Ein Ort der Sehnsucht und des Schreckens im Kaleidoskop seiner Schriftsteller
Maike Albaths Reportagen in „Bitteres Blau” erschließen das vielschichtige Neapel
Von Bernd Blaschke
Maike Albath kennt Italien und seine Gegenwartsliteratur wie kaum jemand im deutschen Sprachraum. Und sie schreibt vorzügliche Literaturkritiken für den Deutschlandfunk, für die die FAZ und die SZ. Schon 2002 wurde sie mit dem Alfred-Kerr Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Den Entwicklungen des ewigen Sehnsuchtslands vieler Deutscher, seiner Autorinnen und Autoren sowie ihrer Lebensorte, den Kulturszenen von Rom, Turin, Mailand und Neapel geht Albath in umsichtig komponierten Stadtreportagen nach.
Am Anfang dieser Hommage an die uralte südliche Metropole steht ein Kapitel über die Fussballliebe aller Bevölkerungsschichten zum SSC Neapel. Der Fußballclub gewann mit dem Ausnahmespieler Diego Maradona 1987 das Double, 1989 den UEFA Pokal und 1990 noch mal die nationale Liga. Seither wird Maradona in der Stadt verehrt wie ein Heiliger; zahlreiche Gedenkorte, ja Altare sind ihm in der Stadt gewidmet. 2023 gewann die Mannschaft erneut die Meisterschaft. Diesmal aufgrund einer eindrücklichen Teamleistung ohne einzelnen Superstar. Die Autorin war am Tag der Entscheidung in Neapel und schildert mitreißend, mit welcher Inbrunst die Neapolitaner diesen Triumph des Underdogs über die viel reicheren Clubs aus dem Norden – Mailand und Turin – aber auch über Rom feierten. Der erneute Gewinn der Liga im Jahr 2025 erfolgte, als Albaths Buch längst erschienen war. Freilich bleibt dieses fulminante Kapitel, das dem Faszinosum Sport sowie dem Gemeinschaftgefühl der Stadtbevölkerung gewidmet ist (sieht man von einigen Hinweisen auf die neapolitanische Liedkunst der canzone napoletana ab), das einzige, das unmittelbar die populäre Kultur zum Gegenstand hat.
Zwei Kapitel widmen sich Buchhandlungen, die zugleich Verlage betreiben und als Kristallisationsorte des literarischen Lebens fungieren: Dante & Descartes hat schon 350 Bücher verlegt und betreibt seit 1989 zwei Buchläden unweit der Universität. Der Verlagsgründer Raimondo di Maio, der als Jungkommunist sein Abitur auf der Abendschule machte und Jahre in Deutschland und Frankreich jobbte, liefert der Reporterin nun als Mittsechziger lebenssatte Erzählungen aus der Polit- und Literaturgeschichte der Stadt am Vesuv. Früher gab es rund um die Porta Alba über hundert Buchläden und Antiquariate. Die allermeisten haben nicht überlebt. Doch Dante & Descartes hält durch und publiziert immer wieder Neuentdeckungen aus der Gegenwart sowie erfolgreich verlegte Ausgrabungen wie die italienische Ausgabe von Walter Benjamins und Asja Lacis Denkbild zum ‚Porösen Neapel‘. Auch Louise Glück, US Lyrikerin und Überraschungs-Nobelpreisträgerin 2020, hatte nur dieses umtriebige Verlagsunternehmen in Italien verlegt. Im Hochhaus- und Betonstadtteil Scampia, in dem erfolgreich exportierte Mafia-Serien gefilmt wurden, trifft sich Albath sodann mit den furchtlosen und erfindungsreichen Machern eines anderen neapolitanischen Buchwunders: Rosario Esposito und seine Frau eröffneten abseits der Kulturszene einen Buchladen, der nunmehr auch einen Verlag, eine Buchwerkstatt, eine Bar, eine Pizzeria und ein Theaterlaboratorium betreibt. Wodurch im Stadtteil Scampia, der von Drogenhandel und verkommender 70er Jahre Architektur geprägt ist, nicht nur 40 Mitarbeiter wertvolle Arbeit leisten, sondern auch das Image des Quartiers aufgewertet wird.
