Die Kraft des Schreibens

Damir Ovčinas „Zwei Jahre Nacht“ („Kad sam bio hodža“, 2016) und Lejla Kalamujićs „Nennt mich Esteban“ („Zovite me Esteban“, 2015) als jüngere literarische Beiträge zum Bosnienkrieg

Von Rebecca KrugRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rebecca Krug

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die postjugoslawischen Kriege, die zwischen 1991 und 2001 in unterschiedlicher Intensität weite Teile des Balkans erschüttern, haben tiefe Spuren in den Nachfolgestaaten und bei der Bevölkerung hinterlassen. Bereits mit dem Tod Titos 1980, der als Symbolfigur für ein vereintes, sozialistisches Jugoslawien stand, verschärfen sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Probleme des Landes und die Unabhängigkeitsbestrebungen der Teilrepubliken. Das jugoslawische (staatlich propagierte) Ideal von Brüderlichkeit und Einheit wird nur wenige Jahre später von einem Zerfall des föderativen Staates und massiven kriegerischen Auseinandersetzungen abgelöst, in denen sich teilweise schon länger schwelende ethnische und religiöse Spannungen sowie nicht aufgearbeitete historische Konflikte vom Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg Bahn brechen.[1]

In der Konsequenz werden eine ganze Generation und ihre Nachkommen mit den traumatischen Folgen von Krieg, Zerstörung und Kriegsverbrechen konfrontiert, die am Ende des 20. Jahrhunderts in Europa niemand mehr für möglich gehalten hätte. Der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 gilt mit ca. 100.000 Toten und Vermissten, ethnischen Säuberungen, Internierungslagern und Massenvergewaltigungen als der brutalste der postjugoslawischen Kriege und wird insbesondere von der bosniakischen Bevölkerung als kollektives Trauma empfunden.[2]

Zwei Strömungen literarischer Verarbeitung

Der Krieg und seine Folgen für Gesellschaft und Individuum avancieren auch zum zentralen Thema der bosnischen – aber auch der kroatischen und serbischen – Literatur der späten 1990er und frühen 2000er Jahre. Wird der Krieg nicht direkt thematisiert, so bildet er zumindest den Hintergrund für die Darstellung eines fundamentalen Transformationsprozesses, der mit der Neugründung des in zwei Entitäten geteilten Bundesstaates Bosnien und Herzegowina einhergeht. Dabei lassen sich zunächst zwei literarische Schwerpunkte feststellen.

Zum einen Texte, die von Davor Beganović als „Front-“ beziehungsweise „Trauma-Texte“ bezeichnet werden. Diese haben zumeist einen männlichen Protagonisten, der als Soldat aktiv an kriegerischen Handlungen und häufig auch an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt ist und der sich im Anschluss als traumatisierter Kämpfer in einer psychiatrischen Klinik wiederfindet, in welcher er seine Erlebnisse aufarbeiten soll. Diese Werke konzentrieren sich in erster Linie auf das Innenleben der Protagonisten und zeichnen deren persönliche Entwicklung (oder auch die Stagnation) über einen längeren Zeitraum nach. Beispiele für diese Art von Texten sind Josip Mlakićs Wenn sich die Nebel lichten (Kad magle stanu, 2000) oder Faruk Šehićs Erzählsammlung Unter Druck (Pod pritiskom, 2004).[3]

