Zum Meeresgrund und zurück

Der kanadische Autor Oisín Curran legt in „Wenn ich jetzt nicht weine“ einem Elfjährigen einen utopischen Abenteuerroman voller überbordender Fantasie in den Mund

Von Rainer RönschRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rainer Rönsch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Handlung beginnt 1980 in New Pond. Das liegt im USA-Bundesstaat Maine, wo der Autor geboren wurde. Hier lebt eine zenbuddhistische Gemeinde unter ihrem autoritären geistigen Führer Willard, dessen Herkunft so umstritten ist wie sein Ruf, nachdem ihm sexuelle Übergriffe nachgesagt werden. Leitbilder für die Gemeinschaft sind Leute wie Edgar Cayce, US-amerikanischer mystischer Hellseher, oder Theolonius Monk, US-afroamerikanischer Jazz-Musiker und Mitbegründer des Bebops. Man will in Samadhi eintauchen, einen Bewusstseinszustand, der über Wachen, Träumen und Tiefschlaf hinausgehen soll. Aus der Außenwelt wird nur die „lächerliche Präsidentschaftskampagne für Ronald Reagan“ erwähnt. Der weiß wie Willard, dass die meisten Leute belogen werden wollen.

Der Icherzähler ergreift sogleich das Wort – dass es keine Erzählerin ist, erfährt man aus Bemerkungen, die Vater Myles an Mutter Iris richtet. Der Junge hat seine erste Liebe verloren, einen Kater. Doch er weint nicht – davon wird noch die Rede sein. Das vermutlich von einem Wilderer erschossene Tier lässt ihn darüber nachdenken, ob wir Menschen in den Tod zurückgehen, weil wir aus dem Tod geboren sind. Später erfährt man, dass der Junge elf Jahre alt ist – Leser, die ihm diese Gedankengänge zutrauen, werden mit dem Buch gut zurechtkommen.

Der Vater macht der Mutter sogar einen Vorwurf daraus, dass der Sohn mit einem Kaiserschnitt zur Welt gebracht wurde. Bei dem daraus entstehenden Streit bricht der Junge zusammen und behauptet, sich an seine Geburt erinnern zu können. Man bringt ihn ins Krankenhaus, wo es heißt, sein Kopf sei in Ordnung – der Schock wegen des toten Katers habe wohl zusammen mit der heißen Sonne zur vorübergehenden Bewusstlosigkeit geführt. Besorgt ist der Arzt wegen eines schwarzen Mals auf einem Bein der Mutter. Er entnimmt eine Probe, und die spätere Diagnose lautet: Krebs.

Als Ausweg aus seiner überschatteten Kindheit und dem trostlosen Leben der Eltern erfindet der Junge eine fantasievolle utopische Seefahrergeschichte, nicht in völlig freier Wahl, sondern auch von Wahnvorstellungen getrieben. Eine „Kombination aus Kollaps und surrealer Äußerung“ bedrängt den Jungen mit gefürchteten Bildern seiner erfundenen Vergangenheit, wenn er seine Augen nach innen wendet. Die besorgte Iris hält die Geschichten auf der Schreibmaschine fest; auch der redselige und belesene Myles macht sich Notizen. Diese Mitschriften werden vom Erzähler 30 Jahre später gelesen – eine Zeitverschiebung ohne ersichtlichen Grund. Im Buch wechseln die reale und die utopische Geschichte einander immer wieder ab.

Die Seefahrt mit Todesgefahr und Kannibalismus erlebt der Erzähler als Mädchen, blinde Passagierin und später Besatzungsmitglied auf einem Schiff. Auf der Suche nach dem Prototyp der Stadt als menschlicher Heimstatt gibt es unter und über Wasser immer wieder riskante Abenteuer und einen grausigen Verfolger. Aber auch Begegnungen mit absonderlichen Menschen, von denen hier nur der über eine Ursprache philosophierende Seemann Rook genannt sei.

Oisín Currans Roman besticht durch Einfallsreichtum und eine lebendige Sprache, die der Übersetzer Raimund Varga überzeugend ins Deutsche bringt. Ohne krampfhafte Originalitätssuche wird nicht das erstbeste Wort verwendet. Im Gedächtnis „scharrt“ man nach etwas, Stiefel „schaben“ durch das Gras, und der trübe Himmel wird von Fichtenbäumen „durchbohrt“. Beim „Cocktail an Neugier und Furcht“ stutzt man allerdings – ein simpler Druckfehler für „aus“?

Zum Problem wird die Sprache aber, weil ein Elfjähriger sie benutzt. Würde ein Junge in diesem Alter, so frühreif auch immer, seine Großmutter mit drei Adjektiven charakterisieren: „klein, lakonisch, gutherzig“? Und woher nimmt er das Vokabular für die Beschreibung einer Papiersorte: „[…] an den Ecken gebräunt und zur blassen Seitenmitte hin subtil mit der delikaten Farbtonänderung eines klaren Himmels verbleichend […]“? Schwer zu verstehen, auch wenn der Erzähler bekennt, als exzentrisch zu gelten.

Man sollte dem Buch keinen Vorwurf daraus machen, dass die Blood Story (also der phantastische Teil, so übrigens der Originaltitel) spannender und origineller ist als die nicht ganz neue Geschichte über Menschen, die in einer sektenähnlichen Gemeinschaft befangen oder gefangen sind. Am Ende sagt sich der Junge, wenn er jetzt nicht um seinen Kater weine, werde er es nie mehr tun. Der Verlag hat dies zum deutschen Titel gemacht – eine kühne Entscheidung.

Der kanadische Autor Oisín Curran gibt eine literarisch und menschlich überzeugende Antwort auf die Frage, wozu erfindungsreiche Geschichten wie dieses herausragende Buch gut sind: weniger zur Ablenkung von der Realität als zu ihrer Bewältigung.

Titelbild

Oisín Curran: Wenn ich jetzt nicht weine.
Aus dem kanadischen Englisch von Raimund Varga.
Luftschacht Verlag, Wien 2021.
240 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783903081444

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch