Vergeblich erhoffte Max Weber einen Neubeginn

Ein weiterer Briefband der Max Weber-Gesamtausgabe erschienen

Von Dirk KaeslerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dirk Kaesler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Vorwort fasst es trefflich zusammen: „Der vorliegende Band umfaßt die Briefe Max Webers aus den Jahren 1918, 1919 und bis zu seinem Tod am 14. Juni 1920. Es sind ereignisreiche Jahre in seinem Leben: Kriegsende, Revolution und demokratische Neuordnung Deutschlands, die Wiederaufnahme der akademischen Lehrtätigkeit, die Arbeit an seinen beiden großen Werken, der ‚Wirtschaftsethik der Weltreligionen‘ und ‚Wirtschaft und Gesellschaft‘; hinzu treten der Tod seiner Mutter und der Freitod seiner Schwester sowie sein Verhältnis zu den Freundinnen Mina Tobler und Else Jaffé. Webers politische Interessen, seine wissenschaftlichen Leistungen und die Orientierungen seiner Lebensführung verbinden sich zu einem eindrucksvollen Lebensbild.“

Wie zuletzt in meiner Rezension der „Wirtschaftsgeschichte“ im Rahmen der Max Weber-Gesamtausgabe angemerkt, mag es als durchaus verdienstvoll angesehen werden, dass Texte, die seit Jahrzenten lieferbar sind, auch in der MWG sorgfältig kommentiert wiederabgedruckt werden. Umso verdienstvoller jedoch ist und wäre es, wenn dieses monumentale Unternehmen – über das an dieser Stelle seit dem Jahr 2006 laufend berichtet wird – sich beschleunigt auf jene Schriften Max Webers konzentrierte, die bislang noch nicht allgemein zugänglich sind; allen voran die seit Jahrzehnten angekündigten elf Briefbände, von denen noch insgesamt fünf fehlten (Zeitraum vor 1906 und nach 1917). Mit dem hier zu besprechenden Band II/10, der in zwei Halbbänden vorgelegt wird, ist nun die Lücke der Jahre 1918 bis 1920 geschlossen. Das allein ist schon das größte Verdienst der beiden Herausgeber und ihrer zahlreichen Mitarbeiter, allen voran Manfred Schön, dem erneut die Entzifferung der überaus mühsam zu lesenden Handschrift Max Webers zu verdanken ist. Insgesamt nennt das Vorwort vierzehn Personen, die ganz direkt mit der Erstellung dieser beiden Halbbände in den zurückliegenden Jahrzehnten beschäftigt waren!

Unmittelbar nach Erscheinen der Bände unternahmen zwei Rezensionen den Versuch, auf sensationalistische Weise die öffentliche Aufmerksamkeit auf jene „Stellen“ aus den über 1.200 Seiten zu lenken, in denen über die Liebesbeziehungen zwischen Max Weber und seinen beiden Geliebten – Mina Tobler und Else Jaffé – nachgelesen werden kann. Es regt zum Nachdenken an, dass es sich bei dieser tunnelartigen Verengung des Blickfeldes auf dieses eine Thema – angesichts eines unerhört breiten Spektrums von politischen, wissenschaftlichen und privaten Zusammenhängen, die in diesen Briefen vorzüglich dokumentiert werden – zum einen um den Sohn eines protestantischen Pastors und zum anderen um einen protestantischen Theologen handelt.

Geradezu atemlos stammelte Joachim Radkau in seiner Rezension in der „Zeit“ vom 9. August 2012: „Wer hätte das von diesem Max Weber gedacht“, dass dieser 55-jährige[!] verheiratete[!] Professor[!] sich ,mit übersprudelnder Lust‘ der ,bezaubernden Else Jaffé zu Füßen [wirft] und sie als seine ‚schöne Zwingherrin‘ [umjubelt], die ihn wie ein gezähmtes Tier am ‚unsichtbaren Ring’ führt?“ Wenn Radkau derart reißerisch verkündet, dass diese späten Briefe Max Webers endlich „das größte Geheimnis des berühmten Soziologen“ enthüllen, dann muss doch nüchtern angemerkt werden, dass gerade er es gewesen ist, der vor sieben Jahren diese – Weber-Forschern seit Jahrzehnten bekannte – anscheinend unerhörte Tatsache, einem allgemeinen Publikum detailfreudig mitzuteilen bestrebt gewesen war.

Aber auch der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf konnte es sich in der „Welt“ vom 8. September 2012 nicht verkneifen, marktschreierisch zu verkünden, dass die späten Briefe Max Webers „die sadomasochistischen Fantasien des großen Gelehrten“ enthüllen.