Der Wandel von Stadtteilen – sei es durch den Over-Tourism in einigen Innenstadtbezirken seit Neapel durch Billigflieger und AirBnB Gentrifizierung zur angesagten Reisedestination wurde, sei es durch den Wegfall alter Gewerbe wie der Handschuhmacherei oder der Aufgabe riesiger am Meer gelegenen Stahl- und Kunstdüngerwerke – ist Thema anderer Kapitel. Albath streift durch Umbruchszenen und spricht gezielt mit kundigen Ortsansässigen und schafft es so, dem Leser eindrückliche Ansichten des Stadtwandels vor Augen zu stellen. Mit sozialgeschichtlich geschärftem Blick erhellt sie auch die wirtschaftlichen Hintergründe und die Folgen des urbanen Wandels für die Bewohner. Ein Kapitel ist den Sozialprojekten eines heldenhaften Priesters gewidmet, der dem prekären Stadtteil Sanità beinahe im Alleingang neue Entwicklungschancen erschlossen hat – etwa mit zahlreichen Jugendprojekten, einem Bed & Breakfast oder der touristischen Erschließung der über Jahrhunderte zur Totenbestattung genutzten Katakomben.
Den Löwenanteil dieser Stadtreportagen machen Kapitel aus, die sich um eine Autorin oder einen Autor drehen. So wird gleichsam durch deren Bücher, oft ergänzt um Gespräche mit den Autoren oder ihren Verlegern, die Physiognomie der Stadt nachgezeichnet. Albath gelingen dabei kompakte Portraits von weltberühmten neapolitanischen Geistesgrößen wie dem unermesslich reich erbenden Benedetto Croce, Philosoph, Kulturwissenschaftler und liberaler Staatsmann, der in seiner 1600 (!) Quadratmeter großen Wohnung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts so ziemlich alle geisteswissenschaftlich relevanten Bücher anschaffte. Er führte ein geselliges Leben und korrespondierte mit den Großen seiner Zeit von Karl Vossler bis Thomas Mann. Oder von Elena Ferrante, deren frühe Romane und Essaybände schon vor ihrem Welterfolg mit ‚Meine geniale Schwester‘ und dessen Folgebänden Albath gewohnt souverän sozialgeschichtlich deutet. Wobei sie en passant auch den Stadtteil, in dem die Romane spielen, sowie die umliegenden Industriegebiete schildert. Nein, auch Albath hat die bekanntlich auf ihrer Anonymität beharrende Autorin, die sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante versteckt, nicht zum Stadtspaziergang getroffen. Zu den Kapiteln über Berühmtheiten der Bücherwelt, zählt auch eines über den Mafia-Kritiker, Journalisten und Romancier Roberto Saviano. Die Verfilmungen seiner Camorra-Recherchen werden weltweit ausgestrahlt. Bei allen aufklärerischen Verdiensten verbreiten diese Saviano Filme allerdings ein Neapelbild, welches vielen ansässigen Kulturschaffenden nicht wirklich gefällt – und gar zur Folge hatte, dass sich die junge Generation der Mafiosi in Stil und Auftreten nicht selten an den Filmfiguren orientiert.
Mindestens so interessant wie diese Portraits der international Berühmten lesen sich in diesem schönen Buch die aufschlussreichen Präsentationen der hierzulande weniger bekannten Autorinnen und Autoren. Stets werden die Autorinnen oder Filmemacher vorgestellt in ihren lokalen Vernetzungen und Verwurzelungen. Dabei werden ihre spezifischen Beiträge zum diskursiven Bild Neapels beleuchtet.
Anna Maria Ortese kam aus kleinen Verhältnissen, schrieb meist unter Geldsorgen leidend quälend langsam Geschichten oder Zeitungsartikel, später auch Romane. Sie gilt so recht erst seit ihrem Tod 1998 als eine der originellsten Autorinnen ihrer Zeit. Matilde Serao, 1856 in Patras (Griechenland) geboren und 1927 in Neapel gestorben, hatte da zeitlebens mehr und für eine Frau ihrer Epoche recht erstaunlichen Erfolg. Sie ging 1880, nachdem sie in Neapel als Lehrerin gearbeitet hatte, nach Rom und heiratete einen Journalisten. Mit ihm gründete sie eine Zeitung, bekam vier Kinder und trennte sich 1892 vom notorisch fremdgehenden Ehemann. Serao ging zurück nach Neapel, arbeitete dort als Journalistin und gründete die wichtige Zeitung ‚Il Mattino‘. Zudem schrieb sie Dutzende Romane, deren Frauenbild im Gegensatz zu ihrem eigenen emanzipatorischen Lebensweg freilich eher konservativ ausfiel.
