Unermessliche Verblendung

Warum Alfred Döblins Roman „Wallenstein“ im Zeitalter des „Djihad“ und des „War on Terror“ wieder gelesen werden muss

Von Jan SüselbeckRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Süselbeck

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Schreiben als Methode des „Hinausspringens aus der Totschlägerreihe“

„Nicht erst seit Hayden White wissen wir, dass in der Geschichtsschreibung nicht die historische Wirklichkeit objektiv wiedergegeben wird, sondern dass auch Klio erzählt“, erinnert Uwe Timm in seiner 2009 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Frankfurter Poektikvorlesung unter dem Titel „Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt“. „Selbst eine reine Dokumentensammlung hat eine Tendenz zum Erzählen, ein Muster, ein episches Muster, das durch Auswahl, Anordnung und Gewichtung entsteht und Bedeutung generiert. Der Roman hingegen hat darüber hinaus eine Freiheit, Möglichkeiten durchzuspielen, und er kann sich auf die Sprache konzentrieren. Er kann und will nicht die vergangene Wirklichkeit rekonstruieren, sondern eine Gegengeschichte schreiben.“

Gerade im Blick auf Kriege und damit auch auf jene lange Geschichte von Völkermorden, die in Auschwitz gipfelte, nimmt ein solches Programm im Idealfall die Dimensionen eines Projekts an, das Franz Kafka am 27. Januar 1922 in seinem Tagebuch wie folgt skizzierte: „Merkwürdiger, geheimnisvoller, vielleicht gefährlicher, vielleicht erlösender Trost des Schreibens: das Hinausspringen aus der Totschlägerreihe, Tat-Beobachtung, indem eine höhere Art von Beobachtung geschaffen wird, eine höhere, keine schärfere, und je höher sie ist, je unerreichbarer von der ‚Reihe‘ aus, desto unabhängiger wird sie, desto mehr eigenen Gesetzen der Bewegung folgend, desto unberechenbarer, freudiger, steigender ihr Weg.“

Nicht nur Timm hat das mit seinem grandiosen Post-Kolonialroman „Morenga“ versucht, einer ‚Gegengeschichte‘ des zur Zeit der Erstveröffentlichung des Buchs im Jahr 1978 noch weitgehend ‚vergessenen‘ deutschen Genozids an den Herero im heutigen Namibia – einem Land, das man 1904, als dieser verübt wurde, noch „Deutsch-Südwest“ nannte. Denn wenn man nach vergleichbaren literarischen Kraftakten sucht – man könnte hier etwa auch Edgar Hilsenraths „Märchen vom letzten Gedanken“ nennen, einen 1989 erschienenen monumentalen Roman über den Völkermord an den Armeniern von 1915 – dann kommt man in der Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts am Ende doch immer wieder auf den Urvater dieser Idee historischer „Tatsachenphantasien“, wie er sie in seinem Text „An Romanautoren und ihre Kritiker“ im Jahr 1913 forderte: Alfred Döblin.

Merkwürdigerweise kennen die meisten diesen Schriftsteller aber nur als Verfasser des Großstadtromans „Berlin Alexanderplatz“ (1929), während sein restliches, vom Umfang her nicht eben unbeträchtliches Œuvre zwischen dem Debütroman „Die drei Sprünge des Wang-lun“ (1915) und dem Alterswerk „Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende“ (1956), die jetzt bei Döblins altem Verlag S. Fischer wieder greifbar sind, erst noch auf neue Leser wartet.

