Total Recall

Nicht alle Bücher, die von dem interdisziplinären Boom der Neurobiologie zu profitieren versuchen, erreichen ihr Ziel

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf den Spuren Sigmund Freuds: Der Nobelpreisträger und Nestor der Hirnforschung Eric R. Kandel

"Die Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden", schreibt Sigmund Freud 1920 in seiner Studie "Jenseits des Lustprinzips", "wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten. [...]. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde."

Diese kühne Prognose Freuds fiel keineswegs aus heiterem Himmel. Bereits 1895 hatte der junge und talentierte Neurobiologe, der der Erfinder der Psychoanalyse eben auch war, eine Schrift unter dem Titel "Entwurf einer Psychologie" verfasst, in der er auf der schmalen empirischen Grundlage des damaligen Wissens versuchte, eine Theorie des seelischen Apparates zu entwerfen.

Freud stützte sich dabei auf die Grundlagen der seinerzeit gerade neu entwickelten Neuronentheorie, wie Gerhard Roth in seinem Vorwort zu Eric R. Kandels instruktiver Aufsatzsammlung "Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes" erinnert. Man wusste damals also bereits, dass das Nervensystem aus Nervenzellen - so genannten "Neuronen" - aufgebaut ist. Keinerlei Ahnung hatte man allerdings von dem, was man einige Jahre später nach der Begriffsprägung Charles Sherringtons als "Synapse" bezeichnen sollte: den Kontaktzonen zwischen diesen Zellen - ganz zu schweigen von den genaueren Formen der nervlichen Kommunikation mittels so genannter "Neurotransmitter", die an diesen Schnittstellen vor sich gehen, wie man heute weiß.

Immerhin spekulierte Freud bereits zu jenem frühen Zeitpunkt geradezu visionär in diese Richtung, wie Roth bemerkt, veröffentlichte sein Manuskript jedoch zu Lebzeiten nicht mehr und wollte von seinem vorerst gescheiterten Versuch einer neurobiologischen Grundlegung der Psychoanalyse denn auch nichts mehr wissen (erstmals erschienen ist seine Studie dann erst posthum, im Jahr 1950). Freuds Nachfolger wandten sich in den folgenden Jahrzehnten sogar noch entschiedener von dem Versuch ab, die Psychoanalyse empirisch zu untermauern.

Erst der im Jahr 2000 mit dem Nobelpreis für Physiologie und Medizin ausgezeichnete Hirnforscher Eric R. Kandel, als Neunjähriger mit seiner Familie aus Wien vor dem Nationalsozialismus in die Vereinigten Staaten geflohen, begann Ende der 1970er-Jahre, das in Vergessenheit geratene Projekt einer neurobiologisch fundierten Psychoanalyse wiederaufzunehmen. Kandel, der sich am Harvard College zunächst mit einer literarhistorischen Arbeit über Carl Zuckmayer, Hans Carossa und Ernst Jünger promovierte, um seine "europäische Vergangenheit" mittels der Untersuchung eines literarischen Spektrums geistiger Reaktionen auf den Nationalsozialismus zu ergründen, hatte schon in den 1950er-Jahren begonnen, sich für die Psychoanalyse zu interessieren. In Stockholm ausgezeichnet wurde er schließlich für seine bahnbrechenden Nerven-Experimente mit der Meeresschnecke Aplysia californica, die ihn und seine Mitarbeiter dazu führten, die Funktionsweisen auch der menschlichen Neuronen-Netzwerke weitgehend zu entschlüsseln.

Mittlerweile versuchen alle Wissenschaften, in irgendeiner Weise auf den großen hirnphysiologischen Boom aufzuspringen, den Kandels Entdeckungen mit ausgelöst haben. In seinem Band spricht der Autor selbst von einer neuen "Biologie des Geistes", die die maßgebliche Rolle einer Brücke zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften werde spielen müssen: "Tatsächlich werden in den nächsten fünfzig Jahren hervorragende Universitäten danach beurteilt werden, wie erfolgreich sie beim Bau dieser Brücke sind und wieviel sie zu unserem Verständnis des menschlichen Geistes beigetragen haben."