Nach Treffen mit den zeitgenössischen Schriftstellern Fabrizia Ramondino, Domenico Starnone, Erri die Luca oder Ermanno Rea skizziert Albath wichtige Texte der letzten 60 Jahre. Wie ein Puzzle fügt sich so ein literarisches Portrait der Stadt im Spiegel ihrer Dichter. Ein zentrales Kapitel erzählt die Schrecken des zweiten Weltkriegs, als die deutschen Truppen die Stadt mit Terror überzogen und sie zudem durch alliierte Bombardements rund um den Hafen massive Zerstörungen erlitt. Der Drehbuchautor und Romancier Raffaele La Capria dient hierzu als Gesprächspartner. Und der berühmt berüchtigte Romancier Curzio Malaparte, der im Faschismus genauso erfolgreich war wie danach mit seinem krassen Kriegsbuch Kaputt und seinem Roman Die Haut , ist eines ihrer Gesprächsthemen.
Bitteres Blau konzentriert seine Reportagen und Portraits auf neapolitanische Autoren der Moderne. Die älteren, berühmten Stadtbilder von Plinius über Vergil und Montaigne bis zu den kanonischen deutschen Reisenden Goethe, Seume oder Rilke lässt sie aus. Allerdings verweist Albath auf eine vorzügliche Anthologie, die schon 1988 zum Italienschwerpunkt der Buchmesse erschien: “Neapel, das fiel kein Traum herab… Da fiel mir Leben zu”. Diese Verse von Ingeborg Bachmann betiteln diese und weitere von Andreas F. Müller und Fabrizia Ramondino herausgegebene Neapeltexte – etwa einen des englischen Romantikers Shelley.
Albaths Buch ist kein Reiseführer. Und es unterscheidet sich auch von den literarischen Anthologien, die es zu Italien so reichlich gibt wie Lava am Ätna oder Tuffstein um Neapel. Die (wenn sie nicht in Italien unterwegs ist) in Berlin lebende Kritikerin beherrscht die Kunst der literarisch urbanistischen Reportage meisterlich. Ihr geht es um Profile von Stadtteilen, die sie meist um Portraits von illustren oder kundigen Bewohnern strickt. Die Physiognomik der Straßen wird mit fotografischem Blick notiert. Das äußere Antlitz der Stadt wird vertieft mit der biografisch unterfütterten Charakteristik von Autoren, die der lauten Metropole zu literarisch geformten Ausdruck verhalfen. Wobei die Begleiter ihrer Streifzüge nicht immer Literaten sein müssen, es können auch Architekten sein – wie im Kapitel zum endlosen Sanierungsfall der Industrieruinen in Bagnoli – oder eine alte Handschuhmacherin und ein als Sozialunternehmer engagierter Pfarrer in der Sanità. So erfährt man äußerst anschaulich viel über die Stadt und ihre (vor allem jüngere) Geschichte.
Die Kunst des literarischen Portraits, sei es von Menschen oder von Städten, besteht darin, aus dem unendlichen Gewusel von biografischen oder historischen Ereignissen markante Punkte auszuwählen und diese zu einem möglichst einprägsamen Kaleidoskop oder Narrativ zu komponieren. Schöpfend aus ihrem jahrzehntelang gesammelten Wissen über Italien und seine interessantesten Gegenwartsautoren, ihr Netzwerk vor Ort anzapfend, aufmerksam beobachtend gelingen der Literaturkritikerin lebendig dargebotene Szenen und Charakterstudien. Der Berenberg Verlag hat dem Buch mit einem Leinenrücken, kontrastierenden Front- und Rückbildern sowie elegant bi-chromatischer Farbgebung ein ansprechendes Äußeres gegönnt. Hat man Albaths Neapelbuch zu Ende gelesen, bekommt man Lust, recht bald wieder hinzufahren – aber auch Lust, ihre vorigen Bücher über Turin und über Rom zu studieren.
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