Dekonstruktion teleologischer Vorstellungen

Während die Kriegsgeschichtsschreibung des Historismus traditionell noch „große Männer“ in den Mittelpunkt ihres Interesses stellte, sind es bei Döblin vor allem die ‚kleinen Leute‘. Und wenn seine weit ausholenden Historienpanoramen die Staatenlenker oder führenden Politiker mit in den Fokus nehmen, so geschieht dies auf eine Art und Weise, die diese Gestalten entzaubert, zu ‚Menschen wie Du und Ich‘ macht – oder sogar zu gespaltenen Persönlichkeiten, die mit hysterischen Anfällen, Wahnvorstellungen, Wutausbrüchen und Depressionen zu kämpfen haben. Diese jeder platten Heroisierung aus dem Weg gehende Poetologie kann man nicht nur in Döblins hier bereits schon vorgestelltem Riesenroman „November 1918“ anhand seiner Darstellungen Rosa Luxemburgs, Karl Liebknechts und Friedrich Eberts eindrucksvoll verfolgen – sondern vor allem auch in Döblins großem ‚Gegengeschichtsgemälde’, seiner ‚Tatsachenphantasie‘ „Wallenstein“ (1920).

Der zwischen 1916 und 1919 niedergeschriebene Roman, der im Druck der vorliegenden Ausgabe knapp 900 Seiten umfasst, handelt in schier unglaublicher Bildgewaltigkeit und Sprachkraft von der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, genauer: den Jahren von 1620-1634. Dass dieser furchtbare Religionskrieg tatsächlich bis 1648 andauerte, ist für den Leser, der den Text mit all seinen krassen Gräueldarstellungen bis zum Ende zur Kenntnis genommen hat, plötzlich eine so niederschmetternde Vorstellung, dass er jedwedes teleologische Geschichtsbild – falls er es sich denn noch bewahrt hatte – endgültig verwirft. Schon der viel kommentierte erste Satz des Romans, der den Rezipienten jäh und vollkommen ansatzlos in ein Geschehen versetzt, das offenbar schon längst im Gange ist, zeugt von einer ‚unendlichen Geschichte‘, die trotz des gewaltigen Umfangs des Textes nur in Auszügen erzählt wird: „Nachdem die Böhmen besiegt waren, war niemand darüber so froh wie der Kaiser.“

Welche Böhmen? Welcher Kaiser? Und wer spricht hier überhaupt? Der Mann, der da vom Erzähler so unvermittelt eingeführt wird, entpuppt sich zunächst einmal als veritabler Leviathan, denn er schlingt lustvoll alles Mögliche in sich hinein, wie später auch viele andere Figuren im Buch: Der Krieg wird damit erkennbar als Sinnbild eines großen Fressens, einer Ekstase der Einverleibung toten Fleisches. Dieser Kaiser ernährt sich wie ein wildes Tier, er kaut nicht, sondern er „knabberte, biß, riß, mahlte, malmte“ mit „muskulösen Lippen“ und „Backentaschen, die sich rechts und links wulsteten, sich ihre Beute zuwarfen, sich schlauchartig entleerten, von der quetschenden Zunge sekundiert“.

Auch der Erste Weltkrieg gerät mit derartigen Metaphorisierungen des großen Mordens in den Blick, dessen ‚undarstellbar‘ gewordene Materialschlachten Döblin wohl mehr als nur ‚im Hinterkopf‘ hatte, als er sein Werk verfasste – auch wenn dies die zeitgenössischen Leser offensichtlich nicht sehen wollten und den Text, den die Kritiker lobten, als reinen Historienroman zu sperrig fanden. Man dürstete vielmehr nach angeblich ‚authentischen‘ Schilderungen des Ersten Weltkriegs, wie sie Ernst Jünger, Ludwig Renn, Arnold Zweig und viele andere in den 1920er-Jahren publizierten. Von einer viel zitierten „Kriegsliteraturmüdigkeit“ konnte in jener Zeit deshalb keine Rede sein, wie Thomas F. Schneider im Vorwort seines Handbuchs „Die Autoren und Bücher der deutschsprachigen Literatur zum Ersten Weltkrieg 1914-1939“ konstatiert, mit dem erstmals eine annähernd vollständige Bibliografie einschlägiger Titel vorgelegt wird, die auf 7.973 Publikationen kommt. Doch nicht einmal in dieser umfassenden Auflistung kommt Döblin vor – immerhin ein Autor tausender Romanseiten über den Ersten Weltkrieg, allein schon, wenn man nur „November 1918“ und den „Wallenstein“ zusammenrechnet. Wie unter anderem Aufsätze Klaus R. Scherpes und Alexander Honolds nahegelegt haben, könnte oder müsste man aber wohl auch die Romane „Berge Meere und Giganten“ (1924) und selbst den notorisch nur als „modernen Großstadtroman“ rezipierten „Berlin Alexanderplatz“ mit dazuzählen. Denn, wie es die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller kürzlich sinngemäß im Literarischen Colloquium Berlin so schön sagte, als sie meinte, der österreichische Alleskritisierer Thomas Bernhard hätte eigentlich die besten Bücher über ihre rumänische „Heimat“ geschrieben, obwohl diese darin bekanntlich gar nicht explizit vorkommt: „Wenn man liest, denkt man sich ja auch etwas dabei.“