Ein erster Versuch, den Gordischen Knoten zu zerschlagen: François Ansermet und Pierre Magistretti

So nimmt es nicht wunder, dass man sich neuerdings vor interdisziplinären Projekten und Neuerscheinungen zum Thema kaum noch retten kann. Ein symptomatischer Band ist hier etwa François Ansermets und Pierre Magistrettis Studie "Die Individualität des Gehirns", die wie Kandels Buch in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp erschienen ist. Auch Ansermet als Professor für Kinderpsychiatrie und Magistretti, Professor für Neurowissenschaften (beide arbeiten an der Universität Lausanne), versuchen in ihrem Buch, das Schema einer "Brücke zwischen der psychischen Spur und der synaptischen Spur" zu skizzieren, die sich im Nervensystem des Menschen bilde. Zentral ist dabei für die Autoren die Erkenntnis, dass diese neuronalen Entwicklungen durch "Plastizität" gekennzeichnet seien. Synaptische Verschaltungen, die unter anderem für Lernprozesse beim Menschen basal sind, seien ständigen Veränderungen unterworfen: "Das Gehirn muß also als ein äußerst dynamisches Organ betrachtet werden, das in ständiger Beziehung zur Umgebung steht und ebenso zu den psychischen Tatsachen [...] des Gehirns", formulieren sie etwas holperig. Erläuternd könnte man hier mit Kandel ergänzen: "Johann Sebastian Bach war der, der er war, nicht bloß deshalb, weil er die richtigen Gene hatte, sondern wahrscheinlich auch deshalb, weil er seine musikalischen Fertigkeiten zu einer Zeit einzuüben begann, als sein Gehirn am empfänglichsten dafür war, von der Erfahrung modifiziert zu werden."

Damit wird neuerdings auch in der Hirnforschung ein höchst individueller humaner Entwicklungsfaktor fokussiert, der sie den Prämissen der Psychoanalsyse abermals anzunähern vermag, wie die Verfasser (inklusive einiger für das Buch leider nicht untypischer Übersetzungsfehler und sprachlicher Unebenheiten) betonen: "Aus der Plastizität erhellt [sic!], daß jedes Individuum aufgrund der Gesamtheit der erlebten Erfahrungen sich als einzigartig und unvorhersagbar erweist, daß es über Bedingtheiten, die seine genetische Ausstattung mit sich bringt, hinausreicht. [...] Die Frage nach dem Subjekt als Ausnahme des Universalen wird von daher ebenso zentral für die Neurowissenschaften, wie sie es für die Psychoanalyse schon ist, und führt zu einem Punkt einer unerwarteten Begegnung zwischen zwei Protagonisten, die gewöhnlich Widersacher sind."

Manchmal - und trotz der teils miserablen Übertragung Jürgen Schröders aus dem Französischen - tatsächlich ganz nett zu lesen ist hier der Versuch, neuesten neurobiologischen Forschungen korrespondierende Anekdoten und Bemerkungen aus dem Werk Freuds gegenüberzustellen. Auch die erstmals bei Kandel beschriebenen Experimente zur Ergründung des "Alphabets der synaptischen Plastizität", wie es die schweizer Autoren in ihrem schmalen Band nennen, kann man in ihren kurzen Kapiteln nacherzählt finden - was jedoch nichts an der Tatsache ändert, dass das Buch bei der Kritik auf Vorbehalte stieß. Der Sozialpsychologe Harald Welzer etwa mokierte sich lautstark in der "Zeit", die Autoren interessierten sich für "ihre als fundamental empfundene Erkenntnis im Fortgang des Buches nicht besonders". Zudem ließen die einzelnen Kapitel einen erkennbaren gedanklichen Zusammenhang vermissen, so dass der Kritiker am Ende nicht umhin kommt, ihre Studie sogar "stellenweise komisch" zu finden.

