Ukrainische Lyrik in der Übertragung von Oswald Burghardt
Die verspätet erschienene Anthologie „Dichtung der Verdammten“ stellt die ukrainischen Neoklassiker der 1920er Jahre vor
Von Daniel Henseler
Wer sich in den letzten Jahren über ukrainische Literatur informieren wollte, konnte sich nicht über mangelnde Gelegenheiten beklagen. Nach dem großflächigen Einmarsch Russlands in der Ukraine hat sich die öffentliche Meinung hierzulande endlich auch verstärkt für die ukrainische Kultur im weiteren und die Literatur im engeren Sinn zu interessieren begonnen. Die Menge an übersetzten literarischen Texten hat deutlich zugenommen. Dabei richtete sich das Augenmerk zunächst auf die aktuelle ukrainische Literatur, die sich meist – aber durchaus nicht ausschließlich – auf die eine oder andere Weise mit dem gegenwärtigen Krieg befasst. Inzwischen verlagert sich das Interesse aber immer öfter auch auf ältere, bereits als klassisch zu bezeichnende Literatur aus der Ukraine.
Auf diesem Hintergrund rückt die nun verspätet erschienene Anthologie ukrainischer Lyrik unter dem Titel Dichtung der Verdammten noch einen weiteren Aspekt ins Blickfeld: nämlich die nach wie vor nur wenig bekannten deutsch-ukrainischen Kulturbeziehungen. Im vorliegenden Fall hat das vornehmlich mit der Person von Oswald Burghardt (1891–1947) zu tun, der als ukrainischer Dichter den Namen Jurij Klen verwendete. Burghardt war gleichermaßen als Dichter wie auch als Übersetzer, Essayist, Lehrer und Vermittler tätig. Er wurde in Podolien geboren – damals Russländisches Reich, heute Ukraine. Burghardt stammte aus einer Familie mit deutschen und deutschbaltischen Wurzeln und schrieb auf Ukrainisch, Deutsch und Russisch.
Mit der Anthologie Dichtung der Verdammten wollte Oswald Burghardt 1947 seinen literarischen Mitstreitern und Weggefährten in deutschen Übersetzungen ein Denkmal setzen. Es handelt sich dabei um die so genannten „Neoklassiker“, zu denen Maksym Rylksyj, Pawlo Fylypowytsch, Mykola Serow, Mychajlo Draj-Chmara sowie Jurij Klen (Oswald Burghardt) selbst zählten. Dieses „Fünfgestirn“, wie die Dichter auch bezeichnet wurden, verfasste sein Werk zu einer Zeit, als das Ukrainische in der Sowjetunion als Literatursprache vorübergehend willkommen war: Seit 1923 hatte die bolschewistische Regierung begonnen, die regionalen Sprachen und Kulturen zu fördern. Dahinter stand unter anderem der Versuch, die kulturellen Eliten der nationalen Republiken und der peripheren Regionen für den noch relativ jungen, nach wie vor wenig gefestigten sowjetischen Staat zu gewinnen. Für die ukrainische Kultur war dies zunächst ein Segen, denn noch 1876 hatte Zar Alexander II die öffentliche Verwendung des Ukrainischen gänzlich untersagt. Wie viele andere Autorinnen und Autoren nutzten auch die Neoklassiker die neuen Möglichkeiten. Sie schrieben Gedichte in ukrainischer Sprache, die sich an europäischen und antiken Klassikern orientierten. Ihre Poesie war eher urban und intellektuell ausgerichtet und zeichnete sich durch zahlreiche intertextuelle Verweise aus. Dabei richteten diese Dichter sich an modernistischen Strömungen etwa der französischen und russischen Literatur aus. Formal bedeutete dies beispielsweise die Verwendung strenger überlieferter Formen wie Sonett und Terzine. Ein wichtiges Anliegen der Neoklassiker war außerdem das systematische Übersetzen von Weltliteratur ins Ukrainische. Von der (Tages-)Politik distanzierten sie sich hingegen zumeist. Man warf ihnen deshalb zunehmend vor, sie würden sich nicht für den Aufbau einer neuen, proletarisch geprägten Gesellschaft einsetzen und sich stattdessen in einer Kultur des „L’art pour l’art“ verschanzen.
Als die sowjetische Kulturpolitik gegen Ende der 1920er Jahre erneut radikal umgestaltet wurde, wurde dies auch den Neoklassikern zum Verhängnis. Inzwischen sahen die Behörden die Regionalisierung der Kultur nämlich als eine Gefahr für den Zusammenhalt des sowjetischen Staates. Die Förderung der ukrainischen Sprache und Kultur wurde gestoppt. In der Folge kam es unter den ukrainischen Intellektuellen in den 1930er Jahren zu Massenverhaftungen und Hinrichtungen. Eine ganze Generation von Kulturschaffenden wurde auf diese Weise ausgelöscht, was als die „erschossene Renaissance“ ins kulturelle Gedächtnis der Ukraine eingegangen ist. Oswald Burghardt verließ im November 1931 noch rechtzeitig mit Frau und Tochter die Sowjetunion, um sich in Deutschland niederzulassen. Seine Dichterfreunde hatten weniger Glück: Mykola Serow und Pawlo Fylypowytsch wurden auf den Solowki-Inseln im Weißen Meer inhaftiert und 1937 in Karelien erschossen. Mychajlo Draj-Chmara starb 1939 im Lager in der Region Kolyma. Lediglich Maksym Rylskyj überlebte – allerdings nur, weil er sich den Regeln der neuen Kulturpolitik unterwarf.