Machen wir es an dieser Stelle hingegen sehr kurz: Ja, wer seinem erotomanischen Voyeurismus mit verschwitzten Fantasien frönen möchte, wird hier fündig werden. Max Weber pflegte – neben seiner Ehe mit Marianne Weber, mit der am 29. September 1918 das Fest der „Silbernen Hochzeit“ feierte – sowohl ein außereheliches Verhältnis zur Schweizer Pianistin Mina Tobler als auch zu Else Jaffé, geborene Freiin von Richthofen, der jahrzehntelangen Freundin seiner Frau, seiner ehemaligen Studentin und Doktorandin, der Ehefrau seines Kollegen Edgar Jaffé, der Geliebten seines Bruders Alfred Weber. Wer sich allein auf diese „skandalösen“ Tatsachen und deren Details konzentriert und vor allem seine kleinbürgerlichen Moralvorstellungen zum Maßstab der Entrüstung und hämischen Belustigung macht, übersieht leicht, mit welch sensibler Freundlichkeit und Liebe in einem sehr fein austarierten System diese insgesamt sechs unmittelbar betroffenen Personen – Max Weber, Marianne Weber, Mina Tobler, Else Jaffé, Edgar Jaffé, Alfred Weber – in liebevoll-schonender Manier miteinander umzugehen versuchten. Das gelang keineswegs immer, aber das Bemühen um einen möglichst zivilisiert-vornehmen Umgang miteinander könnte erkannt werden – falls man denn dazu in der Lage und bereit ist! Und erst dann könnte es auch sein, dass man den leidenschaftlich-zärtlichen Ton vernimmt, der vor allem in den Briefen Max Webers an Else Jaffé erklingt und der den unvoreingenommenen Leser auch heute noch anzurühren vermag.

Die letzten zweieinhalb Jahre von Max Webers Leben waren fraglos übervoll von dramatischen Ereignissen, bei denen die private Lebenssphäre zwar schon turbulent genug war, die Welt außerhalb des rein Persönlichen jedoch ebenfalls von großen Verwerfungen geprägt war. Der professorale Politiker Max Weber, der noch am Tag der Silbernen Hochzeit mit Marianne Weber an Mina Tobler schrieb: „So ernst hat unser Aller Zukunft noch selten ausgesehen wie jetzt.“ erkannte bereits am 10. Oktober 1918: „Im nächsten Jahre wird ja Frieden sein und wir alle [müssen] unser Leben neu orientieren. Ein Frieden wie ihn keiner von uns gedacht hat, auch nicht bei aller Nüchternheit und Skepsis.“

Und so spiegeln die hier versammelten Briefe – die mit einem Brief an den Tübinger Verleger Paul Siebeck („Sehr verehrter Freund“) vom 5. Januar 1918 anheben und mit einem Brief an eben denselben („Verehrtester Freund!“) vom 30. Mai 1920 enden – die vielfältigen Bemühungen Max Webers wider, sowohl das allgemeine als auch sein persönliches Leben neu zu orientieren, auf den Feldern der Politik, der Wissenschaft und seinen Frauenbeziehungen.

Insgesamt, so muss man bilanzieren, erfüllten sich alle seine Hoffnungen auf diesen drei Feldern nicht, seine eigene Unentschlossenheit und sein Tod am 14. Juni 1920 verhinderten einen tatsächlichen Neubeginn. Noch ein Jahr vor seinem Tod, am 18. April 1919, schrieb er – mit Blick vor allem auf die politischen Entwicklungen – an Mina Tobler: „Ich bin unendlich gespannt, wie man nach einem Jahr, von jetzt an, wohl lebt und empfindet, in jeder Hinsicht. Denn so absolut voller Rätsel hat einen das Leben noch nie angesehen, seit 20 Jahren wenigstens nicht.“

Der Politiker Weber

Im Zeitraum von Oktober 1918 bis Mai 1919 wirkte Max Weber fast ausschließlich als politisch aktiver Demagoge: Er hielt zahlreiche Reden, publizierte viele politische Artikel insbesondere zum Thema der Kriegsschuld Deutschlands in diversen Zeitungen, vorzugsweise in der „Frankfurter Zeitung“. Auf Einladung von deren Redaktion arbeitete er in der Zeit vom 21. November bis zum 5. Dezember 1918 in Frankfurt (Main) und schrieb fünf umfangreiche Artikel über Deutschlands künftige Staatsform, die anschließend gesondert veröffentlicht wurden. Diese Artikelserie führte dazu, dass Hugo Preuß, der damalige Staatssekretär des Inneren, Max Weber einlud, als Sachverständiger in nicht-amtlicher Funktion an informellen Beratungen über die Grundzüge des Entwurfs einer neuen Reichsverfassung Anfang Dezember 1918 in Berlin teilzunehmen. Zudem engagierte sich Max Weber leidenschaftlich beim Aufbau der „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP), reiste als Mitglied der sogenannten „Professorendelegation“ nach Versailles, nachdem er an der deutschen Antwortnote auf die Kriegsschulddenkschrift der Siegermächte mitgearbeitet hatte, und erweiterte für den Druck als Broschüre erheblich seinen Vortrag über „Politik als Beruf“, den er am 28. Januar 1919 in München gehalten hatte.