Die zweite zentrale Kategorie beschäftigt sich primär mit der Belagerung Sarajevos und ist topographisch geprägt. Die Hauptstadt der bosnischen Teilrepublik mit ihren fast 400.000 Bewohnern war während des Krieges von April 1992 bis Februar 1996 für insgesamt 1.425 Tage von bosnisch-serbischen Truppen eingekesselt und ist damit die am längsten belagerte Stadt des 20. Jahrhunderts.[4] Die ab Mitte der 1990er Jahre entstandenen „Sarajevo-Texte“ setzen sich mit einem Raum im Ausnahmezustand auseinander und können als Beispiele klassischer Stadttexte betrachtet werden, wie sie im Kontext von Rom, London, Paris oder – in der osteuropäischen Literatur – mit Sankt Petersburg bekannt sind.[5] Der Fokus liegt auf einer besonderen Verdichtung und Semantisierung des Raums, auf räumlichen wie symbolischen Grenzverschiebungen und der Umwertung aller bis dato geltenden Werte. Das Individuum, seine Gedanken, Gefühle und psychologische Disposition rücken dabei zumeist in den Hintergrund. Prominente Autor:innen, die mit einem frühen Beitrag diesen Sarajevo-Text mit konzipiert haben, sind unter anderem Miljenko Jergović (Sarajevski Marlboro, dt. Sarajevo Marlboro, 1994; Karivani, dt. Karivani. Ein Familienmosaik, 1995), Nenad Veličković (Konačari, dt. Logiergäste, 1995; Đavo u Sarajevu, dt. Der Teufel in Sarajevo, 1995), Semezdin Mehmedinović (Sarajevo Blues, 1995), Alma Lazarevska (Smrt u muzeju moderne umjetnosti, dt. Tod im Museum der modernen Kunst, 1996) und Dževad Karahasan (Sara i Serafina, dt. Sara und Serafina, 1999).[6]

Bosnische Literatur heute

Mittlerweile sind fast 30 Jahre seit den postjugoslawischen Kriegen vergangen und dennoch prägen die einschneidenden Ereignisse der 1990er Jahre und der anschließende Transformationsprozess bis heute Gesellschaft, Kultur und Literatur der Nachfolgestaaten. Vor allem das eigentlich multiethnisch geprägte, aber nach wie vor national geteilte Bosnien-Herzegowina ist politisch blockiert und gilt häufig als Beispiel eines „failed state“.[7] Laut dem „Fragile States Index“, der bis 2014 als „Failed States Index“ bezeichnet wurde, besteht in Bosnien-Herzegowina seit Jahren zumindest eine erhöhte Gefahr des staatlichen Zusammenbruchs.[8] Gesellschaftliche Probleme, ethnische Konflikte, die Auswirkungen des Krieges, aber auch die Sehnsucht nach einem friedlichen Zusammenleben von Bosniaken, Kroaten und Serben spiegeln sich in der neueren Literatur ab den 2010er Jahren wider. Noch immer sind der Krieg und dessen Aufarbeitung ein dominantes Thema, auch wenn sich zunehmend neue Ausgestaltungen, Tendenzen und thematische Schwerpunkte feststellen lassen.

Damir Ovčina und Lejla Kalamujić zählen zu einer jüngeren Generation bosnischer Autor:innen, die den Krieg als Kinder oder Jugendliche erlebt haben und diesen deshalb aus einer anderen Perspektive betrachten und literarisch verarbeiten als ihre Vorgänger:innen. Damir Ovčina – 1973 in Sarajevo geboren – wird als junger Mann zu Beginn der Belagerung Sarajevos ohne seine Familie in einem serbisch kontrollierten Stadtteil eingeschlossen und zum Dienst in einer Arbeitsbrigade eingezogen. Nach dem Krieg studiert er Literaturwissenschaften und arbeitet aktuell als Direktor einer Schule für blinde und sehbehinderte Kinder. Der autobiographisch inspirierte Roman Zwei Jahre Nacht erschien 2016 im Original und wurde 2019 im Rowohlt Verlag auf Deutsch publiziert. Er war das erste Werk des Autors, das eine breite Öffentlichkeit erreichte; in der Regel veröffentlicht Ovčina seine Texte nur auf seiner Homepage impruva.ba. Der Roman wurde im südeuropäischen Raum mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem für das beste Prosawerk Bosnien-Herzegowinas im Jahr 2016.

Lejla Kalamujić wird 1980 ebenfalls in Sarajevo geboren. Sie studiert Philosophie und Soziologie. Als LGBTQ-Aktivistin engagiert sie sich aktiv für Frauen- und Minderheitenrechte in Bosnien und den Nachfolgestaaten Jugoslawiens. In ihren Prosawerken und Essays beschäftigt sich Kalamujić mit ihrer eigenen Familiengeschichte und deren Verflechtung mit der Geschichte ihres Landes, mit gesellschaftlichen Problemen, psychischen Krankheiten und Traumata, mit Liebe und Emanzipation. Ihre autofiktionale Erzählsammlung Nennt mich Esteban wurde 2015 im bosnischen Original und 2020 in der deutschen Übersetzung beim eta Verlag veröffentlicht. Das Werk wurde ebenfalls mit mehreren Preisen ausgezeichnet und war 2016 für den Literaturpreis der Europäischen Union nominiert.

