Revision eines Fehlurteils - Norbert Mecklenburg über den Fall "Judenbuche"

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche", ein Meisterwerk deutscher Erzählkunst, ist fester Bestandteil des schulischen Literaturkanons. Die bisherige Rezeption der Erzählung jedoch bietet den merkwürdigen Fall eines kollektiven Fehlurteils. Norbert Mecklenburg plädiert für dessen Revision, um dem Werk eine neue Chance zu eröffnen. Seine Alternativlektüre beruht auf genauer Analyse, die bisher Unbeachtetes am Text aufdeckt. Er zeigt in scharfsinniger Argumentation, wie die herkömmlichen Lektüren alle in die gleiche, im Text selbst versteckte Falle tappen. Im Gegenzug zu metaphysisch-phantastischen Deutungskonstrukten arbeitet er eine psychologisch-sozial-ethische Sinnebene heraus: Sie ist es, die Drostes Erzählung aus alter Zeit gegenwärtig hält. Allerdings fällt auf die "Judenbuche" auch der Schatten eines christlichen Antisemitismus, den die Interpreten lange übersehen oder unterschätzt haben. Abschließend macht Mecklenburg Literaturlehrern Mut, zu testen, ob nicht manche Schüler bessere Leser der "Judenbuche" sein könnten als die wissenschaftlichen.

N.M.

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Titelbild

Norbert Mecklenburg: Der Fall "Judenbuche". Revision eines Fehlurteils.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2008.
128 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-13: 9783895286933

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