Die "Endlösung der Judenfrage" in Frankreich

In seinem Standardwerk "Vichy - Auschwitz" beschreibt Serge Klarsfeld das moralische Versagen des Vichy-Regimes bei der Judenverfolgung im besetzen Frankreich

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Geschichte der Judenverfolgung und ihrer Vernichtung durch die Nazis in den westeuropäischen Staaten ist seitens der deutschen Forschung lange Zeit vergleichsweise wenig intensiv betrieben worden. Ihr Forschungsschwerpunkt lag auf Osteuropa. Umso erfreulicher ist es, dass über die "Endlösunge der Judenfrage" in Frankreich seit 1983 Serge Klarsfelds zweibändige Studie "Vichy - Auschwitz" vorliegt, ein Standardwerk in Frankreich.

In Deutschland blieb man zurückhaltend, als das Buch 1989 nach mühsamer Verlagsssuche schließlich im Greno-Verlag erschien. Man misstraute dem Buch - oder sollte man sagen - dem Verfasser und seiner Form "engagierter Geschichtsschreibung". Klarsfeld ist kein Unbekannter in der Bundesrepublik: Als engagierter Verfolger von Naziverbrechern scheute er zusammen mit seiner Frau Beate Klarsfeld auch vor spektakulären politischen Aktionen oder öffentlichkeitswirksamen Polemiken nicht zurück. Zudem hatte er als Kind selbst die Schrecken der Judenverfolgung in Frankreich erlebt, und war nur knapp den Mördern entkommen. Sein Vater aber wurde deportiert und kam in Auschwitz ums Leben.

Kurzum: Diese Art des Engagements, motiviert durch eigenes Erleben, war einer maßgebenden wissenschaftlichen Öffentlichkeit nicht "seriös" genug. Ein ausführliches Vorwort zur nun vorliegenden deutschen Neuausgabe des Buchs erinnert an diesen ,peinlichen' Umgang mit dem Werk.

"Ich gehöre allerdings nicht zu den Historikern, die - mit dem Kitt ihrer manchmal originellen Ideen - schon vorliegendes Material nur neu zusammensetzen. Es scheint mir schwieriger und auch ertragreicher für die Geschichtsschreibung, Fakten aufzudecken und daraus Schlußfolgerungen zu ziehen, als Ideen zu haben und sich dabei nur solcher Fakten zu bedienen, die von anderen Historikern zutage gefördert wurden."

Diesem selbstformulierten Anspruch wird "Vichy - Auschwitz" jederzeit gerecht. Klarsfeld hat mit akribischer Konsequenz eine Fülle von Dokumenten recherchiert, auf deren Grundlage sich eine nahezu lückenlose Chronologie der "Endlösung der Judenfrage" in Frankreich von 1942 bis 1944 anfertigen lässt. Im ersten Teil der Studie rekonstruiert er die Geschehnisse im Jahre 1942 während der zweite Teil die Jahre 1943-1944 umfasst. Ein umfangreicher Dokumententeil, in dem für die deutsche Ausgabe der "größte Teil der französischen Dokumente gekürzt" wurde, während deutsche Dokumente aus der "Vorbereitungsphase" von 1940 bis 1942 neu aufgenommen wurde, macht fast die Häfte des Bandes aus.

Klarsfeld linear-chronologische Erzählung der Abläufe entfaltet schon bald einen ganz eigenartigen Reiz. Das Nacheinander der Verhandlungen, der Gespräche der deutschen und französischen Beteiligten miteinander und untereinander und der Sitzungs- und Gesprächsprotokolle lenkt die Aufmerksamkeit allein auf die planende Täter. Klarsfeld schildert wie die Morde geplant und in "Auftrag" gegeben wurden, dort, wo sie als bürokratischer Vorlauf noch ,harmlos' erscheinen, bevor es zum brutalen Zugriff der Polizei kommt und klar wird, was all das bedeutet: Deportation und Tod.

An einer Stelle aber durchbricht Klarsfeld die konsequente Darstellung des Täter(ver)handelns, als er davon erzählt, wie er als Kind, hinter der doppelten Wand eines Wandschranks versteckt, miterlebt, wie die deutschen Schergen den Vater, der sich nicht versteckt hatte, um die Häscher zu täuschen, abführen. Die mitversteckte Mutter sieht zwei Tage später noch einmal ihren Mann auf dem Bahnhof von Nizza "bei der Abfahrt nach Drancy in einer Gruppe von achtzig Personen". Aus dem Sammellager Drancy wurde Arno Klarsfeld nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.

Die Besonderheit der "Endlösung der Judenfrage" in Frankreich ergab sich aus der Situation nach dem ,Waffenstillstand' zwischen Frankreich und Deutschland 1940. Pro forma übte die Vichy-Regierung in ganz Frankreich Regierungsgewalt aus. Das galt für die so genannte "freie Zone", aber auch für die "besetzte Zone". Hier freilich bedurften alle Anordnungen der Vichy-Regierung der Zustimmung durch die deutsche Militärverwaltung in Paris. De facto aber war Vichy ein Regime von deutschen Gnaden. Trotzdem waren beide Seiten bemüht, die Autonomie des Vichy-Regimes zu behaupten. Die Vichy-Regierung mochte dabei der Illusion erliegen, sie könnte in Form der "Kollaboration" ihre Autonomie bewahren, den Deutschen gleichberechtigt begegnen und im Übrigen als ,neutraler Staat' "Äquidistanz" zu den Kriegsparteien halten. Für die Deutschen war das Vichy-Regime eine taktische Maßnahme. Der Anschein einer Restunabhängigkeit machte eine gewisse Loyalität der Franzosen möglich, während zugleich die Kollaboration die ,Kosten' der Besatzung zugunsten der gesamten Kriegswirtschaft minimieren konnte.

