Kleinste gemeinsame Biederkeit

In Lars Montags „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ sind alle Menschen auf der Suche und verloren

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Was verbindet den resignierten Familienvater mit seiner umtriebigen 14-jährigen Tochter, einem Callboy in weißen Stiefeln, einer Künstlerin auf der Suche nach Online-Dates, einem homosexuellen Ex-Lehrer und einem rassistischen Polizisten? Zunächst: Sie haben ebenso viel gemeinsam wie der biedere Filialleiter einer Supermarktkette, ein muslimischer großer Bruder, eine Eso-Hippietante und die angstgestörte BAMF-Beamte, ihres Zeichens selbsternanntes Mitglied der weißen Herrenrasse.

Sie alle bewältigen ihren Alltag, suchen körperliche Nähe oder Liebe oder Sinn. Neben weiteren, sind sie irgendwie schlichte und doch eigenwillige Charaktere in Lars Montags Gegenwartscollage „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. Wenngleich es auch nicht immer ganz eindeutig ist, was die zahlreichen Protagonisten zu ihrem Handeln treibt, zeigen sich hier moderne Themen und Trends in einer unbedeutenden Großstadt. Verwoben und verwickelt sind ihre Geschichten natürlich auch alle miteinander.

Da treffen sich die abgeklärte Karrierefrau und der bizarr saubermännische Callboy, ganz ohne Illusionen und zur reinen Triebbefriedigung. Ebenso wie Künstlerin und Filialleiter, deren durchwachsenes Date in einer befremdlich hippen Kopfhörer-Diskothek mit einem zweckmäßigen Klofick endet. Zuvor hatte zwar das Distinktionsgebaren des mittleren Angestellten als großer Gin-Kenner nicht Anerkennung, sondern müdes Augenrollen hervorgerufen, aber ganz ohne diesen Abschluss scheint sich das Online-Date für beide auch nicht zu lohnen.

Als Schauplatz für ein Potpourri aus Nüchternheit, falschen Entscheidungen und Familieneinöde dient die spießige Reihenhaussiedlung, in der die junge Swentja bei ihren Eltern aufwächst. Vater und Mutter haben sich wegen Kind und Kuckuckskind arrangiert. Die Mutter lebt jetzt vegan wie ihre Yogalehrerin, der Vater liebt Bienen und Männer. Die immer gleiche schwermütige Musik zeigt die Doppelhaushälfte auch trist bei Sonnenschein. In melancholischer Manier wird hier die Eintönigkeit des Erwachsenwerdens gezeigt, indem die junge Swentja auf den muslimischen Mahmud trifft und teils aus Langeweile, teils aus Neugierde bereit ist, sich auf ein moralisch fragwürdiges Spielchen mit ihm einzulassen. Uninteressant ist darum sogleich der ungelenke Johannes, der Swentja nach einem kleinen Knutsch-Abenteuer hoffnungslos verfallen ist. Der hilflose Junge mit der brüchigen Stimme hat im Mikrokosmos seiner Christensekte nicht gelernt, wie er eine Frau für sich gewinnt.

Ein bemerkenswerter Aufmerker des Filmes ist dabei auch die beiläufige und ungewöhnliche Gegenüberstellung von Christentum und Islam. So verbietet sich dem fundamentalistischen Christen Johannes außerehelicher Sex und Alkohol ebenso wie dem muslimischen Mahmud, die Konsequenzen nehmen sich für beide jedoch äußerst unterschiedlich aus. Johannes peinigt sich bis aufs Blut mit Selbstgeißelung, Mahmud bewegt sich etwas freier in der religiösen Enge, er sucht die Lücke im Gesetz.

Mit der raschen Szenenabfolge und den zahlreichen unterschiedlichen Figuren bildet Regisseur Lars Montag weniger eine zusammenhängende Geschichte ab als aktuelle Themen, Fragen und Stimmungen der modernen Gesellschaft. Die bloße Masse der beteiligten Schauspieler und die hohe Frequenz der verschiedenen Erzählstränge hinterlassen dabei wenig eigenen Eindruck, sondern erzeugen in ihren Puzzleteilen eine Atmosphäre des bürgerlichen Zusammenlebens in ihrer Entfremdung, Vereinzelung und Tristesse. Die darstellerischen Leistungen gelangen dabei selten in den Fokus, sie sind Träger einer Stimmung in einer biederen Welt, die diese Beliebigkeit zulässt.

Einsamkeit und Sex und Mitleid
Deutschland 2017
Regie: Lars Montag
Drehbuch: Helmut Krausser
Darsteller: Rainer Bock: Maria Hofstätter, Lilly Wiedemann, Taliha Iman Celi
119 Minuten

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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