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht

Ovčinas Roman Zwei Jahre Nacht handelt von einem jungen bosnischen Muslim aus Sarajevo, der im Frühjahr 1992 zur falschen Zeit am falschen Ort ist und in der Folge im serbisch kontrollierten Stadtteil Grbavica festsitzt. Das Werk leistet damit einen neueren Beitrag zur bereits etablierten Sarajevo-Kategorie. Die erzählte Zeit beginnt im Januar 1992. Der 18-jährige namenlose Protagonist und Ich-Erzähler lebt zusammen mit seinen Eltern in Sarajevo im Stadtteil Dobrinja. Seine Mutter erkrankt plötzlich und stirbt wenige Wochen später nach einer Odyssee durch die Krankenhäuser, wodurch der junge Mann einen ersten gravierenden Einschnitt in seinem bis dato sorgenfreien Leben verkraften muss. Zusammen mit dem verzweifelten Vater versucht er den Alltag ohne die Mutter zu bewältigen. Um sich von seiner Trauer abzulenken, trifft er sich regelmäßig mit einer serbischen Freundin im Stadtteil Grbavica, in einer leer stehenden Wohnung, die früher von der Familie des Protagonisten bewohnt wurde. So auch Anfang Mai 1992, zu Beginn der offiziellen Blockade. Als er am Abend zu seinem Vater zurückkehren will, ist der Stadtteil abgeriegelt und der Ich-Erzähler ist eingeschlossen. Bereits am nächsten Tag wird ihm von serbischen Milizen der Ausweis abgenommen und er wird einer Arbeitsbrigade zugeteilt, in der er seinen „Beitrag zum Aufbau eines serbischen Staates“ leisten soll.

Neben alltäglichen Schikanen und Beleidigungen, unter denen alle muslimischen Bewohner Grbavicas zu leiden haben, muss er in den nächsten Monaten Schützengräben ausheben, Sandsäcke füllen, bei der Plünderung bosnischer Wohnungen helfen und immer wieder die Leichen gefolterter und ermordeter Zivilisten abtransportieren und verscharren. Da der Protagonist noch kurz zuvor der Beerdigung seiner Mutter beigewohnt hat, ist er der einzige, der sich an den genauen Wortlaut des Totengebetes erinnert. Dieses Wissen macht ihn zum inoffiziellen Hodža (Religionsgelehrten) seiner Brigade, wodurch ihm die Aufgabe zufällt, den Ermordeten die letzte Ehre zu erweisen – daher auch der bosnische Originaltitel des Romans, der wörtlich „Als ich Hodža war“ bedeutet. Dank der Fürsprache und schützenden Hand seines Kommandanten vom serbischen Zivilschutz und mit der Unterstützung seiner serbischen Nachbarin verbringt er die ersten Wochen weitgehend unbehelligt in der früheren Wohnung seiner Familie. In den Nächten entwickelt sich eine zarte Liebesbeziehung zu der jungen Serbin, die ihn mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt und ihn vor den Übergriffen marodierender Paramilitärs versteckt, die die muslimische Bevölkerung bei nächtlichen Hausdurchsuchungen terrorisieren. Nach mehreren Monaten in der Arbeitsbrigade, unzähligen Demütigungen und permanenter Lebensgefahr eskaliert die Situation: Bei einer Prügelattacke durch betrunkene serbische Milizen setzt sich der Protagonist zur Wehr; er tötet die beiden Angreifer und muss fortan im Untergrund leben.

Eine Besonderheit von Ovčinas Roman ist der sehr spezifische Erzählstil. Die Sprache ist auf das Notwendigste verdichtet. Die Sätze sind kurz und präzise, häufig fehlen die Verben. Bei der Wiedergabe wörtlicher Rede wird nicht nur auf die verba dicendi, sondern auch auf eine Kennzeichnung der jeweiligen Sprecher:innen verzichtet. Im bosnischen Original bestehen Sätze auf diese Weise oft nur aus ein oder zwei Wörtern – eine Spezifik, die sich nur teilweise ins Deutsche übertragen lässt. Dennoch gelingt es der Übersetzerin Mascha Dabić diesen speziellen Stil an die deutschsprachigen Leser:innen zu übermitteln, auch wenn sie dafür über 200 Seiten mehr benötigt, als das Original (die bosnische Ausgabe umfasst knapp 530 Seiten, die Übersetzung dagegen fast 750 Seiten).

