Sympathie für ständisch gegliederte und hierarchisch geordnete Formen der Gesellschaft hat, die als Remedium für die fehlgeleitete Moderne gilt. Dieses rechtskonservative Milieu wird durchgehend in Hinsicht auf die Figur und Rolle Mohlers sichtbar gemacht. Er ist so etwas wie der Kristallisationskern, an dem die Facetten der rechten Intelligenz erkennbar werden. Dies resultiert einerseits aus seiner gründlichen Quellenkenntnis in Sachen konservative Revolution, andererseits aus seiner hervorragenden Verbindung zu den verschiedenen Gruppen dieses Milieus. Er selbst war intellektuell nicht sonderlich profiliert, aber als Zirkulationsagent, vor allem in der Siemens Stiftung, war er bedeutend.
So entsteht nach und nach – aus zahllosen Mosaiksteinchen zusammengefügt – ein höchst komplexes Bild der konservativen und rechten Intellektualität der Nachkriegsbundesrepublik: eine Konstellation aus Personen und Gruppierungen, die sich zu einem Gesamtbild kristallisiert. Die Darstellung ist nüchtern, sachlich und ideologisch unaufgeregt; sie zeigt die Rolle der Ehemaligen im politischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben der Nachkriegszeit. Immer wieder gibt es auch Hinweise auf die gegenseitige Hilfe bei den Entnazifizierungsverfahren. Als Erich Auerbach 1947/48 versuchte, aus dem US-amerikanischen Exil zurück nach Deutschland zu kommen, rieten ihm die ehemaligen Kollegen Werner Krauss und Rudolf Bultmann mit der Begründung ab, der „Renazifizierungsprozess“ sei bereits in vollem Gang.
Man kann sich bei dieser Darstellungsform an das Titelkupfer des Leviathan von Hobbes erinnern. Es zeigt – nach dem Vorbild des Meeresungeheuers im alttestamentlichen Buch Hiob – ein riesiges geschupptes menschenartiges Wesen mit den Insignien der kirchlichen und politischen Herrschaft; bei näherer Betrachtung erweisen sich die Schuppen als zahllose einzelne Menschenwesen. Der Körper des Staats – des großen Menschen, der im Herrscher Gestalt gewinnt – wird durch die Körper der in ihm lebenden Menschen gebildet, die durch die politische Verfassung und die Gesetze des Staates zu Bürgern einer Gesellschaft werden. Entsprechend fügen sich die einzelnen Porträts der rechten Intelligenz zu einem Gesamtbild.
Fraglich ist, ob Tändler durch sein Vorgehen der Absicht Mohlers, die konservative Revolution als eine wirkliche intellektuelle Formation darzustellen, nachkommt, indem er dem intellektuellen Feld der Rechten in der sozialen und politischen Wirklichkeit der Nachkriegsrepublik eine greifbare Gestalt gibt. Bestätigt er so, dass die konservative Revolution tatsächlich eine wirkliche intellektuelle und politische Formation war und ist, mit der eine ebenfalls intellektuelle und politische Auseinandersetzung dringend notwendig ist? Seine Studie liefert die Voraussetzungen dafür. Die intellektuelle Erschließung müsste als ernsthafte – und nicht nur ideologisch verurteilende – Diskussion stattfinden.
Mohler bestimmt in einem als „Credo“ charakterisierten Essay mit dem Titel Die nominalistische Wende – erschienen zunächst 1978 in Criticón, nachgedruckt unlängst im Antaios Verlag – sein Denken vor dem Hintergrund des scholastischen Universalienstreits als Nominalismus, für den die Wirklichkeit ausschließlich aus Individuen besteht und Allgemeinbegriffe nur verbale Bildungen ohne eine sachhaltige Wirklichkeit, also Konstruktionen sind. Für ihn sind allgemeine Vorstellungen wie das Deutsche, das Nationale, das Konservative nur im Bereich der Deutschen und ihrer Nation gültig und zu bewahren. Es sind Bildungen, die etwa für Frankreich oder Polen keinerlei Gültigkeit beanspruchen, weil dort andere Konstruktionen gültig sind. Tändler dagegen geht es nicht um geistige Formationen wie Ideen und Begriffe; er macht die soziale und institutionelle, politische und wissenschaftliche Verbindung der einzelnen Personen erkennbar, die durch ihre Netzwerke eine konkrete Wirkung und so eine Wirklichkeit hatten. So zeigt sich vielleicht auch, dass der konservative Nominalismus der Rechten eine bedenkenswerte Nähe zu den Konstruktivismen aller Art auf der Linken hat. Aber das ist ein anderes Thema.
Abschließend stellt Tändler fest, dass im Nachkriegsdeutschland „die intellektuelle Rechte niemals in der Lage war, von sich aus Themen auf die öffentliche Agenda zu setzen“. Sie hat immer nur „Opportunitätsfenster“ genutzt, die aus anderen Richtungen der gesellschaftlichen Diskussion geöffnet wurden. Sie reagiert lediglich, ohne ernsthaft auch intellektuell satisfaktionsfähige eigene Positionen zu entwickeln, die mehr wären als Wiederkäuen von historischen Gedanken. Trotz ihres intellektuellen Gehabes bleibt sie eine affektiv motivierte sozial-politische Strömung, die intellektuell wie politisch kaum von Bedeutung ist. Ob das beruhigend oder beunruhigend ist, wäre zu diskutieren. Eine wahrhaft intellektuelle Rechte wäre immerhin ein Gegner, mit dem man streiten könnte. Für das Erstarken rechter Parteipolitik und die zunehmende rechtsorientierte Wählerschaft ist das alles aber ohnehin kaum von Belang.
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