Das war im Kontext der ,Judenpolitik' in Frankreich von besonderer Bedeutung. Denn eine allzu rigorose Durchsetzung der Politik drohte das aus Sicht der Militärverwaltung "gute Klima der Kollaboration" zu beeinträchtigen. Deshalb bevorzugte man die Einbeziehung französischer Institutionen und Amtsträger bei allen exekutiven Maßnahmen.

Zur Durchsetzung der "Endlösung der Judenfrage" war man indes auf die französische Polizei angewiesen. Man brauchte sie, um die jüdische Bevölkerung ausfindig zu machen und in den Sammellagern zu inhaftieren, von wo aus sie ,planmäßig' deportiert werden sollten. Das gab der Vichy-Regierung einen gewissen Bewegungsspielraum, den sie freilich nicht nutzte. Als die Deutschen im Sommer 1942 Polizeikräfte für großangelegte Razzien forderten, um die Deportationszüge füllen zu können, knickte Vichy ein und stellte diese wie gewünscht zur Verfügung. Man glaubte einmal mehr, durch partielle Kollaboration mit den Deutschen eigene Handlungsoptionen zu erhalten. Sie zielten nun darauf, die einheimischen Juden zu schützen. Dafür lieferte man die ausländischen Juden in Frankreich aus. Raul Hillberg urteilte in seiner großen Abhandlung über die "Vernichtung der europäischen Juden", dass dieser "Vichy-Strategie [...] in nicht unerheblichem Maße Erfolg beschieden (war). Durch Verzicht auf einen Teil wurde das Ganze weitgehend gerettet." Das sieht Klarsfeld ganz anders: "Unserer Ansicht nach führte die Festnahme der Juden durch die französische Polizei zu einer Zahl von Deportierten, die die Besatzungbehörden mit ihrer Polizei nicht hätte erreichen können". Zudem hätte durch eine "kategorische und bedingungslose Verweigerungshaltung des Vichy-Regimes, seine Polizei bei Verhaftungen und Deportationen von Juden mitwirken zu lassen", so urteilt Klarsfeld, "die Deportation der Juden aus Frankreich bis zu einem viel späteren Zeitpunkt hinausgeschoben werden können - bis zum ,deutschen Endsieg' beispielsweise". Und damit hätte die Chance für ein Überleben der Menschen weiter bestanden.

Klarsfeld verkennt nicht den Druck, unter dem Vichy stand. Aber er prangert die moralische Verlogenheit und die Feigheit des Regimes an. So habe es, als die Deutschen im Sommer 1942 Probleme mit der Auslastung der ,teuren' Deportationszüge hatten, keine Notwendigkeit gegeben, ihnen auch die Kinder der angeblich zum Arbeitseinsatz im Osten eingezogenen ,arbeitsfähigen' Erwachsenen anzubieten. Man tue dies aus "humanitären Gründen", rechtfertigte Vichy diese Unmenschlichkeit, denn man wolle nicht zulassen, dass die Kinder von ihren Eltern getrennt würden.

Ebenso versagte das Regime, als nach der Besetzung der "freien Zone" durch deutsche und italienische Streitkräfte im November 1942 die italienischen Besatzer gegen die Absichten der deutschen Verbündeten in ihren Gebieten in der neuen "Südzone" den Juden Schutz boten. Es fehlte an "politischem und moralischem Mut", sich mit den Italienern und einem wachsenden öffentlichen Widerstand gegen die Judenverfolgungen, der vor allem von der katholischen Kirche getragen wurde, gegen die "angeschlagene Bestie" zu verbünden. Der entschuldigende Verweis auf eine Zwangslage zieht nicht. "Es gibt kein Ultimatum, weder ein polizeiliches noch ein militärisches, noch ein politisches. Der mögliche Verhandlungsspielraum auf diesem Gebiet war erheblich größer, als die Machthaber in Vichy glauben wollten."

Am Ende der Naziherrschaft ist zu unterscheiden zwischen dem "moralischen Bankrott" des Vichy-Regimes und der daraus resultierenden Verantwortung für die Vernichtung eines Viertels der jüdischen Bevölkerung in Frankreich und "dem aufrechten Mitgefühl aller Franzosen [...], die von dem Augenblick an ihre praktische Solidarität bewiesen, als sie begriffen, daß die jüdischen Familien, die den Deutschen in die Hände fielen, zum Tode verurteilt waren." Diesem Engagement - und nicht dem Taktieren der Vichy-Regierung - verdanken drei Viertel der jüdischen Bevölkerung in Frankreich ihr Überleben.


Titelbild

Serge Klarsfeld: Vichy - Auschwitz. Die "Endlösung der Judenfrage" in Frankreich.
Mit einem Vorwort von Ahrlich Meyer.
Übersetzt aus dem Französischen von Ahlrich Meyer.
WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007.
607 Seiten, 59,90 EUR.
ISBN-13: 9783534207930

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