Gebärzwang

Kirsten Achtelik, Ulli Jentsch und Eike Sanders gehen den medizinethischen Strategien von Keim- und EmbryonenschützerInnen nach

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Pro Life“- und „Lebensschutz“-Bewegung. Diese Selbstbezeichnungen von AbtreibungsgegnerInnen sind natürlich Kampfbegriffe, verlogene zudem. Denn tatsächlich handelt es sich bei ihnen lediglich um Keim- und EmbryonenschützerInnen, von denen manche sogar bedenkenlos über Leichen gehen. Erinnert sei nur an die zahllosen Frauen, die in aller Herren Länder bei verpfuschten Schwangerschaftsabbrüchen beispielsweise mit Zyankali oder den berühmten Kleiderbügeln ums Leben kommen, weil sie aufgrund von Abtreibungsverboten zu „EngelmacherInnen“ gehen müssen. Oder an all die ungewollt schwangeren Frauen, die aufgrund mangelnder Möglichkeiten abzutreiben, keinen anderen Ausweg mehr sehen, als ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Aber nicht nur den Tod schwangerer Frauen nehmen angebliche “LebensschützerInnen“ in Kauf. Einige von ihnen schrecken nicht einmal vor Mordanschlägen auf ÄrztInnen und MitarbeiterInnen von Kliniken zurück, die Abtreibungen vornehmen. So wurden in den USA seit dem Ende der 1970er Jahre mindestens acht Menschen von Keim- und EmbryonenschützerInnen getötet. Weiter 17 überlebten Mordversuche. Solche Schwerverbrechen sind zwar von hiesigen Keim- und EmbryonenschützerInnen nicht bekannt. Doch auch sie fordern unerbittlich, Schwangere zum Gebären zu zwingen.

Dafür ist ihnen keine Behauptung zu abwegig. So zählt zum Arsenal ihrer Kampfbegriffe etwa auch die Rede von den „ungeborenen Kindern“. Der eingetragene Verein Christdemokraten für das Leben (CdL) versteigt sich sogar zu der Behauptung, dass der „gefährlichste Ort für einen Menschen der Mutterleib“ sei. Selbstverständlich ist das schon darum barer Unsinn, weil es weder ungeborene Menschen noch ungeborene Kinder gibt. Denn zum Wesen eines Menschen und eines Kindes gehört es, geboren zu sein. Ungeboren sind hingegen Keime, Embryonen und Föten – und nur sie können abgetrieben werden. So ähnlich argumentieren auch Kirsten Achtelik, Ulli Jentsch und Eike Sanders in ihrem gemeinsam verfassten Buch Kulturkampf und Gewissen, das sich mit den medizinethischen Strategien der Keim- und EmbryonenschützerInnen befasst. Da der Einsatz verschleiernder und verleumdender Kampfbegriffe zu den zentralen Strategien der Keim- und EmbryonenschützerInnen gehört, sind sie auch ein wichtiges Thema des Buches. Das ungeheuerlichste Beispiel ist der Begriff des „Babycaust“, mit dem Keim- und EmbryonenschützerInnen die von Alters her unheilige Allianz zwischen Juden- und Frauenfeindlichkeit fortführen, indem sie Frauen, die abtreiben, mit den niederträchtigsten VerbrecherInnen der Menschheitsgeschichte gleichstellen und zugleich die Shoa verharmlosen. Dem infamen Hetzwort „Babycaust“ hat der Vorsitzende der katholizistischen Deutschen Zentrumspartei Gerhard Woitzik jüngst ein nicht weniger perfides Schreiben zur Seite gestellt, dass er an Bundestagsabgeordnete versandte. Es zeigt eine Fotomontage, welche die infame Naziparole über dem Tor zum Vernichtungslager Auschwitz „Arbeit macht frei“ in „Abtreiben macht frei“ verwandelt. Wie die Frankfurter Rundschau und hessenschau.de am 6.7.2018 berichteten, hat Margarete Bause, eine der EmpfängerInnen des Briefes, Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt.

Zwar finden Achtelik, Jentsch und Sanders für Nazi-Vergleiche dieser Art scharfe Wort, doch zeigen sie sich gegenüber deren zentralem Kampfbegriff machtlos, indem sie die Selbstbezeichnung „Lebensschützer“ übernehmen und nur hilflos in Anführungszeichen setzen. Begründet wird das wenig überzeugend damit, dass es zu kurz gegriffen sei, sie nur als AbtreibungsgegnerInnen zu bezeichnen, da sie über ihre Ablehnung von Schwangerschaftsabbrüchen hinaus ein „konservatives bis extrem rechtes Weltbild“ vereine, dessen „verbindendes Element“ oft ein „mehr oder weniger starkes, aber immer vorhandenes christliches Bekenntnis als gemeinsame Praxis“ sei. Keim- und EmbryonenschützerInnen schrieben nicht nur Schwangeren vor, was sie zu lassen haben. Tatsächlich mischen sie sich überhaupt in die ureigensten Angelegenheiten anderer Leute ein. So sind sie in Sachen Sterbehilfe ebenfalls strikt gegen das menschliche Selbstbestimmungsrecht.