Der Feldarzt Döblin arbeitete, während er an „Wallenstein“ schrieb, als Kriegsfreiwilliger in einem Lazarett im Elsass – und wenn Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ (1929) einmal schreibt, erst wenn man ein solches Lazarett gesehen hätte, habe man den Krieg wirklich wahrgenommen, so wird Döblins sezierender und oft kalt anmutender Blick auf die Gräuel des Krieges im „Wallenstein“ verständlicher. So liest man denn auch den letzten lakonischen Ausblick des Romans unwillkürlich als Allegorie auf den „Großen Krieg“ von 1914-1918, samt seinen genauso end- wie sinnlos erscheinenden Grabenkämpfen im Westen und seinen die Zivilbevölkerung heimsuchenden Massakern an der ‚vergessenen Front‘ im Osten: „Was ihnen störend in den Weg kam, zerklatschten die Heere. Die Söldnermassen selbst brachen gegeneinander los, schlugen sich nieder, verfolgten sich, metzelten sich von neuem, Kaiserliche Sachsen Schweden Bayern. Im Westen hatten sich die Welschen gesammelt. Sie warteten in frischer Kraft auf ihr Signal, um sich hineinzuwerfen.“

Verdüsterte Kosmogonie

Für Döblins Text ist es bezeichnend, dass der verzweifelte habsburgische Kaiser Ferdinand II. – ein sich am Ende nur noch am Rande des Wahnsinns als unerkannter Bettler durch die Leidenslandschaften seines Reichs bewegender Mann – ausgerechnet von einem Einsiedler die maßgebliche Charakterisierung der tatsächlichen Verfasstheit dieser ihm fremden Welt referiert bekommt, die eben keine katholische ist und auch keine protestantische, sondern nurmehr noch eine apokalyptische.

Es ist also keiner der weisen Jesuiten im Roman, und auch kein strategisch denkender Kurfürst, der Ferdinand am Ende zur Flucht aus allen Ämtern veranlasst, sondern ein in einer Höhle dahinvegetierender Irrer, dessen Körper von Geschwüren übersät und dessen Gesicht zur Hälfte nur noch ein eiterndes Loch ist: „Kein Gott kann so grausam sein wie das ist, was die Welt gemacht hat. […] Es ist alles Teufelswerk. Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, für alle Augen erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die für den Bösen gelten, sind erfüllt. Die Verblendung ist unermeßlich.“

