Alte Frauen beim Metzger

Tom Segevs Klassiker "Die ersten Israelis" und Claude Lanzmanns Debütfilm "Warum Israel" erzählen von der Geschichte eines jungen Staates

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als die soeben in Israel eingetroffene Polin Rivka Waxmann 1949 durch Haifa bummelte, sah sie zufällig einen jungen Soldaten, der gerade eine Kinokarte kaufen wollte. "Chaim?" Nach kurzem Staunen fiel ihr der Mann in die Arme. Frau Waxmann war seine Mutter, die geglaubt hatte, ihr Sohn sei während der Shoah umgekommen.

Mit dieser Szene beginnt Tom Segevs Klassiker über die "ersten Israelis" und die "Anfänge des jüdischen Staates". Das Buch, das in Israel bereits 1984 erschien, markiert den Beginn kritischer israelischer Geschichtsschreibung jenseits offizieller Ideologie und staatlicher Mythenbildung. Segev wurde in Deutschland vor allem durch seine beeindruckende Studie "Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung" (1995) bekannt, die die Probleme jüdischer Shoah-Überlebender bei ihrer Einwanderung nach Palästina beschreibt. Der 1945 in Jerusalem geborene Autor kann Geschichte anders als viele andere Historiker ,erzählen' und verbindet diese Gabe mit der fachlichen Tugend sachlicher Quellenanalyse und Archivarbeit.

Letzteres hat besonders bei der Erstveröffentlichung von Segevs Buch über die "ersten Israelis" für Empörung in jenem jungen Staat gesorgt, den der Historiker nach Öffnung der Archive der frühen Jahre nach 1948 porträtiert hat. Segev wurde vorgeworfen, eine "subversive" und zugleich "postmoderne Geschichte" zu schreiben, "die dem Zionismus feindlich gegenüber" stehe. Dabei betont der Autor im 2008 geschriebenen Vorwort zur deutschen Ausgabe seines Buchs: "Ich identifiziere mich mit den ersten Israelis und bin manchmal neidisch auf sie, weil sie bei der Geburt einer der dramatischsten Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts dabei waren."

Die Anekdote von Rivka Waxmann und ihrem wiedergefundenen Sohn erinnert aber auch daran, dass Israel die letzte Zuflucht und die große Hoffnung vieler Überlebender der Shoah war und ist. Durch welche Schwierigkeiten hindurch dieser Staat aufgebaut wurde, kann man nun, pünktlich zum 60. Jahrestag seiner internationalen Anerkennung am 14. Mai 1948, in einer deutschen Ausgabe von Segevs Buch nachlesen - nicht nur als Blick zurück, sondern auch als ein solcher in die Zukunft. Im Sinne des heutigen multikulturellen Staats Israel, der ohne eine anzustrebende Koalition von Juden, verschiedenen Minderheiten und "Anderen" noch weniger zu denken ist als 1948, schreibt Segev: "In dieser Hinsicht sind alle Israelis immer noch die ersten Israelis. Sie nehmen Teil an einem einzigartigen historischen Experiment, das noch nicht gelungen und auch noch nicht gescheitert ist. Das macht ihre Geschichte so spannend."

Als eine Art Film zum Buch empfielt sich Claude Lanzmanns Debüt "Warum Israel" aus dem Jahr 1973. Der durch seinen großen Film "Shoah" bekannt gewordene französische Regisseur und ehemalige jüdische Résistance-Kämpfer drehte damit sein Porträt des jungen jüdischen Staats, dass eine gleichzeitige persönliche Liebeserklärung an das Land ist. Wie auch in seinem 1985 uraufgeführten Werk "Shoah" lässt Lanzmann hier Menschen verschiedenster Nationalität und Herkunft über ihre jüdische Biografie sprechen. Einmal erzählt ein Polizist mitten im lauten Straßenverkehr gefasst, wie er nach Auschwitz kam und von seinen Eltern und Geschwistern getrennt wurde: "I never saw them again."

Das Erleiden von Antisemitismus, Flucht, Vertreibung und das Überleben des Holocausts werden hier als 'typische' Vorgeschichte der Einwanderung nach Israel erkennbar. Zur Sprache kommen aber auch die verschiedensten Ansichten über die Zukunft Israels, die Unmöglichkeit deutscher "Wiedergutmachung", über persönliche Enttäuschungen, militärische Notwendigkeiten und nicht zuletzt innerisraelische Diskriminierungen sephardischer Juden durch die ashkenasischen Einwanderer aus Europa. Im Zentrum des Films steht der Alltag all dieser Menschen - im Kibbuz, bei der Arbeit oder sogar als Häftling im jüdischen Gefängnis. Lanzmann lässt diese Leute vor der Kamera ihre Gedanken über Israel formulieren, ihre Wünsche, Ängste und Hoffnungen - aber auch ihre Kritik. Das macht Lanzmanns Film so aktuell, ebenso wie Segevs Arbeit von 1984.

