Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Mathias Herweg und Stefan Keppler-Tasaki versammeln zwanzig Überlegungen zum ‚Mittelalter des Historismus‘

Von Jan Alexander van NahlRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jan Alexander van Nahl

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Das Mittelalter des Historismus – Formen und Funktionen in Literatur und Kunst, Film und Technik“. Dieser Titel der jüngst gesammelt publizierten Beiträge einer Tagung (2011) lässt die Heterogenität der Zugänge bereits erahnen. „Umrisse einer Rezeptionskultur“, eine Formulierung der Überschrift des einleitenden Kapitels, macht dann umso deutlicher, dass es sich hier um einen „ersten Schritt in die kulturwissenschaftliche Breite“ des Themenkomplexes handelt. Dieser erste Schritt ist in den einzelnen Aufsätzen nach Richtung, Länge und Sicherheit durchaus verschieden. Dieser Eindruck mag auch darauf beruhen, dass zwar einführend ein Abriss mentalitäts- und forschungsgeschichtlicher Positionen geboten, allerdings keine eigentliche Leitfrage entwickelt wird. Und so bleibt auch die hinführende Bemerkung, der Band setze sich mit jener „Epoche der sich entfaltenden, technisch geprägten Moderne“ auseinander, „die man mit Gründen unter den Leitbegriff des ‚Historismus‘ gestellt hat und die sich bildungsgeschichtlich zugleich als ‚neuhumanistisch‘ verstanden hat“ zunächst nur mäßig ergiebig. Der Verweis der Herausgeber auf einen vorausgehenden Band germanistischer Ausrichtung hätte wohl einen erhellenden Rekurs für die nun vorliegenden 400 Seiten gerechtfertigt.

Dass von ‚dem‘ Mittelalter ‚des‘ Historismus nur mit Vorsicht zu sprechen ist, bezeugt diese Bandbreite der Beiträge, die zur einleitenden Herausstellung einer „überwiegenden Mittelalterskepsis des Humanismus und Späthumanismus“ durchaus nicht immer affirmativ stehen. So notiert Marie-Sophie Masse in ihrer Betrachtung von memoria und translatio im Ambraser Heldenbuch im Gegenteil eine „Aufwertung der mittelalterlichen Epoche vonseiten der deutschen Humanisten“, die auch mit einer „Aufwertung ihrer Schriftsteller“ einhergegangen sei; der deutsche Humanismus sei, anders als seine italienische Ausformung, konsequent durch einen „Gedanken der Kontinuität“ gekennzeichnet. Die damit nur exemplarisch angedeuteten Spannungen sowohl zwischen Anfangserwartungen und tatsächlichen Untersuchungsresultaten, als auch zwischen den Positionen einzelner Beiträge sind keinesfalls als Manko misszuverstehen, sondern machen vielmehr einen Reiz der vorliegenden Sammelpublikation aus.

Obgleich in seiner Unverbindlichkeit schwierig zu operationalisieren, ist dann Bastian Schlüters Versuch einer Definition von Historismus als „das neuzeitliche Geschichtsdenken in seiner grundlegenden und alle geistigen, kulturellen und politischen Bereiche umfassenden Form“ beizupflichten – eine Form, die demnach „nicht nur stil-, ideen-, wissenschafts- und ideologiegeschichtlich“ zu fassen sei, sondern vor allem in den „Überlappungen und Überschneidungen dieser Bereiche“ interessant würde. Die einleitend eröffnete europäische (also vor allem einen US-amerikanischen Mediaevalismus bewusst ausblendende) Perspektive erfasst dann leider, wie so oft, nur am Rande den nordeuropäischen Raum; Peter Hv. Andersen Vinilandicus‘ punktuelle Darlegung der Nibelungenrezeption in Dänemark und auf den Färöern kann diese großräumige Lücke nicht aufwiegen (zumal sie auf meines Erachtens unhaltbaren Prämissen beharrt, etwa der Behauptung, „die gesamte isländische Götterlehre“ beruhe „direkt auf Saxos [d.i. Saxo Grammaticus‘] Vorarbeit“).

Hält man an der Metapher des ‚ersten Schrittes‘ fest, verwundert es nicht, dass die Beiträge nicht nur in ihrem konkreten Untersuchungsgegenstand, sondern auch in ihrer theoretischen und methodischen Fundierung variieren. Wesentlich der Deskription von Beobachtungen gewidmete Beiträge dürfen als Prolegomena verstanden werden (z.B. Claudia Pinkas-Thompsons Aufsatz zu „Alchemistenküchen und Science Labs“), selbstbewusste Versuche der Gesamtschau eines Fragenkomplexes (z.B. Kurt Mösers Betrachtung der technischen Kultur um 1900 oder Peter Sprengels Auseinandersetzung mit ‚der‘ Gotik) stehen neben programmatischen Ausblicken (neben Schlüters Beitrag erwartungsgemäß vor allem Valentin Groebners Tourismus-Reflexion), dann wieder dringt ein close reading bemerkenswert tief ins Detail (z.B. Brigitte Burrichters Lesung von Émile Zola, Cordula Lemkes Lesung von Bram Stoker oder Jens Hausteins Erschließung der Wartburg-Funktionalisierung).

Die grob chronologische Sortierung der Aufsätze erweist sich angesichts dieses Spektrums als nur bedingt geeignete Form der Struktur- und Sinngebung. Hilfreich ist sicherlich das Verzeichnis von Personen und Werken. Was mir andererseits wiederum fehlt, ist der abschließende Versuch einer Perspektivierung der versammelten Resultate, Zwischenlösungen, Meinungen und Forderungen – die im Einzelnen ja regelmäßig überzeugen und die Komplexität der Rezeption jenes ‚Mittelalters‘ – „polyrhythmisch und polyphon“, wie Heiko Hartmann in Anlehnung an Ernst Bloch notiert – eindrucksvoll vor Augen führen. Groebners schließender Aufsatz deutet zwar als Konsequenz an, die Expertenkultur müsse sich nun selbst danach befragen, „welche Phänomene der Wirklichkeit […] sich mit den vertrauten theoretischen Kategorien der Geschichtswissenschaft nicht beschreiben [lassen], weil sie nicht in ihr Selbstverständnis integriert sind“. Eine solche Befragung der versammelten Beiträge hinsichtlich ihres, sagen wir: Meta-Ertrags für mediävistische Disziplinen im frühen 21. Jahrhundert bleibt dieser Band allerdings schuldig. Als retrospektive Bestandsaufnahme kann er insofern kulturwissenschaftlich breites Interesse beanspruchen, demonstriert er doch vielfältig die Spannungen des Ineinanders von Vergangenheit und Gegenwart, die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Schlüter). Eine daran anknüpfende Reflexion von Wissenschaftskultur, im Sinne einer interdisziplinären Schnittmenge und transdisziplinären Aufgabenstellung, bleibt hingegen Desiderat. Vielleicht schließt sich ein dritter Band an.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

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Mathias Herweg / Stefan Keppler-Tasaki (Hg.): Das Mittelalter des Historismus. Formen und Funktion in Literatur und Kunst, Film und Technik.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2015.
435 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-13: 9783826055591

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