Dieser Text sollte – bis zum heutigen Tag – eine der folgenreichsten Schriften Max Webers werden. Vor allem durch seine unermüdlichen Aktivitäten im Rahmen der DDP nominierten Frankfurter Freunde Max Weber im Wahlkreis 19 (Hessen-Nassau) als Kandidaten für die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung, was ihn durchaus sehr zuversichtlich stimmte, wie man seinem Brief an Hugo Preuß vom 25. Dezember 1918 entnehmen kann: „Es scheint, daß ich in Frankfurt gewählt werde. Ich werde dann natürlich schleunigst Fühlung mit Ihnen nehmen.“

Nicht zuletzt weil er sich in keiner Weise um diese Kandidatur kümmerte, nominierte ihn die Wahlkreisversammlung in Wetzlar am 29. Dezember 1918 nicht; ein Versuch, ihn in letzter Minute noch auf die Heidelberger Liste für Baden zu setzen, scheiterte ebenfalls, weder er noch sein Bruder Alfred Weber wurden nominiert und errangen auch keine politischen Ämter. Einzig Marianne Weber wurde am 5. Januar 1919 als Abgeordnete der DDP in die badische verfassungsgebende Versammlung gewählt und war – nachdem die Verfassung am 13. April 1919 per Volksentscheid abgenommen wurde – reguläres Mitglied im badischen Landtag und legte dieses Mandat jedoch im Herbst wegen des Umzugs nach München nieder. In seinem Brief an Martha Riegel, die Verlobte seines Bruders Karl, schrieb Max Weber am 29. Januar 1919 bemüht ironisch: „Marianne trug mir die herzlichsten Grüße auf. Du weißt sie ist in der badischen Nationalversammlung und macht dort die Gesetze unter denen ich zu leben habe – noch feministischer kann man doch nicht sein! Sie als einzige von der Familie und kein Mann ist da drin!“

Da alle diese Zusammenhänge bereits seit 1959 detailliert bekannt sind, muss mit großer Anerkennung festgehalten werden, dass die Herausgeber dieses Bandes sich bei der Kommentierung der einschlägigen Briefe – im Gegensatz zu Herausgebern bereits erschienener Bände – gegen eine ausufernde Neuinterpretation entschlossen haben. Stattdessen verweisen sie auf die unverändert Maßstäbe setzende Arbeit von Wolfgang J. Mommsen über „Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920“ (3. Aufl. 2004).

Verwunderlich dabei sind dennoch diverse redaktionelle Kommentierungen, was am Beispiel der Ausführungen im hier anzuzeigenden Band zum „Fall Arco“ illustriert sei: Bekanntlich wurde der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner am 21. Februar 1919 von dem 22-jährigen Anton Graf von Arco auf Valley erschossen. Dieser ehemalige Leutnant des bayerischen Leibregiments und Jurastudent wurde, als er wieder prozessfähig war, im Januar 1920 des Mordes angeklagt und am 16. Januar zum Tode verurteilt. In der Urteilsbegründung des nationalistischen Richters Georg Neithardt – eben jenes Richters am Bayerischen Volksgericht, der im Frühjahr 1924 das milde Skandalurteil gegen Adolf Hitler fällte – hieß es, dass Arcos Tat „nicht niederer Gesinnung, sondern der glühenden Liebe zu seinem Volke und Vaterland“ entsprungen sei, „und Ausfluß der in weiten Volkskreisen herrschenden Empörung über Eisner war“. Nicht zuletzt solche Hinweise müssen es gewesen sein, dass Graf Arco bereits einen Tag nach seiner Verurteilung von der bayerischen Regierung begnadigt und die Todesstrafe in Festungshaft unter Beibehaltung der bürgerlichen Ehrenrechte umgewandelt wurde. Graf Arco saß seine Strafe bis zum Mai 1924 in Landsberg am Lech ab, wurde dann vorzeitig auf Bewährung entlassen und bereits drei Jahre später endgültig amnestiert.

Alle diese Ereignisse spiegelten sich naturgemäß auch an der Münchner Universität wider, in der Max Weber sein vorletztes Semester lehrte. Am Tag der Sitzung des bayerischen Ministerrats, dem 17. Januar 1920, fand in der Großen Aula eine Vollversammlung der Münchner Studentenschaft statt, die sich mit großer Mehrheit für die Begnadigung Arcos aussprach und eine entsprechende Resolution direkt aus der Versammlung an die Regierung übermittelte. In dieser turbulenten Veranstaltung hatten Mitglieder des „Sozialistischen Studentenverbandes“ erklärt, dass sie, obwohl sie grundsätzliche Gegner der Todesstrafe seien, dennoch dafür plädierten, die Entscheidung der Regierung nicht durch eine Resolution zu beeinflussen. Zudem kritisierten sie eine angebliche Bemerkung des Rektors der Universität, Friedrich von Müller, der die Tat Arcos als „mannhafte Tat“ verherrlicht haben soll. Einer der Funktionäre der Münchner Studentenschaft, Walther Hemmeter, beschimpfte daraufhin die sozialistischen Kommilitonen als „Bande“ und behauptete, dass sich auch das Reichswehrgruppenkommando für die Ermordung Eisners ausgesprochen habe. Das Protokoll der Universitäts-Senatssitzung vom 29. Januar 1920 hält fest, was Max Weber dort über jene Ereignisse berichtete, nachdem sich die beschimpften sozialistischen Studenten hilfesuchend an ihn gewandt hatten: „Ich bin durch den Pedell in die Große Aula gebeten worden, zog mich nach einiger Zeit zurück, wurde dann durch unbeteiligte Studierende zurückgeholt, da Beleidigungen gefallen seien […] ich habe dann den Rektor gebeten, doch eine Remedur eintreten zu lassen und wohnte, da an ein Fortgehen aus dem überfüllten Saale nicht mehr zu denken war, gezwungener Weise den weiteren Vorgängen bei.“