Interdisziplinäre Grundlagen: Hans J. Markowitsch und Harald Welzer

Welzers Verriss ist möglicherweise aber auch als Versuch lesbar, unter der Hand das eigene interdisziplinäre Buch zu profilieren, das er mit dem Bielefelder Professor für Physiologische Psychologie Hans J. Markowitsch verfasst und bei Klett-Cotta publiziert hat: "Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung". Auf hohem fachterminologischen Niveau und mit noch mehr Schaubildern, Diagrammen und statistischem Material als bei den von Welzer so scharf kritisierten schweizer Forschern kreist Markowitschs und Welzers Band vor allem um eine der zentralen evolutionären Errungenschaften des humanen Gehirns: der Fähigkeit, sich zu erinnern.

Dass der Mensch sich vom Schimpansen trotz 99%iger Übereinstimmung der genetischen Codes so sehr unterscheide, liege an seinem autobiografischen Gedächtnis, lehren Markowitsch und Welzer. Fungiere es doch als "biokulturelles Relais" zwischen Individuum und Umwelt und sei "eine psychosoziale Instanz, die subjektiv Kohärenz und Kontinuität sichert, obwohl die sozialen Umwelten und mit ihnen die auf das Individuum gerichteten Anforderungen fluktuieren".

Wie der Ton dieser Formulierung schon andeutet, ist der Band vor allem als fachspezifische Zusammenfassung der "Grundlagen" gedacht, die unter seinem Titel subsummierbar sind. Sie betreffen in erster Linie die Lern- und Entwicklungsleistungen des kindlichen Gehirns, weil dort die Weichen für das spätere Leben des Menschen maßgeblich gestellt werden. Manche der bisweilen geradezu biologistisch anmutenden Passagen der Abhandlung können aber auch Unbehagen im Leser erzeugen, klingen sie doch allzu deterministisch - zumindest, was die Beschreibung hirnphysiologischer Prognosen menschlicher 'Anomalien' und 'Krankheiten' betrifft.

An einer Stelle, an der zum Beispiel von der Zusammenführung "limbischer" mit "kognitiv-neocortialen" Hirnstrukturen die Rede ist, heißt es: "Kommt es in diesem Stadium, das in der Grundschule eintritt, zu starken emotionalen Verwerfungen - etwa durch den plötzlichen Verlust eines Elternteils oder durch Gewaltexzesse (z. B. sexuellen Mißbrauch) - mißlingt die Integration der limbischen und kognitiven Hirnebenen." "Dumm gelaufen", würde ein zynischer Laie da vielleicht einwerfen: "Es kommt zu sogenannten dissoziativen Persönlichkeitsstörungen, im Extremfall zur Ausbildung von 'Doppel-' oder 'Mehrfachpersönlichkeiten'; die betroffenen Personen können keine symbiotische Verbindung zwischen ihren rational-kognitiven und ihren affektbesetzten, emotionalen Vorstellungen erzielen: Die emotionale Ebene drängt sich in den Vordergrund und unterdrückt die überlegend-kognitive, wodurch meist eine interne Ausdrucksmöglichkeit ('Verbalisierungsfähigkeit') von Gefühlen und Gedanken mißlingt." Und, nicht zu vergessen: "Solche Patienten sind in stereotypen, unkontrollierbar wiederkehrenden Vorstellungen, im Einzelfall sogar in Wahnwelten verhaftet."

Im klinischen Alltag mögen derlei nüchterne Zusammenfassungen wahrscheinlicher 'Krankheitsbilder' in Folge bestimmter neuophysiologischer Entwicklungshemmungen in der kindlichen Frühphase unter Umständen unabdingbar sein - doch sobald man solche Beobachtungen einmal mit der jüngsten Medizingeschichte im Nationalsozialismus sprachkritisch kontextualisiert, bekommt die von Markowitsch und Welzer im Eifer des Gefechts vielleicht doch zu selbstgewiss übernommene Fachterminologie einen bizarren Klang.