Eine weitere Besonderheit ist die weitgehende Namenlosigkeit der Figuren. Obwohl Namen im besetzten Sarajevo eine elementare Bedeutung haben, denn der „richtige Name“ kann das Überleben sichern, während der „falsche Name“ – in diesem Fall zumeist ein muslimischer oder nicht-serbischer Name – zu Gewalt, Deportation oder Tod führen kann, werden Namen im Text meist nur in Form von Spitznamen besonders gefürchteter und gewaltbereiter Aggressoren aufgeführt und verweisen oft auf deren Herkunftsregion oder Heimatort. Vieles bleibt auf diese Weise lückenhaft und muss von den Leser:innen wie ein Rätsel rekonstruiert werden.

Umso plastischer und anschaulicher wird dagegen der Handlungsraum gestaltet. Schon vor der Blockade zeichnet der Ich-Erzähler akribisch alle seine Wege durch die Stadt nach. Er erwähnt Straßennamen, Kreuzungen, Namen von Geschäften oder auch einzelne Häuser, die er passiert, sodass ortskundige Leser:innen theoretisch sämtliche Bewegungen durch den Raum nachvollziehen können. Zu Beginn des Textes präsentiert sich der Raum als die belebte Heimatstadt des jungen Mannes, in der die multiethnische Bevölkerung scheinbar ohne größere Probleme zusammen oder zumindest unbehelligt nebeneinander lebt, arbeitet oder zur Schule geht. Mit Beginn der Blockade verwandelt sich die Stadt, und konkret der Stadtteil Grbavica, in einen Raum der Ausnahme und der Gewalt, in dem über Nacht alle gängigen Regeln des menschlichen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt werden. Gewalt sowie ihre konkrete oder latente Androhung avancieren zu einer zentralen Handlungsressource und die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, entscheidet maßgeblich über die eigene (Macht-)Position innerhalb des Ausnahmezustandes und in letzter Konsequenz auch über das eigene Überleben. Innerhalb kürzester Zeit formieren sich militante Gruppen, die sich nicht nur an den offiziellen Kämpfen beteiligen, sondern vor allem die Zivilbevölkerung tyrannisieren. Wie bereits in den früheren Sarajevo-Texten zeigt sich auf diese Weise nicht nur eine klaustrophobische Verengung des Raums, es kommt auch zu einer massiven Umwertung aller bis dato gültigen Normen.[9]

Diese Tendenz spiegelt sich bei Ovčina auch in der semantischen Umkehrung klassischer Motive und Symbole wider und wird besonders evident bei der Symbolik von Licht und Dunkelheit, die sich leitmotivisch durch den gesamten Text zieht. Anders als der deutsche Titel des Romans Zwei Jahre Nacht vermuten lässt, ist die klassische Deutung dieser Sinnbilder im subjektiven Empfinden des Ich-Erzählers genau umgekehrt. Im gesamten Kontext kann die „Zeit der Dunkelheit“ zwar mit der Belagerung und dem Krieg assoziiert werden, für ihn persönlich sind Dunkelheit und Nacht aber positiv konnotiert, denn im Schutze der Dunkelheit kann er sich mit seiner serbischen Nachbarin und Geliebten treffen. In der Nacht verwandelt er sich vom erniedrigten und ausgebeuteten Gefangenen, der tagtäglich mit den schlimmsten Verbrechen konfrontiert wird, zurück in einen vollwertigen Menschen, der seine Emotionen zeigen darf und dem mit Zuneigung und Verständnis begegnet wird. Das helle Licht des Tages offenbart dagegen die Zerstörungen in der umkämpften Stadt und die Verbrechen an der Bevölkerung. In Szenen, die besonders grausame Situationen und Aufgaben thematisieren, erwähnt der Erzähler immer wieder – scheinbar beiläufig, aber dennoch explizit – Sonne, Licht, Sommer oder Wärme, wodurch diese eigentlich positiven Symbole eine negative Konnotation erhalten. Zudem bieten die Nächte Gelegenheit, die traumatischen Erlebnisse und die Gräueltaten des Tages zu dokumentieren. Jede Nacht verbringt der Protagonist mehrere Stunden mit der akribischen Aufzeichnung der Ereignisse und mit der Reflexion über das eigene Schreiben. Das Schreiben avanciert zu einem Kampf gegen das Vergessen und weckt zugleich die Hoffnung auf eine Zeit nach der Gewalt – auf eine Zukunft, in der die Verbrechen aufgearbeitet werden können und die Opfer zumindest einen Hauch von Gerechtigkeit erfahren.