Ferdinand ist über weite Teile des Romans als Sinnbild Kaiser Wilhelms II. lesbar, eines Machtmenschen also, der in großem Pomp dahinlebt und sich keine großen Gedanken über die Folgen seiner weitreichenden Entscheidungen macht, die ganz Europa ins Kriegsverderben stürzen. Andererseits stellt Döblin den Kaiser als hilflose Marionette unabänderlich erscheinender Verhängnisse vor, die dieser, wie auch immer er sich orientiert, nicht abwenden kann. Ähnliches gilt übrigens für seinen Gegenspieler Wallenstein, der sich zwar nicht wie Ferdinand von seinem Umfeld widerstandslos manipulieren lässt, sondern seine Schritte extrem scharfsinnig plant und gegen alle Welt intrigiert. Wallenstein ist ein Kriegsverbrecher, manischer Machtmensch und unberechenbarer Choleriker, und damit eine geradezu prophetisch entworfene Prä-Hitler-Figur: Doch selbst er wird von Döblin als von Anbeginn hinfälliger Kranker gezeichnet, von Gichtknoten und Geschwüren gezeichnet, am Ende weitgehend erblindet und ein offensichtlich Verlorener, ein orientierungslos umherwandelnder Zombie.

Die Längen, die Döblins Riesenwerk aufgrund seiner großen Sättigung durch penibel recherchierte Fakten gewiss hat, werden durch die einzigartige Fabulierlust dieses Autors mehr als wett gemacht: Immer wieder gibt es überraschende Passagen, unerwartete Perspektiven und fantastische Einschübe, etwa die in Korrespondenz zu der zitierten gnostischen Kosmogonie des Einsiedlers im Roman mehrmals auftauchenden Teufelsheimsuchungen deutscher Landbewohner und Bauern, die von Döblin wie in einem grauenerregenden Gruselfilm plötzlich als genauso ‚real‘ beschrieben werden wie die ‚wirkliche‘ evozierte Geschichte in den vielen parallelen Erzählsträngen der Haupthandlung.

Dieses metaphorische Schreiben wie auch der Rückgriff auf den historisch entrückten Dreißigjährigen Krieg erlauben es Döblin, im Sinne Kafkas eine erzählerische Distanz zum zeitgenössischen Massentöten des Ersten Weltkriegs zu gewinnen, um gleichzeitig die überzeitlichen Verhängnisse des Krieges schlechthin, seine unweigerlichen Friktionen und seine wachsende Eigendynamik, die von 1914-1918 mitten in Europa mit noch nie dagewesener Gewalt wieder auferstanden war, literarisch zu erfassen – im Sinne einer „höheren Art von Beobachtung“. „Krieg“, schrieb Döblin einmal, „das ist vieles, sehr viel in einem. Das ist vor allem grenzenlose Dämonie und Entfesselung, Chaos, das ist eine Welt, in die noch nicht das göttliche Wort Eingang gefunden hat.“

Der Judenhass und seine Exzesse autotelischer Gewalt

Wenn Gabriele Sander in ihrem Artikel über Döblins Roman aus „Kindlers Literatur Lexikon“, der im Anhang der vorliegenden Ausgabe wiedergegeben wird, von „krasse[n] Schilderungen der Kriegsrealität“ spricht, so ist das nicht nur so dahingesagt. Doch Döblins Text geht über die Darstellung des Dreißigjährigen Kriegs und seiner wichtigsten Schlachten weit hinaus, er thematisiert eine entfesselte Kultur der Grausamkeit, wie sie Michel Foucault in seinem berühmten Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ (1976) umfassend thematisierte und Jan Philipp Reemtsma in seiner voluminösen Studie über „Vertrauen und Gewalt“ (2008) als „autotelische“, also gezielt körperzerstörende Gewalt definiert hat.