Dass Menschen und ihre (angeborenen) Erkrankungen nicht immer so 'funktionieren' und sich so weiterentwickeln, wie es hochrechenbare statistische Werte angeblich ankündigen, zeigt dagegen ein anderes Beispiel, das die Autoren wenige Seiten später erwähnen. Bei einer Studentin, die wegen nächtlicher epileptischer Anfälle in die Klinik kam, habe man mittels einer Kernspintomografie festgestellt, dass sie an "sogenannter neuronaler Heterotopie litt". Einem Krankheitsbild also, "bei dem es zu einer Fehlentwicklung der Hirnrinde kommt", die meist "mit schweren Intelligenzminderungen" einhergehe. Doch wer hätte das gedacht, und Mr. Spock hätte wahrscheinlich "Faszinierend!" ausgerufen: "Bei dieser Patientin war die Schädigung jedoch auf die linke Hirnhälfte begrenzt, und sie hatte zum Beispiel keine Probleme, zu studieren" - obwohl ihre "emotionale Reife", wie weitere neurophysiologische Untersuchungen und Persönlichkeitstests erbracht hätten, "eher der eines Kindes als der eines Erwachsenen entsprach".

Derartige medizinische Pointen sind nicht einmal mehr "komisch" zu nennen. Sie wirken eher beunruhigend, wenn man sich als Leser vorstellt, ethische und gesetzliche Rahmenbedingungen solcher etwas hemdsärmelig klassifizierender Untersuchungen könnten sich jenseits der nach 1945 etablierten moralischen Standards wieder ändern: Wer bestimmt etwa, was genau "emotionale Reife" ist und wie sie auszusehen habe? Die Autoren jedenfalls halten sich im schnellen Fluss ihrer hochtrabenden Erläuterungen nicht weiter mit solchen Definitionen auf. Welzers Kooperation mit Markowitsch weist zudem - abgesehen von ihrem manchmal allzu technokratisch klingenden Stil - nur ansatzweise in die Richtung, die ihr Projekt wirklich spannend hätte machen können: Zum Beispiel auf das große Einfallstor, das das Thema des (kommunikativen) Gedächtnisses zu den Sozial-, Geschichts- und anderen Geisteswissenschaften hin zu öffnen vermag.

Verstörende Signale vom Bodensee: Aleida Assmann untersucht die deutsche "Erinnerungskultur"

Eine Protagonistin der Gedächtnisforschung ist die Konstanzer Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann. In ihrem Buch "Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik" greift sie ebenso auf die sozialen Gedächtnistheoreme des französischen Soziologen Maurice Halbwachs wie auf neueste neuronale Erkenntnisse zurück.

Die erste Ebene, auf der sich menschliches Erinnern konstituiere, sei die biologische, knüpft auch Assmann an den "Neuro-Turn" der Geisteswissenschaften an. "Grundvoraussetzung von Gedächtnis und Erinnerung ist der Organismus mit dem Gehirn und dem zentralem Nervensystem." Um diese zunächst einmal wenig überraschend klingende hirnphysiologische Bezugnahme mit dem von ihr favorisierten Halbwachs'schen Theorem eines kommunikativen Gedächtnisses innerhalb der Gesellschaft zusammenzuführen, schreibt die Autorin weiter: "Diese neuronale Basis, die heute so intensiv von Gehirnforschern und kognitiven Psychologen erforscht wird, ist jedoch kein autonomes System, sondern braucht, um sich erhalten und entwickeln zu können, Felder der Interaktion. Es sind zwei Interaktionsfelder, die das biologische Gedächtnis (und das Gehirn überhaupt) ernähren und stabilisieren: das eine ist die soziale Interaktion und Kommunikation, das andere ist die kulturelle Interaktion mithilfe von Zeichen und Medien."

Die Erkenntnisse über die Dynamik und Plastizität des menschlichen Gehirns mit Halbwachs' Idee eines gesellschaftlichen "Gedächtnisrahmens" auf diese Weise zu verknüpfen, leuchtet sofort ein, ist aber andererseits fast schon wieder so banal, dass der wissenschaftsmodische Schlenker für die meisten Ausführungen Assmanns wohl auch entbehrlich wäre. Andererseits gelingt es der Verfasserin auf diese Weise, auch die "Betonung der Dimension der Emotionalität und des individuellen Erlebens", der zum Beispiel gerade in den Erinnerungen an den Holocaust enorme Bedeutung zukommt, in ihre Betrachtungen mit einzubeziehen. Hier wird es spannend: Bilder und Fotografien etwa betätigten im Falle der Erinnerung einen "Affekt, der den Kern des emotionalen Gedächtnisses ausmacht", erklärt Assmann. Solche Einschreibungen nenne man auch "Engramme", und sie fungierten als die "flüchtigen oder überdauernden Veränderungen im Gehirn, die sich aus der Kodierung eines Erlebnisses ergeben" - bestehend aus der neuronalen Übersetzung von "Bildern, Geräuschen, Handlungen und Wörtern".