Ovčinas Roman mutet seinen Leser:innen viel zu. Die interne Fokalisierung und der dokumentarische, tagebuchartige Stil führen beim Lesen zum Eindruck einer unmittelbaren Beteiligung beziehungsweise Zeugenschaft in Situationen extremer, oft vollkommen unmotiviert erscheinender Gewalt. Hinzu kommen gänzlich grotesk anmutende Szenen, beispielsweise wenn die Ehefrauen einflussreicher Serben plötzlich an der umkämpften Frontlinie auftauchen, um für den eigenen Bedarf die Wohnungen verschleppter oder ermordeter Muslime ausplündern zu lassen. Granaten schlagen ein, Gebäude brennen und vor den Häusern liegen teilweise noch die Leichen der früheren Bewohner, doch die Frauen beklagen sich über Kühlschränke minderwertiger Marken oder schlecht geputzte Herde. Auf diese Weise wirkt der Text auch nach der Lektüre noch lange nach und hinterlässt ein Gefühl von Sprach- und Ratlosigkeit. Zugleich bietet der Roman einen beeindruckenden Einblick in die Abgründe menschlichen Handelns und erinnert an einen Krieg, der in vielen Ländern weit weg erscheint oder bereits in Vergessenheit geraten ist, der aber bis heute eine ganze Region mitten in Europa nachhaltig beeinflusst.

Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban

Lejla Kalamujićs Erzählsammlung Nennt mich Esteban leistet ebenfalls einen jüngeren Beitrag zur literarischen Aufarbeitung des Bosnienkrieges und der Blockade Sarajevos. Sie wählt dabei einen gänzlich anderen Ansatz als Ovčina, schon allein deshalb, weil ihr Werk eine viel größere Zeitspanne umfasst. Zudem sind der Krieg und seine Folgen für die Bevölkerung und die Protagonistin zwar allgegenwärtig, sie werden aber selten direkt erwähnt und auch die alltägliche Gewalt im besetzten Sarajevo erscheint eher als eine Art Randnotiz. Die autofiktionalen Texte begleiten die Ich-Erzählerin Lejla von der Kindheit in den 1980er Jahren, über die Jugend und Studienzeit bis hin zu einem Alter von etwa Mitte 30. Zentrale Motive und Themen der Sammlung sind – neben Tod, Verlust und Erinnerung allgemein – der Krieg und das daraus resultierende Trauma, die Suche nach Identität sowie Emanzipation, Liebe und Hoffnung. Die 19 Einzelerzählungen können alle für sich gelesen werden, wobei in diesem Fall der größere Kontext verloren geht und nicht alle Motive und Metaphern miteinander in Verbindung gebracht werden können; die Erzählungen lassen sich aber auch als lose Kapitel eines Romans lesen, wodurch übergreifende Strukturen und Motive in einem umfassenden Zusammenhang erkannt und interpretiert werden können. Der fragmentarische Stil der Sammlung spiegelt dabei die Fragmentiertheit der von der Erzählerin übermittelten Erinnerungen wider; vergleichbar mit einem Puzzle ergibt sich erst bei der Lektüre aller Texte ein Gesamtbild der vielschichtigen Handlungsstränge. Bei der Anordnung der einzelnen Erzählungen beziehungsweise Kapitel wird auf Linearität und eine konsequente Chronologie verzichtet. Immer wieder werden Rückblenden und chronologische Brüche eingeschoben, wodurch auf stilistischer Ebene die Instabilitäten in der Biographie der Ich-Erzählerin betont werden.[10] Weitere stilistische Besonderheiten sind – analog zu Ovčina – ein sehr präziser Erzählstil mit zumeist klar formulierten, kurzen Sätzen sowie zahlreiche intertextuelle und intermediale Bezüge.