Weber protestierte mündlich und schriftlich sowohl gegen die Beleidigungen und Behauptungen des Vorsitzenden der Studentenvertretung, Hemmeter, als auch gegen die angebliche Äußerung des Rektors. Da ihm bis dahin nur ausweichend geantwortet worden war, sah er sich dazu veranlasst, zu Beginn seiner Vorlesung am Montag, dem 19. Januar 1920, im Auditorium Maximum mit folgenden Worten zu beginnen: „Ich sehe mich, entgegen meines sonstigen Brauches, in politischen Dingen hier nicht das Wort zu ergreifen, und weil ich mit Ihnen das Vertrauen zum Rektor teile, veranlasst, zu dem, was letzten Samstag hier vorgefallen ist, eine Bemerkung zu machen: Sie haben den Grafen Arco gefeiert, weil dieser, wie es auch meine Überzeugung ist, vor Gericht ritterlich und in jeder Beziehung manneswürdig auftrat. Seine Tat ging aus der Überzeugung hervor, dass Eisner Schande auf Schande über Deutschland gebracht hat. Dieser Meinung bin ich auch. Dennoch! So tapfer auch das Verhalten Arcos war: man hätte ihn erschießen sollen. Wäre ich Minister gewesen, mich hätte Ihre Demonstration nicht gehindert! Im Gegenteil. Aber das Ministerium ist aus Feigheit vor Ihnen zurückgewichen.“

Bemerkenswert und fragwürdig bei der Kommentierung im hier zu besprechenden Band ist nun die Tatsache, dass zwar die Äußerung Max Webers, dass er als Minister den Mörder Graf Arco hätte erschießen lassen, zitiert wird, seine soeben angeführte Bekundung der Sympathie mit den Motiven Arcos jedoch unterschlagen wird. Auch durch Weglassen kann versucht werden, Interpretationen zu erzeugen, was in historisch-kritischen Gesamtausgaben hinterfragt werden muss.

Der Wissenschaftler Weber

Neben dem insgesamt gescheiterten Politiker Max Weber dokumentieren die Briefe den mühsamen Weg Max Webers zurück in die universitäre Wissenschaft. Spätestens seit 1917 war ihm klar geworden, dass sein einigermaßen geruhsames Leben – von seinen permanenten gesundheitlichen Problemen abgesehen – als Heidelberger Privatgelehrter und Rentier, der seinen Lebensunterhalt von Kapitalerträgen seiner Ehefrau und seiner Mutter bestritt, und zudem ständig auf Reisen war, nicht weitergehen konnte. Er brauchte wieder ein eigenes Einkommen durch Erwerbstätigkeit, nicht zuletzt weil er sich eine Neuorientierung seines Privatlebens ersehnte. In einem Brief an Else Jaffé vom 12. November 1918 formulierte Max Weber es am deutlichsten: „Unser Einer ist wahrlich eine höchst überflüssige Luxus-Existenz geworden, darüber darf man sich nichts vorreden und vorreden lassen, ohne deshalb weniger sich nach der Sonne zu strecken und das Heitere und Leichte neben der schwermütigen Schönheit in all dem wunderbar wilden Maskentanz dieses Lebens auf Erden zu lieben“.

Das einzige, was der seit 1903 entpflichtete ehemalige Heidelberger Lehrstuhlinhaber je für Geld gemacht hatte, waren seine Professuren an den Universitäten Berlin, Freiburg und Heidelberg. Im Sommer 1917 bot sich ihm die Chance, an der Universität Wien im Rahmen eines „Probesemesters“ herauszufinden, ob seine Gesundheit es ermöglichte, wieder regulären Lehrverpflichtungen nachzukommen. Nach komplizierten Verhandlungen lehrte Weber ab dem 30. April 1918 drei Monate in Wien und kehrte Mitte Juli 1918 nach Heidelberg zurück. Das dortige Angebot eines Lehrauftrags für Soziologie, das ihm im Jahr zuvor sowohl von der Juristischen als auch von der Philosophischen Fakultät und dem Badischen Kultusministerium für ein Jahreshonorar von 3.500 Mark gemacht worden war, war nicht erneuert worden, hingegen gab es Anfragen aus Göttingen (als Nachfolger von Gustav Cohn), aus München (als Nachfolger von Lujo Brentano), aus Berlin (als Nachfolger von Werner Sombart an der dortigen Handelshochschule) und aus Frankfurt (wo ihm die Mitarbeit im „Institut für Gemeinwohl“ des Unternehmers Wilhelm Merton, ein Extraordinariat an der zu gründenden Universität und die Fortsetzung der Arbeit für die „Frankfurter Zeitung“ angeboten wurden).