Israeli zu sein bedeute, nicht normal zu sein, betont der Religionswissenschaftler R.J. Zwi Werblowsky in "Warum Israel" - nicht ohne ein Augenzwinkern. Was das heiße, ein "auserwähltes Volk" zu sein, fragt ihn der Regisseur. Es möge etwas "grausam" klingen, entgegnet Werblowsky, aber nach alledem, was die Juden in Auschwitz durchgemacht hätten, erübrige sich wohl jedes weitere Wort darüber.

In einem der liebevoll gemachten DVD-Edition beigelegten Heftchen mit einem Statement Lanzmanns heißt es, genau dieses Motiv sei der "rote Faden" des Films: "Was ist das: Normalität? Was ist das: Ein Land, in dem jeder Jude ist? Das ist das Entscheidende vom Standpunkt eines Juden aus der Diaspora [...]. Ich zeige in 'Warum Israel', dass die Normalität das eigentlich Anormale ist".

Schlagartig deutlich wird das etwa in der Flughafenszene, als sich die Brüder Polessiou in die Arme fallen, nachdem sie sich 38 lange Jahre nicht mehr gesehen haben. Der gerade aus Russland neu in Israel ankommende Bruder redet mit Lanzmann fließendes Französisch und erklärt in wenigen Sätzen seine Herkunft - während er ab und zu unabsichtlich in glasklares Deutsch wechselt, was ihm sichtlich unangenehm ist. Zunächst seien sie Österreicher gewesen, dann Rumänen, und 1940 habe man sie nach Sibirien vertrieben, weil die Familie eine Fabrik besaß, erläutert Polessiou. Solche von Verfolgung und prekärem Überleben geprägten, erzwungenermaßen kosmopolitischen Biografien erscheinen einem beim Zuschauen kaum fasslich - und das glückliche brüderliche Wiedersehen in Israel sagt mehr über die Existenzgründe des Staates aus als tausend Worte. Eine soeben immigierte alte Frau lacht in die Kamera, sie sei einfach froh, endlich im gelobten Land zu sein. Wirklich frei und unbedroht fühlen könne sie sich nur dort. Sie sei Jüdin, das sage "alles".

Lanzmann drehte seinen Film kurz vor dem Jom-Kippur-Krieg, der eine weltweite Empörung über Israel nach sich zog. Damit wiederholte sich während der ersten Kinovorführungen des Werks das, was Lanzmann zur Planung seines Debüts veranlasst hatte - "der 6-Tage-Krieg, den die Israelis gewannen und nach dem ein Großteil der antikolonialistischen Linken, ein Großteil meiner Kampfgenossen, anfing, auf Israel herumzuhacken mit dieser hundsgemeinen Pauschalisierung: Das sind Sieger, das sind Nazis, mit der daraus folgenden Opferrolle der Araber", erinnert sich der Regisseur im zitierten Beiheft-Interview zur DVD. "Es war unglaublich. Ich habe also diesen Film gemacht, um ihnen zu antworten, ihnen zu sagen, dass Israel kein Volk von Mördern, sondern ein Volk von Flüchtlingen ist, ein Volk von alten Frauen."

Damit ist "Warum Israel" auch in jeder Szene, die nicht explizit darauf verweist, ein Film über die "anwesende Abwesenheit" der Geschichte der Shoah. Zum Beispiel in derjenigen, in der man die "alten Frauen" beim Metzger-Einkauf beobachtet. Sie sehen im Augenwinkel alle etwas misstrauisch auf die Kamera, die sie filmt. Diese Frauen haben graue und weiße Haare. Sie bestellen ihr Fleisch mit ernsten und ausdrucksvollen Gesichtern. Und sie sprechen wie selbstverständlich Deutsch: Damit ist klar, dass sie in Israel weiter leben, nachdem sie im Nationalsozialismus für die Vernichtung vorgesehen waren. Diese Frauen können 1973 nur Überlende der Shoah sein: Es ist ihr Film, den Lanzmann gedreht hat. Über ihr Land - und ihre Zuflucht.


Titelbild

Tom Segev: Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates.
Übersetzt aus dem Amerikansichen von Helmut Dierlamm und Hans Freudl.
Siedler Verlag, München 2008.
414 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783886808892

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Warum Israel. Ein Film von Claude Lanzmann.
Absolut Medien, Berlin 2008.
29,90 EUR.
ISBN-13: 9783898489409

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