Ansichten der NS-Terrorherrschaft

Drei Bücher geben Einblick in die Geschichte der nationalsozialistischen Terrorherrschaft

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es war lange Jahre ein sonderlicher Anblick in München: Die Straßen, wie Thomas Mann einmal schrieb, mit jenen blauen Emailleschildern bezeichnet, wie bereits vor hundert Jahren. Eine Stadt, die ihre Vergangenheit wie selbstverständlich nahm. Problematisch war diese Haltung indes dann, wenn es um die nationalsozialistische Vergangenheit ging. Wer in wirtschaftswunderlichen Zeiten dachte darüber nach, dass er, über den Königsplatz sein Auto lenkend, über jene Granitplatten fuhr, mit denen einst die Nazis den Königsplatz ebenso verkehrstauglich wie aufmarschgerecht ausgestattet hatten? Vorbei an seltsamen Podesten, von denen man kaum mehr wissen wollte, dass sie einmal die Basis der "Ehrentempel" waren. Hier gedachte man der gefallenen "Kämpfer" der Frühzeit, speziell jener Toten, die der Putschversuch 1923 gefordert hatte. Hier die weihevolle Feier, dort hernach der machtberauschte Aufmarsch auf granitenem Grund. Nebenan, in der Arcisstrasse flankierten zwei wuchtige Parteibauten in klassizistisch nachgeahmter Manier, wunderlicherweise vom Krieg kaum beschädigt, die Szenerie. Der Bauten, für die auch die alten Pringsheims, die Schwiegereltern Thomas Manns, ihr prächtiges Palais an dieser Stelle räumen mussten, sind bis heute in Nutzung: Im "Führerbau" ist die Münchner Musikhochschule untergebracht und den ehemaligen "Verwaltungsbau" nutzen verschiedene kulturelle Einrichtungen.

Keimzelle jenes Bautenensembles, das die "Hauptstadt der Bewegung" repräsentieren sollte, war das Palais Barlow in der Brienner Straße. Das großbürgerliche, nach dem englischen Industriellen Richard Barlow, der das Haus 1876 erworben hatte, benannte Palais wurde 1930 wurde von der NSDAP als neue Parteizentrale erworben. Damit aber das Haus die angestrebten repräsentativen Funktionen erfüllen konnte, war ein Umbau vonnöten. Eine Aufgabe für den "ersten Baumeister des Führers" Paul Ludwig Troost, der das Palais zum "Braunen Haus" umbaute. Insbesondere in der Zeit vor und nach der Machtübernahme der Nazis bis zur endgültigen Machtkonsolidierung Mitte der 1930er-Jahre war das "Braune Haus", so Andreas Heusler in seinem informativen Buch "Das Braune Haus. Wie München zur ,Hauptstadt der Bewegung' wurde" nicht nur eine "propagandistisch überhöhte Ikone des Nationalsozialismus", sondern auch "ein zentraler Ort der brutalen Einschüchterung" und Gewalt. Im Verlauf der Jahre verlor das "Braune Haus" mit der Verlagerung der Machtzentrale des Nazistaates nach Berlin viel von seiner Bedeutung, lediglich die Parteiverwaltung blieb bestehen. Doch mussten Teile derselben bereits 1943 nach schweren Treffern durch Luftangriffe ausgelagert werden. Anders als die beiden anderen Parteibauten (Führerbau und Verwaltungsbau) blieb vom "Braunen Haus" nur eine Ruine, die schließlich 1951 durch den Freistaat Bayern abgerissen wurde.

Die Geschichte des "Braunen Hauses" macht aber nur einen Teil des Buchs von Andreas Heusler aus. Darüber hinaus widmet sich der Autor der Frage, welche spezifischen Bedingungen seit dem Ende des Ersten Weltkrieges gerade München den peinlichen Ehrentitel "Hauptstadt der Bewegung" einbringen konnten und warum nach 1945 die Stadt lange auch als "Hauptstadt der Verdrängung" galt. Heuslers Buch liefert damit auch einen anregenden Beitrag zur aktuellen Diskussion in München über die Neuorganisation des Gedenkens in dieser Stadt.