Bekanntlich entschied sich Max Weber für die Professur in München. Selbst als ihn im Februar 1919 ein überaus attraktives Angebot des Vortragenden Rats im Preußischen Wissenschaftsministerium, Carl Heinrich Becker (des späteren Kultusministers), erreichte, an der Universität Bonn ein Ordinariat für Staatslehre und Politik zu übernehmen, wollte Max Weber dieses nicht annehmen. Er wollte in der größtmöglichen Nähe zu Else Jaffé leben.

Gerade im Zusammenhang dieser letztlich nicht zustande gekommenen Bonner Berufung wird überaus deutlich, wie sehr der späte Max Weber auch wissenschaftlich einen Neubeginn beziehungsweise eine Neuorientierung seiner wissenschaftlichen Vorhaben anstrebte. An den Bonner Dekan, den Strafrechtler Josef Heimberger, schrieb Max Weber am 5. Februar 1919: „Mir liegt, wenn ich in ein akademisches Lehramt wieder eintrete, daran, die ‚Gesellschaftswissenschaft‘ (Soziologie) in ihrem vollen Umkreis, vor Allem freilich die Rechts- und Staats-Soziologie, zu traktieren. Ich bilde mir thatsächlich ein, die äußerst dilettantische Art, wie diese beiden Fächer (und die Soziologie überhaupt) heute vielfach, zumal von Nicht-Juristen, aber gelegentlich auch von Juristen, behandelt und dadurch diskreditiert worden sind, durch eine schärfere und ganz klare Scheidung juristischer und soziologischer Betrachtungsweise verdrängen zu können.“ – Auch wenn diese Bonner Berufung, wie auch die anderen Angebote, der späten Liebe zu Else Jaffé wegen, nicht zustande kam, beweisen gerade die Briefe in diesem Zusammenhang, wie sehr Max Weber sich spätestens nach seiner Wiener Zeit als Soziologe verstand, was auch dazu führte, dass er für seine Münchner Professur auf der Schwerpunktsetzung „Gesellschaftswissenschaft“ beharrte, wenn schon „Soziologie“ in vielen damaligen Ohren zu sehr nach „Sozialismus“ klang und überhaupt ein Unternehmen war, das mancherlei Widerstand an eher konservativen Universitäten erzeugte. – Es ist kein Zufall, dass die ersten deutschen Professuren, in deren Bezeichnung das Wort Soziologie verwendet wurde, an den „bürgerlich-fortschrittlichen“ Universitäten Frankfurt (1919: Franz Oppenheimer) und Köln (1919: Leopold von Wiese und Kaiserswaldau und Max Scheler) eingerichtet wurden und erst 1924 die erste Professur gegründet wurde, in der „Soziologie“ alleine genannt ist (Universität Leipzig: Hans Freyer). Hatte Max Weber noch am 21. Februar 1919 an den Freund und Münchner Kollegen Walther Lotz geschrieben: „Mir liegt nur daran: daß die Soziologie, um deren Pflege die Universität nicht herumkommen wird, nicht in Dilettanten-Hände gelangt, sondern – wenn ich hinkomme – in die meinigen.“ So sei angemerkt, dass an der Münchner Universität erst im Jahr 1958 eine ordentliche Professur für Soziologie mit Emerich K. Francis besetzt wurde, einem – im strengen Sinn – Dilettanten, der nie dieses Fach studiert hatte.

Neben der ausführlichen Korrespondenz im Zusammenhang mit den Angeboten aus Wien, Göttingen, München, Berlin, Frankfurt und Bonn tragen die zahllosen Briefe im Zusammenhang mit seinen beiden großen editorischen Vorhaben jener letzten Jahre ebenfalls erheblich und unverzichtbar zum besseren Verständnis des Wissenschaftlers Max Weber bei. Über die Geschichte seiner eigenen Beiträge zum „Grundriß der Sozialökonomik“ ist an dieser Stelle bereits mehrfach berichtet worden, so dass auf die ausführliche Darstellung von Geschichte und Ergebnis verwiesen sei. Vor allem die im hier anzuzeigenden Band versammelten Briefe an den Verleger Siebeck zeugen von seiner unermüdlichen Arbeit an seinen Manuskripten zu sozialen Gemeinschaften, zum Recht, zur Religion und zur Herrschaft, die alle später in das Collagenwerk „Wirtschaft und Gesellschaft“ integriert wurden, über dessen unfertigen Zustand Max Weber an Paul Siebeck am 27. Oktober 1919 schrieb: „Das dicke alte Manuskript muß ganz gründlich umgestaltet werden […] Das Buch wird jetzt kürzer zusammengefaßt, als ursprünglich, und streng lehrbuchhaft gefaßt.“