Die komplexen Erinnerungsfunktionen des menschlichen Gehirns sind also nach Assmanns Darstellung verschaltet mit ähnlichen Gedächtnis-Mechanismen in der Gesellschaft, die sie auch mit psychoanalytischen Termini belegt, die normalerweise für menschliche Subjekte reserviert sind: Die Struktur des kulturellen Gedächtnisses bestehe in einem Spannungsverhältnis "von Funktions- und Speichergedächtnis, von Erinnertem und Vergessenem, Bewusstem und Unbewusstem, Manifestem und Latentem", schreibt Assmann. Hierzu ließe sich bestimmt noch viel sagen. Die Autorin vermag diese Aspekte in ihrer Studie jedoch nur zu streifen, da dem neuronalen Diskurs bei ihr bestenfalls eine Nebenrolle zugestanden wird.

Der Band ist darüber hinaus - zumindest über weite Strecken - in einem durchaus allgemeinverständlichen Duktus gehalten und eignet sich eventuell sogar als eine Art einführendes Handbuch für diejenigen Leser, die sich einen ersten Überblick über die geschichtspolitischen Kontroversen und Skandale verschaffen wollen, die die deutsche Gesellschaft in ihrem Erinnern an den Nationalsozialismus in den letzten Jahrzehnten geprägt haben. Auch die knappen Kapitel über das "individuelle", "soziale" und "kollektive" Gedächtnis erlauben luzide Einblicke in den traditionellen interdisziplinären Assmann-Kosmos.

Ihre thematisch weit gefächerte Studie zeigt aber auch die Probleme auf, die das Unternehmen, unterschiedlichste Forschungsrichtungen in einer kompakten Untersuchung zu bündeln, mit sich bringen kann. Die - um es in Anspielung auf einen bekannten Kinofilm einmal so zu überzeichnen - "totale Erinnerung" an verschiedenste "Gedächtniskulturen", die ein solches Breitwandprojekt impliziert, erfordert auch einen klaren Standpunkt, von dem aus das geschichtspolitische Spektrum gesichtet und geordnet werden kann. Jenseits der von Assmann sachlich zusammengefassten Geschichtskontroversen lässt ihr Band jedoch kritischere Einschätzungen und Kontextualisierungen vermissen, die die Autorin selbst am Ende "für einen verträglichen Umgang mit nationalen Erinnerungen" kategorisch einfordert.

"Das Thema dieses Buches ist nicht der Holocaust oder der Zweite Weltkrieg", heißt es etwa schon in der Einleitung, "sondern die Dynamik individueller und kollektiver Erinnerung im 'Schatten' einer traumatischen Vergangenheit" - und man fragt sich verblüfft, wie das in so einer Untersuchung überhaupt funktionieren soll. Tatsächlich ist in der Studie ständig von der Shoah die Rede, nur dass die vielfältigen geschichtspolitischen Versuche, diese genozidale Zäsur der Weltgeschichte aus deutscher Sicht zu relativieren, von Assmann zwar zunächst kritisiert, aber dann in merkwürdigen formulierungstechnischen Volten doch wieder mit Samthandschuhen angefasst, ja fast schon in ein nicht näher definiertes Recht zurückgesetzt werden.

