Endlich entziffert

Max Webers Vorlesungen über Agrarrecht, Agrargeschichte und Agrarpolitik in mustergültiger Edition erschienen

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die laufende Berichterstattung über Fortschritte der "Max Weber-Gesamtausgabe (MWG)" kann ein soeben erschienener weiterer Band vermeldet werden. Seit Erscheinen der ersten Bände vor 24 Jahren gliedert sich die geplante MWG in drei Abteilungen: Schriften und Reden (Abteilung I), Briefe (Abteilung II) und Vorlesungen und Vorlesungsnachschriften (Abteilung III). Mit dem hier anzuzeigenden Band erscheint der erste von insgesamt sieben angekündigten Bänden aus Abteilung III.

Um ermessen zu können, welche Arbeit hinter diesem so lange angekündigten Erscheinen steht, sollte die interessierte Leserschaft zuerst zu den Seiten 276 und 277 blättern. Die erste Aufgabe wäre es, jene Passagen, die auf Seite 277 der Transkription so leicht zu lesen sind, im Faksimile des Originals auf der gegenüberliegenden Seite überhaupt erst zu finden. Die zweite, erheblich schwerere Aufgabe wäre es dann, den Text des Faksimiles ohne die Transkription zu entziffern. Erschwerend bei dieser Aufgabe ist die Tatsache, dass Webers Schrift - vermutlich im Bemühen, Papier zu sparen - am Ende der meisten Seiten immer kleiner wird und häufig, zumeist am linken Blattrand, seitlich weitergeführt wurde.

So sah das Ausgangsmaterial aus, mit dem sich nicht nur diese Herausgeberin zu plagen hatte. Der einschlägige Satz aus ihrem dankenden Vorwort lautet: "Wer je mit Max Webers Handschrift zu tun gehabt hat, weiß, was das bedeutet." Bezogen ist dieser Satz auch auf Personen und Stationen, auf die die Herausgeberin dieses Bandes folgen konnte: Bereits im Jahr 1900 ordnete Marianne Weber die Manuskripte der Vorlesungen ihres Mannes. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, fast 20 Jahre nach Webers Tod, gelangten die verschnürten Bündel in das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem, heute Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin. Es war der erst vor vier Jahren verstorbene Düsseldorfer Historiker Wolfgang J. Mommsen, der das gesamte Material der Vorlesungsunterlagen sichtete und den verschiedenen Bänden der Abteilung III zuordnete. Das Vorwort nennt die Namen jener vielen Menschen, die seitdem an der Entzifferung und Transkription arbeiteten.

Auf solcherlei Vorarbeiten konnte sich Rita Aldenhoff-Hübinger, Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, bei ihrer Herausgeberschaft stützen. Für diese anspruchsvolle Aufgabe war sie bestens qualifiziert, ist sie doch bereits seit 1981 mit dem Unternehmen der MWG auf engste verbunden, damals noch als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Mommsen. Von ihr ist weiterhin die Herausgabe der Vorlesungen zu Arbeiterfrage und Arbeiterbewegung aus den Jahren 1895 bis 1898 angekündigt (Band III/4).

Angesichts der Tatsache, dass hinter bereits zwei Namen der ursprünglichen Herausgeber der MWG ein Kreuz steht (Johannes F. Winckelmann, gest. 1985; Wolfgang J. Mommsen, gest. 2004) ist es mehr als erfreulich, vermelden zu können, dass der Historiker Gangolf Hübinger, Professor für Kulturgeschichte der Neuzeit ebenfalls an der Viadrina, von den übrigen Herausgebern (Horst Baier, M. Rainer Lepsius, Wolfgang Schluchter) in das Team kooptiert wurde. Man muss nicht um die Fortführung und den Abschluss dieses monumentalen Unternehmens bangen, das immerhin mit seinen Vorberatungen vor mehr als 30 Jahren, im Herbst des Jahres 1974, begann.

Um es gleich zu sagen, der hier anzuzeigende Band ist eine Fundgrube für Weber-Texte geworden, die jedoch in erster Linie von Weber-Schriftgelehrten wirklich geschätzt werden wird. Auch die Herausgeberin behauptet nicht, dass sich dieser Band an ein allgemeines Leserpublikum wendet. Zutreffend schließt sie ihre Einleitung mit dem Urteil über die werkgeschichtliche Bedeutung der versammelten Vorlesungen der 1890er-Jahre: "Sie haben weit über die Jahrhundertwende hinaus gewirkt. Stets hat Max Weber aus ihrem Fundus an sozial- und wirtschaftshistorischem Wissen in seinem späteren Werk geschöpft. Für die heutige Forschung sind sie vor allem durch ihre europäisch vergleichende Perspektive anschlussfähig."