Völlig zu Recht schreiben die Herausgeber: „Wie am Ende seine ‚Soziologie‘ ausgesehen hätte, wissen wir nicht.“ Unter Berufung auf den famosen Brief an Robert Liefmann vom 9. März 1920, in dem er – drei Monate vor seinem Tod – schrieb: „wenn ich jetzt nun einmal Soziologe geworden bin (laut meiner Anstellungsurkunde!) dann wesentlich deshalb, um dem immer noch spukenden Betrieb, der mit Kollektivbegriffen arbeitet, ein Ende zu machen. Mit anderen Worten: auch Soziologie kann nur durch Ausgehen vom Handeln des oder der, weniger oder vieler Einzelner, strikt ‚individualistisch‘ in der Methode also, betrieben werden.“ können gerade die späten Briefe der Jahre 1918 bis 1920 belegen, warum es vollkommen berechtigt ist, in Max Weber einen der entscheidenden Gründungsväter der wissenschaftlichen Soziologie zu sehen, selbst wenn die Disziplin nach seinem Tod bis heute einen geradezu grundsätzlich anderen Weg eingeschlagen hat. Denn Max Weber war kein Soziologe im allgemeinen heutigen Verständnis: Weder sein eigentliches Anliegen einer „Sozialökonomik“ in komparativ-universalhistorischer Absicht noch sein Entwurf einer „Verstehenden Soziologie“ wurden konsensfähige Programme der modernen Fachsoziologie, so sehr das auch von manchen – den Rezensenten inbegriffen – bedauert werden mag. Das immer wieder beschworene „Weber-Paradigma“ muss allenfalls als eine unter vielen Theorierichtungen in der aktuellen internationalen Soziologie um seine Anerkennung kämpfen, ungeachtet der ständigen und zumeist rein rhetorischen Beschwörung der Bedeutung Max Webers, die alleine rituellen Charakter hat. Die Tatsache, dass es inzwischen eine Reihe von Institutionen gibt, die sich mit seinem Namen schmücken, wie der „Max Weber Chair for German and European Studies“ an der New York University, das „Max Weber Kolleg“ in Erfurt, das „Max Weber Programm“ der Studienstiftung des deutschen Volkes und zuletzt die „Max Weber Stiftung“ der deutschen geisteswissenschaftlichen Institute im Ausland, sagt nur sehr wenig über die allgemeine Bekanntheit des Sozialwissenschaftlers Max Weber aus. Im US-amerikanischen Raum denken immer noch die meisten Gebildeten eher an den Maler gleichen Namens als an den deutschen Professor, der zu Zeiten des Kaiser Wilhelm II. lebte.

Der Mann Weber

Bereits einleitend wurde darauf hingewiesen, dass gerade die Briefe aus den drei letzten Jahren seiner Lebenszeit jene komplizierte Balance seiner Beziehungen zu drei Frauen illustrieren. Eine Ausgewogenheit wollte Max Weber herstellen und erhalten zwischen einerseits dem liebevollen und kameradschaftlichen Eheverhältnis zu Marianne Weber, mit der er seit 1893 verheiratet war, zum zweiten der zunehmend wehmütig gewordenen Liebesbeziehung zu Mina Tobler, mit der er seit 1912 ein zärtliches Liebesverhältnis in Heidelberg pflegte, und zum dritten der leidenschaftlichen Liebe zu Else Jaffé, die ihm nach einer sehr langen Vorgeschichte eine vollkommen neue Lebenserfahrung, „eine ‚zweite‘ Jugend“ bescherte, wie er ihr mit dem Zusatz „und wo hatte ich je eine ‚erste‘?“ am 4. März 1919 bekennt.

Allein dieser eine Brief – von insgesamt 71 aufgenommenen Briefen Max Webers an Else Jaffé – dokumentiert sowohl die tiefe Liebe, die den 54-jährigen Mann zu dieser 44-jährigen Frau („Du süße Else, Du Plage meiner Nächte, Du Freude meiner Tage, Du wildes und gütiges, zorniges und holdes, naturalistisches und feines, realistisches und von unendlicher Poesie umwobenes, todernstes und göttlich leichtes, starkes und zartes Geschöpf“) ergriffen hatte, als auch seine stete Angst, ja „Todesangst“, dass er ihre Liebe verlieren könnte, denn: „Niemandem habe ich bisher reines Glück gebracht.“ (4. März 1919). Mina Tobler – an die bislang 109 Briefe Max Webers versammelt wurden – gegenüber hatte er noch im Juli 1919 bekannt: „Sehnsucht ist die Grundnote meines Lebens“, und erst in der Liebe zu Else Jaffé empfand er diese lebenslange Sehnsucht als endlich erfüllt. Und staunt dabei über sich selbst: „Denn was mir auch geschehen ist, das geschah mir noch nie … ich meine: so naturereignishaft; wirklich: primanerhaft, man kann es gar nicht anders nennen, ich wenigstens nicht.“ (4. März 1919)

In jeder Hinsicht sind diese Briefe die Fortsetzung jener Briefe aus dem bereits an dieser Stelle rezensierten Band der Briefe der Jahre 1915-1917, in denen sich die allmähliche Entwicklung dieser von Subtilität und Großzügigkeit gekennzeichneten zwischenmenschlichen Beziehungen niederschlagen. Dabei wird einem der Verfasser aller dieser Briefe – zuweilen am gleichen Tag und mit sehr ähnlichen Formulierungen an alle drei Frauen, wie etwa am 12. Juni 1919: „Liebling“ an Else Jaffé, „Liebes Mädele“ an Marianne Weber, „liebe Judit“ an Mina Tobler – nicht unbedingt sympathisch mit seinen ganz eindeutig taktischen Vertröstungen und doppelbödigen Halbwahrheiten, reichlich blumigen Anspielungen an jeweils gemeinsam erlebte Momente, einem ständigen Pendeln zwischen dem „Sie“ und dem „Du“ bei Mina Tobler und Else Jaffé und einem permanenten Jammern über die eigene Befindlichkeit.