Im Alter von zwei Jahren verliert Lejla ihre Mutter, die mit nur 22 Jahren aus nicht genannten Gründen stirbt. Dies ist der erste von vielen Verlusten, die das Mädchen erleidet. Den Tod der Mutter realisiert sie jedoch erst mit etwa fünf Jahren, vermittelt durch die Trauer und die Erzählungen der Großeltern und des Vaters. Nach dem Tod der Mutter wächst Lejla – wohl umsorgt und geborgen – in ihrer multiethnischen Familie in Sarajevo auf. Sie hat zwei Wohnorte, in denen sie sich gleichermaßen wohl fühlt. Die Großeltern mütterlicherseits, ethnische Serben und überzeugte Anhänger Titos, leben in einer Wohnung im Stadtteil Grbavica. Die Großeltern väterlicherseits, ethnische Bosniaken und liberale Muslime, leben zusammen mit dem verwitweten Vater im „Familienhaus“ in Vratnik. Die verstorbene Mutter ist in zahlreichen Erzählungen der Großeltern weiterhin gegenwärtig, allerdings nur als eine schemenhafte, aus zweiter Hand übermittelte Erinnerung, die sich dominant durch die gesamte Kindheit hindurch zieht.[11] Darüber hinaus beeinflussen die überlieferten Erinnerungen auch die Jugend und das Erwachsenenleben, wenn Lejla beispielsweise im Kapitel Hätte ich dich getroffen versucht, ihre Mutter in einem imaginären Akt zum Leben zu erwecken, um sich mit ihr über aktuelle Sorgen und Probleme auszutauschen. Innerhalb der Familie avanciert die Mutter zu einer „heiligen, unantastbaren Geschichte“ (7–8), über deren Tod nicht gesprochen werden darf und deren kurzes Leben zu einer Legende verklärt wird. Erst mit dem Tod der Großeltern wird der Protagonistin der Verlust der Mutter als traumatische Erfahrung bewusst.

Den ersten bewussten Verlust erleidet Lejla 1992 im Kontext des Bosnienkrieges, durch den sich ihre individuellen Verlusterfahrungen mit den kollektiven Traumata eines ganzen Landes verbinden.[12] Sie flüchtet zusammen mit den Großeltern mütterlicherseits und einem „halben Zuhause“ (10) nach Serbien, in das Heimatdorf der Großmutter. Unvermittelt wird sie aus ihrem Alltag und dem harmonischen Leben gerissen und fühlt sich als Verräterin an der Familie ihres Vaters. Als Lejla während des Waffenstillstands 1994 zu den Großeltern väterlicherseits nach Sarajevo zurückkehrt, begeht sie in ihrer eigenen Vorstellung ihren zweiten Verrat – diesmal an der Familie der Mutter. Das Gefühl permanenter Verlusterfahrungen verbindet sich auf diese Weise mit dem Gefühl von persönlicher Schuld. Der Verlust ihres vereinten Zuhauses, Trauer, Schuldgefühle und die Erlebnisse im Krieg wirken sich negativ auf Lejlas ohnehin fragile Persönlichkeit aus und lösen eine starke seelische Erschütterung aus. Sie führen zu Depressionen und einer psychischen Krise, die sie als junge Frau in diversen Therapien und Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken aufzuarbeiten versucht. Vor dem Hintergrund des Krieges werden die multiethnische Harmonie und das friedliche Miteinander von bosnischen und serbischen Einflüssen innerhalb ihrer Familie plötzlich von der Gesellschaft zu einem Problem stilisiert. Durch die äußeren Umstände wird sie in ideologischer wie geographischer Hinsicht gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden.