Was findet sich nun im hier anzuzeigenden Band? Es handelt sich um die Edition der Manuskripte von insgesamt drei eigenständigen Vorlesungen: Eine über "Agrarrecht und Agrargeschichte", die Weber im Sommersemester 1894 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin hielt, eine über "Agrarpolitik" im Sommersemester 1895 an der Albert-Ludwigs-Universität zu Freiburg und eine weitere über "Agrarpolitik" im Wintersemester 1897/98 an der Ruprecht-Karls-Universität zu Heidelberg. Zugefügt sind zwei kurze Fragmente, eines über die "Wirkungen der Besitzverteilung des Ostens" und eines zu einem von Weber geplanten aber nie vollendeten Buch über landwirtschaftlichen Kapitalismus mit dem Titel "Geschichtliche Grundlagen".

Es geht im Kern der Texte um Ausführungen über die europäische Agrarverfassungsgeschichte und die Entwicklung des landwirtschaftlichen Kapitalismus: Für seine Vorlesungen bezog Weber alle nur denkbaren rechtlichen und ökonomischen Aspekte ein und behandelte fokussiert die politische Dimension der von ihm untersuchten Zusammenhänge, vor allem also die Eingriffe des (modernen) Staates in die Struktur der Agrarverfassung. Konstitutiv für Webers Zugang zu diesen Themen war seine historische Herangehensweise, die enge Verschränkung rechtlicher und ökonomischer Gesichtspunkte und die europäisch vergleichende Perspektive. Es kann vom Rezensenten nicht abgeschätzt werden, wen diese Themen und vor allem deren Behandlung durch Weber heute wissenschaftlich interessieren mögen, für die spezialisierte Weber-Forschung sind die mustergültig aufbereiteten Texte von großem Wert. Sie bieten insgesamt einen Besuch am Schreibtisch des akademischen Lehrers Weber, man kann dem Herrn Professor gewissermaßen über die Schulter bei der Vorbereitung seiner Vorlesungen zusehen und man kann sich zugleich unter seine Zuhörer im Hörsaal mischen.

In Berlin erscheint der 30jährige außerordentliche Professor an der Juristischen Fakultät uns noch als getreuer Schüler seines eigenen akademischen Lehrers August Meitzen, der konventionelles Lehrbuchwissen für 24 Hörer kommentierend vorträgt. In Freiburg schwimmt sich der nun ein Jahr ältere Lehrstuhlinhaber für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft frei von den Lehrbuchdarstellungen seiner Vorgänger und Kollegen, erarbeitet eigene Thesen, die er seinen 14 Hörern präsentiert. Und in Heidelberg folgen dem nunmehr 33 Jahre alten, ordentlichen Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft bereits 33 Hörer, unter ihnen seine Ehefrau Marianne Weber und deren beste Freundin, Else von Richthofen.

Die Erarbeitung der Manuskripte kosteten Weber sichtbar erhebliche Anstrengungen, die Charakterisierung Marianne Webers, dass Webers "Kollegien [...] stets sorgfältig disponiert" waren, bestätigt sich durch die transkribierten Texte. Weber hielt seine Vorlesungen augenscheinlich nicht auf der Grundlage von Stichworten, wie wir das beispielsweise vom Manuskript der Rede über "Politik als Beruf" kennen, sondern anhand umfangreicher Notizen und Exzerpte, die teilweise als Halbsätze ausformuliert waren. Die Unzahl von zusätzlich eingefügten Anmerkungen und Ergänzungen auf den Manuskripten machen jedes einzelne Blatt zu einer, auch graphisch reizvollen, Collage.

Weber gehörte zudem zu jenen Lehrenden, die ihre Vorlesungen nicht bereits vor Semesterbeginn vollständig ausgearbeitet hatten, sondern arbeitete an ihnen zumeist bis unmittelbar vor Vorlesungstermin. Ebenfalls von seiner ehemaligen Hörerin, Marianne Weber, wissen wir, dass Weber im Hörsaal zwar seine ausgearbeiteten Unterlagen vor Augen hatte, "im übrigen aber überlässt er sich in freier Rede den Eingebungen des Augenblicks: das strenge Begriffsgerüst wird mit der Fülle historischen Wissens umkleidet, die ungewöhnliche Denkschärfe ergänzt sich durch ebenso ungewöhnliche plastische Kraft."

Stellt der größte Teil der edierten Texte vor allem Stichwortnotizen dar, vom Muster "Ökonom Theorie des landw Credites, Creditbedarf, Creditformen, Creditorganisationen", mit denen der heutige Leser vermutlich nicht sonderlich viel anfangen kann, so erweist es sich als großer Glücksfall, dass es zur Heidelberger Vorlesung über "Agrarpolitik" eine Nachschrift gibt, die eine regelmäßige Hörerin dieser Vorlesung erstellte, die eifrige Studentin Else von Richthofen. Es handelt sich um ein Heft, eine so genannte "Kladde", von mehr als 200 Seiten, die Else von Richthofen, an Eduard Baumgarten als von Marianne Weber beauftragten Nachlassverwalter übergeben hatte; dieser wiederum vermachte sie Johannes Winckelmann, der sie seinem Archiv zufügte. Heute lagert dieses Dokument als Deponat in der Bayerischen Staatsbibliothek.