Extreme Rituale solcher öffentlicher Brutalität waren nicht nur in lang anhaltenden Konflikten wie dem Dreißigjährigen Krieg im 17. und dem Siebenjährigen Krieg im 18. Jahrhundert als etwas Alltägliches bekannt und erlitten worden: „Viele andere uns wohlbekannte Kulturen betrieben sie gewohnheitsmäßig und institutionalisiert“, stellt Reemtsma fest. „Man kreuzigte, pfählte, weidete aus, man ließ Menschen einander in öffentlichen Theatervorführungen zerfleischen, marterte Gefangene im Rahmen von Festlichkeiten langsam zu Tode, verstümmelte Tote und trug ihre Körperreste mit Stolz herum.“

Mitten in Europa wurden solche martialischen Torturen und Bestrafungen von der Bevölkerung beinahe über 2.000 Jahre als regelrechte Volksfeste erlebt, als theatrale Todesrituale und als „Orgien autotelischer Gewalt“. „An manchen Orten blieben Leichen jahrelang auf den Hinrichtungsstätten ausgestellt“, berichtet Reemtsma, „ein weit verbreiteter und noch im 19. Jahrhundert gesehener Brauch war, das Blut Hingerichteter an die Zuschauer zu verkaufen, auch ihre Finger wurden als Talismane vertrieben“.

Auch Döblin schildert solche Szenen in seinem Roman, wohl am verstörendsten im Fall der öffentlichen Folterung und Verbrennung eines jüdischen Ehepaars aus Regensburg, die er gnadenlos und in allen unerträglichen Einzelheiten schildert. Typische antisemitische Verschwörungstheorien und christliche Verleumdungsmethoden aus der Ära des Dreißigjährigen Kriegs werden dabei ausführlich in Erinnerung gerufen und sind auch hier wieder im Hinblick auf den abermals wachsenden Antisemitismus während des Ersten Weltkriegs zu lesen – wenn nicht sogar als hellsichtige Warnung vor den kommenden Barbareien des Nationalsozialismus.

Döblin schildert aber nicht nur das Leiden der gemarterten und schließlich bei lebendigem Leibe verbrennenden Opfer, sondern auch den Habitus der Henker sowie der verschiedenen Klassen und Parteiungen der Zuschauer, von den einfachen Frauen über die Geistlichen bis hin zum Kaiser Ferdinand höchstselbst, der das Schauspiel eigens angeordnet hat und auf dem Balkon des Stadtrichters mit demonstrativ zur Schau getragener Langeweile verfolgt. Die verurteilte Jüdin nimmt um sich herum eine Menschenmenge wahr, die „tausendäugig um sie wimmelte, Mönche Priester Jesuiten Soldaten Kinder Studenten Edelfrauen Handwerker Bettler Franzosen“– die gesamte Stadtgesellschaft also hat sich versammelt und schnüffelt gierig nach dem verbrannten Menschenfleisch, als der Ehemann der Frau am Pfahl mit glühenden Zangen malträtiert wird. Manche Leute weinen aber auch oder erbrechen sich, während wieder andere lachen und höhnen.

Unübersehbar sind in Döblins minuziösen Beschreibungen schließlich Andeutungen einer sich ankündigenden Massenorgie: „Wildes Gelächter erhob sich bei den Zünftlern, pflanzte sich zum Hof fort; exaltiert schüttelten sich die Weiber, schrien sich mit übertrieberner Freude zu, küssten ihre Kinder, rafften die Röcke. Gekräh erscholl aus dem Hahnengäßlein, am Brunnen. Leicht wogte der Markt. Die Schergen gaben nach, man wallte hinüber, herüber zwischen Arkebusen und Stangen. Die süße Angst der Weiber hatte zugenommen, sie könnten sie mit allem Lärm nicht bewältigen, drängten zu den Männern. In grausiger Ruhe, wie Grabsteine, lagen Mönche und Nonnen am Boden.“

Bibelstarkes Manifest für die Gewaltlosigkeit

Nur einen einzelnen Scholar eines Jesuitenkonvents lässt Döblin in dieser Hinrichtungs-Szene auftreten, der buchstäblich aus der „Totschlägereihe“ springt, damit die aufgeklärte Perspektive späterer Zeiten vorwegnimmt und im Anschluss von seinem Lehrer mit einer harschen antisemitischen Tirade zur Räson gerufen wird: „Ein Pater kniete neben dem Scholaren, der in den Schlamm gefallen war; sie blickten sich schweigend an; der blasse junge Theolog senkte beschämt sein Gesicht. Nach einer Pause sagte der andere: ‚Du musst an Gott, Jesus und Maria denken. Du hast an die Menschen gedacht, nicht wahr?‘ ‚Ja‘, flüsterte der, ‚mir wurde schlecht, ich habe an die Menschen gedacht.‘“

