Mafia und Mythos

Bestsellerverdächtig: „City on Fire“ von Don Winslow

Von Jochen VogtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jochen Vogt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Amerikaner Don Winslow hat seit 30 Jahren viele, meist ziemlich dicke Thriller auf sehr unterschiedlichen Niveaus verfasst. Ein Tiefpunkt seiner Karriere ist sicher der Roman Germany (2016), dessen ‚Held‘ (Typ ‚Einsamer Wolf‘) durch die west- wie ostdeutsche Bordellszene hetzt, wo er seinerseits erhebliche Unterschiede entdeckt. Ein „hingerotztes Buch“, fand damals der Kritiker der Süddeutschen Zeitung.

Dass Winslow dennoch mit einigem Recht als ein führender Autor im anspruchsvolleren Segment des Thriller-Genres gilt, hat er wesentlich zwei Büchern zu verdanken: Jahre der Toten (2005) und der Folgeband Das Kartell (2015) über die Vernetzungen von Drogengeschäft, Korruption, Gewalt und Politik in Mexico und Südamerika waren sehr gründlich recherchiert, spannend erzählt und weltweit erfolgreich. Aber schon der abschließende dritte Band Jahre des Jägers (2016) fiel dann wieder deutlich ab.

Das grundlegende Erzählmuster lässt sich mehr oder weniger auf die Tradition der Mafia-Saga zurückführen, die uns seit Mario Puzos Roman Der Pate (1969) und Coppolas dreiteiligem Film (1972 bis 1990) sowie aus zahlreichen Variationen in Buch und Film vertraut ist. Nun will Winslow offenbar seinen Coup von damals wiederholen, orientiert sich auch thematisch am Mafia-Roman und hat schon gleich vollmundig eine Romantrilogie angekündigt, ja mehr noch: „mein persönliches Epos“. Der erste Band ist mit City on Fire soeben erschienen.

Also eine Mafia-Geschichte. Spielt aber nicht in New York, Chicago oder gar Los Angeles, sondern im kaum 200 000 Einwohner zählenden Providence, Rhode Island. Dort hat Winslow seine Jugendjahre verbracht, ehe es ihn dann ins nahegelegene New York und später ins ferne Kalifornien zog. Immerhin kann er auf Grund seiner Orts- und Milieukenntnis im Vorwort noch einen autobiographischen Touch reklamieren.

Die graue Stadt am Meer, an der Narragansett-Bay südlich von Boston gelegen, verdankt ihren Namen der ‚providentia‘, also der ‚Vorsehung‘ Gottes und den Pilgervätern des 17. Jhds. – ist also gut hundert Jahre älter als die Vereinigten Staaten. Im 19. Jhd. war die Stadt ein wichtiger Motor der Industrialisierung, jenseits der Bay liegen die Milliardärsvillen von ehedem wie an einer Perlenschnur. Der Hafen, lange Zeit einer der größten in den USA, war ein Zentrum für Walfang und Tiefseefischerei, aber auch ein Zentrum des Sklavenhandels. Heute wird Providence meist nur noch als Standort der kleinen, aber sehr feinen Brown University erwähnt, die einst allerdings auch mit Geld aus dieser dunklen Quelle gegründet worden ar. 

Die weniger feine, aber durchaus vitale Mafia-Szene vor Ort, – so erzählt es der Roman – verdankt sich der frühen Zuwanderung besonders aus Italien und Irland. So lernen wir, Ende der 1980er Jahre, die ‚Familien‘ Moretti und Murphy kennen, die das lokale Business mit Schutzgeldern, Glückspiel, Prostitution usw. in labiler Partnerschaft unter sich aufgeteilt haben. Dabei müssen sie als eine Art Mittelständler der Schattenwirtschaft stets die Übernahmeversuche der großen Konzerne fürchten, die seit eh und je in Chicago, Boston und New York residieren.

Was lässt sich da spannend erzählen? Natürlich nur der Verfall und schließlich Zerfall der Familien, der nicht ohne Rivalität, Kränkungen, Betrug, Verrat und viel fließendes Blut abgeht. Die Dynamik des Geschehens (und des Erzählens) speist sich aus dem Drang der Söhne, die alt und milde gewordenen Väter abzulösen und mit neuen Methoden endlich ans große Geld, vor allem aus dem Drogengeschäft, zu kommen. Die alten Werte und Regeln, Absprachen und Freundschaften werden dabei jedenfalls geopfert: ein Muster, das wir aus dem gutbürgerlichen Familienroman bestens kennen.

Auslöser für den sich rasant entwickelnden Vernichtungskrieg zwischen den beiden Mafiafamilien ist ein eher banaler Vorfall bei einer gemeinsamen Strandparty. Ein Missverständnis? Ein Fall von sexueller Belästigung? Oder tatsächlich ein ‚Frauenraub‘ wie im Altertum? Schon der Dichter Homer erzählt ja, wie die Entführung der schönen Königsgattin Helena aus Griechenland zum Krieg und zum Untergang des mächtigen Troja im Feuersturm führte. Das kleine Providence bleibt nach dem erbitterten Zwist um die ebenso schöne Pamela zwar unbeschadet, aber der irische Clan der Murphys wird fast völlig ausgelöscht. Deren letzter Chef Danny Ryan, dem übrigens das ganze Buch hindurch unsere Aufmerksamkeit und Sympathie gilt, kann mit seinem alten Vater Marty und seinem kleinen Sohn Ian nur mit knapper Not entkommen.

Überdeutlich wird auch an diesem Schluss, wie sehr Winslow seine Gangsterstory am antiken, mythologischen Vorbild orientiert hat. Dieses Verfahren – die ‚figurale Gestaltung‘ – kennen wir vor allem aus der älteren christlichen Literatur. In diesem Fall aber findet sich das Vorbild beim lateinischen Dichter Vergil, in dessen Epos Aeneis (1. Jhd. v.Chr.) der trojanische Prinz Aeneas mit seinem alten Vater Anchises und dem Sohn Ascanius fliehen muss; ihren Nachkommen Romulus und Remus wird man später die Gründung der Stadt Rom und des Imperium Romanum zuschreiben.

Wo Danny Ryan sein künftiges ‚Imperium‘ gründen wird, das im Vorwort des Autors schon angekündigt ist, bleibt vorerst unklar. Er will jedenfalls „nach Westen bis ans Meer“. Las Vegas vielleicht? Ist immer noch 300 Meilen vom Pazifik entfernt. Dann besser gleich nach Hollywood?

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Don Winslow: City on Fire.
Aus dem Englischen von Conny Lösch.
Harper Collins, Hamburg 2022.
400 Seiten, 22 EUR.
ISBN-13: 9783749903207

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