Als Oswald Burghardt dann 1947 seine Anthologie der ukrainischen Neoklassiker zusammenstellte, wählte er die Bezeichnung „Verdammte“ natürlich ganz bewusst. Ihm war das Schicksal seiner Kollegen bekannt – er wusste also auch, dass diese literarische Strömung unterdessen historisch geworden war. Da Burghardt nun schon länger im deutschsprachigen Raum lebte, hatte sein Wirken unterdessen immer mehr einen vermittelnden Charakter angenommen: Er unterrichtete ukrainische Sprache und Literatur, verfasste Abhandlungen und übersetzte ins Deutsche. Von den fünf in der Anthologie vertretenen Autoren (darunter, wie gesagt, auch er selbst) hat Burghardt je fünf bis sieben Gedichte ausgewählt und sie ins Deutsche übertragen. Diese Sammlung hat er mit einer knappen Einleitung sowie – für jeden der Autoren – mit je einer kurzen biografischen Skizze ergänzt.
Daraus ist eine kleine, feine Anthologie entstanden, die einen guten und repräsentativen Einblick in das poetische Werk der Neoklassiker ermöglicht. Burghardt war darum bemüht, im Deutschen das Versmaß und die Reime des Originals zu erhalten. Das ist ihm bravourös gelungen, auch wenn er dafür hie und da bei der Semantik Zugeständnisse machen musste. Man merkt es den deutschen Versen in Stil und Wortschatz bisweilen an, dass sie nicht aus unserer Zeit stammen. Das schadet aber keineswegs: Diese Anthologie ist ja gerade auch ein historisches Dokument der ukrainisch-deutschen Literaturbeziehungen – und das darf selbstverständlich auch in der Sprache sichtbar bleiben.
Leider kam es 1947 nicht mehr zur Veröffentlichung von Burghardts Anthologie Dichtung der Verdammten. Das 25-seitige Typoskript der Sammlung hat sich aber im Privatarchiv von Burghardts Sohn erhalten. Dank den Bemühungen von Nataliia Kotenko-Vusatiuk und Andrii Portnov konnte sie nun also Jahrzehnte später doch noch erscheinen. Die Herausgeber haben die Anthologie vorzüglich ediert und kommentiert. Sie haben die von Oswald Burghardt ausgewählten und ins Deutsche übertragenen Gedichte nicht nur um die ukrainischen Originale ergänzt. In einer detaillierten und erhellenden Einführung informieren sie außerdem über die wechselvolle Biografie Oswald Burghardts und seine großen Verdienste für die deutsch-ukrainischen Kulturbeziehungen. Der Autor war in der Sowjetukraine unter anderem selbst eine Zeitlang inhaftiert und hat aufgrund der widrigen Lebensumstände mehrmals seine Schriften und seine Bibliothek verloren. Schließlich enthält der Band unter dem Titel Jurij Klen, Gelehrter und Mensch auch einen Text von Dmytro Čyževs’kyj aus dem Jahr 1949 mit Erinnerungen an Oswald Burghardt. Eine kurze Chronologie zu Burghardts Leben sowie bibliografische Angaben runden das Editionsprojekt ab.
Welches ist nun aber das Verdienst von Burghardts Dichtung der Verdammten und dessen später Veröffentlichung? – Zunächst lernen wir mit Oswald Burghardt bzw. Jurij Klen eine bedeutende Gestalt der deutsch-ukrainischen Kulturbeziehungen kennen, die einer breiteren Öffentlichkeit bisher unbekannt war. Dabei erfahren wir gleichzeitig, dass die ukrainische Literatur im deutschsprachigen Raum durchaus schon länger vermittelt und diskutiert wurde –man hätte sie bloß wahrnehmen müssen. Und schließlich gibt die Gedichtsammlung einen ersten und doch kraftvollen Eindruck von einer wichtigen Strömung der ukrainischen Literatur der 1920 Jahre: Fünf Neoklassiker können mit Textbeispielen im ukrainischen Original und in deutscher Übertragung kennengelernt werden. Dank der professionellen Einordnung und Kontextualisierung von Burghardts Anthologie durch Nataliia Kotenko-Vusatiuk und Andrii Portnov ist aus dem Projekt aber vor allem eines geworden: ein fortan unverzichtbares Kapitel der (nicht nur ukrainischen) Literaturgeschichte.
|
||















