Zwischen Karma und Trauma

Seishû Hase erzählt in „Tamons Geschichte“ von der langen Wanderung und den Wohltaten eines Hundehelden

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seishû Hase ist in Japan als Autor eines ‚dunklen Japans‘ und als Verfasser von Yakuza-Romanen bekannt. Während des Studiums arbeitete er im Nachtleben, genauer als Barmann in Shinjukus legendärer Golden Gai mit ihren mannigfachen, auf individuelle Vorlieben ausgerichteten Kneipen für Künstler und Exzentriker. Sein schriftstellerisches Debut hatte der Autor Mitte der 1990er Jahre.

Die Geschichte eines Hundes

Der Episodenroman Der Junge und der Hund (jap. Shônen to inu) trug Hase im Jahr 2020 schließlich den renommierten Naoki-Preis für Unterhaltungsliteratur ein. Es unterstreicht die Legendenbildung zum Autor, dass er sich aus einer Kneipe in Hokkaidô meldet, um sich für den Preis zu bedanken, für den er zuvor schon mehrmals vorgeschlagen worden war. Vielleicht hatte die neue Thematik – die beschädigte japanische Gesellschaft nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima – es bewirkt, das Komitee diesmal endgültig zu überzeugen. Bei dem ausgezeichneten Werk handelt es sich um Shônen to inu, in der sehr gut auf Deutsch zu lesenden Version von Luise Steggewentz als Tamons Geschichte. Roman einer Reise nach Süden betitelt. In der Eröffnungssequenz wird erzählt, wie Kazumasa Nakagaki, ehemaliger Arbeiter in der Fischverarbeitung, am Rande eines Parkplatzes einem mittelgroßen Schäferhund-Mischling begegnet. Am Lederhalsband entdeckt er ein Schild, auf dem sich der Namen des Tieres findet: Es heißt Tamon, was auf die wohl im zentralasiatischen Kontext entstandene buddhistische Gottheit Tamon-ten, auch Bishamon-ten, hinweist. Diese wehrhafte Wächterfigur besitzt schützende Kräfte; sie rettet, wie man glaubt, die Menschen vor Dämonen und Krankheiten. Zusätzlich wird sie als Reichtums- oder Glücksgottheit betrachtet.

Während Seishû Hase ab und zu auf eine religiöse Dimension anspielt, schildert er in sechs Episoden, die jeweils der Begegnung mit einem Menschen gewidmet sind, die Reise des Hundes vom nördlichen Kamaishi, Präfektur Iwate, bis nach Kumamoto, im Süden der japanischen Inselkette. Die erzählte Zeit erstreckt sich über fünf Jahre. In der letzten Episode, in welcher der unermüdliche Wanderrüde auf das traumatisierte Kind Hikaru trifft, wird klar, dass Tamons ursprüngliche Besitzerin am 11. März 2011 vom Tsunami mitgerissen wurde und ums Leben kam. 

Die Manifestation des Göttlichen im prekären Post-Fukushima Japan

Es wäre kein Text des Schriftstellers Seishû Hase, wenn er nicht aus der Perspektive derer geschrieben wäre, die sich, meist von einem Schicksalsschlag gezeichnet, in einer wirtschaftlichen Notlage befinden oder deren Leben schon von Anfang an durch Armut geprägt war. Aus prekären Verhältnissen stammen sowohl die Wirtschaftsflüchtlinge, die in Japan arbeiten, wie auch Japaner, die in die Nähe der organisierten Kriminalität geraten sind. Mit verschlechterten Lebensumständen nach der Dreifachkatastrophe müssen z.B. die Einwohner Tôhokus kämpfen – wie man am Beispiel des Protagonisten Nakagaki aus der ersten Erzählung erfährt.

Hases Text entspricht der soziologischen Präferenz, die den japanischen Buchmarkt seit geraumer Zeit kennzeichnet. Einerseits thematisiert er die Wunden, welche die Dreifachkatastrophe hinterlassen hat, andererseits fügt er noch eine derzeit in Japan vieldiskutierte Problematik wie die der Einsamkeit bzw. des einsamen Todes im Alter (kodoku-shi) hinzu – in der fünften Episode steht der Hund einem an Krebs erkrankten alten Jäger bei. Ein Dauerthema der japanischen Literatur bleibt das von nicht wenigen Schriftstellern und Schriftstellerinnen wahrgenommene Thema des Mann-Frau-Gefälles: Ein männlicher Tunichtgut hat es in der Sequenz „Die Prostituierte und der Hund“ mit seinem Egoismus zu weit getrieben und ist der lang aufgestauten Wut der Frau zum Opfer gefallen; Tamon alias Leo, wie ihn seine neue temporäre Besitzerin Miwa nennt, lindert allein durch seine Anwesenheit den seelischen Schmerz der ausgebeuteten Frau, die sich für den Mord an ihrem verantwortungslosen Freund schließlich selbst der Polizei stellen will.

