Ein Davongekommener schreibt
Matteo Bianchi gibt in „Von dem, der bleibt“ berührende Antworten auf tabuisierte Fragen
Von Clara Blum
Mach dir Notizen, denn du wirst darüber schreiben. Über den Schmerz, das Trauma, die Vorwürfe und den Suizid deines Partners, der zu einem festen Teil von dir geworden ist. So lautet der Ratschlag, den ein Schriftstellerfreund dem Ich-Erzähler in Matteo Bianchis Roman Von dem, der bleibt gibt. Der Ich-Erzähler folgt diesem Rat – er macht sich Notizen, über zwanzig Jahre lang. Und er schreibt darüber.
Genau zwanzig Jahre lang hat auch Matteo Bianchi an seinem Roman gearbeitet. Es ist sein bisher autobiografischster Text, der dadurch eine besondere Stellung in seiner Bibliografie einnimmt. Als „Überlebensbuch“, wie der Band bereits genannt wurde, möchte dieser Roman nicht in erster Linie unterhalten, sondern aufklären über das, worüber kaum jemand spricht.
Ein literarisches Überlebensbuch
Im November 1998, zwei Monate nach der eigentlichen Trennung und dem Ende einer siebenjährigen Beziehung, begeht A. Suizid. Sein Ex-Partner, der Ich-Erzähler, findet ihn an einem Rohr vor der Eingangstür ihrer ehemaligen gemeinsamen Wohnung hängend. Stunden zuvor haben sie noch miteinander telefoniert. Das Gespräch endet mit einem ungeahnten Abschied, denn kurz bevor er auflegt, sagt A.: „Keine Sorge, wenn du wiederkommst, bin ich schon nicht mehr da.“
Bis dieser Abend und seine Umstände vollständig rekonstruiert sind, braucht es viele Romanseiten. Der Abend ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, die uns der Ich-Erzähler fragmentarisch präsentiert, mit Sprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, skizzenhaften Notizen und bildgewaltigen Szenen. Dabei ergibt sich ein vielschichtiges, zutiefst persönliches Porträt, das Leser auffordert, innezuhalten: weil es schmerzhaft ehrlich ist. Gerade seine schonungslose Offenheit ist eine große Stärke des Romans, sie bringt ihn aber auch in die Nähe des Autobiografischen, mit all den produktiven wie auch problematischen Unschärfen, die daraus entstehen. Denn was ist hier Erinnerung, was literarische Bearbeitung?
Auf den Schock folgt Lähmung, folgt Chaos, folgt Wut. Während die Leiche von A. noch abtransportiert wird, zerschellt der Ich-Erzähler innerlich schon. Plötzlich sind Tage vergangen, zur Leichenschau wird er nicht berufen; rechtlich ist er unsichtbar. A. hinterlässt eine Ex-Frau, einen Sohn… und ihn. Für die Familie ist der Erzähler bestenfalls eine Randnotiz, der letzte Beweis für eine Abweichung gesellschaftlicher Erwartungen. Ihre homosexuelle Beziehung hat die Familie gespalten. Er sucht Trost in der Literatur, die ihm zwar seinen Staus als Überlebenden offenbart, jedoch nur Material über die Opfer liefert, nicht die Davongekommenen. Doch warum werden die ignoriert, die zurückbleiben?
Bianchi gibt keine Antwort auf diese Frage, und sieht dies auch nicht als seine Aufgabe. Stattdessen zeigt er, was möglich ist: zu sprechen, zu schreiben, die Erfahrung nicht zu verdrängen. Dabei bleibt der Text nicht ohne Ambivalenz: Die enge Verschränkung von Autor und Erzähler erzeugt Authentizität, bringt aber auch Probleme mit sich:
Wenn du über dich selbst schreibst, ziehst du Grenzen, wählst aus, was du erzählst und was nicht, wer in der Geschichte vorkommt und wen du draußen lässt. Das sind Demarkationslinien, über die du nachgedacht hast und für die es jeweils bestimmte Gründe gibt. Aus deiner Sicht. Aus Sicht der Leser zählt das nicht. Sie wollen mehr wissen, sie wollen alles wissen.
So wird Von dem, der bleibt nicht nur zum Zeugnis einer individuellen Erfahrung, sondern auch zum Beleg dafür, wie schwierig es sein kann, diese in eine literarische Form zu bringen, die über das Private hinausweist.