Diese Korrelation zwischen räumlicher und persönlicher Spaltung sowie zwischen dem Verlust der individuellen wie der kollektiven Identität wird in Die Guten, die Schlechten und Kafka besonders deutlich artikuliert. In diesem Kapitel, das als einziges den sonst nur unterschwellig präsenten Krieg konkret thematisiert, besucht der Schriftsteller Kafka die 14-jährige Lejla im belagerten und geteilten Sarajevo. Diese befindet sich gerade im von den Serben kontrollierten Stadtteil Grbavica und wartet darauf, im Rahmen eines Austauschs zu ihren bosnischen Großeltern nach Vratnik zurückkehren zu dürfen. Der ahnungslose Kafka versteht nicht, warum er nicht zur Balkontür gehen darf und gerät beim ersten Granateinschlag derart in Panik, dass er am ganzen Körper zittert. Die an Explosionen gewöhnte Lejla versucht, ihm im folgenden Gespräch nicht nur den Krieg in Bosnien und die Situation in der belagerten Stadt zu erklären, sondern auch die tödliche Gefahr, beim Gang auf den Balkon von einem der berüchtigten Scharfschützen erschossen zu werden. Durch den Dialog offenbaren sich die ganze Absurdität des Krieges und der ambivalente Charakter eines Lebens in einer gespaltenen Stadt, in der sich die Ausnahme zur Normalität entwickelt. Zudem wird deutlich, dass die Kategorien von Gut und Böse im Kontext des Krieges relativ erscheinen, denn auf beiden Seiten gibt es gleichermaßen gute und schlechte Menschen und generalisierende Schuldzuweisungen laufen ins Leere.

Auch nach dem Ende des Krieges sieht sich Lejla mit einem zwar unabhängigen, dafür aber einem in verschiedene Ethnien und Religionen gespaltenen, politisch instabilen Land konfrontiert, in dem es nicht gelingt, ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl für die Bevölkerung zu finden. Der Versuch, eine spezifisch bosnische Identität zu etablieren, scheint von vornherein zum Scheitern verurteilt und stagniert auf dem Niveau oberflächlicher Symbolik. Einzelne Episoden, wie eine Zugfahrt von Sarajevo nach Belgrad im Kapitel Von-Lokomotive-zu-Lokomotive, und die weiterhin bestehende Solidarität in der Familie der Protagonistin unterstreichen aber zugleich, dass viele der demonstrativen Unterschiede zwischen den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens rein artifizielle Konstrukte sind, die mit der Lebenswirklichkeit der Menschen kaum etwas zu tun haben. In diesem Sinne ist Kalamujićs Werk ein Plädoyer zur Aussöhnung, das sich jenseits aller Nationalismen für eine Rückbesinnung auf die Gemeinsamkeiten der Volksgruppen ausspricht und damit einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft wirft.

Analog zu Ovčina ist das Schreiben auch in Kalamujićs Erzählungen ein zentrales Motiv. Bei ihr dient es jedoch weniger der Dokumentation von Kriegsverbrechen, sondern der Bewältigung einer psychischen Krise. Desillusioniert und erschöpft von den standardisierten Behandlungsmethoden in den psychiatrischen Kliniken, die vor allem auf medikamentöse Sedierung setzen, muss Lejla ihren eigenen Weg aus der Identitätskrise finden. Sie entscheidet sich für das Schreiben; für das Festhalten der Erinnerungen und die aktive Aufarbeitung ihrer Traumata. Durch das Schreiben und durch intensive Gespräche mit ihrer Lebenspartnerin Naida lernt sie als Erwachsene, ihre Erinnerungen und Verlusterfahrungen auf positive Weise in ihr Leben zu integrieren und sich auf diese Weise von der Vergangenheit zu lösen.

Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Damir Ovčina und Lejla Kalamujić leisten mit ihren autobiographischen Werken einen äußerst wichtigen und lesenswerten Beitrag zur literarischen Aufarbeitung der postjugoslawischen Kriege und zum seit den 1990er Jahren etablierten Sarajevo-Text. Anders als die Mehrheit der älteren Belagerungs-Texte fokussieren sich beide jedoch viel stärker auf das Innenleben ihrer Protagonist:innen und geben damit tiefe Einblicke in die Auswirkungen von Krieg, Gewalt und Vertreibung auf das Individuum. Zugleich verzichten beide Werke, möglicherweise auch aufgrund des größeren zeitlichen Abstands zum Krieg, auf Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Sie wenden sich gegen das Vergessen, verleihen den Opfern eine Stimme, plädieren aber auch dafür, aus der Vergangenheit zu lernen und damit ein friedliches Miteinander in der Zukunft zu ermöglichen.