Dass Tamon, den eine Aura der Stärke und Weisheit umgibt, die irdische Variante des Tamon-ten darstellt, zeigt sich augenfällig in Miguels Geschichte aus „Der Dieb und der Hund“. Deutet bereits die Eröffnungserzählung an, der Hund führe die Menschen in seinem Umfeld in den Himmel, heißt es hier, er sei ein Schutzgott. Miguel, der als Kind neben einem Müllberg aufwuchs und nun Mitglied eines philippinischen Räubertrios ist, übernimmt Tamon – wie seine zwei Komplizen – vom tödlich verunglückten Kazumasa. Mit einem Rollkoffer voller Geld plant der Dieb, sich aus Japan abzusetzen, wird jedoch von den Yakuza getötet – ohne den Wunsch eines Neuanfangs als ehrlicher Mann in seiner Heimat verwirklichen zu können. 

Hases Anleihen bei der Bishamon-Ikonographie entsprechen der yatsushi-Technik, mit der man in der japanischen Literatur einen Stoff der Hochliteratur in eine trivialisierte Version überträgt, wobei der Reiz vor allem im entstandenen Gefälle liegt. Stellt Tamon die Repräsentation des Bishamon dar, verkörpert die Prostituierte Miwa dessen Gefährtin Kichijô-ten. Die zwei die Gottheit begleitenden Knaben, einer davon Zennishi Dôji, Sohn und Bote des Bishamon, spiegeln sich in den Figuren des Kazumasa Nakagaki und des Jungen Hikaru aus dem Schlussteil wider. 

Menschliche Schicksale, karmische Verknüpfungen

Tamons Anwesenheit bei den Menschen, denen er im ersten Moment als abgemagerter Pflegefall gegenübertritt, verhilft diesen meist zu einem Gefühl des Trosts und bewirkt auch, dass sie ihr Leben und ihre Taten noch einmal überdenken. Damit wird eine Katharsis in Gang gesetzt, welche die Akteure letztlich ‚erlöst‘. Gibt es so ein unsichtbares Band zwischen dem Tier und den jeweiligen Betreuern, deutet Hase außerdem schicksalhafte Beziehungen zwischen den Personen an, mit denen Tamon im Laufe seiner Reise in Kontakt kommt. Kazumasa, der auf illegale Weise dringend benötigtes Geld für seine Familie beschaffen möchte, musste die folgenschwere Bekanntschaft mit Miguel machen, dessen Notlage eine ähnliche, jedoch noch härtere ist. Globale Interdependenzen werden des Weiteren mit einem iranischen Lastwagenfahrer veranschaulicht, während die Nord-Süd-Linie den engen innerjapanischen Bezug aufzeigt. Nach dem Tod der ursprünglichen Besitzerin im Tsunami vom 11. März 2011 sind der Weg und das finale Ziel des Hundes vorgezeichnet. Er erscheint dem psychisch schwer beeinträchtigten Kind Hikaru, um es zunächst aus seiner Katatonie zu holen und es dann unter Einsatz des eigenen Lebens vor den Folgen eines Erdbebens in Kumamoto zu schützen. In seinem irdischen Dasein hat Tamon zahlreiche Menschen auf den rechten Pfad geführt, nun kann sich sein Schicksal vollenden.

Realistische, durchaus distanziert betrachtete Schilderungen zeitgeschichtlicher Ereignisse und sozialer Verwerfungen überlappen sich bei Hase mit religiös-phantastischen Elementen. Es ist eine gängige literarische Strategie, die beiden Ebenen zu etablieren, ohne einer der Erklärungsmöglichkeiten den Zuschlag zu erteilen. Ob es eine bewegende Geschichte ist, die der Verfasser erzählt, sei dahingestellt. Sie ist in ihrer zyklischen und doppelgleisigen Struktur jedenfalls professionell erzählt. Als Autor will Hase erkennbar den medialen Zeitgeist bedienen, der es vorsieht, den Rezipienten eine tröstliche Botschaft der Relativität zu übermitteln: Alle Menschen sind miteinander verbunden, Leben und Tod bilden ein Kontinuum – ein für Krisenzeiten typisches spiritualistisches Gedankenkonstrukt. Insofern korrespondiert der Roman mit der neuen Empfindsamkeit des Post-Corona-Cocoonings. Gegenwärtigen tierethischen Standards dürfte Hases Tamon-Entwurf kaum entsprechen. Der Hund wird nicht als autonomer Vertreter seiner Spezies geschildert, sondern erfüllt seine Funktion als ein auf einschlägigen Wunschvorstellungen beruhender Dienstleister für das menschliche Seelenheil.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Seishū Hase: Tamons Geschichte. Roman einer Reise nach Süden.
Aus dem Japanischen von Luise Steggewentz.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2022.
288 Seiten, 24 EUR.
ISBN-13: 9783455014013

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