Zu dem Zeitpunkt, als das "Braune Haus" in Trümmer fiel und das Ende des Naziregimes unmittelbar bevorstand, begann ein "mörderisches Finale". So heißt das unter Ulrich Sanders Federführung entstandene Buch über "NS-Verbrechen bei Kriegsende". Im Mittelpunkt des Taschenbuchs stehen die Verbrechen im Rombergerpark und der Bittermark in Dortmund. Die Gestapo ermordete hier in der Zeit vom 7. März bis 12. April 1945 über 300 Kriegsgefangene aus Belgien, Frankreich, Jugoslawien, den Niederlanden, Polen und der Sowjetunion sowie inhaftierte Antifaschisten aus Deutschland. Einen Tag später, am 13. April 1945, besetzten die Amerikaner Dortmund. An diese und andere Verbrechen in den letzten Kriegstagen erinnert das 1960 gegründete "Rombergparkkommitee", das auch Herausgeber des vorliegenden Bandes ist. Der Band enthält "Texte, Materialien und Recherchen" verschiedener Zeitzeugen und Historiker zu diesen Geschehnissen. In dieser Form der Zusammenstellung entspricht der Band zwar nicht immer den Erwartungen an eine wissenschaftliche Monografie, er gibt aber einen anschaulichen Überblick über diese Naziverbrechen. Darin liegt sein Wert ebenso wie in einer immer wieder deutlich geäußerten pointierten politischen Stellungnahme der Herausgeber und der Autoren, die die Darstellung des Materials vor allem als Mahnung gegen das Vergessen und aktives Eingreifen gegen aktuelle Tendenzen rechter Politik und der sie begleitenden Interessen begreifen.

Zentrale Orte der NS-Terrorherrschaft waren die Konzentrationslager. Hier wurden die Menschen systematisch entwürdigt, ausgebeutet und schließlich zu Tode gebracht. In ihrer verdienstvollen "Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager" haben die beiden Herausgeber Wolfgang Benz und Barbara Distel in nunmehr acht Bänden erstmals alle Konzentrationslager vorgestellt, das System der Lager durchschaubar gemacht und somit einen wesentlichen Pfeiler des NS-Herrschaftssystems vorgestellt. Die Lager wurden in den Bänden nach ihrem Gründungsdatum vorgestellt. Im vorliegenden achten Band werden nun die letzten von den Nazis gegründeten Konzentrationslager vorgestellt. Die Lager Riga-Kaiserwald, Warschau, Vaivara, Kauen (Kaunas), Plaszów wurden in den Jahren 1943 und 1944 eingerichtet. Im Vorwort weisen die Herausgeber darauf hin, dass über diese Lager bislang nur wenig geforscht wurde. Wie auch in den Vorgängerbänden garantieren aber die Autoren der Beiträge den jeweils aktuellen Forschungsstand.

Dieser vorletzte Band der Reihe "Ort des Terrors" (ein letzter Band gibt eine Übersicht über die "anderen Lagerwelten" des NS-Herrschaftssystems) führt noch vier weitere Orte auf: Kulmhof/Chelmno, Belzec, Sobibór und Treblinka. Die an diesen Orten eingerichteten ,Lager' dienten nur einem Zweck: der Ermordung. Es waren Vernichtungslager. Diese Lager waren nicht in das ,normale' KZ-Lagersystem eingegliedert. Sie unterstanden nicht der Inspektion der Konzentrationslager und waren nicht als ,Aufenthaltslager' vorgesehen. Kulmhof - nur unter diesem ,deutschen' Namen existierte der Vernichtungsort - wurde als erstes der Vernichtungslager im November 1941 eingerichtet. Die drei anderen Lager waren im Zusammenhang mit der "Aktion Reinhardt", der systematischen Tötung der Juden im Generalgouvernement, vom Frühjahr 1942 bis Herbst 1943 eingerichtet und zur systematischen Ermordung der Menschen genutzt worden. Zu Recht nehmen die Herausgeber auch diese Lager in ihre Lagergeschichte auf, "da", so schreiben sie, "es nicht zu vermitteln wäre, sie mit der formalen Begründung, dass sie nicht ins KZ-System integriert waren (im Gegensatz zu Auschwitz-Birkenau und Lublin-Majdanek, die der Inspektion der KL unterstanden, aber zugleich die Funktion von Vernichtungslagern erfüllten), aus dem Zusammenhang einer Gesamtgeschichte der Konzentrationslager auszugrenzen."


Titelbild

Andreas Heusler: Das braune Haus. Wie München zur "Hauptstadt der Bewegung" wurde.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008.
383 Seiten, 22,95 EUR.
ISBN-13: 9783421043528

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Titelbild

Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 8.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
463 Seiten, 59,90 EUR.
ISBN-13: 9783406572371

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Kein Bild

Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende.
PapyRossa Verlag, Köln 2008.
192 Seiten, 14,90 EUR.
ISBN-13: 9783894383886

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