Gleichsam en passant erinnert Döblin mit dieser eingestreuten Szene daran, dass es zu allen Zeiten hinterfragbare Ideologien und Zurichtungen waren, die dazu ersonnen wurden, die im Menschen angelegte Fähigkeit zum Mitleid zu unterdrücken und auszublenden. Der gesamte Dreißigjährige Krieg wird in seinem Roman als entfesselter Religionskrieg porträtiert, hinter dessen öffentlichen Rationalisierungen sich nichts als die Macht- und Habgier, die pure Lust an den Gewaltexzessen sowie die absurde Willkür feudaler Herrscher verbarg. Kaiser Ferdinand II. ordnet die beschriebene Juden-Hinrichtung zum Beispiel nur an, um sich im Moment schwieriger Entscheidungen beim Kurfürstentag in Regensburg (1630) noch einmal seiner brutalen Machtfülle zu versichern, einfach so: „Da hielt es Ferdinand in einem tief aufsiedenden Gefühl der Verachtung für angezeigt, die Verbrennung zweier Juden, die verurteilt waren, zu befehlen und sich an ihrem Anblick zu weiden.“

Döblins wortgewaltige Beschreibungen dieser weltgeschichtlichen Zusammenhänge lesen sich gerade in unserer Zeit wieder wie ein bibelstarkes Manifest für die Gewaltlosigkeit: In einer weltpolitischen Situation, da neokolonial anmutende „Interventionen“ im Zeichen der „Demokratie“ und der „Entwicklungshilfe“ wieder globaler Alltag geworden sind – genauso wie der „Djihad“, ein „Heiliger Krieg“ des islamistischen Fundamentalismus gegen die aufgeklärte Welt und vor allem die Juden, der vorgibt, nichts weiter zu tun als den Regeln des Korans zu folgen.

Vielleicht sollte man deutschen Soldaten in Afghanistan, genauso wie jenen Taliban, die sich mit ihnen zusammen in die Luft sprengen wollen, einfach einmal diesen Roman zum gemeinsamen Studium in die Hand drücken. Selbstverständlich wäre es vermessen, zu glauben, dadurch würde sich irgendetwas an der Weltlage ändern, zumal waffentragende Holzköpfe sicher nicht im Stande sind, so etwas überhaupt zu tun beziehungsweise auch nur eine einzige Seite Text in angemessener Konzentration zur Kenntnis zu nehmen. Aber eine schöne Utopie wäre es trotzdem. Für den Anfang würde es allerdings vieleicht auch schon genügen, einfach einmal „an die Menschen zu denken“, bevor man den Befehl zur Verdampfung einer größeren Anzahl von Personen um einen Tanklastzug gibt oder sich auf den Weg zu einem Selbstmordattentat macht.

Titelbild

Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
502 Seiten, 18,90 EUR.
ISBN-13: 9783100155115

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Titelbild

Alfred Döblin / Alfred Döblin: Wallenstein. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
902 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783100155597

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Titelbild

Alfred Döblin / Alfred Döblin: Wallenstein. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
902 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783100155597

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Julia Heinemann / Frank Hischer / Johanna Kuhlmann / Peter Puls / Thomas F. Schneider (Hg.): Die Autoren und Bücher der deutschsprachigen Literatur zum 1. Weltkrieg 1914-1939. Ein bio-bibliographisches Handbuch Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs Band 23.
V&R unipress, Göttingen 2009.
850 Seiten, 120,00 EUR.
ISBN-13: 9783899715026

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