Nachdem die AutorInnen zunächst ganz allgemein einen Blick auf den „Aufschwung der [extremen] Rechten“ geworfen haben, widmen sie sich im zweiten Kapitel dem „Kulturkampf der ‚Lebensschutz‘-Bewegung“, der Abtreibungsgegnerschaft nichts weiter als ein Mittel zu einem anderen Zweck sei. Denn tatsächlich diene ihnen der „Kampf gegen Abtreibungen nur als das offensichtlichste Vehikel für eine konservative bis extrem rechte, zum Teil antidemokratische Kulturkritik an der heutigen Gesellschaft“.

Mit dem dritten Kapitel begeben sich die AutorInnen in medias res und befassen sich mit der „medizinethischen Argumentation im Bereich ‚Lebensschutz‘“. Es setzt sich nicht nur kritisch mit den medizinethischen Strategien der Keim- und EmbryonenschützerInnen in Sachen Abtreibung auseinander, sondern ebenfalls – etwas schwächer – mit denjenigen zur Gen- und Reproduktionstechnologien sowie zur Sterbehilfe. Es ist das interessanteste Kapitel des Bandes. Insbesondere die beiden Unterabschnitte zu zwei der frauenfeindlichsten Paragraphen des deutschen Straf- und Zivilrechts, den Paragraphen 218 und 219a sind instruktiv. Ebenso der Abschnitt zu dem von Keim- und EmbryonenschützerInnen nicht etwa entdeckten, sondern schlicht erfundenen Post-Abortion-Syndrom, mit dem sie Frauen, die überlegen abzutreiben, in Angst und Schrecken versetzen wollen. Anmerken ließe sich, dass die auch als Kindbettdepression bekannte Postpartale Depression und die weit gravierendere Postpartale Psychose im Unterschied zu dem angeblichen Post-Abortion-Syndrom keineswegs bloße Märchen sind.

Enttäuschend ist, dass die AutorInnen des vorliegenden Bandes nicht auf wichtige Argumentationslinien von VerfechterInnen des Selbstbestimmungsrechtes schwangerer Frauen eingehen wie etwa Anja Karneins ebenso hochdifferenzierte wie tiefgründige Argumente für das von ihr entwickelte „Prinzip zukünftiger Personen“, dessen Ansatz die als medizinethisch getarnten biologistisch-speziestischen Ausführungen der Keim- und EmbryonenschützerInnen von Grund auf aushebelt. Doch scheint den AutorInnen Karneins Theorie des ungeborenen Lebens unbekannt zu sein. Nur so lässt sich die befremdliche Auffassung des AutorInnenkollektivs erklären, dem zufolge „die vermeintlich feministisch-emanzipative Forderung nach ‚Selbstbestimmung‘ der Komplexität [der Gesamtsituation] nicht gerecht wird“.

In weiteren Kapiteln gehen die AutorInnen auf „die ärztliche Ethik“ sowie die „Religions- und Gewissensfreiheit“ ein, bevor der Abschnitt „Die Akteur*innen“ über die Organisationen der Keim- und EmbryonenschützerInnen informiert. Ein zusammenfassendes Kapitel beendet das Buch.

Neben den genannten Kritikpunkten stechen einige weitere ins Auge, die nicht unmittelbar mit dem Thema des Bandes zusammenhängen. So etwa, dass die AutorInnen weibliche Identität mit dem queerpolitischen Gender-Asterisk relativieren, wenn nicht gar negieren. Denn das Buch kennt keine Frauen, sondern  nur „Frauen*“. Und wenn die „Kategorie Frau“ doch einmal vorkommt, dann nur „als sozial hergestellte, um die ideologischen Projektionen und Konstruktionen auch durch die ‚Lebensschützer‘ abbilden zu können“.  Zudem verwenden die AutorInnen den Asterisk auf eine uneinheitliche und nicht nachvollziehbare Weise. Warum ist auf einer und derselben Seite einerseits von „Ärzt*innen“ und andererseits von „Katholiken“ die Rede? Warum wird das Substantiv „Schwangere“ mal mit dem Sternchen versehen, ein andermal nicht? Warum wird es Frauen angehängt, Männern nicht?

Die Behauptung eines angeblich virulenten „rassistisch motivierten Feminismus“ ist sogar geradezu antifeministisch, zumal der Topos auf antifeministische Personengruppen gemünzt wird. Denn die AutorInnen erläutern in einer Fußnote: „Gemeint ist hier das Spektrum der konservativen bis extremen Rechten, die sich selten als Feminist*innen bezeichnen und Feminismus eigentlich eher ablehnen.“ Was also rechtfertigt es dann, hier von Feminismus zu reden? Das sind keine Kleinigkeiten. Dennoch lässt sich das Buch insgesamt mit einigem Gewinn lesen.

Titelbild

Kirsten Achtelik / Ulli Jentsch / Eike Sanders (Hg.): Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der »Lebensschutz«-Bewegung.
Verbrecher Verlag, Berlin 2018.
159 Seiten, 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783957323279

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