Die seit der Jahrtausendwende mehr denn je und geradezu dammbruchartig feststellbaren Bestrebungen, die Deuschen mittels aufrechnender Leides-Hierarchisierungen und abstruser Body Counts selbst als "Opfer" des Zweiten Weltkriegs darzustellen (vor allem unter den Stichworten 'Bombenkrieg' und 'Vertreibung'), beschreibt Assmann zwar anhand vieler schlagender Beispiele skeptisch. Doch symptomatisch bleibt für ihre Studie die bereits im Vorwort auftauchende, fragwürdige Behauptung: "Diese konzeptuelle und diskursive Ausweitung der Traumabefunde bedeutet keineswegs, wie noch im Historikerstreit vor zwanzig Jahren befürchtet, eine Relativierung des Holocausts und die Infragestellung seiner Einzigartigkeit."

Wirklich? Der tägliche Blick in die Tageszeitung lehrt den Leser - schon allein anhand der dreisten Aktivitäten des Bundes der Vertriebenen oder der "Landsmannschaft Ostpreußen", die so in den 80er-Jahren noch vollkommen undenkbar gewesen wären - dann doch anderes. Um so unangenehmer ist es, dass Assmanns Buch angesichts solcher Entwicklungen klare Worte eher vermissen lässt. Als wolle sie sich gleich selbst als Redenschreiberin für Angela Merkel, Edmund Stoiber oder gar Erika Steinbach bewerben, beschließt die Autorin dieses Thema aufrechnender Opfergerschichtsschreibung im unnachahmlichen Professorendeutsch: "Wo die einen einen Perspektivwechsel in der deutschen Erinnerungsgeschichte sehen, sehen die anderen eine Perspektiverweiterung. Ich zähle mich zu letzeren und bin der Überzeugung, dass der Dynamik der Erinnerung mit Diskursregeln und Diskurstabus nicht beizukommen ist."

Von welchen "Tabus" spricht Assmann hier plötzlich? Tatsächlich hat sie selbst in ihrem Buch beschrieben, dass "Tabus" wie die angeblich von den Alliierten nach 1945 dauerhaft aufgestellte "Kollektivschuldthese" von den Deutschen selbst begierig aufgegriffen, über ihre frühe offizielle Verwerfung hinaus tradiert oder gar eigens konstruiert wurden, um sie selbst immer wieder empört zurückweisen und dadurch revanchistische Gegen-Diskurse legitimieren beziehungsweise aggressiv fortschreiben zu können.

Solche Widersprüche und Unbestimmtheiten finden sich bei Assmann zuhauf. "Das von Erika Steinbach geforderte 'Zentrum gegen Vertreibung'", schreibt sie etwa, "würde der derzeit noch weitgehend kommunikativen Erinnerung einen institutionellen Rückhalt geben, der sie zu einem 'kulturellen Gedächtnis' machen könnte." Nicht nur, dass Assmann hier berechtigte osteuropäische Vorbehalte gegenüber einem solchen Affront geschichtspolitischer Gleichsetzung von NS-Tätern und Opfern in einer neutralen, ja geradezu positiv klingenden Einschätzung des Plans schlicht ignoriert. Der darauf folgende Satz, von dem man sich mehr Aufklärung über den Standpunkt der Verfasserin erhofft, ist dann wieder rekordverdächtig vage formuliert: "Es sind in diesem Zusammenhang vor allem Fragen der Opportunität oder Inopportunität bzw. Funktionalität oder Dysfunktionalität (aber nicht: Korrektheit oder Inkorrektheit) der Erinnerung, über die zunächst noch in der geschichtspolitischen Dimension zu diskutieren und zu entscheiden sind."

Der Autorin unterlaufen zudem Formulierungen, die ungut an den aus Funk und Fernsehen hinlänglich bekannten Politikerjargon erinnern. Diese Sätze klingen, als wolle sie sich demnächst selbst um den Posten der deutschen Außenministerin bewerben, um die weltpolitische Bedeutung eines 'normalisierten' Deutschlands lautstark zu untermauern: "Nationen, die die Herausforderungen der Zukunft immer wieder im Lichte bestimmter neuralgischer Schlüsselereignisse deuten, sind noch nicht aus dem Bann (um nicht zu sagen: Schatten) ihrer Geschichte herausgetreten. Um diese Dynamik zu überwinden, müssen sie sie nicht vergessen, aber doch so umformen, dass die Vergangenheit ihren alles andere überbietenden Appellcharakter und damit die Dominanz über die Gegenwart verliert."