Seine insgesamt unaufrichtige Verhaltensweise den drei Frauen gegenüber wird am deutlichsten zu Beginn des Jahres 1919: Zum einen drängt es ihn wegen Else Jaffé nach München – und darum hofft er inständig, dass aus dem Ruf an die dortige Universität etwas wird – zum anderen gaukelt er Mina Tobler vor, dass ihm nichts fürchterlicher wäre, als von Heidelberg – und damit von seinen regelmäßigen Samstag-Besuchen bei ihr – weggehen zu müssen: „Es wird nichts daraus werden [aus dem Ruf nach München], das steht wohl schon so ziemlich fest und damit komme ich über eine der kompliziertesten Lagen meines Lebens hinweg, die eingetreten wäre, wenn unser Glück gegen die immerhin massiven Realitäten aller Art gestanden hätte.“ (Brief vom 29. Januar 1919).

Penetrant ist zudem die fein säuberliche Trennung zwischen den „offiziellen“ Briefen von Else Jaffé an ihn, die dann Marianne Weber auch zu lesen bekam, und den „Zettelchen“, die für den intimen Austausch von verbalen Zärtlichkeiten gedacht waren. Wohlweislich bedingte sich Else Jaffé deren zeitnahe Rückgabe aus, so dass wir in der hier anzuzeigenden Edition immer nur Max Webers Liebesbriefe zu lesen bekommen.

Es mag ja eine Leserschaft geben, die sich an diesen so unerhört persönlichen Briefen Max Webers an die betroffenen drei Frauen zu delektieren vermag, ich möchte diese Rezension nicht dazu nutzen, weitere Details auszubreiten. Wer kein bisschen peinlich davon berührt ist, diese ausführliche intime Korrespondenz mit ihren vielfältigen Anspielungen fast hundert Jahre später wie einen Briefroman einfach so lesen zu können, der möge sich wenigstens fragen, wie ihm selbst zumute wäre, wenn seine – hoffentlich dereinst geschriebenen – Briefe, Emails, SMSe an Menschen, die er geliebt, angeschwärmt und/oder begehrt hat, einem allgemeinen Lesepublikum in sorgsam edierten und erläuterten Fassungen gedruckt würden. Die Herausgeber haben es sich nicht leicht gemacht damit, ihnen kann man gewiss keinen Vorwurf machen. Auch wenn man ihre Formulierung: „Die Liebe von Max Weber und Else Jaffé lebte in einem außeralltäglichen Raum, der sorgfältig aus dem Beziehungsgeflecht, in dem beide standen, herausgelöst werden mußte.“ für eine etwas sehr großzügige Sichtweise halten kann – immerhin wussten Marianne Weber, Edgar Jaffé und Alfred Weber zuletzt sehr genau, wie sich diese Beziehung in Wolfratshausen und München entwickelt hatte – so unterlassen sie es jedoch erfolgreich, sich als moralische Zensoren aufzuspielen.

Und auch sie müssen bei so manchen Passagen kapitulieren und daher häufig vermerken, dass der Sachverhalt nicht geklärt werden konnte. Wer den Brief liest, den Marianne Weber an ihre enge Freundin Else Jaffé am 9. Juni 1920 – fünf Tage vor Max Webers Tod – schrieb, nachdem sie sich anscheinend dieser und ihrem kranken Ehemann gegenüber kritisch über sein Verhältnis mit Else Jaffé geäußert hatte, der erkennt die unerhörte Selbstlosigkeit und liebevoll-kultivierte Toleranz, die hier wechselseitig gepflegt wurde: „Noch weniger aber könnte ich mir verzeihen, wenn ich Euch [= Max Weber und Else Jaffé] irgendeine Freude, die Euch wahrlich zukommt, verkümmern würde. […] Wir wollen uns weiter freuen aneinander und das bißchen Weh, was ich dann und wann fühle ist nicht wert, daß man davon redet. […] Wisse nur und vergiß niemals, daß ich Eure Beziehung zutiefst bejahe und daß alles Gute in mir sich daran zu freuen vermag!“ – Gerade nach der Lektüre der hier versammelten Briefe Max Webers an Else Jaffé bleibt es allein ihr Geheimnis, warum Bärbel Meurer in ihrer Biographie Marianne Webers so fest die Augen vor den Tatsachen des auch und gerade sexuell erfüllten Verhältnisses zwischen Max Weber und Else Jaffé verschlossen hat und dafür lieber einen „neuen Liebesfrühling“ in der Beziehung des Ehepaars Max und Marianne Weber zu erkennen glaubte.