Aber Vergangenheit ist nie vergangen. Die Gegenwart und die Zukunft sind Produkte der Vergangenheit. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was passiert ist. Es geht nicht darum, von der Vergangenheit besessen zu sein – und sich in ihr zu verlieren, aber die Vergegenwärtigung dessen, was war, ist wichtig: Ohne Verständnis für die Vergangenheit lässt sich die Gegenwart nicht verstehen – und wenn man die Vergangenheit kennt, kann einen auch die Zukunft nicht wirklich überraschen.[13]

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Sundhaussen, Holm: Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen. In: Bundeszentrale für politische Bildung. Aus Politik und Gesellschaft, 24.07.2008. https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/31042/der-zerfall-jugoslawiens-und-dessen-folgen/ [12.01.2024].

[2] Vgl. Jugoslawienkrieg. Kriege auf dem Balkan in den 1990er Jahren. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. https://osteuropa.lpb-bw.de/jugoslawien-krieg#c106963 [12.01.2024].

[3] Vgl. Beganović, Davor: Das Trauma des Kriegers. In:  Borissova, Natalia / Frank, Susi K. / Kraft, Andreas (Hg.): Zwischen Apokalypse und Alltag. Kriegsnarrative des 20. und 21. Jahrhunderts. Bielefeld 2009. S. 201–220, hier: S. 204–206.

[4] Vgl. Vor 20 Jahren: Ende der Belagerung von Sarajevo. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 29.02.2016. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/222161/vor-20-jahren-ende-der-belagerung-von-sarajevo/ [12.01.2024].

[5] Vgl. Nicolosi, Riccardo: Fragmente des Krieges. Die Belagerung Sarajevos in der neueren bosnischen Literatur. In: Beganović, Davor / Braun, Peter (Hg.): Krieg sichten. Zur medialen Darstellung der Kriege in Jugoslawien. München 2007. S. 129–150, hier: S. 129.

[6] Vgl. ebd., S. 130–132, sowie Beganović: Trauma des Kriegers, S. 204–205.

[7] Vgl. bspw. Kersting, Christoph: Eskalation auf dem Balkan – Neue Gefahr durch alte Konflikte. In: SWR2 Wissen, 02.04.2022. https://www.swr.de/swr2/wissen/eskalation-auf-dem-balkan-neue-gefahr-durch-alte-konflikte-swr2-wissen-2022-03-30-100.html [25.02.2024], sowie Skjelsbæk, Inger: Bosnia and Herzegovina – a Failed State 25 Years After the Peace Accords. In: PRIO Blogs, 30.12.2020. https://blogs.prio.org/2020/12/bosnia-and-herzegovina-a-failed-state-25-years-after-the-peace-accords/ [25.02.2024].

[8] Vgl. Bosnien und Herzegowina: Bewertung nach dem Fragile States Index (FSI) von 2013 bis 2023. In: de.statista.com. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/957692/umfrage/bewertung-bosnien-und-herzegowinas-nach-dem-fragile-states-index/ [12.01.2024].

[9] Vgl. Beganović: Trauma des Kriegers, S. 205.

[10] Vgl. Kowollik, Eva: Trauma und emanzipatorisches Erzählen. Lejla Kalamujić: Zovite me Esteban. In: Anzeiger für Slavische Philologie XLVII (2019). S. 123–148, hier: S. 128.

[11] Vgl. ebd., S. 129.

[12] Vgl. ebd., S. 126.

[13] Damir Ovčina in einem Interview mit der Tiroler Tageszeitung. Leitner, Joachim: „Zwei Jahre Nacht“ von Damir Ovčina: „Krieg ist keine Geschichte“. In: Tiroler Tageszeitung, 30.05.2022. https://www.tt.com/artikel/30821654/zwei-jahre-nacht-von-damir-ov-ina-krieg-ist-keine-geschichte [12.01.2024].

Titelbild

Damir Ovčina: Zwei Jahre Nacht. Roman.
Aus dem Bosnischen von Mascha Dabić.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019.
752 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783737100519

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Lejla Kalamujić: Nennt mich Esteban.
Aus dem Bosnischen von Marie-Luise Alpermann.
eta Verlag, Berlin 2020.
120 Seiten , 17,90 EUR.
ISBN-13: 9783981999853

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