Neurechte Think Tanks dürften sich hierzulande über solche unfreiwilligen Steilvorlagen besonders freuen: Wären sie doch selbst, so blitzgescheit sie sich mittlerweile auch manchmal geben mögen, niemals in der Lage gewesen, ureigene Anliegen so schön camoufliert zu formulieren. Assmanns Buch weist zwar in seiner Anlage in eine ganz andere Richtung, enthält aber immer wieder solche verstörenden Bemerkungen, die, in falsche Hände geraten, geradezu gefährlich werden könnten.

Oder war es etwa gar Assmans Absicht, unter der Hand eine solche neue Bibel für die nationalen "Normalisierungs"-Ideologen der Berliner Republik vorzulegen? Man muss es wohl anders formulieren: Tatsache ist eben auch, dass man viele Gedankengänge, die man früher eindeutig auf Seiten der Rechten verortet hätte, mittlerweile längst in den Programmen der gesamten Parteienlandschaft wiederfinden kann, selbst in dem der "Linkspartei". Assmanns Ziel hätte es jedoch gerade deshalb bei der Behandlung ihres heiß umstrittenen Themas sein müssen, diese geschichtspolitischen Diskursverschiebungen mit besonderer sprachkritischer und ideologiekritischer Wachsamkeit zu beschreiben, anstatt an neuralgischen Angelpunkten ihrer Argumetation einfach das nachzubeten, was man neuerdings in jeder zweiten "Tagesschau" mitanhören muss.

Allzu Bodensee-kompatibel wirkt ihr Text stattdessen auch in den Kapiteln über literarische Skandalnudeln wie Günter Grass und Martin Walser - was umso bestürzender wirkt, als Assmann sich hier doch auf ureigenem wissenschaftlichem Terrain, nämlich dem der Literatur, bewegt. Walser beharre in seinen literarischen NS-Thematisierungen wie in seinem umstrittenen Roman "Ein springender Brunnen" (1998) auf subjektiven Erinnerungen, die "authentisch", aber nicht "korrekt" - also nicht dem gesellschaftlichen "Gedächtnisrahmen" entsprechend - seien. Von da ist es abermals nicht mehr weit zur Behauptung, Walser habe mutig "Tabus" gebrochen: Als Zurückweisung bisher als "politisch korrekt" gesetzter Geschichtsbilder, die Assmann - wie gesehen - ja keineswegs immer verurteilen möchte. Offenbar tut sie dies auch im Falle Walser nicht unbedingt: Seine "Auschwitzkeulen"-Entgleisungen in der Frankfurter Paulskirchenrede (1998) hätten zur "Verwirrung" geführt, weil der Autor "keine gesetzten Gedanken" vorgetragen habe, "sondern sich auf (wohlmeinende) Tabubrüche und idiosynkratische Aversionen verlegt" habe, folgert sie erstaunlich zwiespältig, um nicht zu sagen nachsichtig.

Der akademische Wink mit dem Zaunpfahl dürfte verständlich sein: Vor kommenden "Friedenspreisreden" sollte sich Walser vielleicht einmal überlegen, ob er nicht über den Bodensee zu einem Sprechstundengespräch an die Uni Konstanz hinüberrudern sollte - hier ließen sich bei Frau Professor Assman sicherlich einige rhetorische Kniffe erlernen, die sich hinterher auszahlen könnten.


Titelbild

Francois Ansermet / Pierre Magistretti: Die Individualität des Gehirns. Neurobiologie und Psychoanalyse.
Übersetzt aus dem Französischen von Jürgen Schröder.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2005.
283 Seiten, 22,80 EUR.
ISBN-10: 3518584413

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Hans J. Markowitsch / Harald Welzer: Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2006.
302 Seiten, 29,50 EUR.
ISBN-10: 3608944060

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Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik.
Verlag C. H. Beck, München 2006.
320 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-10: 3406549624

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Titelbild

Eric R. Kandel (Hg.): Psychiatrie, Psychoanalyse und die Biologie des Geistes.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff und Jürgen Schröder.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2006.
341 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-10: 3518584510

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