Meine Großeltern hätten wahrscheinlich gesagt, dass es unanständig ist, diese private Korrespondenz zu veröffentlichen, aber dieses Verdikt wird heute wahrscheinlich gar nicht mehr verstanden werden. Aber, so wird man annehmen können, nachdem nun jeder Interessierte die Möglichkeit hat, diese Briefe entziffert und sorgfältig kommentiert zu lesen, die damit erstmals unredigiert abgedruckt wurden – alle diejenigen, die darüber bereits seit den 1960er-Jahren veröffentlich hatten (Eduard Baumgarten, Martin Green, Joachim Radkau, Bärbel Meurer) hatten zumeist nur fragmentarische Abschriften zur Verfügung – könnten auch das Geheimnisgetue und die anzüglich-wissenden Mienen ein Ende haben. Das allein wäre schon ein großes Verdienst dieser hier anzuzeigenden Bände.

Ungeachtet aller zweifellos geübten Sorgfalt von Herausgebern und der Münchner Zentralredaktion findet der aufmerksame Leser dann doch Korrekturbedürftiges, so etwa der Irrtum – dem schon Max Weber selbst aufsaß, wie sein Brief vom 9. Februar 1919 an Carl Heinrich Becker zeigt – dass der Pfälzer Franz Matt, der als Hochschulreferent die Berufung Max Webers an die Münchner Universität wesentlich bearbeitete, Mitglied der katholischen Zentrumspartei gewesen sei, wohingegen dieser erfahrene Verwaltungsjurist und spätere Kultusminister und stellvertretende Ministerpräsident im nachrevolutionären Bayern Mitglied der „Bayerischen Volkspartei“ gewesen war, wie auch der Haupttext und das Personenverzeichnis korrekterweise angibt; ebenso sei erwähnt, dass die Villenkolonie, in der Else Jaffé nach ihrem Wegzug von Wolfratshausen in der Gemeinde Solln in der Heilmannstraße wohnte, korrekterweise „Prinz-Ludwigs-Höhe“ genannt wurde und nicht „Prinz-Ludwig-Höhe“. Irreführend ist auch die Angabe, dass Max Weber am 1. Dezember 1918 „auf Einladung der DDP“ in Frankfurt einen Vortrag über „Das neue Deutschland“ gehalten habe: Er hielt diesen Vortrag auf Einladung des „Demokratischen Vereins“, der seinerseits der Unterstützung der am 20. November 1918 gegründeten „Deutschen Demokratischen Partei“ dienen sollte.

Angesichts der beeindruckenden Fülle der Briefe muss jedoch insgesamt festgehalten werden, dass es den Herausgebern auch dieses Briefbandes im Rahmen der Max Weber Gesamtausgabe anerkennend zu danken ist, dass sie mit dieser Sammlung nicht nur ein informatives Dokument deutscher Geistes- und Kulturgeschichte vorlegen, sondern auch den Blick für den leidenschaftlichen und zugleich leidenden Menschen Max Weber schärfen. Man wird gespannt sein dürfen auf die weiteren fünf Briefbände, darunter auch jenen angekündigten, in dem solche Briefe aufgenommen werden sollen, die sich noch nachträglich aufgefunden haben. Erst kürzlich wurde dem Rezensenten von privater Seite ein Brief Max Webers an Carl Schmitt vom 18. Oktober 1911 angeboten, den er – auch aus pekuniären Gründen – nicht erwerben wollte. Es ist bekannt, dass Marianne Weber, die ihren Mann um mehr als dreißig Jahre überlebte, nach dessen Tod einer Mehrzahl von Verwandten, Freunden und vor allem auswärtigen Besuchern, die auf der Spurensuche nach Max Weber waren, eine unbestimmte Zahl von Briefen, Dokumenten und handschriftlichen Unterlagen großzügig schenkte; auch das dürfte der Grund dafür sein, dass bei sehr vielen im hier zu besprechenden Band die Angabe „Privatbesitz“ zu lesen ist. Wer weiß, wie viel davon noch im Laufe der nächsten Jahrzehnte auftauchen wird, so wie es sogar das Originalmanuskript der Rede Max Webers über „Politik als Beruf“ vor einigen Jahren tat?

Auch wenn der F.A.Z.-Redakteur Jürgen Kaube erst kürzlich orakelte, dass die MWG – falls es beim bisherigen „schildkrötenhaften Fortschreiten“ bleiben sollte – möglicherweise erst im Jahr 2030 abgeschlossen sein wird, so dürfte doch das Interesse an Leben, Werk und Wirkung Max Webers zumindest noch bis zum Jahr 2020 anhalten, dem 100. Jahrestag seines Todes. Bis dahin sollte die MWG unbedingt abgeschlossen sein, nachdem mit deren Vorbereitungen bereits im Jahr 1975 – also vor bald 40 Jahren – begonnen worden war.

Titelbild

Max Weber / Max Weber: Gesamtausgabe. Band II,1.
Herausgegeben von Gerd Krumeich und M. Rainer Lepsius.
Mohr Siebeck, Tübingen 2011.
1100 Seiten, 385,00 EUR.
ISBN-13: 9783161508950

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Max Weber / Max Weber: Gesamtausgabe. Band II,1.
Herausgegeben von Gerd Krumeich und M. Rainer Lepsius.
Mohr Siebeck, Tübingen 2011.
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