Trauer, Scham und Unsichtbarkeit
„A. war tot, und mein Körper begehrte ihn noch immer.“ Mit Sätzen wie diesen tastet sich der Roman an die schwierigsten Zonen der Trauer heran: den Körper, die Lust, das Begehren nach dem, was unwiderruflich verloren ist. Wie lässt sich ein körperliches Verlangen begreifen, wenn der geliebte Körper längst nicht mehr da ist? Sind solche Empfindungen pathologisch oder schlicht menschlich? Fragen wie diese stellt der Roman eindrucksvoll; er beantwortet sie nicht, aber er konfrontiert damit.
Gleichzeitig sind es gerade diese intimen, schonungslosen Szenen, in denen das Buch an seine Grenzen stößt: Manchmal droht die emotionale Intensität in eine Überwältigung umzuschlagen, die das Lesen erschwert. Der Text verlangt viel, nicht nur Empathie, sondern auch Geduld und die Bereitschaft, sich auf eine fragmentarische Form einzulassen, die narrative Kohärenz nicht immer anstrebt. Manche Leser mögen das als herausfordernd, andere als überfordernd empfinden.
Dabei öffnet der Roman durchaus wichtige Räume: Wie verändert sich Schmerz über die Jahre? Was passiert mit einer Person, die zu viel gesehen, gehört, erlitten hat? Wie geht man mit der eigenen Scham um, mit dem Unvermögen, „angemessen“ zu reagieren? Der Roman folgt dem Erzähler zurück in eine Wohnung, die ihn an Vergangenes erinnert, ihn überfordert, aber nicht loslässt. Und er begleitet ihn auf seinem Weg durch den neuen Alltag, Arbeitswege, Gespräche, neue Beziehungen. So entsteht ein Text, der Lesern in ähnlichen Situationen zwar keine Heilung bietet, aber eine Möglichkeit zur Begleitung durch den Schmerz.
Was man vermisst, ist eine stärkere gesellschaftliche Einbettung, denn die existenzielle Erfahrung des queeren Überlebens bleibt weitgehend auf die individuelle Ebene beschränkt. Diskurse zu Suizid, HIV oder queerer Unsichtbarkeit der 1990er Jahre bleiben im Hintergrund. Die literarische Kraft des Textes liegt eindeutig im Persönlichen, aber ein größerer gesellschaftlicher Resonanzraum hätte dem Roman noch mehr Tiefe geben können.
Ein schweres, notwendiges Buch
„Wie verbohrt war ich über zwei Jahrzehnte lang?“ Von komplexen Fragen bis zum einfachen „Warum?“ legt uns Bianchi seinen gesamten inneren Werdegang dar. Genauso bewusst bewegt sich Von dem, der bleibt in einem Zwischenraum, auf einem schmalen und unergründlichen Grat zwischen Fiktion und autobiografischem Schreiben, der Kunst des Schreibens und gelebter Erinnerung. Was genau autobiografisch ist und was der literarischen Bearbeitung entspringt, bleibt offen. Die Nähe zwischen Autor und Ich-Erzähler erzeugt eine beeindruckende Authentizität, zugleich bleibt die literarische Reflexion stellenweise hinter dem Erfahrungsbericht zurück. Gerade weil der Text kaum zwischen biografischem Erleben und literarischer Konstruktion unterscheidet, droht bisweilen eine gewisse Selbstversenkung, die dem Leser nur begrenzt Orientierung bietet. Klar ist hingegen das Anliegen: Es geht darum, den Zurückgebliebenen und Überlebenden eine Stimme zu geben, Menschen wie Bianchi selbst. Und das gelingt ihm, so individuell das eigene Erleben doch ist, mit Bravour.
Die radikale Fragmentierung des Textes ist formal konsequent, doch sie fordert auch viel vom Leser. Manche Passagen verlieren sich in ihrer Sprunghaftigkeit, und nicht immer gelingt es, narrative Fäden wiederaufzunehmen. In solchen Momenten droht das Erzählerische hinter der Introspektion zurückzubleiben. Bianchis Schreibkunst zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er seine Themen in erzwungene Ästhetik kleidet. Seine Worte sind roh, die Szenen eindrücklich und realistisch.
„Ich habe also nicht eine Antwort, ich habe unendlich viele.“ So endet der Roman, und genau darin liegt seine Stärke: nicht im Wissen, sondern im Fragen, nicht in der Deutung, sondern im Erzählen. Von dem, der bleibt ist ein schwieriges, aber notwendiges Buch, indem es eine Stimme erhebt, wo lange geschwiegen wurde. Dass es dabei sperrig, chaotisch und herausfordernd ist, macht es nur ehrlicher. Und genau darin liegt seine literarische Qualität.
Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2025 entstanden sind und gesammelt in der Oktoberausgabe 2025 erscheinen.
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