Wir wissen, dass Else von Richthofen sich zwar während der Vorlesung Notizen machte, die Kladde dokumentiert jedoch eine zeitnahe Nachschrift nach dem jeweiligen Vorlesungsdatum. Erst durch diese Nachschrift wird der heutigen Leserschaft so wirklich nachvollziehbar, was Weber unter Agrarpolitik verstand: "Agrarpolitik ist die Lehre von wirtschaftlichen Problemen, die auf der Eigenart der Landwirtschaft beruhen. Die Agrarpolitik fragt nicht, wie die Landwirtschaftlehre, wie ein technischer Produktionserfolg erzielt werden kann, sondern sie ist Wirtschaftswissenschaft. Sie ist wichtig 1. wegen der fundamentalen Stellung des Bodenbesitzes, 2. durch die Eigentümlichkeit der Bevölkerungsschichtung, 3. durch die eigenartige Stellung, die der Grund und Boden bei den Produktionsmitteln einnimmt."

Die insgesamt 76 Seiten - mit Inhalts- und Literaturverzeichnis (!) - dieser studentischen Nachschrift ermöglichen es dem Weber-Kenner, der mit den gedruckten Texten Webers zur Lage der ostelbischen Landarbeiter vertraut ist, geradezu zu hören, wie Professor Weber im Heidelberger Hörsaal seine Pointen setzte, wenn es etwa heißt: "Im Osten finden wir zuerst Landarbeiterschaft. [...] Schwerpunkt ist das Gesinde, daneben die Häusler, die Haus und Garten haben, Frau führt die Wirtschaft, er geht zur Arbeit; für Erntebedarf kommen in Betracht 1. die Einlieger, die die Miete abverdienen müssen, 2. die Büdner, die zuviel haben, als dass es die Frauen bewirtschaften können, zu wenig um davon leben zu können, zur Erntezeit sind sie auf ihrem Besitz nötig (sozialistische Landpropaganda bemächtigt sich am ersten der Büdner), elende Existenzen."

Es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, was der 23jährigen Studentin der Nationalökonomie bei diesen Ausführungen durch den Kopf gehen mochte: Sie selbst stammte aus einer verarmten Offiziersfamilie, verfügte über keinerlei Mitgift, was ihre Heiratschancen in den "besseren Kreisen" stark beeinträchtigte, und hatte sich, nach ihrer Ausbildung als Lehrerin, ein Universitätsstudium mit Sondererlaubnis ab dem Wintersemester 1897/98 in Heidelberg erkämpft. Das Leben als Gattin eines ostelbischen Junkers wäre, zumindest nach den Darstellungen des Professor Weber, auch kein Zuckerschlecken gewesen. Vielleicht reifte auch während dieser Vorlesung der Plan, lieber einen vermögenden Bürgerlichen zu heiraten, was Else von Richthofen auch fünf Jahre später mit Edgar Jaffé, einem jüdischen Millionär und Heidelberger Privatgelehrten, in die Tat umsetzen sollte. Dieser klassische Ausweg wirtschaftlich ruinierter Adliger führte auch bei der jungen Baronin Richthofen, in ihren eigenen Worten, zu einem "dankbar geborgenem Gefühl". Umso bedauerlicher - aber verständlich - ist es, dass die Herausgeberin weder das Exzerpt aus Adolf Buchenbergers Darstellung der "Grundzüge der deutschen Agrarpolitik unter besonderer Würdigung der kleinen und großen Mittel." (1897) - ein Autor, auf den Weber sich in vielfacher Weise stützte - mitabdrucken ließ, noch die in der Kladde ebenfalls enthaltenen Tagebuchaufzeichnungen vom Oktober 1903. Was dort wohl über die Zufriedenheit der Frau Jaffé zu lesen sein mag, die zwei Jahre zuvor unter der Betreuung von Max Weber über die Arbeiterschutzgesetzgebung promoviert hatte?

Insgesamt dokumentiert diese Edition seiner Vorlesungen zu Agrarrecht, Agrargeschichte und Agrarpolitik, ein welch engagierter und gewissenhafter akademischer Lehrer Max Weber gewesen war. Der Herausgeberin hat die Gemeinde der internationalen Weber-Forschung für die akribische Aufbereitung der Manuskripte, die hoch informative Einleitung, die präzisen Editorischen Vorbemerkungen, das Verzeichnis aller Personen, die in den Manuskripten Webers und der Nachschrift Else von Richthofens erwähnt werden, das erläuternde Glossar, das Verzeichnis der von Weber zitierten Literatur, die Register und ein chronologisches Verzeichnis aller Vorlesungen Webers im Zeitraum 1892 bis 1920 großen Dank abzustatten. Zu erwähnen ist zudem, dass der komplette Text dieses Bandes als PDF-Datei auf einer beigelegten CD-ROM zu Suchzwecken beigefügt ist.


Titelbild

Max Weber: Gesamtausgabe. Band III/5. Agrarrecht, Agrargeschichte, Agrarpolitik. Mit CD-ROM.
Herausgegeben von Rita Altenhoff-Hübinger.
Mohr Siebeck, Tübingen 2007.
523 Seiten, 199,00 EUR.
ISBN-13: 9783161494857

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